Schlagzeile des Tages – 2022

Schlagzeilen des Tages

  • 30.9.2022 - Tag der fetten SVP-Hinterteile

    Dem Saal den Rücken zugekehrt: Zornige SVP macht Protestaktion im Nationalrat

    Der indirekte Gegenvorschlag zur Gletscher-Initiative, der den gesetzlichen Weg zum Netto-Null-Ziel 2050 vorgibt, hat einen neuen Titel. Die SVP, die das Referendum gegen die Vorlage ergreifen will, ist darüber erzürnt. Bei der Abstimmung protestierte sie.

    Am Freitag kam es im Parlament zu einer aussergewöhnlichen Aktion. Vor den Schlussabstimmungen in National- und Ständerat prüft die Redaktionskommission jeweils, ob der Titel einer Vorlage den Inhalt korrekt wiedergibt. Weil das Parlament Änderungen am Gesetz vorgenommen hat, ergänzte die Redaktionskommission beim indirekten Gegenvorschlag zur Gletscher-Initiative den Titel.

    Aus dem «Bundesgesetz über die Ziele im Klimaschutz» wurde das «Bundesgesetz über die Ziele im Klimaschutz, die Innovation und die Stärkung der Energiesicherheit». Dieser Titel wird auch auf dem Abstimmungszettel stehen, falls die SVP genügend Unterschriften gegen die Vorlage zusammenbringt, wovon auszugehen ist.

    «Verfälschung der Abstimmungsfrage»

    Der Oberwalliser SVP-Nationalrat Michael Graber (41), der den Kampf der SVP gegen das Klimaschutzgesetz anführt, erzürnte sich über das Vorgehen der Redaktionskommission. Diese habe ihre Kompetenzen «massiv überschritten» und die Abstimmungsfrage «verfälscht», kritisierte er. Die Änderung des Titels sei «einer Demokratie nicht würdig».

    Der Antrag, das Geschäft zur Überarbeitung des Titels an die Redaktionskommission zurückzuweisen, scheiterte mit 143 zu 50 Stimmen. Nur die SVP war dafür.

    Protestaktion bei der Schlussabstimmung

    Bei der anschliessenden Schlussabstimmung über das Gesetz führte die SVP-Fraktion eine Protestaktion durch. Die Mitglieder drückten die Nein-Knöpfe, erhoben sich von den Sitzen und kehrten dem Saal den Rücken zu. Der Nationalrat verabschiedete das Gesetz mit 139 zu 51 Stimmen bei 2 Enthaltungen. Schreibt Blick.

    Zornige SVP macht Protestaktion im Nationalrat und kehrt dem Saal den Rücken zu, schreibt Blick in der Headline. Das ist nett umschrieben vom Zürcher Boulevardblatt.

    «Kindsköpfe aus dem Kindergarten der SVP zeigen dem Parlament ihre fetten Ärscher» würde diese ebenso kindische wie unappetitliche Aktion der vereinigten Partei aller Trychler und sonstigen esoterischen Vollpfosten zutreffender umschreiben.

  • 29.9.2022 - Tag der Piloten des Schweizer Gesundheitssystems

    Hohe Krankenkassenprämien: «Es herrscht ein Kartell des Schweigens»

    Die Krankenkassenprämien treffen nun auch den Mittelstand hart. Braucht es eine individuelle Prämienverbilligung?

    «Wir kommen in eine Situation, die wir in der Schweiz noch nie hatten», zeigt sich Mitte-Präsident Gerhard Pfister besorgt. Krankenkassenprämien, steigende Inflation plus hohe Energiekosten zusammen könne der untere Mittelstand nicht mehr stemmen. «Der Bundesrat jedoch verhält sich relativ passiv», kritisiert Pfister.

    Hauptursache für den Prämienhammer ist aber nicht die Teuerung, sondern Fehlanreize im System. Der Bundesrat habe 38 Vorschläge gemacht, wie man die Kosten im Gesundheitswesen senken könnte, aber erst drei davon seien umgesetzt, stellt SP-Nationalrätin Samira Marti fest.

    Das Problem liege beim Parlament: «Wir haben ein Kartell des Schweigens von verschiedenen Interessensvertreterinnen und Lobbyisten», so Marti. Diese blockieren das Bestreben, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen.

    Das bestätigt auch Mitte-Nationalrat Pfister, der einige Jahre der Gesundheitskommission angehörte: «Ich habe das sonst nirgends erlebt, dass ich praktisch zu jedem Gesetzesartikel ein Mail von irgendeiner Organisation erhalten habe. Es ist ein Kartell.» Für Gerhard Pfister spielt im Gesundheitswesen der Markt schon lange nicht mehr.

    Wer in wirtschaftlichen bescheidenen Verhältnissen lebt, hat Anspruch auf Prämienverbilligung. Die Linken und die Mitte fordern nun eine zusätzliche Verbilligung der Prämien. Konkret soll der Bund nächstes Jahr seinen Beitrag um 30 Prozent erhöhen. Und der Ständerat verlangt zusätzliche Abklärungen.

    Kritik und Lob an Prämienverbilligung

    Für FDP-Ständerat Ruedi Noser sind Prämienverbilligungen nicht zielgerichtet: «Das Bundesamt für Gesundheit konnte mir keine Auskunft darüber geben, wohin das Geld geht; ob es eine Alleinerziehende erhält, die kein Geld für die Zahnoperation hat oder ein 35-jähriger Studierter, der für seine Selbstoptimierung nur 50 Prozent arbeitet.» Dass selbst jedes seiner eigenen Kinder bei Auszug aus dem Elternhaus Anspruch auf Prämienverbilligung habe, sei eine Zumutung.

    «Die individuelle Prämienverbilligung ist eines der wenigen Systeme in der Schweiz, das relativ zielgerichtet denen hilft, die es nötig haben», kontert der Mitte-Präsident. Und für SP-Nationalrätin Samira Marti sind die Prämienverbilligungen ein erfolgreiches Instrument, um die unsoziale Finanzierungsform der Krankenkassenprämien auszugleichen: «Eine Professorin bezahlt gleich viel Prämie wie eine Pflegefachfrau. Das ist ein Problem. Die Prämienverbilligung korrigiert dies.»

    Kantone unter Druck

    Krankenversicherungskosten gehören in einem Schweizer Haushalt zu den grössten Ausgabenposten. Für viele Menschen wird die durchschnittliche Erhöhung der Prämien um 6.6 Prozent zum Problem. Der Druck auf die Kantone steigt, genug Geld für die Prämienverbilligung zu reservieren und der Ständerat muss entscheiden, ob er eine dringliche Erhöhung des Bundesbeitrags für die Prämienverbilligung gutheisst. Schreibt SRF.

    Wenn an den Stammtischen der Nation über die seit vielen Jahren ins Uferlose steigenden Krankenkassen-Prämien gesprochen wird, hat so Jeder und Jede eine Lösung zur Hand. Doch die meisten dieser gutgemeinten Vorschläge zur Kostenminderung der überbordenden Gesundheitsindustrie in der Schweiz gehen an den Grundübeln vorbei, die da wären (um nur zwei davon aufzuzählen):

    Die Eigenverantwortung. Der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf startete vor zwei oder drei Jahren eine Kampagne mit der Headline «Gang ned wäge jedem Bobo zom Arzt». Oder so ähnlich. Aufgepeppt wurde sie mit einem Bild vom Luzerner «Weltstar» DJ Bobo. Dass dieser inzwischen doch recht abgehalfterte «Superstar» dafür mit 100'000 Franken entschädigt wurde, ist eine andere Geschichte. Doch im Kern war die Aussage der Kampagne richtig.

    Wir rennen nun mal wegen jedem «Boboli» zum Arzt, obschon auch der Besuch einer Apotheke in vielen Fällen helfen würde. Das hätte allerdings zur Folge, dass die Medikamente (je nach Versicherungsmodell) aus eigener Tasche bezahlt werden müssten und nicht von den Krankenkassen.

    Die NZZ schrieb vor etwa zehn Jahren in ihrem «Gesundheitsforum», dass Schweizer Hausärzte im Schnitt pro Jahr durch die Medikamentenabgabe an ihre Klienten ein Zusatzeinkommen von 50'000 Franken pro Jahr erwirtschaften. Hinzu kommen noch die «versteckten» Zuwendungen an die Hausärzte durch die Pharmaindustrie. Dieses Zusatzeinkommen dürfte heute um ein Vielfaches höher sein.

    Würden wir den Ratschlag von Guido Graf befolgen, könnten nicht Millionen sondern Milliarden von Schweizer Franken eingespart werden. Und die Hausärzte würden trotzdem nicht am Hungertuch nagen.

    Die furchtbaren Lobbyisten*innen im Schweizer Gesundheitswesen. Bundesrat Ueli Maurer, damals noch Nationalrat wenn ich mich richtig entsinne, sagte einmal im Parlament, als es um Einsparungen im Gesundheitswesen ging: «Wie soll ein Flugzeug gesteuert werden, das 200 Piloten an Bord hat?»

    Eine gute Frage, auch wenn Maurer vergass, dass dieses von ihm gemeinte Flugzeug nicht 200 Piloten (Nationalrat) an Bord hat, sondern zusammen mit den 46 Ständeräten*innen 246.

    In Bezug auf Lobbyismus im Schweizer Gesundheitswesen arbeiten auch die Mitglieder des Ständerats äusserst kreativ und lukrativ zu ihren eigenen Gunsten und zum Wohle der Gesundheitsindustrie.

    Dass mit diesem «Parlaments-Lobbyismus» ebenfalls Milliarden von Franken versenkt werden, ist längst eine Tatsache.

    Es ist auch kein Geheimnis, dass die Schweizer Gesundheitsindustrie eine unglaublich hohe Anzahl von gewählten Parlamentariern*innen direkt (in Anstellungsverhältnissen) oder indirekt (Mandate) alimentiert. Das ist einer Demokratie nicht würdig. Die Parteien täten gut daran, diese legale Korruption endlich ein für allemal stringent zu unterbinden.

    Aber die Damen und Herren mit der Spreizwürde der Etablierten ziehen es vor, auch das Kind mit dem Namen «Gesundheitswesen» in den Brunnen fallen zu lassen. Dabei werden sie nach getaner Arbeit in gewohnt perfider Art ihre Hände wie immer in Unschuld waschen.

    Niemand hat es angeblich kommen sehen. Das war bei der Flüchtlingskrise 2015/16 und bei Putins Angriffskrieg auf die Ukraine der Fall und wiederholt sich jetzt auch bei der Energiekrise und der Inflation.

    Dabei flunkern uns die Parteien doch stets vor, dass nur die Besten ihres Fachs unsere Anliegen in den beiden Kammern des Hohen Hauses von und zu Bern vertreten. Dass dem seit langem nicht mehr so ist, beweisen die momentan verheerenden Krisen, die unseren Alltag wie nie zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beeinträchtigen.

    Man könnte das «Kartell des Schweigens» durchaus auch als «Kartell der Bundeshaus-Krähen bezeichnen, die sich niemals ein Auge aushacken»! Dieses Kartell muss zwingend gebrochen werden, damit nachhaltige Veränderungen entstehen können.

    Wir, das simple Wahlvolk, können diese zwei von mir erwähnten Punkte ändern. Wie? Das werde ich Ihnen nächstes Jahr verkünden, wenn die Schalmeienklänge unserer Politprominenz im ganzen Land erklingen und der Run auf die Futtertröge im Hohen Haus von und zu Bern bei den National- und Ständeratswahlen beginnt.

    Versprochen! Immer vorausgesetzt, dass ich wegen meiner derzeitigen Grippe – nein, es ist diesmal nicht Corona – mit einem Tschö mit ö von dannen ziehe. :)

  • 28.9.2022 - Tag der Ständerats-Kandidaturen

    SP-Kantonsrat David Roth will’s schon wieder wissen – und ins Stöckli

    David Roth strebt bei den nationalen Wahlen 2023 den Sprung in den Ständerat an. Der Präsident der Luzerner SP verrät, was ihn antreibt.

    David Roth möchte erneut für den Ständerat kandidieren. Dies ist einer aktuellen Einladung zur Mitgliederversammlung der SP Stadt Luzern zu entnehmen. Diese nominiert am Donnerstag zuhanden des kantonalen Parteitags im November.

    Der 37-Jährige engagiert sich seit mehr als zwei Jahrzehnten politisch. Mit 16 Jahren trat er der Juso Luzern bei. 2008 bis 2011 sass er im Grossen Stadtrat Luzern, bis er zum Präsidenten der Juso Schweiz ernannt und im selben Jahr – also 2011 – in den Luzerner Kantonsrat gewählt wurde.

    2019 erzielte Roth das zweitbeste Resultat der SP Luzern

    Bereits 2019 kandidierte Roth für die kleine und die grosse Kammer. Damals holte er mit gut 19'700 Stimmen das zweitbeste Resultat auf der Luzerner SP-Liste – und lag damit hinter der bisherigen Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo. Diese hat bereits letzten März angekündigt, dass sie zu den Wahlen 2023 nicht mehr antreten wird. Ylfete Fanaj landete bei den Wahlen 2019 auf dem dritten Platz. Sie wird nun für die SP um einen der drei frei werdenden Sitze im Luzerner Regierungsrat kämpfen.

    «Wir sind in der SP sehr darum bemüht, möglichst diverse Listen für die Wahlen aufzustellen», so Roth. In den letzten vier Jahren sei viel passiert, die Partei habe sich auch personell erneuert, Aufbauarbeit betrieben und sei heute breit aufgestellt. Roth sagt, dass dies für Konkurrenz innerhalb der Partei sorge – «und das ist auch richtig so».

    Wie er auf Anfrage präzisiert, möchte er sowohl für den National- als auch den Ständerat kandidieren. Aber dafür müsse er erst einmal nominiert werden. Die Nomination für den Nationalrat wird im Februar stattfinden.

    Linke Interessen bleiben aussen vor

    In Luzern hat sich Roth in den letzten Jahren besonders einen Namen gemacht mit dem Gewinn des Prämien-Streits. 2019 hatte das Bundesgericht eine Beschwerde gutgeheissen, die mehrere Privatpersonen mit Unterstützung der Luzerner SP eingereicht hatten. Dies, nachdem die Luzerner Regierung 2017 die Prämienverbilligungen gekürzt hatte. «Kein Thema hat uns in den letzten Jahren mehr beschäftigt», hielt Roth nach dem Sieg vor Gericht fest.

    Seit einem Jahr ist Roth in der nationalen Parteileitung der SP tätig. Was treibt ihn an, vermehrt unter der Bundeskuppel mitwirken zu wollen? Roth moniert, dass der Kanton Luzern im Ständerat mit Damian Müller (FDP) und Andrea Gmür (Mitte) nur bürgerlich vertreten ist. Und mit Blick auf den vergangenen Abstimmungssonntag und dem wuchtigen Nein der Luzernerinnen zum Beitrag an die Vatikan-Kaserne hält er fest, dass Luzern eben weitaus vielfältiger sei, als dies Bürgerliche vertreten könnten.

    Dies hat seiner Ansicht nach negative Auswirkungen: «Unser Kanton kann viel weniger stark und effektiv seine Interessen in Bundesbern vertreten, weil die Luzerner Interessen im Ständerat nur auf einer Ratsseite gehört werden», ist Roth überzeugt. Beispielsweise werde die Bahninfrastruktur in anderen Kantonen massiv vorangetrieben, während es für Luzern unklar sei, «ob es überhaupt vorwärtsgeht».

    Roth erhofft sich gute Chancen

    Als Gewerkschafter führe er Verhandlungen in der ganzen Schweiz, auf Deutsch und Französisch. Ohnehin sei er viel auf nationaler Ebene unterwegs. Etwa, wenn es um die Frage des flächendeckenden Service public oder die Digitalisierung der Arbeitswelt gehe. Aber auch das Thema Prämienverbilligung sei gerade in der Zeit der Kaufkraftminderung ein sehr wichtiges Anliegen.

    Zumindest für den Sprung in die grosse Kammer dürfte Roth gute Chancen haben, weil Birrer-Heimo keine weitere Legislatur anhängt. Für die Wahl in den Ständerat dürfte es allerdings schwierig werden, weil die beiden bisherigen bekannt gegeben haben, erneut zu kandidieren. Roth ist dennoch zuversichtlich. Er spricht von einem «offenen Rennen im Herbst». Schreibt ZentralPlus.

    Unser aller abgrundguter Luzerner Kantonsrat David Roth will also für den Kanton Luzern ins «Stöckli». Christoph Blocher unterstellte dem damaligen Studenten Roth vor Jahren einmal in einer Arena-Sendung, dass er noch nie auch nur einen einzigen Tag gearbeitet habe. So ganz unrecht hatte der greise SVP-Zampano vom Herrliberg nicht mit seinem Seitenhieb gegen Roth.

    Sei's drum. Ich kenne David Roth. Als er noch im Grossen Stadtrat der Stadt Luzern politisch agierte, assen wir rein zufälligerweise ab und zu vis à vis vom Luzerner Rathaus in Mama-Li's chinesischem Food-Tempel. Mama Li legte in den Corona-Wirren einen Konkurs hin und verschwand irgendwo im Land des Lächelns. David Roth ist noch da.

    Ich lernte Roth als wirklich hochintelligenten und witzigen Tischnachbarn schätzen. In Sachen Rhetorik und Wortgewalt stufe ich ihn auf dem gleichen Level wie Blochers rhetorisches Maschinengewehr Roger Köppel ein.

    Auch ein Auge für schöne und interessante Frauen ist ihm nicht abzusprechen, seit ich ihn mal zusammen mit seiner Freundin sah. Wobei festzuhalten ist, dass dieses Auge für das Schöne scheinbar bei allen SP-Granden vorhanden ist.

    Sei es SP-Präsident Cédric Wermuth, der mir mal während seiner Luzerner Studienzeit an einem Einkaufs-Samstag in der Hertensteinstrasse samt attraktiver Freundin und einer Gucci-Einkaufstüte über den Weg lief.

    Oder SP-Bundesrat Alain «Berserker» Berset, der ja den weiblichen Grazien nicht unbedingt abhold sein soll, wie in Bundesbern gemunkelt wird. Um keine Klage einzufahren weise ich darauf hin: Es wird gemunkelt. Eine schöne Frau schön zu finden, ist ja auch nicht verboten. Dass halt mal ein Bundesrichter eingeschaltet werden muss, kann passieren. Alles halb so schlimm.

    David Roth hat jedenfalls beste Chancen, 2023 den Ständerats-Sitz für den Kanton Luzern zu holen. Dieses überrepräsentierte Doppelpack aus einer toxischen Mischung von ungezügeltem Neoliberalismus (Andrea Gmür-Schönenberger, Mitte) und dem kläglichem Freisinn der Pöstchenjägerei (Damian Müller, FDP) bedarf wirklich dringendst einer massiven Korrektur.

    Das Luzerner Wahlvolk sollte sich endlich dazu durchringen, Kandidaten*innen für höhere und einflussreiche Ämter zu wählen, die die Sorgen und Probleme der gesamten Einwohnerschaft des Kantons Luzern repräsentieren und nicht nur diejenigen einer mächtigen Minderheits-Klientel.

    So wie auch persönliche Bereicherung durch die Vorteile eines Amtes strikte ausgeschaltet werden muss. Geschieht dies nicht, läuft die Demokratie Gefahr – speziell in Zeiten wie diesen – vom grassierenden Populismus verdrängt und übernommen zu werden.

    In dieser Hinsicht darf die Luzerner Wahlbevölkerung berechtigte Hoffnung auf das bezüglich Lobbyismus bisher noch unbeschriebene Blatt David Roth setzen. Ob er lukrativer Pöstchenjägerei widerstehen kann, wie sie der derzeitige Luzerner FDP-Ständerat Müller während acht Jahren erfolgreich betrieben hat, ist noch ungewiss. Steht in den Sternen. Oder wie Joschka Fischer sagte: «Du veränderst als Politiker nicht das Amt. Das Amt verändert dich!»

    Muss ja nicht unbedingt so sein, nur weil es Joschka Fischer sagte, der nach seiner Amtszeit ebenfalls zu einem hochbezahlten und wirklich unappetitlichen Lobbyist mutierte. (Wikipedia hilft weiter). Gegen Fischers Mandate ist selbst Pöstchenjäger Müller ein Waisenknabe. Allerdings ist der Liebling aller Luzerner Schwiegermütter (noch) nicht Aussenminister, wovor uns Gott behüten möge.

    Eines aber ist schon jetzt sonnenklar: Roth muss nicht wie der solariumgebräunte und eitle Gockel Müller in jedem Interview mit einer völlig aus der Zeit gefallenen, proaktiven Verteidigung betonen, dass er nicht schwul ist.

    Das interessiert ausser Müller, ein paar Bundeshaus-Klatschtanten und einem Blick-Reporter sowieso niemanden. Die persönliche Bereicherung des Luzerner Staatsmannes Müller hingegen schon.

    Wetten, dass genau dies und nicht Müllers Geschwurbel um seine Sexualität im kommenden Luzerner Ständerats-Wahlkampf zum Thema wird? Wenn nicht, wird ein «aufrechtes Fähnchen» dafür sorgen, wie mir ein Vögelchen zugezwitschert hat.

  • 27.9.2022 - Tag der Tränendüsen

    «Ich kann nicht schmerzfrei Treppensteigen»: Ex-Tennis-Star Del Potro mit Schock-Geständnis unter Tränen

    Anfang 2022 wollte Juan Martin del Potro auf die grosse Tennis-Bühne zurückkehren. Stattdessen verkündete er wegen seiner Knieprobleme kurz vor dem Comeback seinen Rücktritt. Mehrere Monate danach schockiert Del Potro mit einem Geständnis über seinen Gesundheitszustand.

    Anfang dieses Jahres verkündete del Potro unter Tränen sein Karriereende. Nun packt der 34-Jährige in argentinischen Medien erstmals über die schweren Folgen seiner Verletzungen aus, die ihn zum Karriereende zwangen: «Heute kann ich nur gehen. Ich kann nicht aufs Laufband, ich kann nicht schmerzfrei Treppen steigen.»

    Auch lange Autofahrten gehen nicht mehr: «Ich kann nicht mal lange am Stück fahren, ohne eine Pause zu machen und meine Beine zu strecken. Das ist meine Wirklichkeit. Es ist hart und traurig.»

    Auch Arzt in der Schweiz kann nicht weiterhelfen

    Immer wieder hatte Del Potro auch mit Problemen an den Handgelenken zu kämpfen. Den Tiefpunkt seiner Karriere erlebte Del Potro im Jahr 2019, als er sich beim Rasenturnier im Londoner Queen's Club zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die Kniescheibe bricht.

    Die Nachwehen spürt er noch bis heute – und sucht verzweifelt nach Lösungen: «Ich war vor kurzem in der Schweiz und habe dort einen weiteren Arzt gesehen. Diese Behandlung wurde mir von vielen Tennisspielern empfohlen, bis jetzt habe ich aber kein positives Resultat.»

    Verletzungen führen auch zu mentalen Problemen

    Die körperlichen Beschwerden setzen der ehemaligen Weltnummer drei offenbar auch mental zu: «Mein Kopf kann ein Leben ohne Tennis nicht akzeptieren. Ich hatte einfach keinen fliessenden Übergang. Ich konnte mich nicht vorbereiten und habe keine Ahnung, was andere Spieler machen, die diesen Prozess durchlaufen.» Emotional führt er aus: «Ich war die Nummer drei der Welt. Dann waren plötzlich beide Knie kaputt. Und hier bin ich, mit nichts!»

    US-Open Sieg gegen Federer als Highlight der Karriere

    In seiner Karriere feierte Del Potro 22 Turniersiege, holte an Olympischen Spielen zwei Medaillen im Einzel. Den grössten Sieg errang der Argentinier 2009, als er im Final der US Open Roger Federer schlägt und so seinen ersten und einzigen Grand-Slam-Titel holt. Nach dem US-Open-Sieg galt er als grosser Mann der Zukunft, konnte dies wegen der anhaltenden Verletzungsmisere aber nie bestätigen. Schreibt Blick.

    Es wird etwas arg viel geheult in letzter Zeit. Besonders in erlauchten Kreisen und im Tennis-Sport.

    Nachdem uns Königin Elizabeth für immer verlassen hat, was die ganze Welt über Tage hinweg zum Weinen brachte, beendete einige Monate nach Del Potros tränenreichem Rücktritt auch noch King Roger, händchenhaltend und schluchzend im Duett mit Rafael Nadal, in London seine Karriere.

    Wie aus gut informierten Kreisen aus London zu vernehmen ist, führt die Themse inzwischen Hochwasser wie seit fast hundert Jahren nicht mehr.

  • 26.9.2022 - Tag der Bretter vor dem Kopf

    Maurer kritisiert Bevölkerung für Verrechnungssteuer-Nein: «Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge schwindet»

    Erneut hat Finanzminister Ueli Maurer eine Steuerreform verloren. Schuld ist seiner Meinung nach das schwindende Wirtschaftsverständnis in der Bevölkerung.

    Anleger müssen auf Zinserträge auch künftig 35 Prozent Verrechnungssteuer zahlen. Mit 51,7 Prozent hat die Stimmbevölkerung die Abschaffung der Steuer auf inländische Obligationen verworfen.

    Das Nein ist ein Erfolg für die Linke – und eine erneute Schlappe für die Bürgerlichen und Finanzminister Ueli Mauer (71). Schon im Februar hatten sich fast 63 Prozent der Stimmenden gegen die Abschaffung der Stempelsteuer gestellt.

    «Verständnis schwindet offensichtlich»

    Das erneute Nein zeigt, dass es der Wirtschaft schwerfällt, die Mehrheit der Bevölkerung von Steuersenkungen für Unternehmen zu überzeugen. Maurer deutete das Ergebnis anders. Man könne festhalten, «dass ganz offensichtlich das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge in der Bevölkerung schwindet», kritisierte Maurer den Stimmentscheid der Bevölkerung am Sonntag.

    Was insbesondere bei den Siegern Kritik hervorruft. So findet SP-Nationalrätin Samira Marti (28), er beleidige damit das Volk.

    Während andere kontern, dass die Linke genauso Mühe habe, Volksentscheide zu akzeptieren – beim Ja zur AHV-Reform etwa sprächen Exponentinnen von einer «Schlag ins Gesicht der Frauen» und rufen zu einer Demo am Montag auf – bekommt sie von anderen Twitter-Usern Zuspruch.

    Schon im Abstimmungskampf polarisierte Maurer

    Klar ist: Maurer greift zu eher deutlichen Worten. Das hatte er schon im Abstimmungskampf getan. Im Blick-Interview griff er die Linken frontal an: «Die Gegner haben es einfach nicht begriffen und argumentieren an der Sache vorbei!», sagte er damals.

    Es gebe keine objektiven Gründe, die gegen die Abschaffung der Verrechnungssteuer sprechen würden, wer dagegen sei, «verirre sich in Klassenkampf-Rhetorik», so der SVP-Finanzminister – und setzte noch einen drauf: «Es haben alle mal ein Brett vor dem Kopf, aber in dem Fall ist der Augenabstand praktisch null.» Schreibt BLICK.

    Hier irrt sich der geschätzte Bundesrat Ueli Maurer. Das Verständnis der Schweizer Bevölkerung für wirtschaftliche Zusammenhänge schwindet nicht, sondern es entwickelt sich erstmals positiv. Die Bevölkerung entdeckt langsam aber sicher in Krisenzeiten die Zusammenhänge zwischen den verhängnisvollen Deregulierungen der vergangenen Jahrzehnte und dem dadurch entstandenen Neoliberalismus abartiger Prägung.

    Floskeln von Maurer im Vorfeld der Abstimmung wie «Klassenkampf-Rhetorik» sind nichts anderes als die immergleiche «Reflex-Rhetorik» aus dem vorgestanzten Wortseminar der «Bürgerlichen».

    Wer die Zeichen der Zeit nicht sieht, hat ein Brett vor dem Kopf. Nicht das Wahlvolk.

  • 25.9.2022 - Tag der Kaffeesatzleserei der Putin- und Russland Experten*innen

    Russland-Kennerin Belton: "Palastrevolte gegen Putin ist möglich"

    Die Buchautorin ("Putins Netz") und ehemalige Moskau-Korrespondentin sieht den Kreml-Herrn stark geschwächt. Die Elite, so sagt sie, könnte angesichts der Lage in der Ukraine die Geduld mit Putin verlieren.

    In Catherine Beltons 2020 erstmals erschienenem und vielfach ausgezeichnetem Buch "Putins Netz" zeichnet die frühere Moskau-Korrespondentin der britischen "Financial Times" detailliert den Aufstieg Wladimir Putins vom KGB-Agenten zum beinahe unumschränkten Alleinherrscher im Kreml nach. Im Interview mit dem STANDARD erklärt sie, warum es mit Putins Macht nun aber schnell zu Ende gehen könnte.

    STANDARD: Ihr Buch beschäftigt sich mit dem Netzwerk, das Putin an die Macht gebracht hat. Wie einsam ist es nun um ihn geworden?

    Belton: Putin hat sich in den zwei Jahren der Pandemie immer mehr isoliert. Sogar seine engsten Berater wie Igor Setschin, der Falke an der Spitze des Kreml-nahen Ölkonzerns Rosneft, mussten sich zwei Wochen lang isolieren, bevor sie ihn treffen durften. In dieser Zeit hat Putin eine Obsession entwickelt, was seine Rolle in der Geschichte betrifft. Leute, die ihn treffen durften, haben ihm nur gesagt, was er hören wollte. So ist auch die Fehlkalkulation entstanden, dass man die Regierung von Wolodymyr Selenskyj in wenigen Tagen stürzen kann, indem man in der Ukraine einmarschiert. Nach Kriegsbeginn hat sich ein Teil der russischen Elite angesichts der massiven Propaganda, es gehe um die Existenz Russlands, um Putin versammelt. Weil Russland nun Positionen im Osten der Ukraine aufgeben und Putin seine "Teilmobilisierung" ankündigen musste, beginnt diese Einheit zu bröckeln.

    STANDARD: Sehen Sie irgendeinen Hinweis auf eine Palastrevolte?

    Belton: Ja. Manche in der russischen Elite erinnert die aktuelle Situation an die Jahre vor der Revolution von 1917, als das Militär nach einer Serie von Fehlschlägen den Zaren nicht mehr unterstützen wollte. Putins Legitimität als Präsident basiert auf seiner Popularität. Indem er sein eigenes Versprechen, keine Reservisten in den Krieg gegen die Ukraine zu schicken, jetzt brechen musste, unterminiert er die Basis seiner Macht. Wenn russische Familien bald mit der grimmigen Realität von Putins Krieg konfrontiert sein werden, dürfte auch die Staatspropaganda viel von ihrem Einfluss verlieren. Die Elite dürfte die jüngsten militärischen Rückschläge auch als weiteres Zeichen für Putins Schwäche betrachten. Ein russischer Milliardär hat mir gesagt, dass interne Kämpfe um die Macht ausbrechen dürften, sollte Putin den Donbass verlieren. Das wird all jenen, die von Putins Entscheidung für den Krieg schockiert waren und die wegen der Sanktionen des Westens ihre mitunter über 30 Jahre aufgebauten Geschäfte verloren haben, die Möglichkeit geben zurückzuschlagen. Putins Rolle als Präsident hat auch viel mit seinem Versprechen der Stabilität zu tun. Auch das ist durch seine Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, erschüttert worden.

