Eidgenössischer Dank-, Buss- und Bettag – «Betet, freie Schweizer ...»

Der Bettag ist kein kirchlicher, sondern ein religiös-politischer Feiertag. Hat er in einer säkularen Gesellschaft noch Platz? Lässt sich das Beten staatlich verordnen?

Seit 180 Jahren wird der Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag (kurz: Bettag; französisch: jeûne fédéral) gesamtschweizerisch jeweils am 3. Sonntag im September begangen. Mit der Gründung des Bundesstaates 1848 gewann er staatspolitische Bedeutung als Zeichen und Instrument staatlicher und konfessioneller Einigung. Zu diesem Zweck veröffentlichten die Kantonsregierungen jeweils eine Botschaft an das Volk, das so genannte Bettagsmandat. Die Landeskirchen und Bistümer nahmen diese Tradition auf.

Seit den 1970er Jahren wird Kritik am Bettag als Staatsfeiertag laut: Es sei nicht Aufgabe eines säkularen Staates, einer pluralistischen Gesellschaft einen christlichen Feiertag zu verordnen. Die Verteidiger halten dagegen, der Tag solle die christlichen Grundwerte des Landes und der Politik in Erinnerung rufen. Für Land und Volk danken, Busse tun, beten – wie geht das?

Verzichten

Busse tun und Verzicht üben gehörte von Anfang an zum Bettag. Wie an hohen kirchlichen Feiertagen sind Sport-, Tanz-, Kultur- und Unterhaltungsanlässe in einigen Kantonen heute noch verboten. Religiöse und weltliche Organisationen rufen zu Fastenaktionen und zur Solidarität mit Benachteiligten auf. Der innerkatholischen Solidarität dient das Bettagsopfer. Bis vor einem Jahrzehnt stand der autofreie Bettag politisch in der Diskussion.

Der Busstag ruft kritisch ins Bewusstsein: Unser Land lebt auf grossem Fuss, sein Wohlstand geht auf Kosten anderer Länder und Erdbewohner. Selbstbescheidung und Verzicht am Bettag machen deutlich, dass es auch anders geht. Worauf wir verzichten können, davon sind wir nicht abhängig.

Danken

In der Schweiz heisst der Bettag auch Danktag. Bereits im 17. Jahrhundert sind Dankmotive am Bettag bezeugt, z.B. für die Verschonung im Dreissigjährigen Krieg.

Den Finger auf den wunden Punkt beim Danken legt das Beispiel Jesu vom Pharisäer, der betet: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die andern Menschen" (Lk 18,11). Dankbarkeit bringt einzelnen Menschen, Gemeinschaften und Ländern „Segen und Heil" (wie es in einem Tagesgebet heisst), vorausgesetzt sie erwächst nicht aus dem Vergleich mit anderen oder richtet sich nicht gegen andere.

1832 waren alle damaligen Bürger des Landes aufgerufen, den Bettag zu begehen. Reformierte und Katholiken feiern ihn seither im Geist der Ökumene (im ursprünglichen Wortsinn), sprich: in Dankbarkeit gegenüber dem Land als einem gemeinsam erbauten und bewohnten Haus. In den 1960er Jahren finden erstmals ökumenische Gottesdienste und Anlässe statt. Auf welchem Fundament das Haus steht und was die Menschen in diesem Haus miteinander verbindet, das muss heute allerdings mit allen seinen Bewohnerinnen und Bewohnern diskutiert werden, unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Inzwischen finden am Bettag darum auch interkulturelle Begegnungen und interreligiöse Feiern statt.

Beten

Busse und Dank führen zum Gebet: Die Erfahrung, in Unrecht verstrickt und gleichzeitig unverdient beschenkt zu sein, lässt Ausschau halten nach demjenigen, der alles Bruchstückhafte ganz macht. Seit mindestens 1517 ist ein eigenes „Grosses Gebet der Eidgenossen" bezeugt. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK) greift diese Tradition auf: Das stets gleichbleibende Bettagsgebet (s. geistlicher Impuls) soll in allen Gottesdiensten der christlichen Kirchen gesprochen werden und – zusammen mit dem Vaterunser – ein Zeichen der Einheit von Christinnen und Christen bilden.

An der Gestaltung des Bettags zeigt sich, ob und wie Beten und Handeln, Gottesdienst und Menschendienst zueinander finden. Was die Menschen in unserem Land umtreibt, das soll im gemeinsamen Feiern zur Sprache kommen, ohne dabei das Gebet zu instrumentalisieren. Andererseits ist nach der Wirkung des Bettags zu fragen: Vermag die gemeinsame Feier das friedliche Zusammenleben und das verantwortete Handeln in unserem Land über den Tag hinaus zu fördern?

Innehalten

Im Laufe der Geschichte hat sich der Bettag in Bedeutung und Inhalt stets verändert und dem gesellschaftlichen Wandel anzupassen gewusst, nicht zuletzt durch die Bettagsmandate, die immer den Bezug zur Gegenwart herstellten. Eines aber ist konstant geblieben: Der Bettag erschöpft sich nicht in frommem Brauchtum. Er beansprucht Öffentlichkeitscharakter, hat eine politische Dimension. Angesichts des Diskurses um die Rolle von Kirchen und Religionen in der säkularen Gesellschaft, erweist er sich als bleibend aktuell. Es macht auch heute noch Sinn, wenn das Land seinen Bewohnerinnen und Bewohnern einmal im Jahr einen Halt anbietet, damit sie sich über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg auf gemeinsame Werte und Orientierungspunkte besinnen und verständigen. Letztlich aber sind es religiös, sozial oder ökologisch motivierte Initiativen vor Ort, die den Bettag am Leben erhalten. Von Josef-Anton Willa

Quelle: Liturgisches Institut

Fotos: Joseph Birrer and his Nikon

17.9.2017

«Vivat Lucerna» – Bravourmarsch von Arthur Ney