Schweiz setzt wieder auf schweres Geschütz

VBS braucht neue Panzer - Der Artillerie-Verein Zofingen testet sie

Die Zeit der Nonchalance ist vorbei: Nach 20 Jahren Sparen und Abbauen hat der Wind in der Schweizer Armee gedreht. Sie hält einen Angriff mit konventionellen, schweren Waffen nicht mehr für unwahrscheinlich – und fährt ihre Verteidigung wieder hoch.

Kein Jahr ist es her, seit führende Schweizer Politiker die Zeit der Panzerschlachten im Mittelland für beendet erklärten. «Wir haben uns längst vom Kalten Krieg gelöst», sagte im November 2015 der damalige Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) bei der Präsentation des neusten sicherheitspolitischen Berichts.

Inzwischen aber hat ihn die Realität überholt. Die Schweizer Armee ist im Begriff, ihre Doktrin erneut anzupassen. Ein klassischer Angriff mit konventionellen, schweren Waffen wird nicht mehr für höchst unwahrscheinlich gehalten. Nach 20 Jahren sparen und abbauen wird umdisponiert und versucht, aus einer Armee, die kaum mehr einsatzfähig ist, wieder eine glaubwürdige Truppe zu basteln. Der potenzielle Angreifer ist dabei der Alte geblieben: Russland.

Die Schweiz befindet sich mit ihrem Umdenken in bester Gesellschaft. Auch die Nato fährt in aller Eile die eigene Verteidigung hoch: Budgets werden aufgestockt, eingemottete Panzer reaktiviert, die Nato-Eingreiftruppe ausgebaut. Der Kalte Krieg soll vorbei sein? Es sieht nicht danach aus.

VBS braucht neue Panzer

Dass die Armee wieder auf schweres Geschütz setzt, zeigt das im Februar präsentierte Rüstungsprogramm 16. Plötzlich sind Panzerabwehrmittel modernster Couleur, Granatwerfer, die auf Panzer montiert werden sollen und ein Boden-Luft-Raketenabwehrsystem (Bodluv) wieder gefragt. Letzteres ist zwar sistiert, doch die Armeespitze hält die Beschaffung weiterhin für dringend. Wie Armeechef André Blattmann jüngst vor hohen Offizieren ausführte, seien sowohl neue Kampfflugzeuge als auch die mechanisierte Artillerie ohne Luftabwehrsystem militärisch sinnlos.

Doch die Generäle denken bereits weiter: Nebst Bodluv und einem neuen Kampfflugzeug sollen im nächsten Jahrzehnt auch die Panzerhaubitzen M-109 der Artillerie sowie die Kampfpanzer Leopard ersetzt werden. Der Leopard ist in der Schweiz seit 1987 in Gebrauch, die Panzerhaubitze schon deutlich länger. Beide Systeme wurden bisher periodisch kampfwertgesteigert und werterhaltenden Massnahmen unterzogen. Doch das genügt auf Dauer nicht. Die Waffensysteme sind 2030 am Ende ihrer Nutzungsdauer angelangt.

Putin rüstet auf

Ob die Armee ihre Wünsche erfüllt bekommt, ist offen. Doch die Stimmung ihr gegenüber ist positiver als auch schon. Im Parlament gibt es einen bürgerlichen Konsens, bei der Armee nicht mehr zu sparen. Der Verteidigungsetat soll vielmehr auf 5 Milliarden Franken pro Jahr erhöht werden. Auch die Bevölkerung scheint diesen Kurs zu stützen: In der neuen Umfrage des Zentrums für Sicherheitsstudien der ETH Zürich sprechen sich rekordhohe 84 Prozent für die Armee aus.

Hintergrund des Strategiewechsels sind die unübersehbaren Anstrengungen Russlands, die eigene Armee zu modernisieren. Nach dem Einmarsch in der Ukraine präsentierte Präsident Wladimir Putin vor einem Jahr in Moskau seinen neuen Super-Panzer T-14. Dieser soll modernsten westlichen Panzern technisch mindestens ebenbürtig sein und demnächst in grosser Stückzahl produziert werden. Laut internationalen Medienberichten seien einzelne Truppenverbände an Russlands Westgrenze bereits damit ausgerüstet worden. Substanziell verstärkt hat Putin zudem seine Luftwaffe. Mit dem T-50 steht Russland bald ein für Radarsysteme kaum sichtbarer Tarnkappenbomber zur Verfügung – vergleichbar mit dem US-amerikanischen F-22.

Die Vermutung liegt nahe: Die russische Militärintervention in Syrien dient dazu, die neuen Waffen – darunter den Jagdbomber SU34 sowie Marschflugkörper – auszuprobieren. Nach gelungener Premiere sollen die Systeme nun verbessert werden. Mit Konsequenzen bis in die Schweiz.

Quelle: Aargauer Zeitung

10.9.2016