    STANDARD: Wovon hängt dies nun ab?

    Belton: Entscheidend wird die Einheit des Westens sein, was die Sanktionen und die Unterstützung für die Ukraine betrifft, vor allem in einem schwierigen Winter mit steigenden Energiepreisen. Putins Herrschaft ist jetzt in unsicheren Gewässern, weil auch das Staatsbudget wegen der Sanktionen des Westens unter starkem Druck steht. Ein (im Westen vielerorts angedachter, Anm.) Preisdeckel auf russische Ölexporte würde Putins Position weiter schwächen.

    STANDARD: Ist Putin krank?

    Belton: CIA-Direktor William Burns meinte Ende Juli, Putin sei "insgesamt zu gesund". Tatsächlich sind die Hinweise auf eine Krankheit im Sommer verschwunden. Bis dahin hat es bei seinen Auftritten in den ersten Monaten des Jahres stark so gewirkt, als würde er sich in Schmerzen winden und sich, etwa bei einem Treffen mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu, an seinen Tisch klammern. Putin wurde auch immer paranoider, was eine Ansteckung mit Covid betrifft, die Maßnahmen, die er dagegen ergriff, waren extrem. Allerdings wirkt er entspannter, seit er die Taktik seiner Armee verändert hat, sich auf die Ostukraine konzentriert und einen Energiekrieg gegen den Westen gestartet hat. Ein Insider hat mir gesagt, dass davon ausgegangen wird, Putin habe sich im Mai einer Operation unterzogen. Das lässt sich aber nicht überprüfen.

    STANDARD: Putin wird schon seit langem eine gewisse Obsession für die russische Geschichte nachgesagt. Ist er ein großrussischer Nationalist?

    Belton: Er ist ein Imperialist und war das schon immer. Er glaubt an die Macht des russischen Reiches. Er gehört zu jenem Flügel des Auslandsgeheimdienstes im KGB, der daran glaubt, dass der Kommunismus das russische Reich unterminiert habe – weil er eine Ideologie war, die Russland daran hinderte, mit dem Westen in Wettbewerb zu treten. Das hat er schon in seinem ersten Interview 1992 gesagt, kurz nachdem er zum Vizebürgermeister von Sankt Petersburg ernannt wurde: Die Bolschewiken seien für die Tragödie des Zerfalls der Sowjetunion verantwortlich, weil sie das Land in Republiken unterteilt hätten, die es davor gar nicht gegeben habe. Er sagte auch, dass die Kommunisten zerstört hätten, was Menschen aus zivilisierten Nationen eigentlich verbinde – Handelsbeziehungen. Putin hat immer daran geglaubt, dass die Ukraine eigentlich nicht existieren sollte und nur deshalb als Republik gegründet wurde, weil die Bolschewiken mit den ukrainischen Nationalisten einen Deal eingegangen seien, um ihre Macht zu zementieren. Seine ganze Präsidentschaft über hat er danach getrachtet, Russlands imperiale Position wiederherzustellen.

    STANDARD: Zu Beginn des Kriegs war oft davon die Rede, dass sogar hochrangige Militärs es nicht wagten, Putin die wahre Situation in der Ukraine zu verdeutlichen. Glauben Sie das auch?

    Belton: Ich denke, dass Putin die Situation ziemlich schnell bewusst wurde – weil seine Armee nicht in der Lage war, Kiew innerhalb weniger Tage einzunehmen, wie es anfangs geplant war. Das vor ihm zu verheimlichen war unmöglich. Putins Sicherheitsdienst, der FSB, hatte ihm vorher nur gesagt, was er hören wollte – und gleichzeitig hat er wohl zu viel Vertrauen in seinen engen Kiewer Verbündeten Wiktor Medwedschuk gesetzt, den Ko-Vorsitzenden einer prorussischen Partei, die von einer schnellen politischen Machtübernahme sprach. Die Armee selbst war nie ordentlich auf einen richtigen Krieg vorbereitet. Tatsächlich ist das einer der Gründe, warum man den Krieg anfangs "militärische Spezialoperation" nannte. Es ging darum, Selenskyj so viel Angst einzujagen, dass er flieht.

    STANDARD: Auf wen hört Putin jetzt?

    Belton: Vor allem auf seine engsten und radikalsten Berater aus dem KGB. Das sind Sicherheitsleute, mit denen er in Sankt Petersburg eng zusammengearbeitet hat, zum Beispiel Nikolai Patruschew. Er sagt Putin, was zu tun ist: nämlich, dass er Russlands Souveränität schützen müsse und dass die USA die Ukraine als Plattform benutzten, um Russland zu bedrohen. Patruschew war lange eine Art graue Eminenz hinter den Kulissen, die Putin auf einige der dunkelsten Wege seiner Präsidentschaft schickte. Er ist ein Jahr älter als Putin und zog zwei Jahre vor diesem nach Moskau. Der Sankt Petersburger KGB galt als weit skrupelloser als jener in Moskau, weil man dort unter einer Art Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Hauptstadt litt.

    STANDARD: Nach Kriegsbeginn richteten sich viele Hoffnungen im Westen auf die Kaste der Oligarchen, die ja von den Sanktionen teilweise hart getroffen werden. Warum haben sie sich nicht erfüllt?

    Belton: Wer glaubt, die Oligarchen könnten einfach zu Putin gehen und verlangen, er solle den Krieg beenden, versteht Putins Russland nicht. Die Sanktionen hatten dies aber auch gar nicht zum Zweck. Es ging darum, diese sogenannten Oligarchen davon abzuhalten, ihre Soft Power und ihren Einfluss im Westen dazu zu nutzen, die westliche Unterstützung für die Ukraine zu unterminieren. Unter Putin sind Oligarchen keine Oligarchen, sie sind Geiseln des Kreml. Man kann ihnen ganz einfach mit Gefängnis drohen oder mit dem Verlust ihres Geschäfts, wenn sie die Befehle des Kreml nicht befolgen. Manche haben ja sehr offen darüber gesprochen. Der Pakt mit dem Kreml, nämlich Befehle zu befolgen und dafür Wohlstand genießen zu können, ist seit dem Krieg aber gebrochen worden, weil die Sanktionen die Unternehmen und den Ruf der Oligarchen beschädigt oder zerstört haben.

    STANDARD: Warum sind die alten KGB-Kader rund um Putin so mächtig?

    Belton: Weil diese Leute die Macht monopolisiert haben. Vor allem, indem sie das Gerichtssystem untergruben und allen mit Gefängnis drohen können, die ihre Dominanz infrage stellen.

    STANDARD: Wer könnte Putin gefährlich werden?

    Belton: Die größte Bedrohung für Putin kommt von seinen eigenen Sicherheitsdiensten. Dort gibt es jüngere, fortschrittlicher denkende Mitglieder, denen ähnlich wie ihren Vorgängern in den spätsowjetischen 1980er-Jahren auffällt, dass Putins Kurs in einen internationalen Paria-Status führt und das Land schwer beschädigt. Für diese Leute kann Russland mit dem Westen nur mithalten, wenn es in den Westen integriert ist.

    STANDARD: Was kommt dann?

    Belton: Das System, das nach der Herrschaft Putins kommt, wird wahrscheinlich weiter von den Sicherheitsdiensten dominiert sein. Vermutlich wird es aber ein weicheres Gesicht zeigen, weil Russland nach dem Krieg an einer Wiederherstellung seiner Position gelegen sein wird. Schreibt DER STANDARD.

    Bei der im Konjunktiv herbeigeschriebenen «Palastrevolte gegen Putin» ist wohl eher Wunschdenken Vater / Mutter der Gedanken von Buchautorin und «Russland-Kennerin» Belton.

    Ereignisse aus der Zarenzeit in den Jahren vor der Revolution von 1917 als Beweis für die steile These der «Palastrevolution» zu bemühen, sind nicht nur grotesk und lächerlich, sondern beinahe schon Geschichtsklitterung.

    Den gesellschaftlichen Zustand Russlands vor 1917 mit dem heutigen auch nur annähernd zu vergleichen ist einer «Russlandkennerin» unwürdig. So viel zur derzeit grassierenden Inflation der Kaffeesatz-Leserei von Putin-Experten*innen und Russland-Kennern*innen.

    Wenn schon ein Vergleich aus der russischen Historie herbeigezogen werden muss, dann gibt es nur ein Ereignis aus der (jüngeren) Vergangenheit mit den Ingredienzien für eine Palastrevolution, vor dem sich Putin wirklich fürchten muss: Der verlorene Krieg der UdSSR in Afghanistan.

    Am 15. Februar 1989 zogen die letzten sowjetischen Soldaten aus Afghanistan ab. Als kurze (!) «Intervention» (!!) geplant, dauerte der Krieg mehr als neun Jahre. Doch gegen Ende der 80er-Jahre wurde deutlich sichtbar, dass sich die «Intervention» der Sowjetunion in Afghanistan zu einer riesigen Niederlage entwickelte, an der die USA durch massive Unterstützung der Mudschaheddin massgeblich beteiligt waren.

    Stichwort tragbare «Stinger-Luftabwehrraketen», mit denen die Afghanen die hochgelobte und in der Tat moderne russische Luftwaffe buchstäblich lahmlegten. Jeder Einsatz der russischen Kampfjets entwickelte sich zum Himmelfahrtskommando. Ab einem gewissen Zeitpunkt weigerten sich die russischen Kampfpiloten, in die Lüfte über Afghanistan aufzusteigen.

    Die militärische Katastrophe in Afghanistan wurde zum Symbol der sowjetischen Unfähigkeit. Als dann auch noch die Wirtschaft zusammenbrach und die Menschen in Massen auf die Strassen gingen, war das Ende der Sowjetunion (UdSSR) drei Jahre später am 21. Dezember 1991 endgültig besiegelt.

    Die Analogien zwischen der russischen «Intervention» in Afghanistan und der «Spezialoperation» in der Ukraine sind erschreckend und dürften Putin wohl mehr schlaflose Nächte bereiten als irgendwelche historischen Ereignisse aus der Zarenzeit.

    Es gibt naheliegende Gründe, weshalb Putin in seinen unsäglichen Monologen niemals vom Afghanistan-Krieg der UdSSR spricht und die tatsächlichen Ereignisse durch die Duma für die Geschichtsbücher entsprechend «revidieren» liess.

  • 24.9.2020 - Tag der Doppelzüngigkeit

    Mangelndes Vertrauen: Stromkonzern Axpo wird unter die Lupe genommen

    Das Vertrauen verspielt: Die Kantone Aargau und Zürich wollen die Geschäftsführung der Axpo durch eine externe Revisionsstelle untersuchen lassen.

    Seit der Bund einen Rettungsschirm von vier Milliarden Franken aktiviert hat, weht der Axpo ein rauer Wind aus der Politk entgegen. In den vergangenen Tagen sind die Rufe nach mehr Transparenz an die Adresse der Geschäftsleitung um CEO Christoph Brand und Verwaltungsratspräsident Thomas Sieber immer lauter geworden.

    Allen voran die Eignerkantone, die bislang auffällig konziliant auf das drohende Milliardenloch reagiert haben, wollen nun doch mehr darüber erfahren, weshalb der grösste Schweizer Stromkonzern in finanzielle Schieflagen geraten ist – und wie es mit der Axpo weitergehen soll.

    Ausserordentlichen Sitzung

    Zu diesem Zweck haben die Eigner – darunter die grössten Aktionäre Zürich und Aargau – für die kommende Woche eine ausserordentliche Sitzung anberaumt, wie der SonntagsBlick aus zuverlässigen Quellen erfahren hat.

    Im Kern dürfte es darum gehen, wie die Axpo künftig aufgestellt werden soll. Eine radikale Variante sieht vor, den Stromkonzern zu zerschlagen, also die Handelssparte (dort besteht das grösste Risiko) von der Stromproduktion zu trennen.

    Zuerst dürften sich die Mehrheitsaktionäre aber mit der Frage beschäftigen, ob die Axpo einer externen Prüfung unterzogen werden muss. Vehementester Fürsprecher für ein unabhängiges Gutachten ist der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler: «Alles andere wäre angesichts der aktuellen Lage nicht seriös.»

    Mangelndes Vertrauen

    Das hat er diese Woche in einem Schreiben an die Mehrheitsaktionäre, namentlich an Stephan Attiger, Aargauer Finanzdirektor und Vertreter der Eigner, mitgeteilt. Dieser hat nun reagiert. Auf Anfrage von SonntagsBlick bestätigt Attiger: «Der Kanton Aargau und der Kanton Zürich erwägen, eine Geschäftsführungsprüfung der Axpo gemäss Aktienrecht durch eine externe und unabhängige Revisionsstelle durchzuführen.»

    Die aktuelle öffentliche Diskussion und die politischen Vorstösse seien ein deutlicher Hinweis auf das mangelnde Vertrauen gegenüber der operativen und finanziellen Führung der Axpom, so Attiger: «Der Regierungsrat ist überzeugt, dass nur eine unabhängige externe Geschäftsführungsprüfung im Sinne der Ausschöpfung der Einsichtsrechte wieder Vertrauen schaffen kann.» Schreibt Blick.

    Die Wutrede von Blochers Tochter Magdalena Martullo (beide SVP) über das «skrupellose Spekulations-Casino der Axpo» im Blick scheint bei den AXPO-Aktionären Wirkung zu zeigen.

    Auf den ersten Blick.

    Doch ein zweiter Blick offenbart eine orchestrierte SVP-Aktion. Denn das Schreiben an die Mehrheitsaktionäre (u.a. Kanton Aargau, Kanton Zürich) für eine externe Überprüfung der AXPO stammt aus dem Kanton Zug, dem kleinsten AXPO-Aktionär. Verfasst vom Zuger Jurist, Regierungsrat und Finanzdirektor Heinz Tännler.

    Und welcher Partei gehört Tännler an? Genau! Der SVP.

    Ein Schelm wer Böses denkt.

    Denn eines ist gewiss: Christoph Blocher und seine Tochter Magdalena Martullo verurteilen den «skrupellosen Casino-Kapitalismus» nur dann, wenn am Roulette keine Blochersche Kugel in der Schüssel mitrotiert.

    Christoph Blocher wurde nicht durch seiner Hände Arbeit Milliardär und auch nicht durch seine EMS-Chemie AG. Sein Aufstieg zum Milliardär begann als skrupelloser «Raider» zusammen mit seinem Kumpel Martin Ebner und dessen BZ-Gruppe.

    Dass das «Casino» des beinahe-Pleitiers Ebner 2002 nur durch einen Deal mit den Gläubigerbanken – allen voran die öffentlich-rechtliche Zürcher Kantonalbank! – vor dem Konkurs bewahrt wurde, störte damals den grossen SVP-Zampano vom Herrliberg in keiner Art und Weise.

    Auch nicht die Tatsache, dass 2002 viele «kleine» Anleger*innen beim BZ-Crash Millionen verloren, die sie im Vertrauen auf Ebner (und BZ-Verwaltungsrat Blocher!) investiert hatten. Gerettet wurden nämlich nur die Filetstücke des BZ-Imperiums.

    Die auf einer «Tour de Suisse» von Ebner durch etliche Schweizer Städte bei einfachen Leuten eingesammelten Millionen – unter anderem auch im Luzerner Casino (!), wo ich zwecks einem Interview* mit Ebner dabei war – wurden nämlich von der BZ in Fonds investiert, die schlicht und einfach hopsgingen. Weil sie nichts wert waren.

    Der «skrupellose Casino-Kapitalismus» der Axpo ist verwerflich. Keine Frage. Die Doppelzüngigkeit der Blochers samt ihrer SVP-Partei allerdings auch.

    * Meine damalige Begegnung mit Ebner im Casino Luzern war geprägt von der Gossensprache Ebners, dem ich beinahe eine Ohrfeige verpasst hätte. Worauf ein ebenfalls anwesender Journalist vom Tagesanzeiger zu mir sagte: «Schade, dass du es nicht getan hast.»

    Es könnte durchaus sein, dass ich Ihnen die komplette Geschichte aus dem Casino Luzern eines Tages doch noch erzähle, falls ich meine derzeitige Grippe überlebe.

  • 23.9.2022 - Tag des Unterschieds zwischen Impotenz und Fondue

    Nach Stink-Behauptung: Richter rechnet mit Collins' Schweizer Ex-Frau ab

    Orianne Cevey teilte immer wieder gegen Phil Collins aus. Doch das Gericht schenkt der Schweizer Ex-Frau des Musikers nur wenig Glauben. Der Richter erklärt nun, was dahinter steckt.

    Im August triumphierte Phil Collins (71) vor einem Gericht in Florida, als eine 20-Millionen-Dollar-Klage seiner Genfer Ex-Ehefrau abgewiesen wurde. Jetzt wurde die Begründung veröffentlicht. Und die hat es in sich: Richter Alan Fine beschuldigt Orianne Cevey, eine Lügnerin zu sein, die einen Meineid beging.

    Im Streit zwischen dem «Genesis»-Frontmann und der Mutter seiner Söhne Matthew (17) und Nicholas (21) ging es um Collins' Villa in Miami, die dieser im Februar 2021 für 40 Millionen Dollar verkauft hatte. Cevey verlangte daraufhin 20 Millionen Dollar. Sie behauptete, dass ihr Collins die Hälfte eines Verkaufs versprochen hatte – wenn sie wieder bei ihm einziehen würde. Richter Fine glaubte Ceveys Ausführungen nicht und wurde in seiner Urteilsbegründung sehr deutlich. «Die Klägerin hat während der Anhörungen absichtlich getäuscht – und unter Eid im Gericht durchgehende Falschaussagen getätigt», erklärte er.

    Cevey wollte Dokumente nicht vorlegen

    So habe die Klägerin behauptet, dass «bestimmte finanzielle Dokumente von ihrem Schweizer Bankkonto existieren» – sich dann allerdings geweigert, diese dem Gericht und Collins‘ Anwälten zukommen zu lassen. Der Vorsitzende Richter des obersten Bezirksgerichts von Miami-Dade County meint dazu: «Die logische Schlussfolgerung war, dass diese Dokumente nicht existieren. Ihr Motiv hinter ihrer Falschaussage war, den Prozess weiterzuführen, ohne sich an die Auflagen des Gerichts halten zu müssen. Diese Unehrlichkeit ist ein Affront gegen die Interessen der Justiz und der Gerechtigkeit!».

    Cevey und Collins waren von 1999 bis 2007 verheiratet. 2015 hatte sich das Paar noch einmal versöhnt. Fünf Jahre später machte der Musikstar jedoch endgültig Schluss mit Cevey, weil diese heimlich einen 25 Jahren jüngeren Partner in Las Vegas geheiratet hatte. Als er sie vor die Tür setzen wollte, weigerte sie sich, ihren goldenen Käfig freiwillig zu verlassen.

    Als Collins darauf eine Räumungsklage einreichte, konterte sie mit einer Gegenklage, in der sie ihn als «stinkenden, impotenten Wortbrecher» verunglimpfte. In den Gerichtsunterlagen behauptete Cevey, Collins habe 2017 mit starkem Trinken und dem Missbrauch von Schmerzmitteln angefangen. Laut Gerichtsakten sei er «oft unter dem Einfluss der Alkohol-Medikamenten-Kombi auf den Kopf gefallen und musste sich unter einem falschen Namen ins Krankenhaus einliefern lassen.»

    Der Tiefpunkt sei dann 2019 erreicht gewesen: «Er hat sein musikalisches Talent verloren, wurde depressiv, hat mich misshandelt, seine Kinder vernachlässigt und war dann nach einer Operation am Rücken von Schmerzmitteln und Antidepressiva süchtig.» Laut Gerichtsakten habe Collins aufgehört, seine Zähne zu putzen und habe fast ein Jahr lang nicht mehr geduscht. Cevey behauptete weiter: «Sein Gestank war nicht mehr auszuhalten, weshalb er auch keine Leute mehr gesehen hat. Es war ihm auch nicht mehr möglich, Sex zu haben.»

    Im November 2020 handelte Collins Anwalt Jeffrey Fisher einen Vergleich aus. Cevey musste alle persönlichen Gegenstände von Phil Collins – darunter Millionen Dollar teure Sammlerstücke – herausrücken, durfte aber noch bis Ende Januar 2021 in dem Domizil wohnen bleiben. Kaum war sie ausgezogen, verkaufte der «Genesis»-Frontmann die 40-Millionen-Dollar-Villa. Schreibt Blick. Wer denn Sonst?

    «Stinkender Wortbrecher» geht ja noch. Da kann man beide Augen zudrücken. Aber den eigenen Ehemann als «impotenten Wortbrecher» zu bezeichnen, ist dann doch zuviel des Guten. Selbst für den Richter von Florida ein no go!

    Denn auf nichts sind wir Männer so stolz wie auf unsere niemals versiegende Quelle der Potenz. Nur die immerwährende «deutsche Eiche», die jedem Sturm trotzt, macht uns Männer zu dem, was von uns verlangt wird: to be always ready for take off. Sollte dies ausnahmsweise mal nicht der Fall sein, hilft immer noch die blaue Pille.

    Stinkende Männer gibt es wie Sand am Meer. Das gehört zur maskulinen DNA. Was wäre ein Mann ohne gesunden Fussschweiss? Eine klägliche, verweichlichte Memme! Wer je eine Rekrutenschule mit den berüchtigten Zehner-Zimmern absolviert hat, weiss wovon hier die Rede ist. Mit dem starken Geschlecht und den Rekruten-Schlafzimmern ist das so wie mit dem Fondue: «Chli stenke muess es.»

    Vor vielen Jahren traf ich den damals wohl hippsten Frauenschwarm Udo Jürgens im Zürcher Mascotte für ein längeres Interview. Face to Face. Ein interessanter und angenehmer Mensch in der Blüte seines Lebens. Keine Frage. Aber gesegnet mit einem furchtbaren Mundgeruch. Vermutlich aus den Tiefen seiner Eingeweiden stammend.

    Und? Hat es ihm geschadet? Nicht die Bohne! Udo Jürgens war nicht nur einer der erfolgreichsten Singer/Songwreiter des deutschsprachigen Raums, sondern auch ein ebenso begabter und tüchtiger Womanizer, der nichts anbrennen liess. Hunderttausende von Frauen können nicht irren.

    Was bei Fondue richtig ist, kann bei Männern niemals falsch sein. Bei Frauen hingegen schon. Impotenz spielt beim femininen Geschlecht ohnehin keine Rolle. 95 Prozent aller weiblichen Orgasmen sind sowieso nur vorgespielt. Merkt Euch das, Ihr unverbesserlichen Machos!

    Aber schon der geringste Hauch eines üblen Geruchs oder ein leises Fürzchen lässt die «Krone der Schöpfung» (alttestamentarisch für «Männer») hurtigen Schenkels die Flucht ergreifen. Da hört bei (fast) jedem Mannsbild der Spass definitiv auf. Das sind wir CHANEL N°5-Verwöhnten uns vom schwachen Geschlecht schlicht und einfach nicht gewohnt.

    Wunderkind Mozart ausgenommen. Der konnte davon nie genug kriegen. Das sollten Sie bedenken, wenn Sie wieder mal im trauten Beisein Ihrer Partnerin zwecks intimer Stimulation «Eine kleine Nachtmusik» hören.

  • 22.9.2022 - Tag der Empörungsbilder

    FDP-Chef zum Handshake zwischen Cassis und Lawrow: «Ein Foto davon ist unglücklich …»

    Bald sind wir Mitglied des Uno-Sicherheitsrats. Jedes Wort, jede Tat muss auf die Goldwaage. Doch Bundespräsident Cassis schüttelt am Tag der Mobilmachung die Hand des russischen Aussenministers. Das sorgt für Ärger.

    Das hat in der Schweiz einiges Stirnrunzeln ausgelöst. Ausgerechnet am Tag der russischen Mobilmachung trifft der Schweizer Bundespräsident und Aussenminister Ignazio Cassis (61) den russischen Aussenminister Sergei Lawrow (72) in New York.

    Cassis hatte im Vorfeld angekündigt, «die jüngsten Provokationen von Präsident Putin» anzusprechen und die nukleare Drohung zu verurteilen. «Ich werde Aussenminister Lawrow auffordern, auf eine weitere Eskalation in diesem schlimmen Krieg zu verzichten und die russischen Truppen sofort abzuziehen», so der Bundespräsident am Mittwoch an einer Medienkonferenz.

    Russland nutzt Bild zu Propagandazwecken

    Doch Lawrow macht daraus etwas anders: Ein Bild, das vom russischen Aussenministerium auf Twitter verbreitet wurde, zeigt die beiden händeschüttelnd in die Kamera lächelnd.

    Am Tag, als Putin 300'000 Bürger in den Angriffskrieg gegen die Ukraine zwingt, kann Russland – daheim und in der Welt – so den Eindruck erwecken, als sei es noch Teil der Welt- und Wertegemeinschaft.

    Geharnischte Reaktionen in der Schweiz

    In den sozialen Medien löste Cassis’ Auftritt zum Teil geharnischte Reaktionen aus. Deutliche Worte kommen etwa von Ex-Nationalrat Bernhard Guhl (50, Mitte): «Unser Bundespräsident gibt einem russischen Kriegsverbrecher die Hand. Aber in die Ukraine reiste er nicht. Ich glaubs nicht ...», spart er nicht mit Kritik.

    Glücklich über den Auftritt wirkt auch Cassis’ Parteipräsident Thierry Burkart (47) nicht. Wie es seine Aufgabe ist, stellt er sich aber schützend vor seinen Bundesrat: «Wollen wir unsere guten Dienste anbieten? Dann muss man mit Aussenminister Lawrow sprechen, und dann gehört ein Handshake dazu», sagt der FDP-Chef. «Ein Foto davon ist unglücklich, lässt sich aber manchmal nicht verhindern.»

    Allerdings: Ansonsten liess sich kein Staatsoberhaupt oder Aussenminister einer westlichen Demokratie mit Lawrow abbilden. Neben Peter Maurer (65), der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, der im Sinne des Auftrags der Organisation immer auch mit Schergen und Autokraten redet, traf Lawrow gemäss Twitter und Bildern der internationalen Fotoagenturen an diesem Mittwoch noch den venezolanischen Aussenminister Carlos Faría Tortosa (59), Faustin-Archange Touadéra (65), Präsident der Zentralafrikanischen Republik, sowie den armenischen Aussenminister Ararat Mirzoyan (42) und den bolivianischen Aussenminister Rogelio Mayta (51).

    EDA sieht kein Problem

    Das Aussendepartement (EDA) erklärt dazu: «Beim Treffen mit dem russischen Aussenminister Lawrow waren zu Anfang mehrere Bildjournalisten anwesend. Selbstverständlich existieren davon Bilder – wie von allen Treffen des Bundespräsidenten in New York. An der Uno sind Medien zu Beginn aller Treffen zugelassen.»

    Selbst wenn es angesichts der neuen Eskalation wohl zahlreiche bilaterale Treffen gegeben hat: Kein anderer Vertreter einer westlichen Demokratie hat sich bislang dazu verleiten lassen, dem Aggressor Russland diese Bühne zu bereiten. Schreibt Blick.

    Da wird wieder einmal arg viel Empörung freigesetzt. Dass der Schweizer Aussenminister seinem russischen Amtskollegen die Hand reicht, ist eigentlich unter zivilisierten Menschen das Normalste der Welt.

    Wer frei von Sünde ist werfe den ersten Stein: Politiker*innen aller Couleur sind dazu verdammt, ab und zu auch einem Ganoven die Hand zu drücken und den Dialog zu suchen. Politik ist und war schon immer in vielen Bereichen ein schmutziges Geschäft.

    Eigenartigerweise hielt sich die Empörung über die wirklich demütigenden «Koch- und Kellner»-Bilder von Macron, Scholz, Nehammer und António Guterres an Putins Psychopathen-Tisch im Moskauer Machtzentrum in Grenzen.

    Dabei wurden genau diese bewusst vom Kreml inszenierten Bilder im russischen Fernsehen auf Heavy-Rotation stundenlang gesendet, um die Erhabenheit des neuen russischen Zaren seinem Fussvolk zu beweisen.

    Die westlichen Medien waren sich nicht zu schade, den überdimensionalen Putin-Tisch auf die Angst des Diktators vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zurückzuführen.

    Dass Putin in der gleichen Zeit-Periode der westlichen Besucher beispielsweise seinen Hofnarren Lukaschenko aus Belarus empfing und ganz normal auf einem Stuhl ohne nennenswerten Abstand neben sich sitzen liess, scheint den westlichen Putin-Experten entgangen zu sein.

    Putin war schon immer ein Meister der Inszenierung. Das haben Diktatoren in der Regel so an sich. Besonders dann, wenn sie körperlich nicht unbedingt (Putin 170 cm) die Grössten sind.

  • 21.9.2022 - Tag der trojanischen Pferde

    Keller-Sutter in Sarajevo: Zahl der Migranten auf der Balkanroute steigt wieder stark

    Bundesrätin Karin Keller-Sutter hat am Dienstag an einer Ministerkonferenz in Sarajevo zum Thema Migration teilgenommen. Die Zahl der Flüchtlinge und Migranten, die über die Balkanroute nach Westeuropa kommen, steigt wieder stark - das gilt auch für die Schweiz.

    Unter dem Radar des Ukraine-Kriegs kommen wieder mehr Menschen über die Balkanroute nach Westeuropa. Die Zahlen seien «stark gestiegen», sagte Keller-Sutter zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA und verwies auf Österreich, das bis jetzt 56'000 Asylsuchende verzeichnet.

    Zwar ist die Schweiz für viele Migranten ein Transitland, trotzdem sind die Zahlen von Asylsuchenden wieder gestiegen: Bis Ende August wurden laut Staatssekretariat für Wirtschaft (SEM) 12'362 Asylgesuche registriert. Zudem korrigierte das SEM die erwarteten Asylzahlen von rund 16'500 auf 19'000 bis Ende 2022.

    Da sei es natürlich hilfreich, wenn die Balkanstaaten eigene Rückführungsflüge durchführten, sagte die für Schengen zuständige Justizministerin. Neu hat etwa Bosnien und Herzegowina ein solches Abkommen mit Pakistan. Ein erster Rückführungsflug fand bereits statt. «Auch die Schweiz ist darauf angewiesen.»

    Die Gründe für die steigende Migration sind vielfältig. Bekannt ist jedoch, dass seit neuerem Bürger aus Indien, Kuba und Burundi kein Visum mehr brauchen, um nach Serbien zu reisen. «Die Menschen fliegen nach Belgrad und kommen mit Schlepper via Ungarn nach Österreich, um dann weiter zu reisen», sagte die Justizministerin.

    Ob das mit Serbien befreundete Russland seine Finger mit im Spiel hat, wie einige osteuropäische Staaten annehmen, ist unklar. Aber das Muster ist laut Keller-Sutter bekannt: Länder wie Polen sollen durch eine hohe Zahl an Migranten aus Krisengebieten, die von Belarus her kommen, destabilisiert werden. Auch hier vermutet man ein Manöver Russlands.

    «Es wäre daher wünschenswert, wenn die Visumspolitik der Balkanstaaten mit jener aus dem Schengen-Raum harmoniert würde», so die Justizministerin. Mehrere EU-Staaten planen nun eine Intervention bei der EU-Kommission, an der sich auch die Schweiz beteiligen will. Schreibt Blick.

