Legionslager Vindonissa 2000 Jahre alt?

Einer der bedeutendsten römischen Fundplätze der Schweiz feiert Geburtstag: Das Legionslager Vindonissa wurde vor 2000 Jahren gegründet. Anlässlich des Jubiläums fanden eine wissenschaftliche Tagung und eine Buchvernissage statt. Die lange Forschungstradition verdankt Vindonissa einer visionären Vereinsgründung.

Wer sich im Jahr 17 n. Chr. dem römischen Legionslager Vindonissa auf der Strasse von Augusta Raurica her näherte, sah bereits von weitem die imposante Lagerumwehrung. Gebaut aus Erde, Lehm und Holz sollte sie nicht nur Schutz bieten, sondern auch mögliche Feinde abschrecken. Entlang der Strasse war, wie in der Römerzeit üblich, Platz reserviert, um Verstorbene zu bestatten. Die letzte Ruhe finden sollten hier die verstorbenen Angehörigen von Militärpersonen der in Vindonissa stationierten 13. Legion. Die Legion, genannt Gemina, die Zwillingslegion, errichtete spätestens um 17 n. Chr. das Militärlager. Sie legte dadurch den Grundstein für einen der wichtigsten römischen Fundplätze nördlich der Alpen. Anlässlich des 2000-jährigen Bestehens von Vindonissa findet am 20. und 21. Oktober 2017 eine wissenschaftliche Tagung statt sowie die Vernissage der neusten Publikation zur Geschichte des Fundplatzes.

Die Erforschung des Fundplatzes machte sich die Gesellschaft Pro Vindonissa schon vor 120 Jahren zur Aufgabe. Am 15. März 1897 gründeten zwei Visionäre die Antiquarische Gesellschaft von Brugg und Umgebung, die 1906 in Gesellschaft Pro Vindonissa umbenannt wurde. Zweck war die "Erforschung der Geschichte und Topographie der Römerstadt Vindonissa und ihrer Umgegend", wie es in den Statuten von damals hiess. Bevor es eine staatliche Einrichtung wie die Kantonsarchäologie gab, lag die Erforschung von Vindonissa also in den Händen von engagierten Einzelpersonen: Es waren der Historiker Samuel Heuberger und der Altphilologe und Archäologe Theodor Eckinger. Mit Unterstützung von Kanton und Bund führte die Vereinigung archäologische Ausgrabungen durch. Die geborgenen Funde fanden schliesslich Platz im Vindonissa Museum, das die Gesellschaft 1912 eröffnete. Sie ermöglichte dadurch der Öffentlichkeit, an den Entdeckungen und Forschungsresultaten von Vindonissa teilzuhaben. Die Vermittlung und Vernetzung zwischen Wissenschaftlern und dem interessierten Laienpublikum ist auch noch nach 120 Jahren Aufgabe der Gesellschaft Pro Vindonissa – selbst wenn sie längst keine Grabungen mehr durchführt.

Neue Publikation zu Grossgrabungen "Vision Mitte"

Die archäologischen Ausgrabungen sind heute Aufgabe der Kantonsarchäologie. Besonders gefordert war sie bei Grossprojekten wie dem Bau des Campus der Fachhochschule Nordwestschweiz in den Jahren 2006 bis 2009. Vor Baubeginn war ein rund 15'000 Quadratmeter grosses Gelände archäologisch zu untersuchen. Die Ergebnisse eines Teils dieser Untersuchung liegen nun in Buchform vor. Die Publikation "Vor den Toren von Vindonissa" widmet sich insbesondere den Zivilsiedlungen ausserhalb des Militärlagers. Wie eng Legionslager und Lagerstadt miteinander koexistierten, zeigt der Autor, Archäologe und Equipenleiter der damaligen Ausgrabungen, Hannes Flück, im 23. Band der Reihe "Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa". So konnte Flück in der Siedlung Spuren von spezialisiertem Handwerk nachweisen, nämlich Metallverarbeitung und Gerberei. Hauptabnehmerin der Produkte war zweifellos die Legion.

Die Publikation wurde an einer Vernissage am 20. Oktober im Rahmen der wissenschaftlichen Tagung, die die Gesellschaft Pro Vindonissa zum 2000-jährigen Bestehen von Vindonissa organisiert, vorgestellt. Ob sich dieses Jubiläum tatsächlich im Jahr 2017 jährt, diskutierte Jürgen Trumm, Ausgrabungsleiter Vindonissa der Kantonsarchäologie Aargau, in seinem Einführungsreferat am Freitagnachmittag. Trumm resümierte dabei auch den aktuellen Forschungsstand. Es stand aber nicht nur die "römische" Perspektive der Ereignisse im Vordergrund, sondern auch die Auswirkungen auf die bereits ansässige Bevölkerung. Denn der Einzug von 6000 Legionären hatte mit Sicherheit Folgen für sie und das Umland des neu gegründeten Militärlagers. Forschende und Experten aus dem In- und Ausland nahmen am Kolloquium teil. Die Tagung schloss mit der Jahresversammlung der Gesellschaft Pro Vindonissa – der 120. Versammlung.

Zwei Geburtstage in einem

Es sind also zwei Geburtstage in einem. Einerseits ist das Legionslager 2000 Jahre alt, zum anderen feiert die Gesellschaft ihr 120-jähriges Bestehen. Dass sich die Aufgaben eines Vereins in solch einer langen Zeit wandeln, ist selbstverständlich. Die Ausgrabungen und die Forschungstätigkeit übernimmt die Kantonsarchäologie Aargau, das Vindonissa Museum wird seit diesem Jahr durch das Museum Aargau betrieben. Doch die Vision der Gesellschaft ist auch nach 120 Jahren dieselbe: ein Stück Kulturerbe zu bewahren und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dafür setzt sich die Gesellschaft Pro Vindonissa ein. Damit die Vergangenheit auch im Jahr 2017 noch eine Zukunft hat.

Quelle: Kanton Aargau

23.10.2017