Kanton Aargau spricht nach Unwetter in der Region Zofingen von «Jahrhundertereignis»

Bahnhofplatz Zofingen

Bahnhofplatz Zofingen

Bild ZVG Feuerwehr Zofingen

Am 8. Juli wurden das Uerketal und die Gemeinden Zofingen und Oftringen von einem Unwetter getroffen. Aussergewöhnlicher Starkregen führte zu massiven Überschwemmungen und Hänge gerieten ins Rutschen. Neben hohen Sachschäden wurde zum Teil auch das Trinkwasser verschmutzt.

Nun hat die Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons das Unwetter und seine Folgen in einem Bericht analysiert. Er wurde am Mittwoch veröffentlicht.

Fazit: Sehr seltenes Ereignis

In Zofingen fielen an diesem Samstag 81 Liter Regen pro Quadratmeter - normalerweise fallen rund 100 Liter im ganzen Monat Juli. Damit sei die Regenmenge die drittgrösste, die man je gemessen habe, heisst es in der Analyse des Kantons. Es ist die grösste Regenmenge nach einem einzigen Gewitter überhaupt - gemessen wird seit 1883, also seit 135 Jahren.

Auch die Hochwasserspitze der Abflüsse der Uerke hätten klar über dem heutigen Wert für ein 100-jährliches Hochwasserereignis gelegen. Und auch die Schäden in Zofingen deuteten auf ein mindestens 100-jährliches Hochwasserereignis hin, schreibt der Kanton in der Analyse.

Der zuständige Projektleiter Martin Tschannen sagt dazu gegenüber SRF: «Dieses Ereignis ist sehr aussergewöhnlich. Das kommt nicht einmal alle 100 Jahre so vor.» In seiner Analyse nimmt Tschannen aber auch Stellung zu Kritik.

Kritik I: Gefahrenkarte war nicht korrekt

Von Hochwasser betroffen waren auch einzelne Gebiete, die auf der Gefahrenkarte Hochwasser nicht eingefärbt sind - also als «sicher» gelten. Die Erklärung des Kantons: Diese Karten beschränken sich auf «traditionelle» Hochwasser - also hohe Pegel in Bächen und Flüssen.

Beim Unwetter am 8. Juli kamen aber zwei weitere Probleme dazu. In den trockenen Böden konnte das Regenwasser nicht versickern. Es kam deshalb zu einem grossen «Oberflächenabfluss». Auch die Kanalisationsleitungen waren durch die Wassermassen überlastet - das Wasser staute sich in der Kanalisation und überflutete Strassen und Keller.

Diese Phänomene könne man kaum im Voraus berechnen, erklärt Martin Tschannen. Deshalb seien diese Faktoren in den Gefahrenkarten nicht berücksichtigt. «Nur weil ein Gebiet weiss ist auf der Karte, heisst das also nicht, dass dort nichts passieren kann», so Tschannen.

Zudem basierten die Gefahrenkarten auf Modellrechnungen. «Wenn die Realität uns einholt, dann müssen wir das neu überprüfen», erklärt Martin Tschannen. Es sei gut möglich, dass die Karten nun in einzelnen Gebieten angepasst würden.

Kritik II: Fehlender Hochwasserschutz in Uerkheim

Hart getroffen hat das Unwetter die Gemeinde Uerkheim. Die Uerke wurde zurückgestaut, sie trat über die Ufer. Diese Gefahr war bekannt: Das Stimmvolk von Uerkheim hatte aber in den vergangenen Jahren gleich zweimal gegen Hochwasserschutz-Projekte gestimmt.

Eine Verbauung hätte die Folgen des Unwetters lindern können, sagt Martin Tschannen. Er gibt aber auch zu: «Wir haben bei dem geplanten Projekt mit einer Abflussmenge von 17 Kubikmetern pro Sekunde gerechnet. Bei diesem Ereignis war der Abfluss aber grösser.» Laut Bericht lag er geschätzt bei 35 bis 40 Kubikmetern.

Man müsse nun analysieren, was das für einen neuen Anlauf in Uerkheim bedeute, so Tschannen. Gut möglich, dass es darum bald neue Pläne gibt, für einen noch stärker ausgebauten Schutz vor der Uerke. Die Gemeinde habe in Aarau jedenfalls bereits angeklopft. Sie möchte jetzt vorwärts machen mit dem Hochwasserschutz.

Kanton ist zufrieden

Martin Tschannen betont, dass die Gemeinden nach dem Unwetter sehr schnell und vorbildlich reagiert hätten. Die Notfallkonzepte funktionierten. Insgesamt zieht Tschannen in seiner Analyse und im Gespräch folgendes Fazit:

Das Ereignis war ausserordentlich, die Wassermengen sehr gross.

Die Gefahrenkarten Hochwasser haben einen grossen Teil des Unwetters «vorhergesehen», müssen aber zum Teil wohl noch überarbeitet werden.

Das Hochwasserschutz-Projekt in Uerkheim muss neu überdenkt werden.

Das Hochwasser-Management hat funktioniert. Im Notfall reagieren die Behörden richtig.

Keine Auflagen für Bauherren

Auch Gebäude in «wenig gefährdeten Gebieten» (gelb markiert) müsse man Hochwasserschutz-Massnahmen einbauen, so eine Forderung nach dem Unwetter. Dies verlange der Kanton Aargau zum Teil bereits heute, erklärt Tschannen. «Wir sind damit strenger als der Bund es vorgibt.» Weitere Verschärfungen seien unnötig.

Quelle: SRF

27.7.2017