    Die von Keller-Sutter geäusserte Vermutung, die sie sich zwar nicht zu eigen macht wie sie an der Pressekonferenz betonte, dass sich Serbien zum willfährigen Helfer und Handlanger Russlands entwickelt, liegt eigentlich auf der Hand.

    Die Ausrede der serbischen Regierung, auf die Visumpflicht zu verzichten, weil Serbien Arbeitskräfte benötige, tönt schon fast nach Satire.

    Ausgerechnet der Unrechtsstaat vom Balkan mit einer geschätzten Arbeitslosenquote von rund 10 Prozent, der Hunderttausende seiner Bürgerinnen und Bürger als Arbeitskräfte in viele Länder rund um den Erdball exportiert, will an Arbeitskräftemangel leiden. Wenn das kein Treppenwitz ist, was dann?

    Tatsache ist, dass Serbien den (verlorenen) Balkankrieg und damit den Verlust des Kosovos als serbisches Staatsgebiet bis heute nicht verwunden hat.

    Hinzu kommt die historisch begründete Verbundenheit Serbiens als slawisches Brudervolk mit Russland sowie die Träume der serbischen Ultrakonservativen von einem «Gross-Serbien».

    Dafür – und für billiges Gas/Erdöl – betätigt man sich schon mal als Juniorpartner Russlands für Putins Destabilisierungs-Konzept. Ähnlich dem russischen Hofnarren aus Belarus.

    Ob sich die EU bewusst ist, welches trojanische Pferd, das auch mit China stark verbandelt ist, Mitglied der hehren westlichen Staatengemeinschaft werden will?

  • 20.9.2022 - Tag der besoffenen Russen

    Russischer Abgeordneter droht Deutschland und Grossbritannien mit Atomschlag

    In einer Talk-Sendung des russischen Propaganda-Senders Orc-TV drohte der betrunkene Andrei Guruljow, Abgeordneter der Staatsduma, Deutschland und Grossbritannien mit einem Atomschlag. Dies berichtet das Medium Nexta auf Twitter.

    Ihm zufolge würde Russland nicht einen Atomangriff auf die Ukraine, sondern viel mehr einen nuklearen Angriff auf Deutschland oder Grossbritannien starten. «Es könnte sein, dass Russland Atomwaffen verwenden wird, aber definitiv nicht in der Ukraine. Wir werden dort immer noch leben müssen», so der russische Abgeordnete. Vielmehr sollte sich der beispielsweise glückliche, wohlgenährte deutsche Bürger, dessen Hintern schon vor dem kommenden Winter kalt wird, vor einem Atomangriff fürchten.

    Oder die britischen Inseln, welche die Russen «innerhalb von drei Minuten in eine kriegerische Wüste verwandeln» könnten. Schreibt Blick im Ukraine-Liveticker.

    Liveticker-Formate haben auch so ihre Unarten: Sie müssen im Stundentakt mit Inhalten gefüllt werden. Die Qualität spielt deshalb bei diesen Medien-Formaten längst keine Rolle mehr.

    Anders kann man sich nicht erklären, weshalb schwachsinniges Talk-Getöse eines besoffenen Russen überhaupt publiziert wird.

    Seit die untergegangene UdSSR und Nachfolger Russland die Atombombe in ihrem Waffenarsenal führen, drohten sie bis zum heutigen Tag immer wieder mit einer gewissen Regelmässigkeit anderen Staaten – vorwiegend aus dem Westen – mit dem Einsatz der verheerenden Teufelswaffe.

    Doch egal, wer im Kreml gerade die Macht ausübt: Die Allmächtigen Russlands sind sich schon bewusst, dass die Atombombe keine Angriffswaffe ist. Ausser besoffenen Duma-Abgeordneten weiss das so ziemlich jeder, der seine Tassen noch einigermassen geordnet im Schrank hat.

    Denn für den Absender einer Atombombe gilt die simple Erkenntnis, dass er definitiv als Zweiter stirbt. Anders ausgedrückt: Zerstörst du mir London, wird kurz darauf Moskau dem Erdboden gleichgemacht.

    Atomwaffen sind reine Abschreckungswaffen, die den Besitzer vor Angriffen schützen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nordkorea lässt (erfolgreich) grüssen.

  • 19.9.2022 - Tag der Esel, die sich gegenseitig Langohr schimpfen

    Nach ihrer Kritik an Stromkonzernen: Axpo-Verwaltungsrat weist Martullo zurecht

    Vier Milliarden Franken will der Stromriese Axpo vom Bund, um weiterzugeschäften wie bisher. Das kritisierte SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo im Blick-Interview. Ein Axpo-Verwaltungsrat rüffelte die Ems-Chefin deswegen erneut.

    SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo (53) hat die Schweizer Stromkonzerne im Blick-Interview am Samstag scharf kritisiert. Nicht zum ersten Mal – sie tat es schon im Februar. Das stört Axpo-Verwaltungsrat Stefan Kessler (48), wie Martullo nun berichtet.

    «Im vergangenen Februar wies ich im Blick auf die Handelsgeschäfte und die grossen Spekulationsrisiken hin und forderte mehr Kontrolle von den Eignerkantonen», so die Ems-Chefin. Der für den Prüfungs- und Finanzausschuss verantwortliche Axpo-Verwaltungsrat habe sich darauf bei ihr gemeldet. «Und wies mich schriftlich zurecht.»

    «Vorab informieren»

    Martullo berichtet, der Axpo-Verwaltungsrat habe ihre Äusserungen mit «mit grossem Erstaunen» und «selten so etwas Unqualifiziertes und Falsches gelesen» kommentiert. Kessler schrieb ihr weiter, sie solle sich «vorab über Zusammenhänge informieren».

    Inzwischen musste sich der Stromkonzern unter den Schutzschirm des Bundes retten. Für den Fall, dass die Axpo ihre Geschäfte bei einem erneuten Strompreis-Sprung rasch mit Hunderten Millionen Franken besichern muss, hat sie sich einen Vier-Milliarden-Kredit gesichert. Für dieses Geld müssen jedoch nicht ihre Eigner geradestehen, die Kantone, sondern der Bund.

    Kein bisschen kleinlauter

    Wer nun denkt, der Axpo-Verwaltungsrat wäre inzwischen kleinlaut geworden, irrt. Am Samstag hat Kessler ein weiteres E-Mail geschickt – im selben Stil. Die Axpo erklärt dazu am Sonntag: «Die von Frau Nationalrätin Martullo vorgebrachten Vorwürfe sind falsch, da die Kreditlinie des Bundes mit Spekulation nichts zu tun hat und der in der Schweiz produzierte Strom letztendlich auch in der Schweiz ausgeliefert wird.»

    Die Axpo führe seit längerer Zeit Gespräche mit interessierten Personen aus der nationalen und kantonalen Politik zur Erklärung der energiewirtschaftlichen Zusammenhänge. Tatsächlich hatte Kessler Martullo schon im Februar angeboten, er stehe zur Verfügung, wenn sie sich über den Strommarkt informieren wolle.

    Gegen das Axpo-Management durchsetzen

    Dennoch sagt die Ems-Chefin: «Inzwischen höre ich, dass auch kritische Kantonsvertreter so abgewimmelt oder hingehalten wurden.» Heute seien ihre damaligen Befürchtungen Realität geworden «und der Bund muss Milliarden zur Verfügung stellen».

    Sie bleibt dabei: «Nun müssen sich der Bund und die Eignerkantone gegen das Axpo-Management durchsetzen und eine fundierte Prüfung der Geschäfte vornehmen.» Die Eigenhandelsgeschäfte seien einzuschränken und es sei eine Geschäftsstrategie mit Konzentration auf die günstige Eigenversorgung der Schweiz zu definieren. Das Seilziehen um die Axpo dürfte weitergehen. Schreibt Blick.

    Martullo und Trump haben eine Gemeinsamkeit: Es ist nicht alles falsch, was die beiden zum Besten geben, aber sie sind die falschen Personen. Oder anders ausgedrückt: Sie sind nicht Teil der Lösung, sondern meistens Teil des Problems, das sie kritisieren.

    Martullo hat ja absolut recht, wenn sie den Stromhandel und damit die Axpo als Spekulations-Casino der «skrupellosen Boni-Manager» bezeichnet. Doch da gibt es die Geschichte der dem fatalen Neoliberalismus geschuldeten Deregulierungen.

    Und an denen war der grosse Zampano vom Herrliberg und Martullos Vater Christoph Blocher mit seiner SVP im Gleichschritt mit FDP, der Mitte-Partei (vormals CVP) und den Grün-Liberalen massgeblich an vorderster Front beteiligt.

    Dass dem Staat gewisse Kernaufgaben obliegen wie beispielsweise die Energiesicherheit für Bürgerinnen und Bürger ist eine alte Weisheit. Mit «Kommunismus» und «Sozialismus» hat sie rein gar nichts zu tun. Das sei hier explizit erwähnt. Mit einer funktionierenden Demokratie allerdings sehr viel.

    Leider kommt diese Erkenntnis in Zeiten des ungezügelten Neoliberalismus und verantwortungslosen Deregulierungs-Orgien erst in Krisensituationen mit erschreckender Deutlichkeit zum Vorschein. Das war während der Corona-Pandemie der Fall und ist jetzt auch wieder bei der massivsten Inflation der Nachkriegsjahre und dem verheerenden Ukraine-Krieg zu beobachten.

    Die alte Mär vom «freien Markt», der alles reguliert, funktioniert nicht einmal in Schönwetterzeiten. Geschweige denn in stürmischen.

  • 18.9.2022 - Das «System Lukaschenko» macht Schule in den USA

    Protestaktion gegen US-Demokraten: Florida schickt Migranten auf noble Ferien-Insel

    Martha's Vineyard liegt weit von Florida entfernt. Dessen republikanischer Gouverneur aber ließ unangekündigt Migranten auf die bei prominenten Demokraten beliebte Ferieninsel fliegen. Das Weiße Haus nannte die Aktion "grausam".

    Im Streit über die Einwanderungspolitik in den USA weiten republikanische Gouverneure ihre Methode aus, Migranten in demokratisch geprägte Teile des Landes zu schaffen. Auf der noblen Ferieninsel Martha's Vineyard im Bundesstaat Massachusetts kamen überraschend mehrere Dutzend Migranten per Flugzeug an. Der republikanische Gouverneur von Florida im Süden des Landes, Ron DeSantis, hatte die Menschen dorthin bringen lassen, wie sein Büro in einer Stellungnahme verkündete.

    Darin hieß es weiter, Staaten wie Massachusetts hätten die Menschen "eingeladen", in die USA zu kommen, indem sie einen Anreiz für illegale Migration schafften und Bidens "Politik offener Grenzen" unterstützten. Massachusetts hat zwar einen republikanischen Gouverneur, gilt ansonsten jedoch als demokratisch geprägter Bundesstaat, der auch im Senat von zwei Demokraten vertreten wird.

    Martha's Vineyard ist bekannt als beliebter Ferienort prominenter Demokraten. Die Obamas besitzen beispielsweise seit ein paar Jahren eine Luxus-Strandvilla auf der Insel. Auch andere Prominente und Wohlhabende verbringen Urlaube auf der Insel.

    "Böse und unmenschlich"

    Das Weiße Haus verurteilte die Aktionen der republikanischen Gouverneure mit scharfen Worten. Bidens Sprecherin Karine Jean-Pierre nannte ihr Vorgehen "schändlich", "rücksichtslos" und "schlicht falsch". Es handele sich um eine kalte, politische Aktion. Familien und Kinder würden als politisches Druckmittel eingesetzt: "Es ist unmenschlich", sagte sie. "Es ist grausam."

    Der örtliche demokratische Abgeordnete Dylan Fernandes schrieb auf Twitter, die Gemeinde habe sofort Betten, Mahlzeiten und medizinische Versorgung für die Migranten organisiert. Er kritisierte das Vorgehen der Republikaner scharf: "Republikaner, die sich selbst als Christen bezeichnen, planen seit einiger Zeit, Menschenleben - Männer, Frauen und Kinder - als politisches Pfand zu benutzen. Das ist böse und unmenschlich." Viele der Migranten wüssten nicht, wo sie sind. Ihnen sei offenbar gesagt worden, dass sie Wohnungen und Jobs bekämen.

    DeSantis gilt als möglicher Präsidentschaftsbewerber der Republikaner und als derzeit größter parteiinterner Konkurrent für Ex-Präsident Donald Trump, der seit Wochen Spekulationen anheizt, dass er 2024 für eine zweite Amtszeit antreten könnte. DeSantis ist mitten im Wahlkampf für eine weitere Amtszeit als Gouverneur.

    Aus Texas zu Harris' Residenz geschickt

    Der texanische Gouverneur Greg Abbott, der ebenfalls im Wahlkampf ist, ließ zwei Busse voller Migranten öffentlichkeitswirksam in die Nähe der Residenz von US-Vizepräsidentin Kamala Harris in Washington bringen. Ihre Aufgabe ist es, Fluchtursachen zu bekämpfen und illegale Migration so einzudämmen. Harris leugne die Krise und behaupte, die US-Grenze sei sicher, schrieb Abbott auf Twitter: "Wir schicken Migranten in ihren Hinterhof, um die Regierung Biden aufzufordern, ihren Job zu machen und die Grenze zu sichern.

    "Im Frühjahr hatten Abbott und sein republikanischer Amtskollege aus Arizona, Doug Ducey, damit begonnen, aus Protest gegen die Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Joe Biden Migranten aus den Grenzgebieten mit Bussen in die demokratisch regierten Großstädte Washington, New York und Chicago zu bringen.

    Allein in Washington kamen Berichten zufolge bereits mehr als 9000 Migranten an. Die demokratische Bürgermeisterin Muriel Bowser rief angesichts der eintreffenden Migrantenbusse zuletzt den Notstand aus, um Unterstützung durch den Bund zu bekommen.

    Bei der Kongresswahl am 8. November, in der Mitte von Bidens Amtszeit, werden in den USA alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und etwa ein Drittel der Sitze im Senat neu vergeben. Ebenso stehen in zahlreichen Bundesstaaten Gouverneurswahlen an.

    Das Thema Migration gehört seit Jahren zu den erbittertsten Streitpunkten zwischen Demokraten und Republikanern. Trump hatte in seiner Amtszeit einen besonders harten Kurs in der Migrationspolitik gefahren und sich auf verschiedensten Wegen bemüht, Einwanderung zu erschweren. Der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko war das prominenteste Beispiel. Hinzu kamen unzählige Verschärfungen, um Asylsuchende - aber auch andere Einwanderer - fernzuhalten. Biden schlug zu seinem Amtsantritt einen grundlegend anderen Kurs ein. Schreibt Tagesschau.

    Erinnert stark an die mit Moskau orchestrierte Aktion von Putins Hofnarr Lukaschenko aus Belarus, der Polen und die baltischen Staaten im Herbst 2021 mit Flüchtlingen flutete, die er zuvor aus allen Himmelsrichtungen einfliegen liess.

    Quo vadis Amerika?

  • 17.9.2022 - Tag der Saktions-Experten*innen

    «Zu viele ausländische Teile» – Russischer Lada-Konzern stellt Prestigeprojekt Xray ein

    Er war der erste Lada, der nicht mehr wie ein Lada aussah: Der russische Autohersteller begräbt sein Vorzeigeprojekt Xray, mit dem einst die Modernisierung des Konzerns begonnen hatte – eine indirekte Folge des Krieges gegen die Ukraine.

    Der russische Autobauer Lada hat angekündigt, nach mehrmonatiger Unterbrechung der Produktion wegen der Sanktionen die Fertigung vieler Modelle wieder langsam hochzufahren. Nicht mehr im Produktionsprogramm aber: der Lada Xray, ein kompaktes SUV.

    Der Grund für das Ende des Xray sei »der sehr hohe Anteil importierter Komponenten«, zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti einen Lada-Vertreter. Das Aus für den Xray ist ein durchaus symbolhafter Schritt: Der Wagen gehörte zu den ersten Entwürfen des Designers Steve Mattin, der lange für Mercedes und Volvo Fahrzeuge gestaltet hatte. Seine Mission: Das angestaubte Image des von vielen Krisen gebeutelten Lada-Konzerns aufmotzen und den Fahrzeugen eine moderne, ansprechende Designsprache zu verpassen (ein Interview mit Steve Mattin finden Sie hier).

    Keine Lieferanten für 1500 Bauteile

    Die Sanktionen haben Russlands Autobranche schwer getroffen. Viele westliche Autobauer haben die Produktion in ihren Fabriken eingestellt. Der langjährige Lada-Partner Renault-Nissan hat sich aus der Kooperation zurückgezogen. Ein akuter Mangel an Bauteilen und Vorprodukten führte im Frühjahr auch bei russischen Herstellern zu massenhaften Fabrikstilllegungen.

    Inzwischen hat Awtowas die Herstellung von Fahrzeugen wieder aufgenommen. Die Ladas, die nun vom Band rollen, sehen allerdings nur noch so aus wie die Autos, die vor Beginn des Überfalls auf die Ukraine produziert worden: Einige haben keine Airbags, den Bremsassistenten ABS will das Unternehmen erst ab 2023 wieder verbauen, – sofern bis dahin alternative Lieferanten gefunden sind.

    Nach Konzernangaben hat Lada bei insgesamt 1500 von 4500 Bauteilen noch keine alternativen Lieferanten gefunden. Zugleich sind die Neuwagenpreise gestiegen: Im Frühjahr kostete das Modell Lada Vesta noch etwa eine Million Rubel, inzwischen werden bis zu drei Millionen Rubel (50.000 Euro) aufgerufen. Schreibt DER SPIEGEL.

    Soviel zu dem beinahe täglich von Politikern*innen – vorwiegend zusammengesetzt aus Putin-Verstehern*innen – und einigen weltfremden Journalisten*innen geäusserten Vorwurf, Sanktionen gegen Russland würden keine Wirkung erzielen.

    Einige dieser Besserwisser*innen gehen noch weiter mit ihren Behauptungen. Sanktionen hätten noch nie etwas bewirkt.

    Als Beweis für die Richtigkeit dieser Aussage werden sanktionierte Staaten wie Kuba, Nordkorea und Iran genannt. Die verarmte Bevölkerung dieser von Despoten und Gewaltherrschaft dominierten Ländern ist vermutlich anderer Ansicht als unsere westlichen Sanktions-Experten*innen.

    Richtig ist, dass die meisten Sanktionen erst mit einer zeitlichen Verzögerung ihre Wirkung entfalten. Richtig ist auch, dass sie häufig diejenigen, die die Sanktionen verhängen, zuerst treffen. Das bestreitet auch niemand. Der Westen erlebt dies gerade schmerzlich bezüglich russischem Gas und Erdöl.

    Doch langfristig haben derart massive Sanktionspakete wie derzeit gegen Russland verhängt die Potenz, den Industriesektor eines Landes um Jahre wenn nicht gar Jahrzehnte in seiner Entwicklung zurückzuwerfen. Fehlende Airbags und ABS-Systeme sind wohl eher kleinere Randerscheinungen.

    Problematischer wird's bei sanktionierten Hightech-Produkten. Das erfährt die russische Luftfahrt derzeit bereits mit den westlichen Flugzeugen. Etliche davon mussten bereits stillgelegt werden und dienen nur noch als «Ersatzteillager».

  • 16.9.2022 - Tag der Propeller-Flugzeuge

    Fluglotsen-Streik in Frankreich betrifft auch die Schweiz

    Flugreisende in und nach Frankreich müssen sich am Freitag auf Ausfälle und Verspätungen einstellen. Ab den frühen Morgenstunden wollen Fluglotsinnen und Fluglotsen im Land ihre Arbeit für 24 Stunden niederlegen.

    Die Generaldirektion für Zivilluftfahrt rief Airlines dazu auf, ihr Angebot auf dem französischen Festland und den Überseegebieten um die Hälfte herunterzufahren.

    Air France kündigte an, etwa 55 Prozent der Kurz- und Mittelstreckenflüge am Freitag zu streichen.

    Flüge von Zürich und Genf nach Paris betroffen

    Von Annullierungen betroffen sind auch einige wenige Flüge von Zürich und Genf mit Zielflughäfen in Frankreich, namentlich nach Paris. Das zeigt ein Blick auf die Liste der Abflüge, die die beiden Flughäfen jeweils online veröffentlichen.

    Zu dem Streik aufgerufen hatte die Gewerkschaft SNCTA. Nach sechs Monaten Verhandlungen vermisse man konkrete Antworten der Arbeitgeberseite, hiess es.

    Zweite Streikankündigung

    Streitpunkte sind die Sicherung des Nachwuchses sowie die Forderung nach Zahlungen zum Inflationsausgleich. Laut der Gewerkschaft wird zwischen 2029 und 2035 ein Drittel der Fluglotsinnen und Fluglotsen in Rente gehen.

    Wegen der langen Ausbildung müsse im kommenden Jahr ein Plan für den Nachwuchs stehen. Die Gewerkschaft hat bereits eine zweite Streikankündigung für den 28. bis 30. September veröffentlicht. Schreibt Blick.

    Schlechte Nachrichten für Bundesrat Alain «Berserker» Berset: Da wird's wohl nix mit einem kurzen Wochenendausflug mit dem «Privat-Propeller-Jet» nach Frankreich, wo so viele hübsche Damen wohnen.

  • 15.9.2022 - Tag des Teufels vs. Beelzebub

    «Würden gerne Gas sparen, dürfen es aber nicht», beklagt der Daimler-Truck-Chef

    Der Vorstandsvorsitzende von Daimler Truck, Martin Daum, ist sauer auf die Bundesregierung und ihre Energiepolitik. Sein Unternehmen wolle Gas sparen, sei dazu in der Lage, aber dürfe es nicht. Grund dafür: die Bürokratie. Diese sei „wie bei Asterix und Obelix“.

    Martin Daum ist Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Nutzfahrzeugherstellers Daimler Truck und aktuell ziemlich unzufrieden mit der Energiepolitik der Bundesregierung. In einem Interview mit der „FAZ“ kritisiert er diese scharf. „Wir würden gern Gas sparen, dürfen es aber nicht, aus Emissionsschutzauflagen“, so Daum. „Das ist ein absolutes Unding. Wir diskutieren über die Gradzahl beim Duschen und ob wir Monumente nicht mehr beleuchten: Das ist ein absoluter Witz verglichen mit dem, was wir als Industrie sparen können, wenn wir unbürokratisch und schnell unsere Heizkraftwerke auf Heizöl umstellen.“

    Das Unternehmen sei bereits seit Anfang August in der Lage, die komplette Prozesswärme auf Heizöl umzustellen. Das könnte nach Angaben des Managers ungefähr 40 Gigawattstunden Gas im Monat sparen. Der Bundestag werde jedoch erst Ende September oder Anfang Oktober darüber entschieden, ob die Bürokratie verkürzt werde. „Irgendwann Ende Oktober dürfen wir dann vielleicht umstellen.“

    „Das ist Bürokratie wie bei Asterix und Obelix“

    Daum habe es in mehreren Anläufen und auf allen Verwaltungsebenen versucht, aber der Antrag würde vom Landkreis ans Land und von dort an den Bund weitergereicht. „Wir haben eine Betriebsgenehmigung nach dem Bundesemissionsschutzgesetz. Die Änderung erfordert Gutachten und Begründungen“, sagte er der „FAZ“ und ging hart mit der Verwaltung ins Gericht. „Das ist die Bürokratie wie bei Asterix und Obelix. Niemand meint es böse. Hätten wir morgen kein Gas mehr, wäre das wahrscheinlich über Nacht möglich.“

    Zudem zweifelte der Vorstandschef des Lkw-Herstellers, dessen Geschäft sonst als sehr konjunkturabhängig gilt, an den negativen Prognosen zur Konjunkturentwicklung: „Die Zeichen einer Rezession sind: Arbeitslosigkeit und Angebot übersteigt Nachfrage. Beides beobachte ich nicht.“

    Er sei weder im Rat der Weisen, noch Forscher. „Es ist im Moment populär zu sagen: Der Himmel stürzt ein und das Ende der Welt ist gekommen. Das sehe ich nicht, auch wenn das System fragil ist. Wir werden eines Tages vielleicht eine Rezession haben und dann sagen alle: Ich habe es doch gesagt.“ Schreibt DIE WELT.

    Bis zum «failed state» ist's in Deutschland (und anderen westlichen Demokratien) wahrlich nicht mehr weit. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Mit der gleichen politischen Elite, die uns in die schlimmste Nachkriegskrise geführt hat, werden wir so schnell nicht aus diesem Schlamassel herauskommen.

    Man darf sich langsam fragen, ob wir uns mehr vor unserem Polit-Establishment als vor Putin fürchten müssen. Verkommen sind beide. Zumal es noch nie eine gute Strategie war, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

  • 14.9.2022 - Tag der Produkte, die kein Mensch braucht

    Milka, Coca-Cola, Haribo: Viele Produkte werden im Supermarkt bald teurer

    Viele Hersteller wie Coca-Cola oder Milka heben ihre Preise an. Für Kunden wird der Supermarkt-Einkauf damit bald noch teurer.

    Viele Verbraucher stöhnen bereits jetzt angesichts teils stark angestiegener Preise bei Supermärkten und Discountern. Einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge ist das Ende der Fahnenstange allerdings wohl noch lange nicht erreicht.

    Stefan Benett, Managing Director von Inverto, einer Einkaufsberatung für Unternehmen, warnt gegenüber dem Handelsblatt: „Es gibt hohe Kosten in den Lieferketten, die in den Konsumentenpreisen noch nicht angekommen sind“. Vor allem bei Lebensmitteln in Supermärkten dürften die Preise in den nächsten Wochen und Monaten deutlich ansteigen.

    Coca-Cola, Haribo und Co. heben die Verkaufspreise an

    Einige Beispiele: Die Brauerei Radeberger ziehen ab 1. Dezember die Preise an. Da der Konzern zu den Marktführern gehört, dürften weitere nachziehen. Auch weitere Getränkehersteller wie Coca-Cola oder Berentzen haben bereits Preiserhöhungen angekündigt. Beim Softdrink-Riesen hat dies bereits für einigen Ärger mit Supermarkt Edeka gesorgt.

    Auch bei Süßwaren müssen sich Verbraucher auf höhere Preise einstellen. Milka-Hersteller Mondelez und Haribo hatten in der Vergangenheit ebenfalls angekündigt, dass ihre Produkte teurer werden.

    Neben den Lebensmitteln müssen Kunden aber auch mit Teuerungen bei Waschmitteln, Duschgels oder Deo rechnen. Nivea-Hersteller Beiersdorfer befindet sich aktuell erneut in Preisverhandlungen mit dem Handel. Auch Henkel hat mit den steigenden Kosten bei Engpässen und Rohstoffen zu kämpfen. Bei Produkten wie Pril oder Persil bahnen sich daher ebenfalls Preiserhöhungen an. Schreibt FOCUS.

    Milka, Coca-Cola, Haribo: Drei Dickmacher-Produkte, auf die man ruhig verzichten kann, ohne auch nur ein Quäntchen an Lebensqualität zu verlieren. Im Gegenteil. Unser Gesundheitsbarometer sowie das Körpergewicht werden sich dafür sogar bedanken.

  • 13.9.2022 - Tag der Fahrradkette

    Blick beantwortet 7 Fragen zum Vormarsch der Ukrainer: Wie rächt sich Putin?

    Bei einem Überraschungsangriff im Osten des Landes haben die Ukrainer rund 30 Städte und Dörfer zurückgeholt. Blick erklärt, ob der Erfolg anhalten wird und wie Putin reagieren könnte.

    Nachdem die Ukrainer die Russen im Osten überrumpelt und teilweise vertrieben haben, scheint der Kreml Gesprächsbereitschaft zu zeigen. Wie ernst ist das gemeint? Gibts bald Frieden oder holt Putin doch noch die Atomwaffen hervor?

    Blick beantwortet die wichtigsten Fragen zum Krieg in der Ukraine, bei dem sich das Blatt definitiv zugunsten der Ukraine zu wenden scheint.

    Ist das die Wende, gewinnt die Ukraine nun den Krieg?

    Auszuschliessen ist das nicht. Mauro Mantovani (58), Strategieexperte an der ETH-Militärakademie, sagt zu Blick: «Die Ukrainer sind durch diese Erfolge ihrem Kriegsziel, die Russen ganz aus dem Land zu vertreiben, zwar näher gekommen. Der Weg dahin wird aber noch ein langer sein und möglicherweise über eine Eskalation der Gewalt führen.» Laut Mantovani haben die Ukrainer gute Chancen, langfristig sämtliche verlorenen Gebiete zurückzuerobern.

    Auch ETH-Sicherheitsexperte Benno Zogg (32) geht davon aus, dass die Ukrainer mit ihrem Verteidigerbonus die eroberten Gebiete halten und weitere Vorstösse unternehmen. «Dieser Krieg bietet aber kaum schnelle Wenden, sondern eher monatelanges, zähes Vorankämpfen.»

    Bei den Ukrainern herrscht Euphorie. «Schon in den nächsten Wochen werden wir einen raschen Vormarsch in der Region Luhansk erleben», sagt Sergij Gayday (46), Gouverneur von Luhansk, gegenüber Blick. «Unsere Städte sind von den Russen fast vollständig zerstört worden. Deshalb werden diese keine Schutzmöglichkeiten haben.»

    Warum sind die ukrainischen Truppen im Osten so erfolgreich?

    Die Ukrainer haben die Russen mit einem Täuschungsmanöver überrumpelt. Es schien in den vergangenen Tagen, dass sie den Fokus auf Cherson legten, worauf sich die Russen im Süden auf die Verteidigung einstellten.

    Doch dann schlugen die Ukrainer überraschend und schnell im Osten zu. Mantovani: «Der Durchbruch erfolgte in einem Frontabschnitt, der durch Einheiten der Luhansker Miliz und russische Reservisten nur schwach besetzt war.» Zugleich sei offenbar russische Luftunterstützung ausgeblieben.

    «Dass dieses Ablenkungsmanöver gelang, belegt erneut die Schwäche der russischen Nachrichtendienste», sagt Mantovani. Ihr Lagebild sei jenem der Ukrainer, die vom Westen unterstützt werden, deutlich unterlegen.

    Dass sich die russischen Truppen teilweise ungeordnet zurückzogen und grosse Mengen an Kriegsgerät und Munition zurückliessen, zeuge nicht nur von einem Überraschungseffekt, sondern auch von einer «desolaten» Kampfmoral. Mantovani ist überzeugt: «Diese Moral dürfte sich nun in den Besatzungstruppen fortpflanzen.»

    Wie geschwächt ist die russische Armee?

    Die russische Armee habe kaum mehr Reserven, sagt Mauro Mantovani. Das habe sich vergangene Woche im Osten Russlands bei der Routineübung Wostok gezeigt, die von einst angeblich 300’000 auf 15’000 Mann zusammengeschrumpft sei. Mantovani: «Zeitsoldaten zu halten, geschweige denn hinzuzugewinnen, wird schwierig werden. Zudem sind die neuen Rekruten noch lange nicht ausgebildet.»

    Die Russen könnten in der Ukraine bestenfalls noch besetzte Gebiete eine Zeit lang halten und weiterhin mit Raketen und Luftstreitkräften im Hinterland Schäden anrichten. «Grossräumig neue Gebiete zu erobern, scheint nun endgültig ausserhalb ihrer Möglichkeiten zu liegen», meint Mantovani.

    Wie reagiert Putin auf die Kritik gegen ihn?

    Tschetschenen-Anführer Ramsan Kadyrow (45), der Putin seine berüchtigten Söldner liefert, ist sauer auf den Kreml. Er spricht in einer Audiobotschaft von einer «unfassbaren Situation» an der Front und fordert eine Änderung der Strategie. Kritik soll es auch von hohen Beamten geben.

    Solch offene Zweifel an der «Genialität Putins als Feldherr» seien in Russland gefährlich, sagt Mauro Mantovani. Er rechnet mit weiteren Entlassungen von Militärführern und Nachrichtendienstlern.

    Wie gross ist die Chance auf Verhandlungen und einen Waffenstillstand?

    Der russische Aussenminister Sergej Lawrow (72) hatte am Sonntag Verhandlungen nicht ausgeschlossen. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (44) erklärte darauf allerdings, dass er aktuell keine Möglichkeit für Verhandlungen sehe, weil die russische Regierung keine Bereitschaft zu einer konstruktiven Lösung zeige. Eine Einigung könne erst nach dem vollständigen Abzug der russischen Truppen erzielt werden.

    Benno Zogg sagt: «Wenn sich russische Verhandlungsangebote konkretisieren dürften, wäre dies als Finte zu werten.» Es deute nichts darauf hin, dass Putin seine Kriegsziele anpassen und die Ukraine plötzlich als gleichwertigen Verhandlungspartner und Land mit Anspruch auf Eigenständigkeit wahrnehmen wolle. «Auf russischer Seite besteht weder der Wille zu Kompromissen, noch ist man militärisch genügend unter Druck.»

    Das Gleiche gelte für die Gegenseite. Zogg: «Die ukrainische Armee hat jetzt Momentum, und diese Erfolge dürften die Moral in Armee und Bevölkerung sowie bei ausländischen Partnern stärken.» Selenski wisse, dass russische Verhandlungsangebote nur dazu dienen sollten, sich zu regruppieren und Versorgungslinien wiederherzustellen. «Diese Pause will und soll man der russischen Armee nicht gönnen.»

    Wie rächt sich Putin?

    Nach dem Vorrücken der Ukrainer kam es im Osten des Landes zu massiven Stromausfällen, Millionen waren im Dunkeln und ohne Wärme. War es die Rache Putins? Der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk jedenfalls wirft den russischen Streitkräften vor, Energie-Infrastruktur angegriffen zu haben. Mit der Attacke wolle sich die russische Arme für ihre Niederlage auf dem Schlachtfeld rächen, schrieb Valentin Reznichenko (50) auf Telegram.

    Er bezeichnet die Russen als «Terroristen», die es nicht auf militärische Ziele abgesehen hätten, sondern die Menschen in der Ukraine ohne Strom und Heizung zurücklassen wollten. Mauro Mantovani: «Vergeltungsschläge gegen die Zivilbevölkerung beherrschen die Russen leider sehr gut.»

    Greift Putin nun zu den Atomwaffen?

    Benno Zogg glaubt nicht, dass Putin nach den ukrainischen Erfolgen militärisch gross reagieren werde. «Russland wird sich vorerst kaum strategisch umorientieren, auch um kein Zeichen eigener Schwäche zu zeigen.» Die Erfolge der Ukrainer führten noch nicht zu einem Zusammenbruch der gesamten russischen Front. «Das Thema Atomwaffen wäre daher aus Putins Sicht unverhältnismässig und kaum zielführend», ist Zogg überzeugt. Schreibt Blick.

    Geht es Ihnen auch so wie mir? Ich bin jeden Tag aufs Neue entzückt und überrascht über die Heerschar der Militär- und Kriegsexperten*innen.

    Nachdem wir die letzten zwei Jahre von gefühlt 8'738'791 Schweizer Virologen*innen und Virusexperten*innen heimgesucht wurden, erleben wir nun nun seit Beginn des Ukraine-Krieg eine Wiederholung: Die 8'738'791 haben im wahrsten Sinne des Wortes die Fronten gewechselt: Vom Corona-Virus zum weit schrecklicheren Virus namens Putin.

    Das Boulevardblatt von der Zürcher Dufourstrasse bemüht sich immerhin noch bei seinen täglichen Bullshit-Wahrsagungen im Stil von Uriella und Mike Shiva des Konjunktivs, in dem man so ziemlich alles fabulieren kann. Putin könnte und hätte hätte Fahrradkette...

  • 12.9.2022 - Tag der SP-Rettungsschirme

    Grosser Rettungsschirm auch für Kleine: SP propagiert Strom-Schock-Hilfsprogramm

    Die SP fordert wegen des Strompreis-Schocks ein ähnliches Hilfsprogramm wie bei Corona. Die Partei macht Druck auf SVP-Wirtschaftsminister Guy Parmelin.

    Der Strommarkt spielt verrückt und die Stromversorger drehen mächtig an der Preisschraube. Per 2023 steigen die Strompreise für die Haushalte um durchschnittlich 27 Prozent. Das gilt auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die in der sogenannten Grundversorgung sind.

    Doch wehe jenen Firmen, die die 2009 eingeführte Liberalisierung genutzt haben und sich auf dem freien Markt mit Strom eindecken. Für viele gibt es nun ein böses Erwachen. Wie etwa für den Tessiner Mitte-Nationalrat und Rollladenhersteller Fabio Regazzi (60): Statt wie bisher 60'000 Franken soll er 2023 für Strom eine Million Franken berappen.

    Ein Preisschock, der zahlreiche weitere Unternehmen im ganzen Land betrifft – und einige Unternehmen sogar in ihrer Existenz bedroht. Das befürchtet auch SP-Co-Chef Cédric Wermuth (36). «Es drohen zahlreiche Konkurse, wenn nichts unternommen wird», sagt der Aargauer Nationalrat.

    Bundesfonds mit Übergewinnen

    Er fühlt sich an die Corona-Krise erinnert, als die wirtschaftlichen Auswirkungen zu Beginn massiv unterschätzt wurden und der Bund schliesslich mit Notrecht einspringen musste. Die notfallmässige Aktivierung des milliardenschweren Rettungsschirms für die Axpo erachtet Wermuth als Vorboten dafür, dass noch Schlimmeres bevorsteht.

    «Wir dürfen nicht – schon wieder – die Grossen retten und die Kleinen vergessen!», macht Wermuth deshalb deutlich. Ihm schwebt ein ähnliches Rettungsprogramm für die Wirtschaft vor wie bei der Corona-Krise: etwa die Möglichkeit von Überbrückungskrediten oder ein Härtefallprogramm.

    Er denkt auch an einen «Bundesfonds zur Abfederung von Sonderpreisen für stromintensive Unternehmen». Dieser könnte vorerst mit Bundesgeldern bevorschusst und später mit den absehbaren Übergewinnen von Energieunternehmen refinanziert werden.

    Wermuth zeigt sich zudem offen für einen Vorschlag des Gewerbeverbandes, wonach KMU zurück in die Grundversorgung wechseln dürfen. «Allerdings müsste dies an Bedingungen geknüpft werden, beispielsweise an Energieeffizienz-Massnahmen im Betrieb», sagt er. «Und sie müssten sich für ein paar Jahre an die Grundversorgung binden.»

    Vorstoss verlangt Antworten

    Wermuth will bei den Wirtschaftshilfen nun rasch Nägel mit Köpfen machen. In der nationalrätlichen Wirtschaftskommission hat er eine ausserordentliche Sitzung beantragt. «Bislang allerdings mit abschlägigen Rückmeldungen», so der SP-Mann. «Offenbar sehen die Bürgerlichen einmal mehr keinen Handlungsbedarf.»

    Am Montag reicht die SP-Fraktion zudem eine dringliche Interpellation ein. Sie will vom Bundesrat detailliert wissen, wie er Unternehmen und einkommensschwachen Haushalten helfen will, «die von unverhältnismässigen Strompreiserhöhungen betroffen sind». Insbesondere soll der Bundesrat auch einschätzen, inwiefern er das Überleben gewisser Unternehmen aufgrund der Strompreis-Explosion gefährdet sieht und wie er deren Existenz sichern will.

    SP macht Druck auf Parmelin

    Der Vorstoss zielt auf das Wirtschaftsdepartement von Bundesrat Guy Parmelin (62). Der SVP-Magistrat behilft sich vorerst mit runden Tischen und hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die verschiedenen Vorschläge prüft. Allerdings will der Bundesrat erst im Oktober darüber diskutieren.

    «Im Wirtschaftsdepartement bleibt alles sehr vage. Dabei sollte Bundesrat Parmelin jetzt rasch für Klarheit und Sicherheit für die Betriebe sorgen», moniert Wermuth. «Es ist rasches Handeln nötig, um wirtschaftlichen Schaden abzuwenden und Arbeitsplätze zu retten.» Schreibt Blick.

    Scheinbar entdeckt die SP ein Zitat des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann: «Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt».

    Bleibt zu hoffen, dass diese tiefe Erkenntnis der SP nicht nur den kommenden eidgenössischen Wahlen 2023 geschuldet ist. Es wird in diesem Zusammenhang für das Wahlvolk interessant sein, wie sich die «bürgerlichen» Parteien zu diesem Vorstoss der SP verhalten werden.

    Man darf auf jeden Fall schon jetzt auf den Eiertanz der Verfechter*innen des neoliberalen «Freien Marktes» gespannt sein. Zündstoff für die Wahlen 2023 ist auf jeden Fall vorhanden.

  • 11.9.2022 - Tag der Blaublüter*innen

    Litt offenbar an Gefässerkrankung: Die Queen (†96) starb wahrscheinlich an multiplem Organversagen

    Die offizielle Todesursache der Queen ist nicht bekannt. Sie sei «friedlich verstorben», liess die königliche Familie lediglich verlauten. Letzte Fotos der Monarchin geben jedoch Aufschluss darüber, woran die Monarchin gestorben sein dürfte.

    Queen Elizabeth II. ist am Donnerstag «friedlich» im Alter von 96 Jahren verstorben. Dies hatte die königliche britische Familie online bekanntgegeben. Zur offiziellen Todesursache schweigt das Königshaus. Aufgrund öffentlich zugänglicher Informationen gibt es jedoch Hinweise, woran die Regentin verstorben sein dürfte.

    Als Schlüsselhinweis gelten Fotos der letzten Amtshandlungen der Queen kurz vor ihrem Tod. Beim Treffen mit der neuen britischen Premierministerin Elizabeth Truss (47) am Dienstag, zwei Tage vor dem plötzlichen Ableben der Monarchin, sind deutlich dunkle blaue Verfärbungen auf dem rechten Handrücken der Königin zu erkennen.

    «Es sieht so aus, als gäbe es möglicherweise Anzeichen für eine periphere Gefässerkrankung», sagte die australische Ärztin Deb Cohen-Jones der «Daily Mail». Dabei handelt es sich um eine Durchblutungsstörung, bei der sich die Blutgefässe ausserhalb des Herzens und des Gehirns verengen, blockieren oder verkrampfen, so die Ärztin. Dies könne zu einer Herzinsuffizienz führen: «Wenn die periphere Durchblutung so schlecht ist», erklärt Cohen-Jones, «werden die Organe nicht gut mit Blut versorgt. Das kann ein Zeichen für Multiorganversagen sein.»

    Fühlte sich kurz vor ihrem Tod noch «wohl»

    Wahrscheinlich habe die Königin «eine Menge Schmerzen» erdulden müssen, so die Ärztin. Die Verfärbung der Hand deute auf eine schwere Erkrankung hin. Wie lange die Königin an der Krankheit gelitten haben könnte, ist nicht bekannt. In der Öffentlichkeit trug Queen Elizabeth II. gewöhnlich Handschuhe. Schon in den letzten Monaten hatten sie regelmässig Veranstaltungen abzusagen, da sich ihr Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte.

    Wegen ihrer Schwäche hatte die Monarchin die neue Regierungschefin Truss auch im schottischen Balmoral statt in London empfangen, wie es sonst üblich wäre. Schon Anfang Juni hatte die Queen wegen Unbehagen den Feierlichkeiten zu ihrem eigenen 70-jährigen Thronjubiläum fernbleiben müssen. Dies nach einer, so Buckingham Palace, «milden» Coronavirus-Infektion im Februar. Dabei wirkte die Monarchin bereits Ende letzten Jahres immer dünner und fragiler.

    Am Ende ging es ganz schnell. Am Tag vor ihrem Tod verordneten die Ärzte der Regentin Ruhe. In einem öffentlichen Schreiben äusserten sie Sorge um ihre Gesundheit. «Nach einer weiteren Untersuchung heute Morgen sind die Ärzte der Königin um den Gesundheitszustand Ihrer Majestät besorgt und haben empfohlen, dass sie unter ärztlicher Aufsicht bleibt», so eine Erklärung des Buckingham Palace. Die Königin fühle sich jedoch «wohl». Wenige Stunden später verstarb Queen Elizabeth II. Schreibt SonntagsBlick.

    Wenn es um tote Päpste, Prinzessinnen oder Königinnen geht, liegt Blick mit seinen Vermutungen über die Todesursache stets daneben. Auch bei Queen Elizabeth II.

    Blaue Verfärbungen auf dem rechten Handrücken der englischen Königin sind einzig und allein dem blauen Blut der britischen Monarchin geschuldet und haben rein gar nichts mit ihrem Tod zu tun. Man nennt diese königlichen Geschöpfe ja nicht umsonst «Blaublüter*innen». Alles klar?

  • 10.9.2022 - Tag der neoliberalen Zauberlehrlinge

    Bisher 60'000 Franken, neu 1 Million für Tessiner Rollladenhersteller Fabio Regazzi: 1600 Prozent mehr für den Strom!

    Mitte-Nationalrat und Rollladenhersteller Fabio Regazzi (60) aus Gordola TI versteht die Welt nicht mehr. Fürs laufende Jahr zahlt der Tessiner 60'000 Franken an Elektrizität. Für 2023 will der Stromanbieter nun eine Million.

    Der Schock sitzt tief. Gut zwei Wochen ist es her, dass der Brief der Società Elettrica Sopracenerina (SES) ins Haus flatterte. Doch so ganz hat der Unternehmer aus Gordola TI die Botschaft noch immer nicht verdaut. «Als ich das Couvert öffnete und den Kostenvoranschlag las, dachte ich, dass sich ein Tippfehler eingeschlichen habe», sagt Fabio Regazzi. «Knapp eine Million Franken will mein Stromanbieter fürs nächste Jahr haben. In diesem Jahr lagen die Stromkosten bei gerade 60'000 Franken. Auch wenn man mir die Pistole auf die Brust setzen würde, eine Million kann und will ich nicht zahlen.»

    Ein Anruf beim Stromanbieter SES bestätigt den unfassbaren Preisaufschlag: Der Preis auf dem freien Markt ist um 1600 Prozent gestiegen! «Das wäre, als würde plötzlich der Liter Benzin an der Tankstelle 25 Franken kosten», sagt Regazzi.

    Unternehmer tappte in die Falle des freien Markts

    Regazzis Firma beschäftigt 140 Mitarbeiter, setzt im Jahr rund 25 Mio. Franken um. Der Strom wird für Produktion, Beleuchtung, Heizung, Lackiererei und Büros gebraucht. «Wenn ich keine Lösung finde, dann muss ich Stellen abbauen. Wir haben bereits wegen der gestiegenen Materialkosten die Preise erhöht. Mehr geht nicht», klagt der Politiker. «Doch wo soll ich günstigeren Strom herbekommen? Die meisten Stromanbieter machen in diesen Zeiten nicht einmal mehr eine Offerte.»

    Fabio Regazzi tappte in die Falle des freien Markts. 2009 wurde der Strommarkt für Unternehmen mit einem Verbrauch von mehr als 100'000 Kilowatt im Jahr liberalisiert. «Seit Bestehen, also seit gut 75 Jahren, ist unser Unternehmen Kunde bei der SES. Das Angebot mit dem sogenannten freien Markt war attraktiv, also haben wir zugegriffen. Doch ich habe nie den Lieferanten gewechselt oder international nach niedrigeren Preisen geschaut. Ich hatte ja keine Ahnung, dass uns so etwas drohen könnte.»

    «Es drohen Konkurse und Abbau von Arbeitsplätzen»

    Regazzi schloss immer mehrjährige Verträge ab. «Jetzt lief der Vertrag aus, und ich habe eine Offerte eingeholt», sagt der Tessiner. Bereits im März hatte er nachgefragt, «da war der Preis bereits fünfmal so hoch wie im Vorjahr. Ich habe mich dann entschieden, abzuwarten – in der Annahme, die Preise würden wieder runtergehen.» Doch das Gegenteil ist der Fall, stattdessen sind die Preise astronomisch hoch.

    Auch als Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) ist Fabio Regazzi zutiefst besorgt. «Der Preisschock trifft viele kleine und mittlere Unternehmen wie Restaurants und Bäckereien. Die können die Rechnung nicht zahlen. Es drohen Konkurse und Abbau von Arbeitsplätzen», sagt Regazzi. «Jetzt muss die Politik schnell handeln.»

    Auch Hotelier Fernando Brunner ist geschockt

    Im Tessin sind es 40 KMU, die von der SES einen ähnlichen Kostenvoranschlag erhielten. Der Preis auf dem freien Markt sei in diesen Monaten um ein 15- bis 20-Faches gestiegen, bestätigt die SES. Gut 90 Prozent der Kunden hätten rechtzeitig neue Verträge geschlossen, zehn Prozent müssen nun in den sauren Apfel beissen. Wer einmal aus der tarifgeregelten Grundversorgung ausgetreten ist, darf nicht mehr zurück. Das hat die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) beschlossen. Geschützt sind hingegen alle Firmen, die nie auf dem freien Markt Strom bezogen haben und alle privaten Haushalte, für die die Liberalisierung nie galt. Der Strom würde nach Tarif berechnet und der Preis sei nur um 18 Prozent gestiegen.

    Den Schritt in den freien Markt bereut Fernando Brunner (73) heute. Der Tessiner besitzt vier Hotels und je ein Restaurant in Locarno TI und Lugano TI. Bislang kostete der Strom etwa 200'000 Franken im Jahr. «Jetzt werden über 900'000 Franken verlangt», sagt Brunner. «30 Prozent Preisanstieg wären zu schultern gewesen. Aber fast 500 Prozent schaffen wir nicht. Wir müssten die Zimmerpreise um 50 Franken pro Nacht erhöhen. Das macht kein Gast mit.» Wie Fabio Regazzi ist auch der Hotelier geschockt und ratlos.

    Nur eines wissen beide schon jetzt: Den neuen Vertrag unterzeichnen sie nicht. Schreibt Blick.

    Wenn «Mitte»-Nationalrat und Rollladenhersteller Fabio Regazzi die wunderschöne neue Welt des ultra-neoliberalen «Freien Marktes» nicht versteht, stellt sich automatisch die Frage, was der politisch engagierte Nationalrat eigentlich erwartet hat.

    Ist diese späte Erkenntnis des Rollladenherstellers naiv oder gar dumm? Dachte er nie an die Möglichkeit, dass bei solch unkontrollierbaren Konstrukten irgendwann die Rollladen runtergehen könnten?

    Aus der Weltfinanzkrise 2007/08 nichts gelernt?

    Es war ja seine Partei «Mitte» (ehemals CVP), die in orchestrierten Aktionen unsäglicher «Deregulierungsmassnahmen» zusammen mit den anderen «bürgerlichen» Neoliberalisten*innen der FDP, SVP, GLP und wie sie alle heissen, diese Welt des «Freien Marktes» geschaffen hat.

    Über Jahrzehnte hinweg entwickelten genau diese politischen Hasardeure ein nicht mehr kontrollierbares Casino des Wilden Westens. Kernaufgaben des Staates wurden wissentlich «liberalisiert», Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert.

    Dass nun ausgerechnet diese Zauberlehrlinge und Apologeten eines ungezügelten «Freien Marktes» jenseits von moralischen oder ethischen Werten am lautesten um Hilfe schreienwie übrigens schon bei der Corona-Pandemie –, mag einige Leute mit Schadenfreude erfüllen. Hilft uns aber nicht weiter.

    Denn die Zeche bezahlen wir alle. Mit Ausnahme der Profiteure dieses Monsters mit dem Namen «Freier Markt». Die lachen sich ins Fäustchen und lassen die Dom Pérignon-Korken zwischen den Herrlibergen und weissen Sandstränden knallen.

    Ein Prosit auf den Freisinn. Frei von Sinn!

  • 9.9.2022 - Tag der Rappenspalter*innen

    Der WC-Bon ist bei Marché nur noch die Hälfte wertAuf den Marché-Raststätten sind die Toiletten nicht mehr gratis. Grund: Steigende Betriebskosten

    Wer auf der Autobahn-Raststätte mal muss, der muss vielerorts vor dem Drehkreuz einen Franken einwerfen. Man hat dort bislang aber in der Regel auch einen Bon im gleichen Wert erhalten, den man dann im Restaurant oder einem Laden in der Raststätte wieder einlösen konnte – sofern man daran gedacht hat.

    «Nicht kundenfreundlich»

    Zwei Hörer des SRF-Konsumentenmagazins «Espresso», die privat und beruflich öfters auf der Autobahn unterwegs sind, wundern sich: «Der Bon ist ja nur noch 50 Rappen wert.» Heisst: Das stille Örtchen ist nicht mehr gratis.

    Das sei nicht kundenfreundlich, finden die Hörer. Schliesslich kaufe und konsumiere man ja meistens auch noch etwas in der Raststätte. «Und nun soll ich auch noch fürs WC etwas zahlen – das nervt schon.»

    Energie, Miete und Verbrauchsmaterial – alles teurer

    Die Hörer haben die Raststätten Glarnerland und Heidiland besucht – in diesen beiden und neun weiteren ist die Marché-Gruppe für die WC-Anlagen zuständig. Sie betreibt dort jeweils auch als Pächterin ein Marché-Restaurant. Marché gehörte einst zu Mövenpick, 2014 wurden die Restaurants von Coop übernommen. Und die Marché-Medienstelle bestätigt gegenüber «Espresso», dass man den Ein-Franken-WC-Bon quasi entwertet hat, dass man also für einen Toiletten-Einlass weiterhin einen Franken einwerfen muss, aber nur noch 50 Rappen zurückerhält.

    Man habe dies Ende Juli eingeführt, in Absprache mit den Raststätten-Betreibern und den übrigen Mietern, schreibt Marché. Es sei eine Reaktion auf die steigenden Kosten für den Unterhalt der Anlagen. Energiepreis, Miete, Verbrauchsmaterial – alles sei teurer geworden.

    Kundenreaktionen wegen der Neuerung habe es bislang nur «sehr wenige» gegeben, so die Medienstelle. Gut möglich, dass viele die Änderung noch gar nicht bemerkt haben. Marché hofft derweil, mit der geplanten Einführung der Coop-Supercard in ihren Raststätten-Restaurants Goodwill zu schaffen.

    Auch bei Autogrill und Migrolino?

    Wie eine Umfrage von «Espresso» bei anderen Raststätten zeigt, erhält man dort immer noch einen gleichwertigen Bon zurück. Aber man diskutiere angesichts steigender Kosten schon, ob man dereinst nicht auch etwas verlangen soll, heisst es etwa bei Autogrill – mit neun Raststätten-Restaurants und -WC-Anlagen hinter Marché die Nummer 2 in diesem Geschäft.

    Auch bei der bekannten Gotthard-Raststätte im Kanton Uri ist die Massnahme ein Thema, wie es dort heisst – aber frühestens ab nächstem Jahr, wie es auf Anfrage heisst. Auch Migrolino schreibt, man zahle zurzeit noch den vollen Betrag als Bon zurück, aber werde mit den Franchise-Nehmern ebenfalls über eine Änderung diskutieren.

    Anders bei der Gruppe Thurau, die in der Ostschweiz vier Raststätten betreibt. Bei ihnen sei keine WC-Gebühr geplant.

    Gesetz hat nichts gegen kostenpflichtige Raststätten-WCs

    Gibt es eigentlich keine Vorschrift, dass Toiletten auf Autobahn-Raststätten gratis sein müssen? Nein, sagt Thomas Rohrbach, Mediensprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra). Im Nationalstrassengesetz gebe es keine solche Vorgabe. Das Bundesrecht verlange eine Tankstelle und öffentlich zugängliche Toiletten, beides müsse rund um die Uhr geöffnet haben, so Rohrbach. «Die Toiletten dürfen aber etwas kosten.» Weitere Vorschriften seien Sache der Standortkantone.

    Durchwegs gratis seien hingehen die WCs auf den Rastplätzen. Diese seien aber meist weniger aufwändig unterhalten als jene in den Raststätten und deshalb sei dort unter Umständen auch der Komfort geringer. Schreibt SRF.

    Während ich diesen Artikel las, kam mir unweigerlich Paul Watzlawick und sein Bestseller «Anleitung zum Unglücklichsein» in den Sinn. Das beweist mir, dass Multitasking bei mir trotz biblischem Alter immer noch einigermassen funktioniert. Was entsprechende Glücksgefühle bei mir auslöst.

    Aber ebenso würde mich auch eine saubere und gepflegte Toilette auf einer Raststätte glücklich machen, statt mich über den Toiletten-Obulus von 50 Rappen künstlich aufzuregen. Den Rappenspaltern*innen sei gesagt, dass schon im alten Rom an belebten Strassen amphorenartige Latrinen aufgestellt waren um den Urin einzusammeln, der wiederum von den Gerbern und Wäschern benötigt wurde. So wie heutzutage, nebenbei bemerkt, Hersteller von Dieselfahrzeugen Urin für das Abgasreinigungsmittel Adblue benötigen.

    Um die leeren Staatskassen zu füllen, erhob Kaiser Vespasian auf diese öffentlichen Toiletten von Rom eine spezielle Latrinensteuer. Um die Steuer vor seinem Sohn Titus zu rechtfertigen, hielt ihm Vespasian Geld aus den ersten Einnahmen unter die Nase und fragte ihn, ob der Geruch ihn störe. Titus verneinte, worauf Vespasian gesagt haben soll «Atqui e lotio est» («Und doch ist es vom Urin»). Aus dieser Unterhaltung zwischen Vater und Sohn entwickelte sich imLaufe der Zeit die Redewendung «Pecunia non olet» («Geld stinkt nicht»).

    Was dem guten Kaiser Vespasian recht war, sollte auch den Raststätten-Betreibern*innen vergönnt sein.

  • 8.9.2022 - Tag der Aufreger die keine sind

    Jesus sprach «Es werde Licht», doch der Kolumnist fand in Zeiten der explodierenden Strompreise den Schalter nicht

    Wer sucht, der findet. So lautet eine uralte Redensart, die sich auch im Matthäusevangelium «findet». Doch leider können sich auch Bibelsprüche täuschen.

    Trotz intensiver Suche in den üblichen Medien habe ich heute keinen Frontseite-Artikel gefunden, der meine Empörung dermassen ins Unendliche getrieben hätte, um eine schriftliche Schnappatmung und damit einen Kolumnenbeitrag auszulösen.

    Der Neffe von Friedrich Dürrenmatt, Coiffeur-Weltmeister Martin Dürrenmatt, 2020 von seiner grossen Liebe und Lebensabschnittspartner Miguel de Lima verlassen, äussert sich über die Haarpracht von seiner Kundin Beatrice Egli.

    Jetzt mal Hand aufs Schlagerherz: Wer um Gottes Willen interessiert sich für die Kopf-Federn von Beatrice Egli ausser einem schwulen Coiffeur und ein paar unverbesserlichen Blick-Lesern*innen?

    Niemand, so viel ist klar. Wie die begnadete Schlagersängerin ihr Übergewicht bekämpft, wäre wohl für die Blick-Leserschaft um einiges interessanter gewesen.

    Der neueste UNO-Bericht «Die Welt wird momentan nicht besser, sondern schlechter» von SRF besitzt auf den ersten Blick gewaltiges Empörungspotenzial. Aber eben nur auf den ersten Blick.

    Wozu soll man sich über etwas aufregen, was ohnehin schon seit vielen Jahren bekannt ist und plötzlich als neueste Erkenntnis hochgejazzt wird? Der Starke wird immer den Schwachen besiegen. Auch in Zeiten von Pandemien, Inflation, neoliberal angetriebener Heuschreckenschwärme und Energiekrisen. Ausnahmen wie «David vs. Goliath» bestätigen die Regel.

    Mein Freund und «wandelndes Lexikon» Res Kaderli, mit dem ich gestern auf Einladung des Luzerner Stadtpräsidenten Beat Züsli die Luzerner Altstadt heimsuchte, gab mir einmal eine weise Empfehlung mit auf meinen beschwerlichen Weg zur unendlichen Glückseligkeit:

    «Rege dich niemals über etwas auf, was du nicht aus eigener Kraft ändern kannst.» Wie wahr!

    Schalom.

    (Im Alten Testament (Tanach) wird laut Wikipedia die heute in Israel meistverwendete Grussformel «Schalom» als «Zustand, der keine unerfüllten Wünsche offen lässt» beschrieben. Womit zumindest meine Hoffnung für Morgen intakt bleibt.)

  • 7.9.2022 - Tag des Wunschdenkens

    Die Sanktionen gegen Russland sind smarter als oft behauptet: Der Vormarsch der russischen Armee kommt nicht nur auf dem Boden zum Stocken

    Ein halbes Jahr nach Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine kommt der Vormarsch der russischen Armee nicht nur auf dem Boden ins Stocken. Wladimir Putins militärischer Komplex kämpft inzwischen mit sich selbst, mit eigenen Schwächen. Der Industrie fehlt es offenbar auf allen Linien an elektronischen Bauteilen, Mikrochips, die zur Herstellung von Hightech-Waffen benötigt werden.

    Ohne Halbleiter aus dem Westen und aus Taiwan lassen sich moderne Raketen, Panzer oder Zieleinrichtungen nur schwer nachliefern. Das geht aus Berichten von Politico und New York Times hervor. Der Kremlherr lässt mit langen Einkaufslisten rund um die Welt nach elektronischen Bauteilen suchen.

    Es sind neben dem Einbrechen der russischen Wirtschaft sichere Hinweise darauf, dass die Sanktionen besser und präziser – smarter – sind als oft behauptet. Für die EU-Staaten und ihre Bürger gute Nachrichten: Geschwächte russische Kampfkraft bedeutet weniger Tote in der Ukraine. Das war und ist der Sinn der EU-Zwangsmaßnahmen. Sie sollen Putin und seine Armee schwächen.

    Auf Social Media verbreitet sich immer mehr die Mär, Europa führe Krieg gegen Russland. Putins Propaganda schürt das kräftig. Nichts ist falscher als diese Verdrehung. Europa will keinen Krieg, nicht wirtschaftlich und schon gar nicht militärisch. Wir wollen Frieden. Putin könnte den Krieg sofort beenden. Aber er will nicht. Er muss dazu gezwungen werden. Schreibt Thomas Mayer in DER STANDARD.

    Thomas Mayer stützt seine gewagte Aussage vor allem auf Berichte der US-amerikanischen Tageszeitung «Politico», die aber seit der Übernahme durch den Axel Springer-Verlag auch nicht mehr die investigative Qualitätszeitung ist, die sie einmal war.

    Es mag ja sein, dass Russland derzeit Probleme hat, Mikrochips für die Produktion von Hightech-Waffen auf dem Weltmarkt zu besorgen. Fakt ist aber, dass dieses Beschaffungsproblem nicht nur Russland heimgesucht hat, sondern sämtliche Industrienationen. Und dies nicht erst seit Beginn des Ukraine-Krieges.

    Zumal Putins Freunde aus Nordkorea und China dem russischen Zar frei nach dem Beatles-Song «with a little help» zur Seite stehen werden.

    Ausserdem lassen sich Schulen, Kindergärten, Spitäler und Einkaufszentren in den ukrainischen Dörfern und Städten auch mit uralten Schrott-Raketen aus der Sowjet-Zeit dem Erdboden gleichmachen. Wie wir täglich in den Live-Tickern der Medien feststellen können.

    Natürlich treffen die westlichen Sanktionen langfristig die russische Wirtschaft. Vorerst aber treffen sie vor allem den Westen, dessen Bevölkerung nicht mehr auf Verzicht abgehärtet ist wie das russische Volk.

    Auf die kommenden Verwerfungen zwischen der Bevölkerung und den Regierungen der westlichen Staaten darf man jetzt schon gespannt sein. Tägliche Wasserstandsmeldungen über Putins angeblich miserablen Gesundheitszustand und die kollabierende russische Wirtschaft sind derzeit reines Wunschdenkenfern jeglicher aktuellen Realität.

    Was man von der Energiekrise in den westlichen Ländern nicht behaupten kann. Die ist real. Ausser der frohen Botschaft «zieht Euch warm an und öffnet Eure Portemonnaies zu Gunsten der Energiebörsen» haben die mächtigen und weisen Staatenlenker der Wertegemeinschaft nichts anzubieten.

    Da sind logischerweise Artikel wie der oben aufgeführte Balsam auf die gequälten Seelen und schlotternden Glieder des westlichen Pippi Langstrumpf-Prinzips: «Ich mach' mir die Welt wie sie mir gefällt.»

    Das macht auch Putin. Seit er an der Macht ist. Mit oder ohne Mikrochips. Erdgas-Pipelines können notfalls nach altmodischer Art und Weise auch von Hand abgestellt werden.

  • 6.9.2022 - Tag der Propheten und Prophezeiungen

    «Es ist nur dieser Winter, dann hat Putin nicht mehr diesen Trumpf in der Hand»

    Der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk ist nur noch wenige Wochen im Amt. Bei Frank Plasberg blickte der umstrittene Diplomat auf seine Zeit in Berlin zurück, erklärte seinen bisweilen kontroversen Stil – und hatte ein paar versöhnliche Worte für die deutsche Außenpolitik übrig.

    Der scheidende ukrainische Botschafter in Berlin Andrij Melnyk hat die Entwicklung der deutschen Unterstützung seines Landes gelobt. In Frank Plasbergs ARD-Talkshow „hart aber fair“ sagte Melnyk, grundsätzlich sei die Hilfe aus Deutschland im Vergleich zu den ersten Kriegsmonaten seither „ein Stück nach vorne“ gekommen, er habe das sogar bereits als „Quantensprung“ bezeichnet.

    Melnyk verlässt Deutschland im Oktober, nach acht Jahren als Botschafter in Berlin soll er offenbar als Vize-Außenminister nach Kiew wechseln. In den vergangenen Monaten war Melnyk, der wiederholt die deutsche Politik im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg scharf anging, für einige seiner Aussagen kritisiert worden. So hatte er unter anderem Bundeskanzler Olaf als „beleidigte Leberwurst“ bezeichnet, weil dieser zunächst nicht nach Kiew reisen wollte, nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für einen Besuch in der ukrainischen Hauptstadt ausgeladen worden war. Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich zudem von Äußerungen Melnyks über den Partisanenführer Bandera.

    Neben Melnyk waren unter anderem SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner, der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Alexander Graf Lambsdorff und die Expertin für russische Außen- und Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) Sabine Fischer bei Moderator Frank Plasberg zu Gast.

    Obwohl er die Entwicklung seit Kriegsbeginn anerkannte, hatte Melnyk für die deutsche Ukraine-Unterstützung nicht ausschließlich Lob übrig. „Gas als Waffe haben wir schon öfters erlebt, deswegen ist das keine Neuigkeit“, sagte der Diplomat zu den vielfachen Drosselungen russischer Gaslieferungen nach Europa. Ihn störe aber an der Debatte, dass man in Deutschland den Eindruck habe, die Ukraine würde ohne deutsche Hilfe „nicht überleben“.

    Die militärische Hilfe für die Ukraine bilde mit 600 Millionen Euro eine Summe, die „hundert Mal weniger“ sei als das jüngste Entlastungspaket mit über 60 Milliarden Euro. Die deutsche Hilfe sei wichtig, man „schätze“ sie, aber sie sei nicht elementar: „Wenn Deutschland plötzlich morgen entscheiden sollte: Okay, die Ukrainer sollen das alleine schaffen – dann werden wir das alleine tun.“ Man habe „diesen Kampfwillen, aber auch die Fähigkeit, uns zu verteidigen, aber auch die Gebiete wieder zu befreien – Stichwort Cherson, Gegenoffensive.“

    Zudem gebe es auch einen „moralischen“ Aspekt bei der Unterstützung des angegriffenen Landes: „Ich glaube, das macht auch Sinn für die Deutschen, sich Gedanken zu machen, neben dieser Frage, Rechnungen und so weiter: Wo steht Deutschland in der Geschichte, in den Geschichtsbüchern?“

    „Wir tun wirklich viel für die Ukraine“

    FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff gab Melnyk in einigen Punkten Recht, kritisierte aber dessen Vergleich der militärischen Hilfe mit dem Entlastungspaket für deutsche Bürger. „Ich finde, Sie sollten über die militärische Hilfe auch die finanzielle Hilfe erwähnen, das sind acht Milliarden Euro. Wir tun wirklich viel für die Ukraine (...).“ Man wolle „diesen Winter gemeinsam schaffen“, damit Russland mit seiner Strategie keinen Erfolg habe und man wieder eine stabile Friedensordnung etablieren könne.

    Melnyk sagte, Deutschland sei ein starkes, erfolgreiches Land, das dem russischen Druck standhalten könne. Die Politik solle daher „die Bürger noch mehr beruhigen (...). Es ist schwierig, es ist eine Herausforderung nach 40 Jahren ohne Inflation (...), und jetzt plötzlich diese Delle, diese kalte Dusche von Putin. Ich glaube aber, dass Deutschland, dass die EU imstande sind, diese Herausforderung zu meistern und auch den Menschen mehr Mut zu geben, dass man das schaffen kann.“

    Zudem arbeite die Zeit gegen Russland: „Es ist nur dieser Winter, der entscheidend sein kann, dann hat (Putin) nicht mehr diesen Trumpf in der Hand“. Die Deutschen sollten „mehr Vertrauen haben in die eigene Politik“, so Melnyk.

    Zu der Aussage des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba, es gehe für die Ukrainer um ihre Existenz, für die Deutschen um „Komfort“, sagte Melnyk, man „verstehe die Sorgen“ der Deutschen, „vor allem die Schwächeren, dass sie nicht wissen, wie sie die Rechnungen bezahlen sollen“. Allerdings stiegen auch in der Ukraine die Preise, die Wirtschaft sei kriegsbedingt bereits um 40 Prozent eingebrochen.

    Auf Plasbergs Frage, was er als Botschafter für die Ukraine rückblickend während seiner Zeit in Berlin geleistet habe, sagte Melnyk, das könne er „nicht beurteilen“. Zumindest habe er versucht, dazu beizutragen, die deutsche Unterstützung für die Ukraine anzukurbeln.

    Seine Arbeit sei „nicht einfach“ gewesen, sein Stil sei auch „zuhause nicht immer verstanden“ worden. Auch dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj habe er erklären müssen, „wieso ich das eine oder andere getan oder unterlassen habe“. Melnyk weiter: „Es war schon ein Lauf auf dünnem Eis, auch für mich persönlich, auch als Diplomat. Aber ich hatte ja keine Eigeninteressen in diesem Sinne; ich bin kein Politiker, ich möchte nicht gewählt werden.“ Schreibt DIE WELT.

    Wenn sich da Andrij Melnyk mit seiner etwas gewagten Prophezeiung um die Trümpfe in Putins Hand nur nicht irrt. Totgesagte (Trümpfe) leben bekanntlich öfters länger als man denkt.

  • 5.9.2022 - Tag der Wählerstimmen

    Klimakrise in den USA: Petro-Männchen blenden die Wirklichkeit aus

    In den meisten Industrieländern fürchten die Menschen die Klimakrise. Aus dem Rahmen fallen vor allem die USA – auf den ersten Blick. Der zweite offenbart die psychologisch-politische Kluft im Land.

    Auch in den USA sind die dramatischen Auswirkungen der Erderhitzung nicht mehr zu übersehen. Hitze- und Kältewellen, Dürren, Brände, Wasserknappheit, austrocknende Flüsse und Seen – und dann wieder extreme Regenfälle, Überschwemmungen, Wirbelstürme. Allein 2021 zählte die US-Regierung 20 Extremwetterkatastrophen, die Schäden von jeweils mehr als einer Milliarde Dollar verursacht haben. Die Gesamtrechnung nur für 2021 liegt bei 145 Milliarden Dollar.

    Und doch sind die USA einsamer Ausreißer in einer Studie, die das US-Umfrageinstitut Pew diese Woche veröffentlicht hat. Pew selbst hat über die Mitteilung zu den Ergebnissen diese Überschrift gesetzt: »Der Klimawandel bleibt in einer Umfrage in 19 Ländern die globale Spitzenbedrohung.«

    Mehr Angst vor Cyberangriffen als vor der Klimakrise

    Tatsächlich landete der Klimawandel bei der Frage, ob man etwas als »große Bedrohung, kleinere Bedrohung oder keine Bedrohung« für das eigene Land einschätze, in den meisten der untersuchten Länder auf Platz eins oder zwei. In Deutschland etwa nannten 73 Prozent der Befragten den Klimawandel als große Bedrohung, knapp davor landete, mit 75 Prozent, Desinformation im Internet.

    Die vier Ausreißer auf der Liste sind Israel (47 Prozent), Malaysia (44 Prozent), Singapur (57 Prozent) – und die USA. In den Vereinigten Staaten landete die Bedrohung durch den Klimawandel auf dem letzten Platz, mit 54 Prozent Zustimmung. 71 Prozent fürchten sich dort dagegen vor »Cyberangriffen anderer Länder«.

    Es scheint paradox: Die Krise und ihre Auswirkungen sind klar spür- und sichtbar, teuer und tödlich. Und doch will nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung der USA eine echte Bedrohung erkennen. Der Anteil derer, die diese Bedrohung sehen, ist in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken. Wie kann das sein?

    Weniger als ein Viertel der Republikaner lebt in der Realität

    Um das zu verstehen, muss man sich die Daten aus den USA genauer ansehen, was Pew in einer separaten Auswertung auch getan hat . Darin wurde auch die politische Ausrichtung der Befragten berücksichtigt. Das Ergebnis: eine krasse, klaffende Kluft. Sie wird viele vermutlich nicht überraschen, aber ihr Ausmaß ist dennoch erschreckend.

    Unter den Befragten in den USA, die die Demokraten unterstützen oder ihnen zuneigen, halten 78 Prozent den Klimawandel für eine große Bedrohung. Unter den Fans und Sympathisanten der Republikaner dagegen sind es nur 23 Prozent. Weniger als ein Viertel.

    Die echte »Big Lie« ist viel älter als Bidens Wahlsieg

    Die Republikaner und ihre größten Spender belügen ihre Parteigänger in Wahrheit schon seit Jahrzehnten – im Dienste der Fossilbranchen. Donald Trumps »Big Lie« über den Wahlausgang ist ein Neuzugang. Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels war lange Zeit eine Kernposition der Partei. Mittlerweile wird sie nicht mehr so offen vertreten , aber unter den eigenen Wählerinnen und Wählern hat sie sich festgesetzt. Die ältere und, global betrachtet, schlimmere »Big Lie« ist: Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel, und falls doch, dann ist er kein Problem.

    Ein – von den Republikanern eingesetzter – US-Bundesrichter notierte 2019 in einem Verfahren gegen Exxon, Shell, BP und Co .: »Statt die Alarmglocken zu läuten, gaben sich die Beklagten alle Mühe, den wissenschaftlichen Konsens zu vernebeln und Änderungen – obwohl sie existenziell notwendig sind – zu verzögern, die ihren Milliardenprofiten im Weg gestanden hätten.«

    In anderen Industrienationen ist das völlig anders

    Die 54 Prozent, die die Studie im Ländervergleich für die USA insgesamt ausweist, verschleiern das wahre Bild: In den USA lebt nur ein Teil der Bevölkerung, nämlich die Anhänger der Demokraten, in der gleichen Wirklichkeit wie die Bevölkerungen anderer Industrieländer wie Deutschland, Japan (82 Prozent sehen dort den Klimawandel als große Bedrohung), Frankreich (81 Prozent), Großbritannien (75 Prozent) oder Australien (71 Prozent).

    Die Wählerschaft der Republikaner dagegen hat sich mehrheitlich aus dieser global geteilten Realität verabschiedet: über drei Viertel. Daran haben die Ölkonzerne, die »Stiftungen«, »Thinktanks« und gekauften »Fachleute« der Koch-Brüder und anderer fossiler Propagandisten jahrzehntelang mit Milliardeninvestitionen gearbeitet. All das ist glasklar dokumentiert .

    Die Ölkonzerne schufen die republikanische Identität

    Die Ölkonzerne fürchten sich sehr davor, dass es ihnen eines Tages gehen könnte wie der Tabakindustrie, deren jahrzehntelange Lügen sie Ende der Neunzigerjahre schließlich teuer zu stehen kamen. Es folgten weitere kostspielige Klagen und öffentliche Demütigungen. Die Ölkonzerne haben vor erfolgreichen Klagen so große Angst , dass sie seit vielen Jahren hart daran arbeiten, Gerichte bis hinauf zum Supreme Court mit ihnen wohlgesonnenen Richterinnen und Richtern zu bestücken.

    Gleichzeitig aber haben ihre Kampagnen die Identitätskonstruktion von Abermillionen verändert. In einer psychologischen Überblicksstudie , die vergangenes Jahr erschien, ist zu lesen: »In vielen Ländern ist der Klimawandel zu einem politisch polarisierten Thema geworden, wobei Menschen, die sich selbst als liberal einstufen, eher Klimaschutzpolitik unterstützen als Menschen, die sich selbst als Konservative betrachten.« Dafür gibt es viele empirische Belege .

    Die Überblicksstudie weist explizit darauf hin, dass dieses Phänomen besonders bei älteren, weißen Männern zu beobachten ist, die Angst vor dem Verlust von Status und Privilegien haben: »Wer zu einer Gruppe gehört, die vom Klimawandel besonders bedroht ist, wird besonders motiviert sein, Eindämmung zu unterstützen, während diejenigen, die vom Status quo profitieren, sich eher gegen Eindämmungsschritte stellen.«

    Stammeszugehörigkeit alter, weißer Mann

    Psychoanalytiker sprechen in den USA sogar von »Petro-Maskulinität« , die »Aspekte von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Klimawandelleugnung« umfasse. Das passt hervorragend zur Allianz der Freunde fossiler Brennstoffe mit der reaktionären internationalen Rechten. Die Kulturkampfspaltung der USA, die die Neue Rechte so gern nach Deutschland verpflanzen möchte, ist (auch) eine Konsequenz fossiler Propaganda. Schreibt Christian Stöcker in seiner Kolumne unter der Rubrik «Wissenschaft» in DER SPIEGEL.

    Ein hervorragender Artikel von Christian Stöcker, einem Journalisten, der sich wirklich Journalist nennen darf. Trotzdem ist der Artikel für meine Begriffe etwas zu einseitig auf die USA und das Klischee «des alten weissen Mannes» ausgerichtet.

    Der Klimawandel wird ja nicht nur in Amerika von erschreckend grossen Massen geleugnet. Auch in Europa und in vielen anderen Staaten, ja selbst in der behäbigen Schweiz, sind die Klimawandel-Skeptiker*innen längst keine vernachlässigbare Randgruppe mehr.

    Dafür gibt es Gründe. Um nur zwei zu nennen: Eine hysterische, oft nicht faktenbasierte und nur dem Clickbaiting geschuldete mediale Berichterstattung sowie eine Parteienpolitik, die einzig und allein auf Wählerstimmen ausgerichtet ist.

    Denn Hand aufs Herz: Beim Atomausstieg ging es weder Doris Leuthard noch Frau Merkel um Fukushima, sondern nur um Wählerstimmen.

    Glühenden Worten und Wahlsiegen (Merkel) folgten keine Taten, den Atomausstieg vernünftig abzufedern. Den Schlamassel, in dem wir jetzt und heute stecken allein auf Putin abzuwälzen, wird dem Thema nicht gerecht.

  • 4.9.2022 - Tag der Studien die niemand braucht

    Sieben bis acht Stunden: So viel Schlaf braucht unser Gehirn

    Forschende an der Harvard University haben herausgefunden, dass Menschen, die sechs oder weniger Stunden Schlaf pro Nacht bekommen, häufiger unter Gedächtnisproblemen leiden. Aber Langschläfer haben nicht nur Vorteile – sie haben mehr Mühe, Entscheidungen zu treffen. Schreibt Blick.

    Fantastische Studie: Wer zu wenig schläft, leidet unter Gedächtnisproblemen und wer zu lange schläft, hat Mühe Entscheidungen zu treffen. Langer Rede stumpfer Sinn der «Studie» kurz umschrieben: Hans wie Heiri.

  • 3.9.2022 - Tag des Katastrophenjournalismus

    Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen (52) lüftet seine Notfallpläne: «Versorgung der Bevölkerung ist sichergestellt, aber...»

    Die Migros ist mit fast 100'000 Angestellten die grösste private Arbeitgeberin der Schweiz. In der Landesversorgung sei sie «systemrelevant», sagt Chef Fabrice Zumbrunnen im Interview. Und erklärt, wie er die Energie- und Teuerungskrise bewältigen will.

    Energiekrise, Teuerung und die Massentierhaltungs-Initiative, über die die Schweiz am 25. September abstimmt: Fabrice Zumbrunnen (52) ist in diesen Wochen gleich an mehreren Fronten gefordert. Am Hauptsitz in Zürich erklärt der Migros-Chef Blick, welche Notfallpläne er wälzt und wie er die grösste private Arbeitgeberin der Schweiz durch den Winter bringen will.

    Blick: Was macht Ihnen als Hausbesitzer mehr Sorgen: Gasmangel oder Stromlücken?

    Fabrice Zumbrunnen: Ein Stromausfall über mehrere Tage trifft mich mehr, als wenn sich das Gas verteuert oder gar ausbleibt. Aus einem einfachen Grund: Wir heizen mit Geothermie.

    Sie wohnen in La Chaux-de-Fonds ...

    ... wo es im Winter eiskalt werden kann. Auch weil es nachhaltiger ist, haben wir vor zwei Jahren unser Heizsystem von Gas auf die Nutzung von Erdwärme mittels Wärmepumpe umgestellt.

    Eine Wärmepumpe benötigt Strom. Ohne heisst es frieren. Haben Sie die dicken Pullover schon bereitgelegt?

    Geothermie macht meinen Haushalt heute abhängig von Steigerungen des Strompreises. Wenn der Strom länger ausfällt, bleibt es kalt im Haus. Dann ziehe ich eben einen dicken Pullover an.

    Kommt es so schlimm?

    Ich glaube nicht. Darum habe ich mir auch keinen Extravorrat an Kerzen, Batterien oder einen Dieselgenerator zugelegt, um Ihre Frage vorwegzunehmen.

    Wenn Sie sich da mal nicht verrechnen!

    Tagelange Stromausfälle sind aus Expertensicht unwahrscheinlich. Wir sollten besonnen bleiben und Vertrauen haben, dass alle Beteiligten alles tun, um diesen Worst Case zu verhindern.

    Auch Sie als Chef der Grossverbraucherin Migros mit ihren vielen Industriewerken sind gefordert?

    Gas- und Strommangel beschäftigt mich und unseren Krisenstab praktisch täglich. Wir betreiben noch Gasheizungsanlagen, wie bei unserer Grossbäckerei Jowa. Bei anderen Betrieben haben wir wiederum Investitionen vorgezogen. Elsa, unsere Milchproduktion, wurde von Gas auf ein Pelletheizsystem umgerüstet. Wir prüfen jetzt, wo eine Umstellung Sinn macht und wir diese beschleunigen können.

    Wie hilft die Migros, den Stromverbrauch zu senken?

    Selbstverständlich machen wir uns auch Gedanken darüber, wie wir mithelfen können, den Stromverbrauch zu senken. Wir haben pragmatisch bereits zahlreiche Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel auf die Weihnachtsbeleuchtung zu verzichten.

    Wie priorisieren Sie bei den Migros-Industrien, wenn Sie weniger Gas oder Strom abbekommen?

    Die Migros ist systemrelevant, weil wir Verantwortung in der Landesversorgung tragen. Auch wenn der Strom ausfällt, müssen ausreichend Lebensmittel zur Verfügung stehen. Fliesst weniger Gas und Strom, müssen wir die Produktionszeiten verkürzen und entscheiden, was weniger oder gar nicht mehr hergestellt wird.

    Können Sie ein Beispiel machen?

    Nehmen wir unsere Grossbäckerei Jowa. Statt zahlreicher Brotsorten produzieren wir dann vielleicht nur fünf Sorten. Weil die Maschinen dadurch weniger gereinigt und abgestimmt werden müssen, können wir mengenmässig genug Brot bereitstellen, wie wenn wir keine Einschränkungen hätten. Stark eingeschränkt werden könnte beispielsweise das Patisserie-Sortiment, weil dieses nicht lebensnotwendig ist. Diese Überlegungen lassen sich auf alle Produktsegmente übertragen.

    Dann gehen in der Industrie, in Baumärkten und Fitnessparks in diesem Winter die Lichter nicht aus?

    Stromausfälle von ein paar Stunden kann es geben. Einschränkungen im Angebot auch. Ein Stromunterbruch von einer Woche? Dann würde die gesamte Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

    Was bedeutet ein Stromausfall für Ihre Migros-Filialen?

    Haben wir für ein paar Minuten keinen Strom, können wir dies überbrücken, sodass Kundinnen und Kunden dies nicht spüren. Dauert der Ausfall zwei bis drei Stunden, lassen sich viele Produkte noch retten. Was nicht mehr verkäuflich wäre, ist zum Beispiel Fisch aus der Frischetheke. Haben wir über Tage zu wenig Strom zur Verfügung, schliessen wir Filialen.

    Wie viele Filialen wären von Schliessungen betroffen?

    Wenn wir aufgrund einer Kontingentierung nur noch 80 Prozent des Stroms bekommen, dann müssen wir uns einschränken. Im Notfall müssen wir die Öffnungszeiten anpassen, das heisst, weniger lang öffnen oder gar einzelne Filialen schliessen. Dadurch sinkt der Verbrauch von Strom, da Kassen, Kühlregale, Beleuchtung, Rolltreppen und Lifte abgestellt werden. Wir werden aber immer noch genug Filialen offen halten, damit die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt ist. Mit Sicherheit schliessen wir dort nicht, wenn es im Umkreis einer Gemeinde nur eine Migros hat.

    Haushalte sind von Kontingentierungen nicht betroffen. Sollen Private Energie sparen, damit die Wirtschaft weiterproduzieren kann?

    Alle sollten jetzt einen Beitrag leisten. Wenn auch Privathaushalte ihre Möglichkeiten ausschöpfen, zum Beispiel die Raumtemperatur senken, die Beleuchtung auf LED umstellen, den Geschirrspüler in der Nacht auf Eco-Modus laufen lassen, bleibt uns das Schlimmste wohl erspart. Wichtig: Wir dürfen Unternehmen und Privathaushalte nicht gegenseitig ausspielen. Wir sollten als Gesellschaft an einem Strang ziehen.

    Die Stromkosten gehen vielerorts durch die Decke. Auch bei der Migros?

    Auch wir sind heute von den explodierenden Strompreisen betroffen. Sei es auf der Einkaufsseite am freien Markt, sei es als Mieterin von Liegenschaften. Heute sind wir mit Offerten konfrontiert, die um das Mehrfache höher sind als vor ein paar Jahren.

    Überwälzen Sie die Mehrkosten Ihrer Kundschaft?

    Im Moment trägt die Migros die steigenden Energiekosten. Wir wollen unsere Kundinnen und Kunden so lange wie möglich davon verschonen. Wir haben auch erst Monate später Preise erhöht, als der Teuerungsschub in diesem Frühjahr einsetzte.

    In der Schweiz liegt die Inflation bei 3,4 Prozent. Wo liegt die Teuerung bei der Migros?

    Bei uns beträgt die Teuerung gegenwärtig etwas mehr als 2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zur Erinnerung: Im April, als überall die Preise hochgingen, hatten wir noch eine Minusteuerung von 0,8 Prozent.

    Nun ist der Preisschub im Laden da?

    Gewisse Produktkategorien wie Pasta haben sich stärker verteuert, bei Obst und Gemüse stiegen die Preise lediglich um 1 Prozent. Für Milchprodukte und Fleisch zahlt man im Schnitt nun 3 Prozent mehr. Allerdings versuchen derzeit alle Lieferanten, noch höhere Preise durchzusetzen.

    Lassen Ihre Kundinnen und Kunden Sie spüren, dass sie die Teuerung besorgt?

    Wir bekommen seit einigen Wochen vermehrt kritische Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden zu den steigenden Preisen. Sie fragen aber auch, ob es noch schlimmer werden kann. Es ist sehr schwierig, Prognosen zu machen. Wir hoffen natürlich, dass wir bald den Höhepunkt erreicht haben werden.

    Hat sich das Kaufverhalten geändert?

    Zum ersten Mal nehmen wir tatsächlich wahr, dass Kundinnen und Kunden ihr Kaufverhalten ändern und statt zu Premiumprodukten oder Bio-Fleisch vermehrt zu billigeren Artikeln greifen. Zudem werden mehr Aktionsartikel gekauft. Wir spüren, dass das Portemonnaie nicht mehr so locker sitzt.

    Wird die Initiative gegen Massentierhaltung unser Kauf- und Essverhalten verändern?

    Unser Essverhalten ändert sich langsam, und es gibt Trends. Ich glaube nicht, dass sich die Bevölkerung von oben herab diktieren lassen will, was sie zu konsumieren hat. So etwas funktioniert nicht in der Schweiz. Auch die Migros lässt den Kunden immer die Wahl, ob sie zu Bio-Fleisch, zu M-Budget-Fleisch oder zu Fleischersatzprodukten greifen wollen.

    Schweine und Hühner sollen mehr Platz bekommen, in kleineren Gruppen gehalten werden, ins Freie können. Das ist doch ein legitimes Anliegen.

    Tierwohl ist uns sehr wichtig. Wir bemühen uns heute schon, unsere Fleischprodukte so nachhaltig wie möglich zu produzieren. In den letzten Jahrzehnten haben wir hier massive Fortschritte erzielt. Im internationalen Vergleich ist die Schweiz heute Vorreiterin beim Tierwohl, unsere Betriebe sind deutlich kleiner. Diese Initiative ist unnötig und nicht zielführend.

    Welche Folgen für die Migros hätte eine Annahme der Initiative?

    Der hohe Selbstversorgungsgrad der Schweiz ist unseren Kundinnen und Kunden absolut zentral. Gemäss einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz würde dieser beim Poulet von 58 auf 5 Prozent sinken bei einer Annahme der Initiative. Eier von 56 auf 20 Prozent. Bei Schweinefleisch ist es von 92 auf 50 Prozent. Die Auswirkungen wären folglich massiv. Die Ernährungssicherheit, die während der Covid-Krise so gelobt wurde, wäre nicht mehr gewährleistet, wenn wir nur noch Bio haben, wie es die Initiative verlangt.

    Die Migros hat eine riesige Fleisch- und Geflügelverarbeitungsindustrie ...

    ... darum wären wir auch enorm betroffen, wenn das Volk an der Urne ein Ja einlegt. Das gilt nicht nur für uns, sondern für den ganzen Detailhandel, die verarbeitende Industrie, den Grosshandel, die Gastronomie und die Agrarwirtschaft. Nur einer von zehn Betrieben ist Bio. Eine Annahme käme einer Revolution gleich. Ich spüre bereits einen grossen Frust bei befreundeten Bauern.

    Frust auch bei Kundinnen und Kunden, weil die Preise im Laden dann massiv steigen?

    Wir sehen jetzt schon, dass die Leute wegen der Teuerung sparen und statt Bio-Qualität auf günstigeres Fleisch mit IP-Suisse-Standard ausweichen. Es gäbe keine Alternativen mehr. Aber klar, wir können weitere Fortschritte in der Landwirtschaft erzielen und wir können noch besser erklären, was wir bereits leisten.

    Ein Thema, das für Sie durch ist, aber bei vielen noch präsent, ist der abgelehnte Alkoholverkauf in Migros-Läden. Wie sehen Sie das Nein heute?

    Das Ergebnis hat mich nicht überrascht, ich habe mit einem Nein gerechnet. Beim Sortiment bleibt alles beim Alten, wobei wir die alkoholfreien Biere weiter ausbauen. Und wir lancieren das Non-Bier, das die St. Galler Brauerei Schützengarten für uns braut.

    Verraten Sie jetzt, was Sie in die Urne gelegt haben?

    Ob Ja oder Nein spielt auch heute keine Rolle. Es ging um die Abstimmung der Genossenschafter und Genossenschafterinnen. Was der Migros-Chef abgestimmt hat, interessiert hier nicht.

    Mit dem lukrativen Alkoholgeschäft ist es nichts geworden. Werden Sie als Gruppe im laufenden Jahr trotzdem wachsen?

    Im ersten Semester haben wir beim Umsatz leicht vorwärtsgemacht. Gastronomie, Fitnessanlagen und unsere Reisetochter Hotelplan wachsen stark gegenüber dem Vorjahr. Unsere finanzielle Performance ist aber von steigenden Kosten belastet. Schreibt Blick.

    Es tut gut, dieses Interview zu lesen. Migros-Boss Fabrice Zumbrunnen ist ein Pragmatiker durch und durch. Kein Hasardeur. Statt den von den Medien und hilflosen Politkern*innen quasi im Stundentakt bevorstehenden Weltuntergang ebenfalls zu beschwören, strahlt er ideologiefreien, sachbezogenen und lösungsorientierten Optimismus aus.

    Ein Satz des Migros-Häuptlings sticht besonders hervor: «Wir sollten besonnen bleiben!» Dass Zumbrunnen damit richtig liegt und dem unsäglichen Katastrophengeheul von Blick & Co. keine Chance gibt, zeigt die vorangegangene Reaktion des Blick-Journalisten: «Wenn Sie sich da mal nicht verrechnen!»

    Bad news verkaufen sich nun mal besser als good news. Wäre dem nicht so, wären die Medien voll mit Berichten über Mutter Theresa.

  • 2.9.2022 - Tag der Discount-Parlamentsabgeordneten

    Ware Freundschaft

    Steckt hinter Herbert Kickls Äquidistanz zu Anstand und Wahrheit ökonomisches Kalkül? "Krieg kennt keine Wahrheit", ließ uns die FPÖ diesen Sommer per ganzseitigen Inseraten wissen. Kaum ein anderer hat diesen Spruch so verinnerlicht wie ihr Obmann Herbert Kickl. Im Dezember des Vorjahres erklärte er, dass die FPÖ ihren Freundschaftsvertrag mit Wladimir Putins Partei Einiges Russland nicht verlängern werde. Kurz nach Putins Überfall auf die Ukraine behauptete Kickl sogar, der Vertrag sei schon aufgelöst. Eine von zahlreichen Medien übernommene Geschichte, bei der es sich aber tatsächlich um eine weitere Allegorisierung des Sprichworts "Lügen haben kurze Beine" handelt. Denn nachdem die FPÖ 2021 keine Kündigung vornahm, hat sich der Vertrag automatisch bis 2026 verlängert.

    Mangelnde Vertragstreue kann man dem FPÖ-Chef seither ebenso wenig vorwerfen wie Inkonsequenz bei seinem Umgang mit Fakten. Die in diesen beiden inhaltlichen Leitlinien zum Ausdruck gebrachte Äquidistanz zu Anstand und Wahrheit manifestiert sich nun auch in Kickls Aussage, die Sanktionen gegen Russland "schaden nur uns selbst", weshalb er mit seiner Forderung nach Aufhebung aller Strafmaßnahmen gegen Putin eine "Stimme der ökonomischen Vernunft" sei. Angesichts der realen Auswirkungen der Sanktionen auf die russische Wirtschaft wirkt diese Einschätzung wie Kreml-Propaganda auf Unter-Karin-Kneissl-Niveau.

    Was die "ökonomische Vernunft" betrifft, könnte Kickl es aber vielleicht anders gemeint haben. Darauf lässt zumindest ein vom Londoner Dossier Center in Zusammenarbeit mit mehreren europäischen Zeitungen geleaktes Dokument aus dem Medienkonzern des Putin-treuen Oligarchen Konstantin Malofejew schließen. Datiert mit 15. Februar 2016, berichtet darin Malofejews Mitarbeiterin Jekaterina Minachina von einem 20.000-Dollar-Angebot an den FPÖ-Abgeordneten Johannes Hübner. Dieser möge dafür vor den "irreparablen Schäden für die österreichische Wirtschaft durch antirussische Sanktionen" warnen und eine "Resolution zur Aufhebung antirussischer Sanktionen im österreichischen Parlament einbringen", bei deren Erfolg noch einmal 15.000 Dollar gezahlt würden.

    Tatsächlich brachte Hübner, der zuvor schon mit Johann Gudenus bei einer Audienz den von Putin geförderten Massenmörder Ramsan Kadyrow hofiert hatte, im Juni 2016 einen Entschließungsantrag mit dem Titel "Aufhebung der Sanktionen gegen Russland" im Parlament ein. Dieser wurde zwar nicht angenommen, aber hat es vielleicht geschafft, ein oft gehörtes Vorurteil zu widerlegen, wonach Entschließungsanträge der FPÖ grundsätzlich vollkommen wertlos seien.

    Nein, 20.000 Dollar stellen unzweifelhaft einen Wert dar. In der jetzigen Situation könnten derartige Prämien sogar zu einem kontinuierlichen Einkommen werden, denn die Gefahr, dass ein FPÖ-Antrag irgendwann angenommen wird, tendiert gegen null. Kickls Kampf gegen die Sanktionen ließe sich so gesehen wirklich mit "ökonomischer Vernunft" begründen. Und könnte für alle anderen auch als eine Art kleiner Trost interpretiert werden: Solange wir weiterhin für die Folgen von Putins Überfall auf die Ukraine zahlen müssen, soll dieser wenigstens für blaue Anträge zur Aufhebung der Sanktionen eine Gebühr entrichten. Schreibt DER STANDARD.

    Lächerliche 20'000 Dollar Schmiergeld für einen österreichischen Parlamentsabgeordneten sind jetzt aber nicht wirklich eine Menge Heu. Dafür kann sich ja der/die/das Geschmierte nicht mal einen gebrauchten Audi kaufen.

    Da scheinen schweizerische Parlamentarier*innen und Pöstchenjäger doch etwas teurer zu sein.

    Damian Müller - feinsinniger Pöstchen-Jäger
  • 1.9.2022 - Tag der menschlichen Unsterblichkeit

    Fachleute entschlüsseln Erbgut der unsterblichen Qualle

    Schwerelos hängt die gigantische, porzellanweiße Qualle im Blau, schwebt majestätisch vor den Augen der Besucher. In der französischen Serie „Ad Vitam“ verbirgt sich in den Genen dieser kalten Schönheit das Geheimnis des ewigen Lebens: Die Menschen können sich dank der Quallen-DNS beliebig oft verjüngen – mit erheblichen sozialen Verwerfungen. Und tatsächlich gibt es Quallen, die dem Altern ein Schnippchen schlagen können. Doch im Gegensatz zur Serie sind die alterslosen Quallen in Wirklichkeit winzig klein.

    Unserer Fantasie sind verschiedene Formen der Unsterblichkeit entsprungen: Seit Menschengedenken glauben Unzählige an eine unsterbliche Seele oder an ewig junge Göttinnen und Götter, Figuren wie Dorian Grey, dessen Bildnis an seiner statt altert, auch Untote wie Vampire faszinieren die Menschen. Dabei ist Unsterblichkeit kein reines Fantasieprodukt, wie die Qualle Turritopsis dohrnii beweist. Die wenige Millimeter große Qualle kommt im Mittelmeer rund um die Balearen vor der spanischen Küste vor – und hat einen erstaunlichen Trick entwickelt: Sie besitzt zyklische Unsterblichkeit.

    Bizarre Nesseltiere

    Quallen sind gewissermaßen zwei Lebewesen in einem: Zunächst leben sie als fest am Meeresgrund verankerte Polypen, die sich asexuell vermehren. Doch können die Polypen auch in ein Quallenstadium übergehen: Teile der Polypen schnüren sich ab und verwandeln sich in freischwimmenden Medusen. In dieser Form können sich die Quallen nun sexuell fortpflanzen, woraufhin Larven entstehen, die wieder zu festsitzenden Polypen werden.

    Nach der Paarung sterben die Quallen gewöhnlich – nicht aber so bei T. dohrnii! Zellen ihres Schirms, also der pulsierenden Außenhaut des Tiers, verwandeln sich in Polypen, die exakte genetische Kopien der Medusa selbst sind. Das gleiche Tier kann so im Prinzip beliebig oft den Quallen-Lebenszyklus durchlaufen und ist biologisch unsterblich. Damit ähnelt die Qualle Dr. Who: Die Hauptfigur der gleichnamigen britischen Kultserie stirbt nicht, sondern regeneriert sich, indem sie einen anderen Körper annimmt – für die Serienmacher ein eleganter Weg ist, wechselnde Darsteller zu erklären.

    Gute Gene für ewige Jugend

    Anders als Dr. Who könnte sich die Qualle nicht an Ereignisse aus ihren früheren Leben erinnern, dennoch ist ihre Verjüngungskur erstaunlich. Spanische Wissenschafterinnen und Wissenschafter rund um Maria Pascual-Torner von der Universität Oviedo haben sich auf die Suche nach den genetischen Ursachen für die Unsterblichkeit von T. dohrnii begeben. Wie das Team kürzlich im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Science" berichtete, besitzt die Qualle doppelt so viele Gene, die mit DNS-Reparatur zusammenhängen, als ihre enge, aber sterbliche Verwandte Turritopsis rubra.

    Aus den genetischen Analysen der Forscherinnen und Forscher geht hervor, dass diese überzähligen Gene Proteine kodieren, die die Tiere etwa vor oxidativen Stress schützen und verhindern, dass sich die Telomere bei der Zellteilung abnutzen. Als Telomere bezeichnen Fachleute die Enden der Chromosomen, also jener Transportform der DNS, wie sie während der Zellteilung vorliegt. Doch die schützenden Kappen schrumpfen bei jeder Teilung – ein Prozess, der mit Altern in Zusammenhang steht.

    Mögliche Anwendungen

    Doch es ist nicht überraschend, dass T. dohrnii besonders sorgsam mit ihrem Erbgut umgeht. Spannend ist, wie das genetische Drehbuch ihres Verjüngungstricks aussieht. Dazu betrachteten Pascual-Torner und ihr Team Gene, die besonders während der Verwandlung zurück in einen Polypen aktiv sind. Wie sich zeigte, schalten die Quallen in dieser Phase Gene aus, die sonst das Wachstum und die Entwicklung der Tiere steuern. Hingegen wurden DNS-Abschnitte eingeschaltet, die den Zellen erlauben, wieder zu pluripotenten Zellen zu werden, um sich später zu einer neuen Qualle zu entwickeln.

    Gemeinsam erlauben diese genetischen Anpassungen der Qualle, zwischen ihren beiden Formen pendelnd ewig zu leben. Wie Pascual-Torner betont, könnten diese Erkenntnisse auch zum Verständnis des menschlichen Alterns beitragen. Denn obwohl uns auf den ersten Blick wenig mit der durchsichtigen Qualle verbindet, teilt sich der Mensch mit dem Tierreich große Teile seiner Erbinformation. Dementsprechend hofft die Forscherin, dass ihre Ergebnisse die regenerative Medizin inspirieren können.

    Übrigens, T. dohrnii ist nicht das einzige unsterbliche Nesseltier. Dieses Kunststück beherrschen auch Süßwasserpolypen der Gattung Hydra, wobei die kleinen gallertartigen Wesen ihrem brachialen Fachbegriff nicht gerecht werden. Einige dieser Polypen produzieren laufend Stammzellen, wodurch sie nicht altern und sich sogar regenerieren können, wenn sie zerteilt werden. Im Gegensatz zu unserer Dr.-Who-Qualle handelt es sich hierbei aber um lineare Unsterblichkeit: Die Tiere leben unverändert vor sich hin. Schreibt DER STANDARD.

    Die gigantische, porzellanweisse Qualle macht eigentlich nichts anderes als das, was Hugo von Hofmannsthal zu seiner Zeit schon den Menschen zuordnete: «Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.»

    Hoffen wir, dass das ewige Leben für die Menschen eine rein philosophische Angelegenheit bleibt. Ein ewiger Putin ist ja nun wirklich keine wünschenswerte Zukunfts-Perspektive.

  • 31.8.2022 - Tag der Gerüchteküche in Florida

    Fand das FBI auch dazu Dokumente? Trump prahlt mit Geheiminformationen über Macrons Sexleben

    Donald Trump soll mehrfach damit geprahlt haben sehr private Informationen über den französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu haben. Es gehe um dessen Sexleben.

    Donald Trump (76) hat angeblich damit geprahlt, Informationen über das Sexleben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron (44) zu haben.

    Eine Quelle gibt gegenüber dem «Rolling Stone» an, dass mehrfach darüber tratschte. In seinem Umfeld behauptet er, er wisse von Macrons «unanständigen» Verhaltensweisen.

    Informationen angeblich durch Geheimdienst

    Und der Ex-Präsident behauptet, er habe von einigen dieser angeblich «schmutzigen Details» durch «Geheimdienstinformationen» erfahren.

    So wurde auch bei der FBI-Durchsuchung in Mar-a-Lago ein Dokument mit der Aufschrift «Info über den französischen Präsidenten» sichergestellt. Ob es sich aber bei den beschlagnahmten Unterlagen um diese Informationen handelt, ist unklar.

    Trump habe gegenüber einigen seiner engsten Mitarbeiter – sowohl während als auch nach seiner Zeit im Weissen Haus – über jene Informationen gesprochen.

    Unklar, ob Trump «Blödsinn» rede

    Schon früher äusserte sich Trump über Macrons angeblich «unanständiges» Verhalten, das «nicht viele Leute kennen». Doch zum «Rolling Stones» sagt der Insider auch: «Es ist oft schwer zu sagen, ob er Blödsinn redet oder nicht.»

    Trump und Macron hatten während der Amtszeit des Ex-US-Präsidenten eine durchwachsene Beziehung. Zeitweise schien Trump zu versuchen, eine Freundschaft mit Macron aufzubauen. Doch dann wetterte er wieder gegen den französischen Präsidenten. Schreibt Blick.

    «Rolling Stone», 1967 in San Francisco gegründet, war über Jahrzehnte hinweg das global führende Musikmagazin mit Schwerpunkt Pop und Rock. Aber auch Themen wie Film, Literatur und Politik gehörten zum inhaltlich breiten Spektrum des hoch angesehenen Magazins. Bei den Enthüllungs-Stories griff «Rolling Stone» hingegen öfters daneben und wurde entsprechend auch mit Klagen überzogen. Wie das in den USA so üblich ist.

    Im Zusammenhang mit der FBI-Durchsuchung von Trumps Anwesen in Florida mag das triviale Thema über Trumps Äusserungen zum Sexualleben des französischen Präsidenten Macron für die Boulevardabteilung von «Rolling Stone» möglicherweise ein einträgliches Clikbaiting-Geschäft sein. Vor allem in den USA. Doch hierzulande ist die Story längst durchgekaut.

    Macron musste sich schon im ersten Sommer seiner Präsidentschaft mit Sommerlochgerüchten herumschlagen, die ihm eine sexuelle Affäre mit seinem Bodyguard Benalla unterstellten. Macron verteidigte sich mit einer kurzen Stellungnahme «Alexandre Benalla ist nicht mein Freund» und die Geschichte war damit gegessen.

    Haarsträubende Gerüchte tauchten allerdings immer wieder auf. So soll laut Online-Netzwerken Macrons Gemahlin Brigitte eine «Transgender-Frau» sein.

    Wenn der Insider nun nicht sicher ist, «ob Trump Blödsinn redet oder nicht», zeigt das in etwa auf, was dieser ausschliesslich auf Gerüchten basierende Dumpfbacken-Artikel wert ist: Nichts. Denn Trump redet eigentlich nur Blödsinn.

    Dass diese Erkenntnis beim Boulevard-Journalismus und Hardcore-Fans von «The Donald» noch nicht angekommen ist, wird wohl kaum jemanden erstaunen.

  • 30.8.2022 - Tag der vielen Ingredienzen für eine Zeitenwende

    51 Prozent des Bitcoin-Handels sind möglicherweise fake

    Geht es um digitales Geld, so führt kaum ein Weg am Bitcoin vorbei. Er ist immerhin der "Urvater" jener Coins und Tokens, die heutzutage salopp als Kryptowährungen zusammengefasst werden. Bis heute ist das 2009 von Satoshi Nakamoto – dessen Identität nach wie vor nicht zweifelsfrei geklärt ist – ins Leben gerufene Netzwerk auch der Platzhirsch in diesem Bereich. Allein in den USA sollen bereits 46 Millionen Bürger Bitcoin besitzen.

    Das bildet sich auch klar im Handelsvolumen ab. Eine Stichprobe von Montagnachmittag (29. August) auf der Plattform Coinmarketcap weist dieses mit einem Gegenwert von über 31 Milliarden Dollar für die letzten 24 Stunden aus, wobei es keine einheitliche Berechnungsmethode gibt. Doch die Handelszahlen, so zeigt nun eine Analyse von Forbes, könnten massiv künstlich aufgeblasen sein.

    51 Prozent "Wash-Trading"

    Für die Untersuchung wurden Transaktionen auf 157 Kryptobörsen herangezogen. Man fand dabei einige interessante Dinge heraus. Vermutet wird, dass 51 Prozent des aus mehreren Quellen gemeldeten täglichen Bitcoin-Handelsvolumens von 262 Milliarden Dollar (Stand 14. Juni 2022) nicht "echt" sind. Gemeint ist damit, dass es sich um Transaktionen ohne wirtschaftlichem Grund bzw. zur künstlichen Steigerung des Handelsvolumens handelt.

    134 Millionen Dollar an Handelsvolumen dürften auf dieses sogenannte Wash-Trading entfallen sein. Ein Beispiel dafür wäre etwa ein Anbieter, der einfach nur zwischen seinen eigenen Wallets Geld verschiebt, ohne dass dies einen konkreten Nutzen hat. Künstlich gesteigerte Aktivität hat durchaus Profiteure. Insider können während sehr aktiver Handelsphasen zu erwartende Preissteigerungen nutzen, um Gewinne zu erzielen. Kryptobörsen wiederum können hohes Handelsvolumen auf ihrer Plattform zur Selbstvermarktung einsetzen, suggerieren diese doch rege Nutzung und hohes Kundenvertrauen.

    Binance klarer Marktführer

    21 der beobachteten Plattformen erzielten ein tägliches Handelsvolumen von mehr als einer Milliarde Dollar über alle Transaktionsarten. Weitere 33 erreichten 200 bis 999 Millionen Dollar. Mit 27 Prozent Anteil am Gesamtvolumen ist Binance der klare Marktführer, gefolgt von FTX. Geht es nur um Spot-Trades (Käufe und Verkäufe mit Soforterfüllung zum festgelegten Zeitpunkt) mit Bitcoin, so teilen sich Binance, FTX und OKX den Spitzenplatz. Binance, MEXC Global und Bybit sollen in Sachen Fake-Transaktionen das größte Problem sein, zumal diese Plattformen mit wenig bis keiner behördlichen Aufsicht operieren.

    Ergebnisse brachte die Untersuchung auch hinsichtlich anderer Kryptowährungen. So hält sich der Stablecoin Tether trotz Sorgen um seine Reserven stark im Handel. Als Fiatwährung in Handelspaaren sind außerdem nicht nur der Euro, das britische Pfund und der US-Dollar beliebt. Auch der koreanische Won und der japanische Yen sind stark nachgefragt. Schreibt DER STANDARD.

    Die geschätzten 51 Fake-Prozent dürften eine nette Untertreibung sein. Kommt dereinst der grosse Krypto-Crash, wird sich der Fake-Anteil für die Anleger*innen ausschliesslich bei 100 Prozent bewegen.

    Man nennt das «Totalverlust». «Das war über viele Jahre hinweg alles nur Luft und Biswind, Lehman war schon vor dem Crash pleite», wie ein Luzerner Bankster höhnisch beim Zusammenbruch von Lehman Brothers im Zusammenhang mit der Weltfinanzkrise 2010 resümierte. Krypto-Währungen sind auch nichts anderes als ein «Luft- und Biswind»-Produkt.

    Nun denn: Die Börsianer*innen von Wallstreet & Co. sitzen auf einem weit gefährlicheren Pulverfass. Die nicht mehr nachvollziehbar hochgejazzten Höchstwerte von Aktien und Wertpapieren verfügen über alle Ingredienzen für eine Weltfinanzkrise. Dass sie kommen wird, steht für die meisten Finanzexperten und Ökonomen fest. Die Frage dreht sich nur noch um den Zeitpunkt.

    Es ist ja nicht so, dass global zu wenig Geld im Umlauf ist, das angelegt werden muss, sondern viel zu viel. Zu viel Geld führt aber langfristig seit jeher zur Geldentwertung und damit zur Inflation. Einen Vorgeschmack davon spüren wir derzeit bereits weltweit. Die einen etwas mehr, die andern etwas weniger.

    Und weil eine weltweite Inflation selten allein kommt, folgt ihr meistens als noch viel grösseres Übel die Deflation mit unvorstellbarem Zerstörungspotenzial. Dann spielen die angeblich inflationssicheren Kryptowährungen ohnehin keine Rolle mehr. Wo nichts ist, ist nichts!

    Sie sehen: Dass wir uns warm anziehen müssen, liegt definitiv nicht nur an der globalen Energiekrise. Alles hängt wie immer mit allem zusammen.

  • 29.8.2022 - Tag der Spaltgriffe

    Griff fehlt beim letzten Zug: Auch Wickis Sieg hat einen Makel

    Drei Jahre nach der bitteren Niederlage gegen Christian Stucki erobert Joel Wicki doch noch den Schwinger-Thron. Wickis Sieg im Schlussgang gegen Matthias Aeschbacher ist aber umstritten.

    Die Innerschweiz steht komplett Kopf. Mit Joel Wicki schwingt sich erstmals seit Harry Knüsel 1986 ein ISV-Athlet auf den Thron. Der Luzerner ist nach dem dramatischen Abnützungskampf gegen den Berner Matthias Aeschbacher den Tränen nahe: «Für mich geht ein Bubentraum in Erfüllung.»

    Doch die überschwängliche Freude wird dann durch TV-Bilder etwas getrübt: Die Vogelperspektive zeigt, dass Wicki beim entscheidenden Wurf keinen Griff an Aeschbachers Zwilchhosen hatte. Deshalb hätte der Kampfrichter dieses Ergebnis aufgrund des Regulativs nicht geben dürfen. Trotzdem ist der 25-Jährige ein würdiger Schwingerkönig.

    Über 2019 wird immer noch diskutiert

    Und in seinem Fall darf man sehr wohl von ausgleichender Gerechtigkeit reden. Im Juni hatte Wicki beim Schwarzsee-Schwinget den Berner Michael Ledermann klar besiegt, aber weil der Kampfrichter das verdiente Resultat nicht gab, verpasste er dort den Festsieg. Und über seine Niederlage im ESAF-Schlussgang von 2019 gibt es bis heute kontroverse Diskussionen, ob Joel mit seinen Schultern wirklich zu den geforderten zwei Dritteln im Sägemehl lag. Guido Thürig, technischer Leiter der Nordwestschweizer, sagte kürzlich in einem Interview mit der Aargauer Zeitung: « Wenn man das Video dieses Gangs zwischen Stucki und Wicki sieht, sagt die Hälfte, Wicki war am Boden, die andere, er war es nicht.»

    Sieg mit Makel – Beispiele gibt es viele

    Unumstritten ist, dass der 1.83 Meter «kleine» und 107 Kilo schwere Maschinenmechaniker und Landwirt vom Sörenberg der beste Schwinger in Pratteln war. Wicki hat kein Gang verloren. Und seinem Schlussgang-Gegner Aeschbacher hatte er ja schon im sechsten Gang den Meister gezeigt.

    Einen vergleichbaren Makel findet man übrigens auch bei vielen anderen Königen: Der Appenzeller Thomas Sutter hatte 1995 bei seinem Triumph in Chur bei der entscheidenden Aktion keinen Griff an den Hosen seines Gegners Geni Hasler. Jörg Abderhalden wäre 2007 in Aarau nicht zum dritten Mal König geworden, hätte der Kampfrichter im zweiten Gang gesehen, dass der Toggenburger im Kampf mit Hanspeter Pellet für einen kurzen Moment auf dem Rücken lag.

    Deshalb dürfen wir König Joel getrost hochleben lassen. Schreibt Blick.

    O je! Wer will, findet immer ein Haar in der Suppe. Und wird ausnahmsweise mal kein Haar gefunden, tut's auch irgendein Spaltgriff. Hauptsache, man hat an der Dufourstrasse in Zürich eine knackige Clickbait-Zeile, die Empörung und Schnappatmung gleichzeitig hervorruft. Aber eben nur auf den ersten (Clickbait-)Blick.

  • 28.8.2022 - Tag des Verzichts auf liebgewordene Gewohnheiten

    «Dramatik nicht bei allen angekommen» – Bundesnetzagenturchef rechnet mit kalten Saunen im Winter

    Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, fordert mit Blick auf den kommenden Winter, im Freizeitbereich Gas einzusparen, und kritisiert: »Manche denken offenbar, das Ganze habe nichts mit ihnen zu tun«.

    Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, erwartet für den Winter Einschränkungen bei Saunen und Wellness-Einrichtungen. Er könne sich nicht vorstellen, »dass der Gasverbrauch im Freizeitbereich während des Winters angesichts der extrem hohen Energiepreise einfach weitergeht«, so der 51-Jährige gegenüber der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. »In jedem Fall wäre das in einer Gasmangellage grob unsolidarisch«, ergänzte er.

    Weitere Einschränkungen zur Diskussion

    Eine Gasmangellage hätte dramatische Folgen für Arbeitsplätze, Betriebe und Produktion, betonte Müller. »Das muss jedem klar sein – Jobs und die Herstellung wichtiger Güter sollten uns in der Energiekrise wichtiger sein als persönliche Annehmlichkeiten.« Die Dramatik sei aber noch nicht bei allen angekommen. »Es wird zwar viel über die hohen Preise diskutiert, aber manche denken offenbar, das Ganze habe nichts mit ihnen zu tun«, sagte Müller.

    Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderte in der »Neuen Osnabrücker Zeitung« indes ein Verbot von Heizstrahlern in der Gastronomie. »Es gibt gute Gründe, Heizpilze in der Außengastronomie zu verbieten«, sagte der BUND-Energieexperte Oliver Powalla dem Blatt. Im Winter werde nicht nur Gas, sondern auch Strom knapp und sehr teuer. »Den Luxus, auch bei kalten Temperaturen gemütlich warm draußen zu sitzen, können wir uns derzeit nicht leisten«, sagte Powalla.

    Laut »Bild«-Zeitung schalten mehrere Handelsketten wegen der steigenden Strompreise inzwischen Rolltreppen ab. Dies betreffe etwa Filialen des Elektronikhändlers Saturn und der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof. Letztere spare auch bereits bei der Beleuchtung. Der Einkaufszentrenbetreiber ECE hält dem Bericht zufolge Rolltreppen in Randzeiten morgens und abends an. Der Möbelhändler Ikea prüfe neben dem Abschalten von Rolltreppen weitere Energiesparmaßnahmen. Schreibt DER SPIEGEL.

    In der nun beinahe drei Jahre andauernden Pandemie haben die meisten Menschen gelernt, mit Verzicht auf gewisse Gewohnheiten zu leben. Wegen der Energiekrise geschlossene Saunen und ein paar stillgelegte Warenhaus-Rolltreppen dürften wohl die kleinsten Übel sein, die auf uns zukommen.

    Mit Dramatik haben diese beiden Einschränkungen jedenfalls nichts zu tun!

  • 27.8.2022 - Tag der Animal Farmen im Politbereich

    Einsprache des Bundesrats: Berset wehrt sich gegen Handy-Antenne – und gegen die Vorwürfe

    Bundesrat Alain Berset hat sich mit seiner Familie gegen den Bau einer Antenne im Dorf Belfaux (FR) gewehrt. Besonders ein Argument im Brief des Gesundheitsministers lässt aufhorchen.

    Eine Baugenehmigung für eine Mobilfunk-Antenne in der Gemeinde Belfaux (FR) wurde widerrufen, nachdem Anwohnende, darunter auch Bundesrat Alain Berset, Einspruch erhoben hatten.

    Der in Belfaux wohnhafte Alain Berset sowie drei Mitglieder seiner Familie hatten 2018 als Bürger und Bürgerinnen bei der Gemeinde Einspruch gegen den Bau einer 4G-Antenne durch den Mobilfunkanbieter Swisscom erhoben, wie die Tageszeitungen «La Liberté» und «Blick» am Mittwoch berichteten. Diese hätte später ohne erneute öffentliche Auflage in eine 5G-Antenne umgewandelt werden können.

    Gesundheitsminister verwendet umstrittenes Argument

    Im Schreiben, das von Berset unterzeichnet wurde, steht unter anderem: «Elektromagnetische Wellen technologischer Herkunft, insbesondere jene, die von der Mobilfunktechnologie ausgehen, haben schädliche Auswirkungen auf Mensch und Tier.» Dass gerade vom Gesundheitsminister Bedenken betreffend möglicher Schäden durch Strahlen geäussert werden, erstaunt. Immerhin sind laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) die in der Schweiz geltenden Höchstwerte unproblematisch.

    Einfacher Erfolg erstaunt Anti-5G-Kreise

    Der Erfolg des Vorgehens überraschte Gegnerinnen und Gegner der 5G-Antennen. «Wir haben schon Einsprachen mit über 600 Unterzeichnenden eingereicht, sind bis vor das Bundesgericht gegangen und hatten keinen Erfolg. Jetzt aber sehe ich bei dieser Antenne, dass eine Einsprache reicht und das Projekt wird verworfen», erklärte die Präsidentin des Vereins Stop 5G Glâne, Chantal Blanc, gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS.

    Verwundert über dieses Vorgehen hat sich die Freiburger 5G-Gegnerin an die Behörden gewandt und durch das kantonale Öffentlichkeitsgesetz den Beschwerdebrief der Familie Berset beschafft und veröffentlicht. Blanc betont aber, dass ihre Aktion keinesfalls darauf abzielte, Alain Berset ins Rampenlicht zu rücken. Allerdings kommt der Verdacht der Ungleichbehandlung auf.

    Berset verteidigt sich

    Nachdem zuerst Bersets Pressesprecher Stellung genommen hatte, meldete sich mittlerweile auch der Gesundheitsminister selbst zum Fall. Die Einhaltung der gesetzlichen Strahlungsnormen sei von grösster Bedeutung.

    In dem thematisierten Fall in Belfaux seien aber nicht Gesundheitsbedenken, sondern der Denkmalschutz Grund für seine Einsprache gewesen. Dies sagte Berset in einem Interview mit «Le Temps», welches am Freitagabend veröffentlicht wurde. Ausserdem habe er nicht mehr Gewicht als andere Bürgerinnen und Bürger. Schreibt SRF.

    Bundesrat Alain Berset – im wahrsten Sinne des Wortes der Berserker vom Dienst. Die Polit-Elite erinnert je länger je mehr an George Orwells Roman «Animal Farm» aus dem Jahr 1945. Der Roman galt bei seiner Veröffentlichung als Parabel auf die Geschichte der Sowjetunion, bei der auf die von einem grossen Teil des russischen Volkes getragene Februarrevolution letztlich die Diktatur Stalins folgte.

    Kurz zusammengefasst: Die Tiere des englischen Bauernhofs «Herren Farm» wollten das Joch der Unterdrückung durch Bauer Jones abschütteln und starteten erfolgreich eine Revolution, angeführt von den intelligenten Schweinen und übernahmen die Macht auf dem Bauernhof. Als «Verfassung» legten sie die «Sieben Gebote des Animalismus» fest.

    Doch eines Tages stellten die anderen Tiere fest, dass die Schweine plötzlich alle auf zwei Beinen liefen und Kleidung trugen. Entgegen den «Sieben Geboten des Animalismus» verbündeten sie sich mit den Farmern aus der Umgebung und betrieben einträgliche Geschäfte mit ihnen. Der Profit landete jedoch ausschliesslich bei den Schweinen, die sich inzwischen auch dem hemmungslosen Whisky-Genuss hingaben. Obschon Alkohol auf der «Animal Farm» verboten war.

    Auf der Scheune herrschte ab sofort nur noch ein einziges Gebot: «Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.»

    George Orwell war ein kluger Denker und der Zeit weit voraus. Seine bekanntesten Bücher «Animal Farm» und «1984» (Roman über einen totalen Überwachungsstaat) haben bis zum heutigen Tag nichts von ihrer Aktualität verloren. Nur die von uns in früheren Zeiten angedachten Parabeln auf die Inhalte verändern sich.

  • 26.8.2022 - Tag der Zauberlehrlinge

    «Es herrscht Wilder Westen am Energiemarkt»

    Der deutsche Finanzminister Christian Lindner spricht bei „Maybrit Illner“ über das kommende Entlastungspaket und kündigt 17 Milliarden Euro Schulden für 2023 an. Eine Energieberaterin malt derweil ein düsteres Szenario für den Mittelstand.

    «Wir haben auch Anrufer, die vielleicht einfach mal ihren Frust loswerden wollen. Unsere Berater sind heillos überfordert“, klagt Verbraucherschützerin Ramona Ballod am Donnerstag bei „Maybrit Illner“. Ihren Erlebnissen zufolge spüren Gasverbraucher nicht nur die Angst davor, ihre Rechnung nicht mehr bezahlen zu können und im Winter frieren zu müssen, sondern auch Verwirrung mit Blick auf die Reaktionen der Bundesregierung.

    Ein Knackpunkt: Die ab Oktober eingeführte Gasumlage. Sie ist eine Belastung für Gasverbraucher – zusätzlich zum hohen Gaspreis, der am Donnerstag nur knapp unter dem Rekordniveau lag. Die Umlage und die deswegen nötigen Entlastungen für die Bürger werden zum Streitthema in der Ampel-Regierung.

    Doch wer benötigt die Hilfe des Staats am dringendsten? Das diskutierte Maybrit Illner neben Ramona Ballod mit Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), der Ökonomin Veronika Grimm und dem stellvertretenden „Welt“-Chefredakteur Robin Alexander.

    Ziel der Gasumlage sei der Schutz der Gasverbraucher

    Es scheint in Mode gekommen zu sein, dass Mitglieder der drei Regierungsparteien die Gasumlage kritisieren, an eine genaue Kontrolle der Umsetzung appellieren oder faire Entlastungen fordern. Stephan Weils Bitte bei „Maybrit Illner“ nach einer „intensiven Diskussion im Bundestag“ über die Gasumlage wirkt im Vergleich dazu fast schon harmlos. Die Umlage sei „mit Fragezeichen versehen“, welche die Koalition „bestenfalls intern klären“ solle, so Weil.

    Andere Vertreter von SPD, FDP und Grüne gehen mit der Gasumlage härter ins Gericht. Grünen-Co-Vorsitzende Ricarda Lang sagte beispielsweise, es störe ihr Gerechtigkeitsempfinden, „wenn Unternehmen, die an anderen Stellen große Gewinne machen, jetzt ihre Kosten frühzeitig auf die Verbraucherinnen und Verbraucher umlagern wollen.“ SPD-Chefin Saskia Esken drohte gegenüber WELT sogar mit einer Blockade der Umlage im Bundestag, sollte Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) nicht dafür sorgen, dass keine gutverdienenden Gas-Unternehmen von der Umlage profitieren.

    Der Unmut in der Ampelkoalition sorgte dafür, dass sich Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) bei „Maybrit Illner“ wegen der Gasumlage rechtfertigen musste. Lindner erklärte, nicht die Rettung von Gas-Konzernen sei die Absicht der Umlage, sondern der Schutz der Verbraucher: „Manche Kundinnen und Kunden haben einen Vertrag mit Gasversorgern abgeschlossen, und der muss nun ausfallendes russisches Gas ersetzen. Diese speziellen Verbraucherinnen und Verbraucher hätten nun exorbitant höhere Gaskosten.“ Um diese Verbraucher zu entlasten, würden die insgesamt höheren Gaskosten unter allen Gasverbrauchern solidarisch verteilt.

    Von der Insolvenz bedrohte Unternehmen würden Lindner zufolge Geld aus der Umlage erhalten, „um einen Dominoeffekt zu verhindern, bei dem alle Steine umfallen und am Ende das Stadtwerk betroffen ist.“ Er sagte, man müsse nun darauf achten, dass nicht Unternehmen die Solidarität der Verbraucher ausnutzen, die ohnehin schon von der Energiekrise profitieren. „Wenn es etwas gibt, um dieses Instrument zielgenauer zu machen, dann scheuen wir uns nicht vor Korrektur.“

    „Uniper hat wie kein anderer auf russisches Gas gesetzt“

    Für WELT-Journalist Robin Alexander geht es bei der Umlage weniger um Solidarität: „Solidarität übt man in unserer Gesellschaft aus, wenn jemand schuldlos in Not geraten ist.“ Das könne man nicht von den beiden Gas-Unternehmen Uniper und Gazprom Germania behaupten, die mehr als 90 Prozent des Gelds aus der Gasumlage erhalten sollen: „Uniper hat wie kein anderer auf russisches Gas gesetzt und Lobbydruck dafür gemacht. Die haben geholfen, uns Putins Schlinge um den Hals zu legen.“

    Ökonomin und „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm findet den Ansatz der Umlage gut, die höheren Beschaffungskosten des Gas auf alle Kunden zu verteilen und dadurch einen Sparanreiz zu schaffen. Sie brachte jedoch den Vorschlag eines Gaspreisdeckels in die Runde, für den sich auch die Linke und Teile der Union ausgesprochen haben: Ein Grundbetrag an Gas pro Person soll demnach festgelegt und der Preis dafür gedeckelt werden.

    Überschreitet der Gaspreis den Preisdeckel, zahlt der Staat die Differenz – und der Endverbraucher müsste selber zahlen, wenn er den Grundbetrag überschreitet. „Dann würde man so entschädigen, dass der Sparanreiz erhalten bleibt, aber die extreme Belastung der Verbraucher nicht stattfindet.“

    „Wenn die Gasmangellage eintritt, gehen die Preise steil hoch“

    Dass sich Bürger im Wirrwarr rund um die Kritik an der Gasumlage und verschiedenen Modelle der Entlastung verheddern, bestätigte Energieberaterin Ramona Ballod von der Verbraucherzentrale Thüringen. „Die Leute sind komplett verwirrt. Das ist eine Krisenkommunikation bei der Regierung, die lässt zu wünschen übrig und das Vertrauen sinken.“ Viele staatliche Hilfen seien „mit der Gießkanne ausgegossen“ und dabei Haushalte mit niedrigem Einkommen missachtet worden.

    Ballod sagte, die Verbraucherzentrale habe bereits viele Gasversorger wegen unzulässiger Preiserhöhungen abgemahnt. „Die Preise steigen ins Utopische. Es herrscht Wilder Westen am Energiemarkt.“ Sie könne nicht abschätzen, wie hoch die Preise noch steigen werden, warnte jedoch: „Wenn die Gasmangellage eintritt, gehen die Preise steil hoch. Dann ist die Mitte der Gesellschaft locker erreicht, die das nicht mehr zahlen kann.“

    Bei solch düsteren Prognosen war es die Aufgabe des Finanzministers, mit Details zum kommenden Entlastungspaket für etwas Hoffnung bei Illners Zuschauern zu sorgen. Lindner versicherte: „Wir werden noch vor Oktober Klarheit haben für das Entlastungspaket für den Winter.“ Man wolle „die besonders bedürftigen Menschen nicht alleine lassen“ und die Mitte der Gesellschaft unterstützen.

    Er sagte, die Regierung arbeite an einer Wohngeldreform: „Menschen mit kleinem Einkommen bekommen dann einen Zuschuss zur Miete und künftig zu den Heizkosten.“ Das schließe auch Rentner in Eigenheimen mit ein. Zudem wolle die Regierung Hartz-IV durch ein Bürgergeld ersetzen, mit dem Grundsicherungsbeziehenden die Heizkosten erstattet werden sollen. Beides soll bis zum 1. Januar auf den Weg gebracht werden.

    Zwar wolle Lindner 2023 zur Schuldenbremse zurückkehren, er plane dennoch mit 17 Milliarden Euro neuen Schulden „und dutzenden Milliarden Euro, die wir aus einer Rücklage einsetzen.“ Er betonte: „Wir machen uns auf den Weg zu soliden Finanzen, aber wir sparen nicht.“ Schreibt DIE WELT.

    Eigentlich schon putzig zu beobachten, wie sich die politischen Eliten und «grossen Staatenlenker» die «Schwarzen Peter» zuschieben, von denen es momentan viele gibt. «Schwarze Peter», die sie und ihre Parteien durch Versäumnisse und mit grenzenloser Naivität selbst geschaffen haben.

    Das Pontius Pilatus-Syndrom «Ich wasche meine Hände in Unschuld» feiert derzeit in der Politik Hochkonjunktur, wie vielleicht seit 1939 nicht mehr.

    Der Energiemarkt ist nichts anderes als eine der unzähligen Börsen: Warenbörsen für Waren wie Rohstoffe, Effektenbörsen für Wertpapiere, Devisenbörsen für Währungen, Terminbörsen für Terminkontrakte und Spezialbörsen für bestimmte Waren wie Zucker, Kaffee, Getreide und Baumwolle etc. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Bis hin zur Wallstreet.

    Die unzähligen Casinos der Spekulation, die mit wesentlich anderen Vorstellungen als Börsen gegründet wurden, haben sich verselbstständigt. Zu Staaten in den Staaten. Damit sind sie unkontrollierbar geworden. Ihre Macht und Einfluss auf Politik und Gesellschaft sind unermesslich. Fast alle globalen Krisen der letzten Dekaden bis hin zu den «Schwarzen Freitagen» (Finanzkrise vom 24.9.1869 in den USA sowie am 25.10.1929, ebenfalls in den USA) wurden im Wesentlichen durch sie verursacht.

    Die Börsen haben sich nicht im Sinne der Erfinder entwickelt. Statt Kontinuität in der Preisentwicklung, fairen Erträgen für die Produzenten und Versorgungssicherheit für die Gesellschaften produzieren sie vor lauter Gier das pure Gegenteil. Im Sinne von «der Markt regelt alles» werden monströse Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert.

    Wie schreibt Goethe in seiner Ballade «Der Zauberlehrling» so treffend? «Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.»

  • 25.8.2022 - Tag der durch die Decke gehenden Energiepreise

    Steigende Kosten: Fast alle Parteien fordern Entlastungen bei den Energiepreisen

    Auch der Bundesrat erachtet die steigenden Kosten als Herausforderung. Doch einen Vorschlag, wie der Situation begegnet werden könne, hat er noch nicht präsentiert.

    Die Energiepreise steigen, auch für private Haushalte. Wie stark sie genau steigen, wird sich in den nächsten Tagen zeigen, wenn die regionalen Verteiler ihre neuen Preise bekannt geben. Die Eidgenössische Elektrizitätskommission Elcom schätzt, dass es für die Privaten bis zu 30 Prozent teurer werden könnte.

    Schon seit längerem prüft der Bundesrat, ob es Massnahmen braucht, um die Haushalte finanziell zu unterstützen. Doch auch diese Woche ist er zu keiner Entscheidung gelangt.

    Er sei sich «der Herausforderungen rund um die gestiegenen Energiepreise bewusst», schrieb er in einer Stellungnahme vor einer Woche. In seiner Sitzung am Mittwoch hat er offenbar über das Thema diskutiert, es dann aber trotzdem vertagt.

    Die meisten Parteien fordern Entlastungen

    An Vorschlägen der Parteien, wie der Situation zu begegnen ist, mangelt es nicht: Neben der bekannten Forderung, den Benzinpreis zu senken, will die SVP zum Beispiel auch eine generelle Obergrenze bei den Energiepreisen prüfen. «Auch private Menschen brauchen eine Sicherheit, wenn es um die Budgetplanung geht», sagt SVP-Nationalrat Mike Egger. Eine Obergrenze entlaste und schaffe Sicherheit.

    Von möglichen Massnahmen sollten nicht nur einzelne Gruppen, sondern alle profitieren, so Egger. Ganz anders sieht es die Grüne Nationalrätin Franziska Ryser. Die Massnahmen sollten ihrer Ansicht nach jenen entgegenkommen, die ein geringes Einkommen haben: «Also beispielsweise Haushalte, die auf Ergänzungsleistungen oder Sozialhilfe angewiesen sind.»

    FDP sieht keinen Handlungsbedarf

    Einen ähnlichen Weg schlagen auch SP und die Mitte-Partei vor. Sie wollen ebenso die finanziell schwächeren Haushalte in der Krise gezielt unterstützen. Ähnlich zurückhaltend wie derzeit der Bundesrat ist einzig die FDP.

    Die Partei sieht im Moment keinen Handlungsbedarf bei den Privaten, wie Ständerat Ruedi Noser erklärt: «Die Preisschwankungen beim Benzin wie bei der Elektrizität, auch eine Erhöhung im Rahmen von 10, 20 oder 30 Prozent, sind im marktüblichen Umfeld.»

    Der Berner Energieversorger EWB rechnete kürzlich vor, was ein Anstieg der Kosten von 20 Prozent für einen repräsentativen Haushalt in einer 4-Zimmer-Wohnung bedeutet: Für diesen entstünden knapp 110 Franken mehr Energiekosten pro Jahr. Ein Preisanstieg, der zum aktuellen Stand noch von allen Haushalten selbst getragen werden muss.

    Ökonom Brunetti: «Direkt aus dem Giftschrank»

    Soll der Staat die Preise für Strom, Heizöl oder Gas künstlich begrenzen? Nein, sagt dezidiert Aymo Brunetti, Ökonomieprofessor an der Universität Bern. «Das ist direkt aus dem ökonomischen Giftschrank. Das ist genau das, was man nicht tun sollte, weil man damit verhindert, dass der Preis auf ein bestimmtes Niveau steigt. Dann gibt man einen Anreiz, mehr zu konsumieren, und gleichzeitig gibt man weniger Anreiz, Alternativen zu suchen.»

    Deshalb hält Brunetti auch wenig von Tankgutscheinen oder Steuerabzügen für Pendlerinnen und Pendler, die auf das Auto angewiesen sind, weil auch dies falsche Anreize setze. Auch einen Heizkostenbeitrag an alle Mieterinnen und Mieter lehnt der Ökonom ab. Denn dieser würde auch Menschen zugutekommen, die dies gar nicht nötig hätten.

    Wenn der Staat überhaupt Unterstützung leiste, dann sollte er direkt bei den ärmeren Haushalten ansetzen. «Wenn man etwas machen möchte, dann ist es besser, wenn man gezielt zum Beispiel arme Haushalte begünstigt, einen Zuschuss, zum Beispiel über die Krankenkassenprämien, da gibt es ja verschiedene Modelle, dass man über so etwas spricht.» Schreibt SRF.

    Es ist ein wahrlich seltenes Ereignis. Doch in diesem Fall einer neuen Bundes-Giesskanne zur Unterstützung der Haushalte bezüglich Energiepreisen stimme ich tatsächlich der FDP zu. Auch ein blindes Huhn findet ab und zu ein Korn. Selbst wenn dieses Korn vermutlich der FDP-Klientel geschuldet ist. Im Herbst 2023 finden bekannterweise die eidgenössischen Wahlen statt. Da verscherzt man es sich ja nicht unbedingt mit den Stammwählern*innen.

    Nehmen wir vorerst einmal den Stromverbrauch unter die Lupe. Wenn die geschätzten Mehrkosten des Berner Energieversorgers EWB bei einer Preiserhöhung von 20 Prozent tatsächlich zutreffen und knapp 110 Franken pro Jahr für eine Vierzimmer-Wohnung betragen, ist das für die Bevölkerung tragbar. Das sind pro Monat neun Franken und 16 Rappen. Also eine Schachtel Marlboro oder zwei Café Crème. Durch ein striktes Management des persönlichen Stromverbrauchs im eigenen Haushalt liesse sich vermutlich so viel Strom einsparen, dass die Stromrechnung sogar tiefer als im Vorjahr ausfallen könnte.

    Das gilt auch für Haushalte, die mit Gas beheizt werden. Experten sind sich einig, dass sich in diesem Bereich gewaltige Mengen an Gas einsparen liessen. Prognosen für die Gaspreise sind derzeit allerdings unter der Rubrik «Kaffeesatz lesen» einzuordnen. Niemand hat eine Glaskugel, um die wirkliche Preisentwicklung vorauszusagen. Und Mike Shiva lebt nicht mehr.

    Wir leben jetzt und heute in einer Zeitenwende, die ein grundlegendes Umdenken verlangt. Vieles wird nicht mehr so sein, wie es früher einmal war. Das war schon immer so. Jede Generation muss ihre eigenen Probleme lösen. Eigenverantwortung wird wichtiger denn je. Darauf muss sich die Zivilgesellschaft einstellen. Hemmungsloser Konsumrausch und ein bedenkenloser Ressourcenverbrauch fordern ihren Tribut. Jetzt und nicht erst morgen.

    Je schneller wir und vor allem die handelnden Parteien inklusive Wirtschaft das begreifen umso besser. Denn nebst der Energiekrise warten weit gewichtigere Herausforderungen auf uns, die über Sein oder Nichtsein bestimmen. Der Klimawandel ist nur eine davon. Packen wir's an. Jeder für sich und Gott gegen alle, wie Werner Herzog einen seiner Spielfilme betitelte.

  • 24.8.2022 - Tag der Invasoren

    Wie den Kaninchen die Invasion in Australien gelang – mit katastrophalen Folgen

    Australien beherbergt eine einzigartige Tierwelt. Lange isoliert vom Rest der Welt, entwickelten sich auf dem fünften Kontinent zahlreiche endemische Arten, die sonst nirgends vorkommen. In den vergangenen Jahrhunderten tauchten allerdings immer mehr eingeschleppte Spezies auf, die teilweise für enorme ökologische Probleme sorgten: Die rasante Ausbreitung von Katzen, Füchsen oder der Aga-Kröte drängte viele heimische Arten an den Rand des Aussterbens. Auf eine besonders katastrophale Bilanz kann ein langohriger Einwanderer aus Europa zurückblicken: das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus).

    Im 18. Jahrhundert wurden die ersten Kaninchen von Kolonisten nach Australien gebracht – und vermehrten sich in diesem neuen Lebensraum im wahrsten Sinne des Wortes wie die Karnickel: Im Lauf des 19. Jahrhunderts eroberten die Tiere ein Gebiet, das etwa 13-mal so groß war wie ihr ursprünglicher europäischer Lebensraum, kein anderes eingeschlepptes Säugetier konnte sich je so schnell ausbreiten. Die Folgen sind, trotz mitunter brachialer Gegenmaßnahmen, bis heute dramatisch: Durch ihre schiere Zahl setzen die gefräßigen Vertreter der Hasenfamilie nicht nur der australischen Pflanzenwelt und Landwirtschaft massiv zu und zerstören durch ihre Bautätigkeit ganze Landstriche. Sie verdrängen auch heimische Säuger wie den Kaninchennasenbeutler (Macrotis lagotis).

    Folgenreicher Weihnachtstag

    Dass Kaninchen von europäischen Siedlern etliche Male nach Australien gebracht worden sind, ist gut dokumentiert. Wo aber die massenhafte Ausbreitung der Tiere begonnen hat, ob sie auf eine einzige oder mehrere Einfuhren zurückgeht und woher die "Pionierkaninchen" stammten, war lange unklar. Ein internationales Forschungsteam hat nun in historisch-genetischer Detektivarbeit aufgedeckt, wann und wo genau das australische Kaninchenproblem seinen Anfang nahm. Das Ergebnis, das diese Woche im Fachblatt "PNAS" veröffentlicht wurde, ist überraschend präzise: Der Beginn der hoppelnden Öko-Katastrophe lässt sich auf den 25. Dezember 1859 datieren.

    An diesem Tag lief die Ligthning im Hafen von Melbourne ein, an Bord befand sich eine folgenreiche Fracht: 24 Wildkaninchen für den wohlhabenden englischen Siedler Thomas Austin, der die Tiere zur Jagd auf seinem Anwesen nahe Geelong in Victoria ansiedelte.

    Wie schnell die Dinge dort ihren Lauf nahmen, war schon bald in Regionalzeitungen zu lesen: Die Zahl der "Austin rabbits" sei bereits auf mehrere tausend Tiere angewachsen, hieß es in einem Bericht von 1862. Drei Jahre später brüstete sich Austin damit, dass bei Jagden auf seinem Anwesen schon an die 20.000 Kaninchen erlegt worden seien. Aufhalten ließen sich die Tiere freilich durch Bejagung längst nicht mehr, wie das Team um Joel Alves von der University of Oxford nun nachgewiesen hat: Obwohl Austins 24 Tiere bei weitem nicht die ersten Kaninchen waren, die Australien erreichten, geht die beispiellose Kanincheninvasion auf sie zurück.

    Englische Abstammung

    Für ihre Studie untersuchte das Forschungsteam historische Aufzeichnungen und analysierte genetische Daten von 187 Kaninchen, die in Australien, Tasmanien und Neuseeland gesammelt worden waren. Untersucht wurde auch die DNA einiger Tiere aus Großbritannien und Frankreich, um der Ursprungspopulation auf die Spur zu kommen. Wie Alves und Kollegen berichten, gehen so gut wie alle australischen Kaninchen auf gemeinsame Vorfahren zurück, nur zwei lokale Populationen in der Nähe von Sydney stammen von anderen Tieren ab. Das genetische Epizentrum der unüberblickbaren australischen Kaninchenschar, die heute auf rund 200 Millionen Tiere geschätzt wird, konnten die Forschenden in Victoria verorten, in der Nähe von Austins Anwesen. Je weiter sich die Kaninchen entfernten, desto geringer wurde die genetische Vielfalt der Population.

    Zudem fanden sich Hinweise auf eine Abstammung der invasiven Population von Tieren aus dem Südwesten Englands, ein weiteres starkes Indiz: Dort, in der Grafschaft Somerset, hatte Austins Familie jene 24 Tiere gefangen, die schließlich nach Australien verschifft wurden. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass trotz der zahlreichen Einschleppungen in Australien eine einzige Einfuhr diese verheerende biologische Invasion ausgelöst hat, deren Auswirkungen noch heute zu spüren sind", sagte Alves.

    Genetischer Vorteil, kritischer Zeitpunkt

    Warum aber konnten sich die englischen Kaninchen so erfolgreich ausbreiten, dass weder rigorose Tötungsaktionen, ein Anfang des 20. Jahrhunderts errichteter 3.000 Kilometer langer Schutzzaun, noch die absichtliche Verbreitung der Kaninchenpest, einer für Haus- und Wildkaninchen meist tödlichen Virenkrankheit, das Problem eindämmen konnten?

    Alves und Kollegen vermuten, dass Austins Kaninchen im Vergleich zu bereits früher eingeschleppten Tieren über einen genetischen Vorteil verfügten: Sie konnten sich schneller an das trockene und halbtrockene Klima anpassen. Dazu kommt, je nach Perspektive, Glück oder Pech: Sie kamen just zu einer Zeit, als große Areale des Outback in Weideland umgewandelt wurden und damit günstige Voraussetzungen für die Ausbreitung herrschten.

    Die Ergebnisse seien auch mit Blick auf künftige biologische Invasionen, die die Artenvielfalt gefährden, wichtig, sagte Alves. "Wenn man sie verhindern will, muss man verstehen, wie sie funktionieren. Die Geschichte der australischen Kaninchen erinnert auch daran, dass die Handlungen einer einzigen Person oder einer kleinen Personengruppe verheerende Auswirkungen auf die Umwelt haben können." Schreibt DER STANDARD.

    Invasoren haben in der langen Geschichte des Planeten Erde und der Menschheit mit wenigen Ausnahmen noch nie etwas anderes hinterlassen als Katastrophen. Egal, ob Kaninchen, Asteorid oder Putin.

  • 23.8.2022 - Tag der kruden Ideologien in den Social Media

    «Die Gefühle anderer verletzt»: Ravensburger nimmt Winnetou-Buch aus dem Handel

    Die Firma Ravensburger hat sich dazu entschieden, aufgrund von Rassismusvorwürfen das Buch «Der junge Häuptling Winnetou» aus dem Handel zu nehmen. Das sorgt jedoch erneut für Kritik.

    Die vor allem für ihre Spiele und Puzzle bekannte Firma Ravensburger hat angekündigt, die Auslieferung der beiden Bücher «Der junge Häuptling Winnetou» zum gleichnamigen Film zu stoppen und aus dem Programm zu nehmen. In einem Instagram-Post begründete die Firma dies mit dem Feedback der Nutzer, das gezeigt habe, «dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben».

    Doch auch nach dieser Entscheidung sieht sich die Firma Ravensburger erneut grosser Kritik ausgesetzt. Hunderte Nutzer der Social-Media-Plattform Instagram äusserten ihr Unverständnis über die Entscheidung und bezichtigten die Firma etwa der Zensur oder des Einknickens vor Kritik.

    «Romantisierendes Bild mit vielen Klischees»

    Ein Sprecher des Unternehmens mit Sitz im deutschen Ravensburg teilte am Montag auf Anfrage mit, man habe die Entscheidung, die Titel zum Film «Der junge Häuptling Winnetou» aus dem Programm zu nehmen, sorgfältig abgewogen. «Wir vertreten in unserem Unternehmen und mit unseren Produkten seit langer Zeit Werte, an die wir glauben: unter anderem Gemeinsamkeit und Bildung, wozu auch Fairness und Offenheit gegenüber anderen Kulturen gehören, und dies wollen wir in unserem Programm ausgewogen darstellen.»

    Bei den genannten Winnetou-Titeln sei man nach Abwägung verschiedener Argumente zu der Überzeugung gelangt, dass angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein «romantisierendes Bild mit vielen Klischees» gezeichnet werde. «Auch wenn es sich um einen klassischen Erzählstoff handelt, der viele Menschen begeistert hat: Der Stoff ist weit entfernt von dem, wie es der indigenen Bevölkerung tatsächlich erging.»

    Auch Puzzle aus Programm genommen

    Vor diesem Hintergrund wolle man als Verlag keine verharmlosenden Klischees wiederholen und verbreiten, auch wenn man den Grundgedanken der Freundschaft – wie bei Winnetou vorhanden – hoch schätze. Neben den beiden Büchern seien auch ein Puzzle und ein Stickerbuch zu dem Film aus dem Programm genommen worden.

    Die Kritik hatte sich zunächst an der gleichnamigen Verfilmung entbrannt, weil der Film rassistische Vorurteile bediene und eine kolonialistische Erzählweise nutze. Der Film kam am 11. August in die Kinos. Schreibt Blick.

    Es gibt schon Momente, in denen man sich fragen muss, wo unsere Gesellschaft gelandet ist und wo sie hin driftet. Kleinste Minderheiten mit abstrusem Gedankengut beherrschen je länger je mehr den öffentlichen Diskurs.

    Politik und Wirtschaft springen über jedes hingehaltene Stöckchen. Man könnte ja Wähler*innen oder Kunden*innen verlieren. Die grossen Stöcke lässt man allerdings durchgehen.

    Als ich etwa 13 oder 14 Jahre alt war, hatte ich sämtliche der 65 Karl May-Bücher aus der Pfarreibibliotek bereits gelesen. Als Kinder spielten wir «Indianerlis» und derjenige oder diejenige die von uns Buben und Mädchen eine Indianerfeder auf dem Haupt tragen durfte, war stets der stolze King oder die stolze Könnigin der ganzen Bande. Ein Indianer oder eine Indianerin zu sein war eine grosse Ehre. Von Rassismus war da nie auch nur das Geringste zu spüren.

    Kinder werden nicht als Rassisten geboren. Im Gegenteil: Sie sind neugierig. Als ich kürzlich am Morgen Zigaretten im Kiosk holte, kamen mir zwei Erstklässler-Buben entgegen. Hand in Hand. Einer mit weisser Hautfarbe, der andere mit dunkelbrauner. So schlenderten sie Hand in Hand dahin Richtung Schulhaus. Zum ersten Schultag ihres Lebens.

    Ich war ergriffen und hätte gerne ein Foto von diesen zwei noch unverdorbenen Jungs gemacht. Doch mein Respekt vor Kindern hinderte mich daran. Aber eines war mir klar: Diese beiden Boys werden mit grösster Wahrscheinlichkeit nie Rassisten.

    Dass jetzt ein paar vernachlässigbare Narren und Närrinnen mit ihren schrägen Postings in den Social Media den geschätzten Ravensburger-Verlag in die Knie zwingen können, sollte uns langsam aber sicher Angst machen. Denn Ravensburger bestätigt auf servile Art und Weise die unsäglichen Vorwürfe einer kleinen Minderheit.

    Man hätte diesen Spinnern und Apologeten kruder Ideologien auch mit einer vernünftigen Kommunikation seitens Verlag entgegentreten können. Machte man aber nicht, sondern gab klein bei.

    Wer oder was ist der/die/das Nächste? Mogli? Globi? Oder gar Felix der Kater? Willkommen in der schönen neuen kranken Welt.

  • 22.8.2022 - Tag des Atomstromers

    Schweizer wappnen sich für Strom-Blackout im Winter: Sogar der AKW-Chef kauft einen Dieselgenerator

    Gewappnet sein für Stromausfälle im Winter. Das wollen immer mehr in der Schweiz, wie Medien berichten. Durch die Decke gehen Verkäufe von Brennholz und Powerstations, aber auch kleinere Stromgeneratoren sind gefragt.

    Rüsten für die drohende Energiekrise: Schweizerinnen und Schweizer wollen offenbar nicht länger auf die Politik warten und wappnen sich für den Winter. So gehen beim grössten Schweizer Online-Warenhaus Digitec Galaxus derzeit die Verkäufe von Produkten zur Eigen-Energiegewinnung durch die Decke.

    Eine Auswertung des Online-Warenhauses zeigt neue Rekordwerte im August gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode, wie die CH-Media-Titel schreiben. Beispiele: Brennholz-Verkäufe, plus 1897 Prozent! Offenbar stellen sich viele Hausbesitzer auf den Ausfall ihrer Heizung ein oder wollen sich zumindest ihr «Wärme-Level» sichern. Digitec Galaxus: «Die Leute lagern Holz zu Hause für den Fall, dass sie plötzlich kein Gas oder kein Heizöl mehr kriegen.»

    Zahlen liegen über den Erwartungen

    Fast verzwanzigfacht haben sich ebenfalls die Absätze sogenannter Powerstations. Das sind Riesenbatterien, die – vorausgesetzt sie sind aufgeladen – den Betrieb von Smartphones, Computern oder Wasserkochern sicherstellen. Deutlich über dem Durchschnitt sind die Verkäufe von Stromgeneratoren, Solarpanels, Heizlüftern und Heizkörpern. Laut Digitec Galaxus, die keine Angaben zu absoluten Zahlen machen wollen, bewegen sich die Verkäufe im drei- bis vierstelligem Bereich.

    Die Zahlen übertreffen die Erwartungen sogar noch, die im Juli bekannt geworden waren.

    AKW-Chef kauft Dieselmotörchen

    Doch nicht nur das breite Volk sorgt vor, sondern auch die Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz. Laut den CH-Media-Zeitungen hat sich Herbert Meinecke (58), der mit dem AKW Gösgen einen der zuverlässigsten Stromlieferanten der Schweiz leitet, einen Dieselgenerator zugetan – für den Fall der Fälle. «Dass ausgerechnet der Leiter eines AKWs auf ein Dieselmotörchen zurückgreift, mag erstaunen. Meinecke befindet sich aber in bester Gesellschaft», so die Zeitungen.

    «Ich habe mehr Brennholz als sonst bestellt. Taschenlampe und Batterien sind auch parat», sagte Werner Luginbühl (64), Präsident der Schweizerischen Elektrizitätskommission, kürzlich in der «NZZ am Sonntag». Bleibt im Winter die Heizkraft weg, schaltet Marcel Dettling (41), SVP-Nationalrat aus dem Kanton Schwyz, sein Notstrom-Aggregat ein, das sich der Landwirt neu für 7000 Franken Occassionspreis zugelegt hat.

    WC-Papier war einmal

    Was in der Corona-Krise das WC-Papier war, sind jetzt Holz, Taschenlampen, Batterien und Kerzen. Mit letzteren hat sich Grünen-Nationalrat Bastien Girod (41) unlängst eingedeckt, wie er «Nau.ch» verraten hat. SVP-Nationalrat Albert Rösti rät laut CH-Media den Leuten, sich ein Notstrom-Aggregat zu kaufen. Das habe er in Vorbereitung auf eine Mangellage ebenfalls getan.

    Die Schweiz rüstet sich bereits für den Winter. Die Empfehlungen und Massnahmen der Politik lassen auf sich warten – diese sind weiterhin eine Blackbox. Schreibt Blick.

    Diesel? Und das in Zeiten der Klimakrise. Wenn das Balthasar Glättli von den Grünen erfährt, ist der Atomstromer seinen Chef-Posten los.

    Allerdings sollte man dem Stromer Verständnis entgegenbringen. Wenn's um den eigenen Arsch geht, an den man frieren könnte, fallen alle Hemmungen. Ist bei den Grünen und Grüninnen nicht anders.

  • 21.8.2022 - Tag des Godfathers vom Herrliberg

    Blocher macht die Schweiz mitverantwortlich am Tod «blutjunger russischer Soldaten»

    Alt-Bundesrat Blocher wirft der Schweiz Mitschuld am Tod «blutjunger» russischer Soldaten vor. Die Schweiz sei zur «Kriegspartei» geworden. Wer den Krieg auslöste und dass sich die Ukraine zu verteidigen versucht, darüber verliert der SVP-Doyen kein Wort.

    Alt-Bundesrat Christoph Blocher (81) hat mit seiner Kolumne, die regelmässig in diversen Regionalzeitungen erscheint, eine Kontroverse ausgelöst. Diese Woche schrieb der SVP-Mäzen, dass die Schweiz im Ukraine-Krieg die Neutralität gebrochen habe und «Kriegspartei» sei.

    Die Schweiz «hilft mit, dass blutjunge russische Soldaten sterben müssen», so Blocher in der «Luzerner Rundschau», «Winterthurer Zeitung» oder «Wiler Nachrichten». Blocher ist deren Verleger.

    «Die jungen russischen Soldaten wurden von ukrainischen Soldaten getötet», erklärt Blocher. «Diese wiederum werden durch den Westen bewaffnet, vor allem durch die USA, aber auch durch die EU. Sogar mit Unterstützung der neutralen Schweiz, welche die schweizerische Neutralität brach und damit Kriegspartei ist.»

    Blocher verschweigt, wer den Krieg begonnen hat

    Die Kolumne trägt den Titel «Halbe Wahrheit». Der SVP-Mäzen sagt, dass man «angesichts der gefallenen russischen Teenager-Soldaten auch die Frage stellen müsste: Warum sind sie tot? Irgendjemand muss sie ja getötet haben.»

    Für Blocher sind die toten Russen offenbar nur «die halbe Wahrheit». Dass die Ukraine von Russland angegriffen wurde und sich verteidigt, dass Putin den Krieg begonnen hat, darüber verliert er kein Wort.

    Geharnischte Reaktionen

    Die Blocher-Kolumne sorgt für geharnischte Reaktionen. Mitte-Fraktionschef Philipp Matthias Bregy (44) spricht in der «SonntagsZeitung» von «Geschichtsverdrehung». FDP-Vizepräsident Andrea Caroni (42) sagte der Zeitung, «Putin braucht keinen Propagandaminister mehr – die Blochers machens gratis».

    Undiplomatisch reagiert der ukrainische Botschafter in Bern, Artem Rybchenko (39), auf die Blocher-Kolumne: «So etwas kann man nur vom heimischen Sofa aus sagen. Herr Blocher hat keinen Bezug zur Realität.» Ihm komme das vor wie «ein schlechter Witz». Schreibt SonntagsBlick.

    «Victim blaming» (Opferschelte) nennt man im Englischen das perfide Spiel, das der Godfather vom Herrliberg mit der absurden «Verlegerkolumne» in seinen Gratis-Blättchen betreibt. Oder «Täter-/Opfer-Umkehr» auf Deutsch.

    Die Frage stellt sich unwillkürlich, wohin Don Christoph Blocher in der «Verlegerkolumne» sein Hirn verlegt hat, das in früheren Zeiten tatsächlich vorhanden war?

    Ist das Altersdummheit, Alterssturheit oder einfach nur ein dämlicher Gefallen an seine Tochter Magdalena Martullo-Blocher, damit diese weiterhin ohne jegliche Hemmungen oder gar Gewissensbisse mit dem Don von Russland einträchtige Geschäfte führen kann?

  • 20.8.2022 - Tag der Ganoven und Ehrenwerten der Rohstoffhändler

    Grüne-Präsident Balthasar Glättli über den Rohstoffhandel in Zug: «Vieles geschieht im Dunkeln»

    Die Grünen Schweiz wollen den Rohstoffhandel stärker regulieren. Das hat Auswirkungen auf den Rohstoffhandelsplatz Zug, der zu den grössten der Schweiz zählt. «Dieser Wirtschaftszweig darf nicht unter dem Radar fliegen», ist Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli überzeugt.

    Der Rohstoffhandel im Kanton Zug hat grosse Tradition. Just dort treffen sich am Samstag die Grünen Schweiz zur Delegiertenversammlung. Im Fokus: zwei Resolutionen, mit denen die Partei die Schweizer Friedens- und Sicherheitspolitik neu ausrichten will.

    Unter anderem fordert sie darin den Ausbau von «Freiheits- und Friedensenergien», die Regulierung des Rohstoffhandels und das Finanzieren des Wiederaufbaus in der Ukraine.

    zentralplus hat im Vorfeld exklusiv mit Balthasar Glättli, Präsident der Grünen Schweiz, über feministische Aussenpolitik, eine «Kriegsgewinnsteuer» und die Rolle des Kantons Zug für den Rohstoffhandel gesprochen.

    zentralplus: Die Grünen Schweiz treffen sich am Samstag zur Delegiertenversammlung in Zug. Ein Zufall?

    Balthasar Glättli: Ja, ursprünglich war geplant, die DV in Zug abzuhalten, um den Endspurt der kantonalen Wahlen einzuläuten und Tabea Zimmermann Gibson bei ihrer Kandidatur für den Regierungsrat zu unterstützen. Aber natürlich, unsere Forderungen sind hier besonders aktuell. Die Grünen in Zug verlangen seit Jahren, dass der Rohstoffhandel transparenter wird. Gegen Nordstream 1 haben wir hier protestiert, ebenso gegen Nordstream 2. Insofern ist Zug ein symbolischer Ort für die DV der Grünen Schweiz.

    zentralplus: Ihre Partei will den Rohstoffhandelsplatz Schweiz stärker regulieren. Wie soll das konkret geschehen?

    Balthasar Glättli: Der Rohstoffhandel in der Schweiz ist intransparent, vieles geschieht im Dunkeln. Ein so wichtiger Wirtschaftszweig darf nicht unter dem Radar fliegen. Es braucht eine unabhängige Aufsichtsbehörde, ähnlich der Finanzmarktaufsicht, welche die Geschäfte der Rohstoffhändler unter die Lupe nimmt. So liessen sich auch griffige Sanktionen verhängen. Unser erster Vorschlag im Parlament erlitt Schiffbruch, doch wir bleiben dran.

    zentralplus: Wie nehmen Sie die Stimmung in der Bevölkerung wahr, was den Rohstoffhandel mit Ländern wie Russland anbelangt?

    Balthasar Glättli: Vielen Leuten wird je länger je mehr bewusst, dass Geschäfte mit Diktaturen und Oligarchen nicht nur eine Frage der Moral sind. Unsere und die europäische Abhängigkeit vom russischen Öl und Gas, aber auch vom Handel mit China, macht unsere Wirtschaft und Gesellschaft verletzlich. Die Regulierung des Rohstoffhandels ist also auch eine Frage der Verantwortung.

    zentralplus: Welche Auswirkungen hat eine stärkere Regulierung auf die Rohstoffdrehscheibe Zug?

    Balthasar Glättli: Für Unternehmen im Rohstoffsektor wäre Zug dadurch sicher weniger attraktiv. Das Klumpenrisiko für den Kanton würde sich hingegen verringern. Mit anständigen Geschäften sollen Rohstoffhändler aber weiterhin Geld verdienen können. Nur müssen die Unternehmen transparenter werden. Die Zahlen dazu existieren intern wohl bereits heute, die Rohstoffhändler mussten sie bislang aber nicht publik machen.

    zentralplus: Eng verknüpft mit dem Rohstoffhandel ist eine «Kriegsgewinnsteuer», wie sie unter anderem auch Ihre Partei fordert. Existieren in Ihren Augen legitime «Kriegsgewinner»?

    Balthasar Glättli: Das ist eine Frage, die wir diskutieren müssen. Dass eine saubere Abgrenzung zwischen «legitimen» und «illegitimen» Kriegsgewinnern möglich ist, zeigen unsere Nachbarländer. Italien hat zum Beispiel eine Steuer auf sogenannte Übergewinne von Energieunternehmen eingeführt. Das Kernproblem liegt aber an einem anderen Ort: Hätten wir in der Schweiz höhere Unternehmenssteuern, würden ausserordentliche Gewinne sowieso viel höher versteuert. Das Gegenteil ist aber der Fall: Wir haben die Unternehmenssteuern gesenkt, um Firmen anzulocken. Für die zu hohen Gewinne, die sie jetzt einfahren, brauchen wir eine Lösung. In dieser Angelegenheit zähle ich auf Gerhard Pfister, der bereits Interesse angekündigt hat.

    zentralplus: Umstritten ist auch, wohin der Ertrag aus der «Kriegsgewinnsteuer» fliessen soll: in die Ukraine oder zu den von der Inflation am stärksten Betroffenen in der Schweiz?

    Balthasar Glättli: Das wird die nächste politische Diskussion. Ich sage: Das eine tun, das andere nicht lassen. Es wäre problematisch, würden wir die Erträge aus einer solchen «Kriegsgewinnsteuer» nur in der Schweiz einsetzen. Der Ukraine-Krieg zeigt, dass wir eine grössere Verantwortung haben.

    zentralplus: Was versprechen Sie sich von einer «feministischen Aussenpolitik», wie die Grünen in einer zweiten Resolution fordern?

    Balthasar Glättli: In Konflikten wie aktuell in der Ukraine werden Frauenrechte immer zuerst verletzt. Es ist die Stunde der Militaristen, die sexuelle Gewalt als Kriegsinstrument einsetzen. In vielen Ländern stehen Frauen strukturell unter Druck und sitzen politisch am kürzeren Hebel. Eine feministische Aussenpolitik legt das Augenmerk auf die Frauenrechte. Wie Hillary Clinton treffend sagte: Menschenrechte sind Frauenrechte und Frauenrechte sind Menschenrechte.

    zentralplus: Welche Teile der zwei Resolutionen werden an der DV am Samstag zu reden geben?

    Balthasar Glättli: Die Resolutionen sind stark an die Aktualität gebunden. Mich erreichten kritische Rückmeldungen, die forderten, nicht nur die Handlungen von Russland, sondern auch die von China expliziter zu verurteilen. Diese Anregung hat sicher eine Diskussion verdient. Schreibt ZentralPlus.

    Dass auf unserer wunderbaren Welt vieles im Dunkeln passiert, war schon Bertolt Brecht bekannt. Im Dunkeln munkeln feiert seit Bestehen der Menschheit Hochkonjunktur. Vor allem unter Ganoven und ehrenwerten Menschen wie Rohstoffhändlern. Erstaunlich, dass sich dem Grüne-Politiker Balthasar Glättli diese Erkenntnis erst jetzt offenbart. Hat denn der gute Balthasar nie Brecht gelesen?

    «Denn die einen sind im Dunkeln

    Und die anderen sind im Licht.

    Und man siehet die im Lichte

    Die im Dunkeln sieht man nicht.»

    Aus «Die Dreigroschenoper»

    «Und der Haifisch, der hat Zähne

    Und die trägt er im Gesicht

    Und Macheath, der hat ein Messer

    Doch das Messer sieht man nicht»

    Aus «Mackie Messer»

  • 19.8.2022 - Tag der Fürsten und Familienclans in den Parteien

    Bierparteichef Marco Pogo kann bei der Österreichischen Bundespräsidentschaftswahl antreten

    Dominik Wlazny hat laut eigenen Angaben die nötigen 6.000 Unterstützungserklärungen für eine Kandidatur bei der Bundespräsidentenwahl gesammelt. Am Freitag will der Chef der Bierpartei, der auch unter seinem Künstlernamen Marco Pogo* bekannt ist, die Erklärungen persönlich – und gemeinsam mit seinem Wahlvorschlag – bei der Bundeswahlbehörde im Innenministerium abgegeben.

    Jüngster Kandidat

    "Ich bin überwältigt und dankbar, wie viele Österreicherinnen und Österreicher sich die Mühe gemacht haben, mich trotz aller bürokratischer Hürden auf meinem Weg zur Kandidatur zu unterstützen. Das zeigt deutlich, dass viele Menschen meiner Meinung sind: Es muss sich etwas ändern in diesem Land", wird Wlazny in einer Presseaussendung zitiert.

    Wlazny ist mit 35 Jahren der jüngste Kandidat, der für das höchste Amt im Staat kandidiert. Das benötigte Wahlalter von 35 Jahren erreicht er somit gerade. Die Wahl findet am 9. Oktober statt. Großer Favorit ist Amtsinhaber Alexander Van der Bellen, der derzeit ebenfalls Unterstützungserklärungen sammelt. Schreibt DER STANDARD.

    Ein weiterer Comedian greift nach einem hohen politischen Amt. Statt sich über dieses Phänomen aufzuregen, das in der Ukraine (Wolodymyr Selensky), Italien (Beppe Grillo), Guatemala (Jimmy Morales) und Island (Jón Gnarr) längst Realität geworden ist, sollte man sich eher Gedanken über die Ursachen machen.

    Zwar nicht der einzige, aber ein wesentlicher Grund sind die etablierten Parteien der westlichen, «demokratisch» regierten Staaten, die über viele Dekaden hinweg eine unerträgliche Elite konstruiert haben. Ähnlich den Fürsten und Familienclans vergangener Jahrhunderte. Von den USA bis hin zur Schweiz, wo inzwischen die SVP ebenfalls von einem Familienclan dominiert wird. Gegen die Blochers passiert in dieser Partei nichts, aber auch wirklich rein gar nichts.

    Diese Entwicklung der Parteien ist mit ein Grund der querbeet durch alle westlichen Demokratien und Altersschichten feststellbaren Politikverdrossenheit und Wahlenthaltung. «Die da oben machen sowieso was sie wollen» ist eines der meistgenannten Argumente der Frustrierten, die nicht mehr an den Wahlen teilnehmen. Auch wenn das Argument vollkommen falsch ist.

    Denn die führenden Parteibonzen*innenbis hin zu den sozialistischen Parteien – siehe Deutschlands Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder – machen eben nicht das, was sie wollen, sondern das, was die Konzerne ihnen diktieren. Anschliessend von der gehorsamen Polit-Kaste frei nach dem Motto «wer bezahlt befiehlt» als «alternativlos» bezeichnet.

    Forscher des Instituts für Systemgestaltung in Zürich haben 2007 untersucht, wie Konzerne untereinander verflochten sind. Dabei hat sich eine «Superzelle» von 147 Konzernen herauskristallisiert – mehrheitlich Finanzkonzerne.

    Auch wenn die Zürcher Forschungsarbeit eine alte Kamelle ist, hat sich an ihrer Richtigkeit nichts verändert. Ausser den neu hinzugekommen Globalplayern. «Planet Wissen» vom WDR zeigt dies mit der Doku «Rund 150 Konzerne regieren die Welt» aus dem Jahr 2019.

    Dass die Comedians aus der Ukraine, Italien, Guatemala und Island bis auf Jimmy Morales mit eigenen, neu gegründeten Parteien angetreten sind, zeigt aber, dass auch sie das eigentliche Problem nicht erkannt haben und ausgetretenen Pfaden folgen. Selenskys und Grillos Parteien sind keinen Deut besser als die ihrer Vorgänger.

    Künftige Generationen werden nicht umhin kommen, das System der Parteien grundlegend den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen. Damit Sätze wie «Gegen die Wallstreet wird niemand US-Präsident» für immer verschwinden.

    * Marco Pogo ist studierter Arzt

  • 18.8.2022 - Tag der hehren Botschaften von Politikern*innen

    Strompreise: Schweden kündigt Milliardenhilfe für Haushalte an

    Angesichts der hohen Strompreise will die schwedische Regierung Haushalte mit mehreren Milliarden entlasten. Das kündigte Schwedens Ministerpräsidentin Magdalena Andersson in Stockholm an. 30 Milliarden Kronen (rund 2.8 Milliarden Franken) sollen direkt oder indirekt aus Mitteln der Behörde, die für die Stromversorgung zuständig ist, an die schwedischen Haushalte gehen. Wie und wann das passieren soll, steht noch nicht fest.

    «Wir werden nicht zulassen, dass Putin die schwedischen Haushalte und die schwedische Industrie als Geiseln hält», sagte Andersson, knapp vier Wochen vor der schwedischen Parlamentswahl. Der Markt sei für «extreme Situationen wie diese» nicht geschaffen. Schreibt SRF im Ukraine-Liveticker.

    Die Erleuchtung der Schwedischen Ministerpräsidentin Magdalena Andersson kommt spät. Aber immerhin kommt sie. Dass der berühmte Markt, der ja laut den Ultra-Neoliberalen und den Konzern-Göttern alles regelt, für «extreme Situationen wie diese» in der Tat nicht geschaffen ist, wird langsam aber sicher zur Gewissheit.

    Das deckte auch die Coronapandemie in brutaler Deutlichkeit auf. Die Schwächen und extremen Risiken einer entfesselten Globalisierung führten dazu, dass simple Schutzmasken schlicht und einfach nicht vorhanden waren und lebenswichtige Arzneimittel knapp wurden. Ganz abgesehen davon, dass die Just-in-time-Lieferketten zusammenbrachen.

    Einen Schönheitsfehler hat die hehre Botschaft der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin aus Schweden allerdings. In knapp vier Wochen finden in Schweden Parlamentswahlen statt.

    «Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.» Dieses Zitat, das Otto von Bismarck zugeschrieben wird aber viele Väter hat, sagt alles.

  • 17.8.2022 - Tag der Wikipedia-Fotografen und deren Anwälte

    Aargauerin bestellt Fälschungen: Rechtsanwälte verlangen horrende Beträge für Fake-Markenartikel

    Wer gefälschte Markenprodukte online bestellt, muss mit hohen Kosten rechnen. Eine Aargauerin sah in den sozialen Medien Werbung für einen internationalen Online-Shop. Dort fand sie diverse Produkte, die ihr gefielen. Woher die Sachen geliefert werden, stand nicht genau, nur «Übersee» konnte sie lesen und dass die Lieferfrist bis zu 25 Tage dauere. Sie bestellte unter anderem Kinder- und Haushaltsartikel sowie Schmuck und Taschen.

    Doch nicht alle Artikel kamen bei ihr zuhause an: Stattdessen erhielt sie Post vom Zoll. Dieser schrieb, dass sechs Produkte zurückbehalten würden, da es sich wahrscheinlich um gefälschte Markenartikel handle. Damit aber nicht genug: Kurz darauf meldeten sich auch zwei Rechtsanwälte bei der Frau und stellten hohe Forderungen – insgesamt knapp 2000 Franken.

    Die Anwälte bezogen sich in ihren Schreiben auf Nachahmungen der Marken Gucci und Chanel. Die Beträge seien einerseits für die Zollkosten geschuldet, die durch die Vernichtung der Produkte entstanden seien. Zudem handle es sich um eine Entschädigung für die Marke sowie um das Anwaltshonorar.

    Die Online-Kundin erschrak, als sie die Briefe sah. Sie vermutete eine Gaunerei: «Ich dachte, dass diese Schreiben nicht echt sein können. Wie kommen sie auf diese Beträge?»

    Anwälte dürfen Forderungen stellen

    Wer gefälschte Artikel im Ausland bestellt, muss tatsächlich damit rechnen, dass diese nie ankommen und dass zusätzliche Kosten entstehen: Das Markenschutzgesetz verbietet die Einfuhr gefälschter Artikel. Und so beauftragen Markenartikel-Hersteller die Zollbehörden damit, gefälschte Produkte abzufangen und diese zu vernichten. Die Kosten, die dabei entstehen, werden von den Kundinnen und Kunden zurückverlangt, welche die Produkte bestellt haben.

    Aber Markenanwälte dürfen nur tatsächlich entstandene Kosten zurückfordern. Sie müssen belegen können, wie sie auf den geforderten Betrag kommen. Pauschalbeträge dürfen sie nicht verlangen. Der Verein Stop Piracy, der sich gegen Fälschungen stark macht, rät deshalb, dass man sich bei den Anwälten meldet: «Man soll darauf beharren, dass die effektiven Kosten aufgelistet werden – und zwar detailliert», sagt Eveline Capol, Leiterin der Geschäftsstelle von Stop Piracy.

    Für Konsumentinnen und Konsumenten sei es jedoch nicht immer einfach im Internet zu erkennen, ob ein Produkt gefälscht sei oder nicht, so Eveline Capol weiter. Etwa, wenn man sich vermeintlich auf einer Schweizer Seite mit «.ch»-Endung befinde.

    Hier könne man zum Beispiel auf die Lieferbedingungen achten: «Wenn die Lieferfrist mehrere Wochen beträgt, man ein Produkt nicht zurückschicken kann oder es keine Garantie gibt: Finger weg!» Ein Hinweis kann natürlich auch der Preis sein: Ein Markenartikel zum Spottpreis ist selten ein Original. Schreibt SRF.

    Man darf sich schon fragen, wer in diesem von SRF beschriebenen Fall die grösseren Gauner sind: Die Produkte-Fälscher oder die Schweizer Anwälte?

    Der Artillerie-Verein Zofingen kann auf ein ähnliches Scharmützel mit einem Basler Anwalt zurückblicken.

    Vor ein paar Jahren veröffentlichte der AVZ einen Artikel über das Schweizer Kulturgut «Schloss Lenzburg» aus dem Kanton Aargau, der von der namhaften und absolut seriösen Schweizer Institution «Schweizer Denkmalpflege» als Medieninformation inklusive einem Bild vom Schloss Lenzburg für die freie Veröffentlichung den Medien zur Verfügung gestellt wurde.

    Etwa zwei oder drei Jahre nach der Veröffentlichung des Artikels auf der Website vom Artillerie-Verein Zofingen bekam AVZ-Präsident Marc Nyfeler dicke Post mittels einem eingeschriebenen Brief inklusive Einzahlungsschein von einem Basler Anwalt.

    Im Namen eines Basler (Wikipedia)-Fotografen, der das Bild vom Schloss Lenzburg für Wikipedia produziert hatte, verlangte der Basler Lawyer aufgrund der beachtlichen Visits der AVZ-Website von über 30- bis 40-Tausend Besuchern*innen pro Monat eine horrende Summe. Bezahlbar innert 30 Tagen.

    Präsident Marc Nyfeler leitete das Schreiben mit einem leichten Ton des Vorwurfs umgehend an mich weiter. Wenn sich der Präsident auch nur räuspert, geht man logischerweise umgehend der Sache nach. Was ich denn auch stante Pedes tat.

    Und siehe da: Alle, aber auch wirklich alle Dokumente inklusive Fotos vom AVZ sind auf dem Server bis zur Unendlichkeit gespeichert und so fand ich denn auch sehr schnell das Corpus Delicti vom 16. Juli 2018. Wie bei allen Bildern vom AVZ war auch bei diesem die Quelle («Bild ZVG Schweizer Denkmalpflege» inklusive (html-)Link zur Institution) im «Kurztext» unterhalb des Bildes veröffentlicht. Mehr noch: Die Bildquelle wäre auch im Quelltext zu eruieren gewesen, hätten Anwalt und Fotograf auch nur einigermassen seriös recherchiert.

    Da mich der glorreiche Anwalt aus Basel partout von seiner unbedarften Sekretärin am Telefon ins Leere laufen liess, schrieb ich ihm als verantwortlicher Webmaster einen höflichen, aber faktenbasierten Brief und erklärte ihm, dass ich, der ich noch NIE ein Bild von Wikipedia veröffentlicht habe (Gott behüte mich davor!), jederzeit bereit sei für einen Gang nach Canossa, also zum Gericht. Um die absolute Schuldlosigkeit des AVZ rechtlich zu beweisen und dass der Fall damit für mich erledigt sei. Das war er denn auch für den Schangli aus Basel. Der AVZ hörte nichts mehr von diesem ehrenwerten Mann.

    Die Moral der Geschicht: Mein Freund und «Hoffotograf» vom AVZ, Res Kaderli, meinte, nachdem ich ihm das Wikipedia-Bild des Basler Fotografen gezeigt hatte, dass das ja «qualitativ ein total "beschissenes" Bild sei». Was man durchaus so sehen kann. Und weiter: «Für ein Bild dieser Qualität Geld zu verlangen, ist trotz Urheberrecht eine Frechheit». Dem pflichte ich bei.

    Aber scheinbar ist es das Geschäftsmodell des Basler Fotografen. Denn der AVZ war gemäss Recherchen nicht der erste und vermutlich auch nicht der letzte, der von ihm bisher verklagt wurde. Möglicherweis aber der einzige, der sich faktenbasiert gegen eine Bezahlung wehrte.

  • 16.8.2020 - Tag der Naivität

    «Gute Fee» zockte Hans-Bernd Breuer (80) aus Oberwil BL gnadenlos ab – er versteht ihren Freispruch nicht: «Sie bestahl mich, als ich am verletzlichsten war»

    Als der Rentner im Spital liegt, zockt ihn eine Freundin gnadenlos ab, behändigt seine Bankkarte und seinen Autoschlüssel. Jetzt wurde die Marokkanerin überdies vom Richter freigesprochen. Hans-Bernd Breuer (80) aus Oberwil BL versteht die Welt nicht mehr.

    Über 51'000 Franken in bar und Gold hat ihn seine Freundschaft mit einer zuerst netten und hilfsbereiten Marokkanerin (52) gekostet. Der Rentner Hans-Bernd Breuer (80) aus Oberwil BL ist enttäuscht. Enttäuscht von der Frau – und enttäuscht von der Schweizer Justiz. Die Frau wurde nämlich vor einer Woche vom Strafgericht in Muttenz BL vollumfänglich freigesprochen!

    «Das ist doch keine Gerechtigkeit!», schimpft der ehemalige Ingenieur. Der Deutsche will das Urteil aber nicht anfechten. «Ich schliesse lieber mit der Geschichte ab. Geld ist von ihr auf dem zivilen Weg sowieso keines mehr zu holen, und Chancen habe ich auf dem strafrechtlichen offenbar auch keine.» Denn: Es kam wegen des Rechtsgrundsatzes «in dubio pro reo», also «im Zweifel für den Angeklagten», zum Freispruch.

    Marokkanerin besuchte ihn täglich im Spital

    Die Geschichte ereignete sich vor fünf Jahren. Hans-Bernd Breuer geht des Öfteren in eine Beiz im grenznahen Frankreich, dort arbeitet die Marokkanerin im Service. «Weil wir oft zusammen draussen rauchen gingen, entwickelte sich eine Freundschaft», erzählt er. Später wird sie zur Freundschaft plus. Der Altersunterschied habe ihn nie gestört. «Ich wollte sie ja nicht heiraten.»

    Dann muss der Rentner ins Spital. «Ich hatte in den 60er-Jahren mal einen Keim aufgelesen, und der hat plötzlich Herz und Wirbelsäule befallen», erzählt er. Während sieben Monaten ist er immer wieder für mehrere Wochen im Spital und nur zwischendurch ein paar Tage zu Hause.

    «Sie kümmerte sich um meine Wohnung, putzte, leerte die Post und übernachtete manchmal dort. Und sie kam jeden Tag zu mir ins Krankenhaus, das habe ich sehr geschätzt», erzählt er. Wenn er das Spital verlassen durfte, holte sie ihn mit seinem Auto ab. «Als ich dann zu Hause meine Zahlungen erledigen musste, gingen wir zum Bankomaten und dann zur Post. Sie schob mich im Rollstuhl – und hat mir dabei meine PIN-Nummer abgeguckt.»

    Plötzlich sind Geld und Gold weg

    Dann behändigt die Marokkanerin seine Bankkarte – und klaut über 11'000 Franken sowie 3500 Euro. «Die Bankauszüge liess sie verschwinden, wenn sie mir die Post brachte, so dass ich es vorerst nicht bemerkte», erzählt der Rentner.

    Zudem gab die Frau einem ihrer Söhne das neue Auto von Hans-Bernd Breuer und liess diesen damit viele Kilometer fahren. Auch nahm sie von Breuer Erbschmuck, Uhren, Goldvreneli und einen Goldbarren an sich.

    «Als ich definitiv aus dem Spital entlassen wurde und ich die Bankauszüge sah, verschwand sie spurlos aus meinem Leben. Sie warf den Autoschlüssel in den Briefkasten, liess ihre Sachen bei mir und ward nie mehr gesehen», schildert der Rentner. Er fasst zusammen: «Als ich am verletzlichsten war, hat sie mich gnadenlos bestohlen.»

    «Ich habe das Vertrauen in die Frauen verloren»

    Nur: Das Gericht konnte nicht von der Schuld der Frau überzeugt werden. Schliesslich sei nicht ausgeschlossen, dass er ihr die Bankkarte und den Pin-Code im Delirium im Spital selber gegeben habe, kam der Richter zum Schluss.

    «Aber das war doch eindeutig Diebstahl!», meint Hans-Bernd Breuer. Eine Landsfrau von ihm, die Richterin in Berlin sei, habe ob der ganzen Sache nur den Kopf geschüttelt – auch dass es bis zum Prozess fünf Jahre dauerte, könne in Deutschland niemand verstehen.

    Hans-Bernd Breuer will mit der Geschichte nun einfach abschliessen. Er zieht seine Lehren aus der Sache: «Ich habe das Vertrauen in die Frauen leider verloren.» Die Frau war für Blick für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Schreibt Blick.

    «It takes two to tango». Damit ist eigentlich alles gesagt. Ein älterer Herr gibt sich für ein paar zauberhafte Momente rund um die Lendengegend der puren, blauäugigen Naivität hin.

    Der kopfschüttelnden Richterin in Berlin sei ein Blick vor die eigene Haustür empfohlen. Die meisten deutschen Strafverfahren landen gar nicht vor dem Richterstuhl. Nur 388.000 der rund fünf Millionen Verfahren bei den Staatsanwaltschaften mündeten 2020 in einer Anklage - der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Die durchschnittliche Dauer erstinstanzlicher (!) Strafverfahren dauert im Schnitt mehr als 20 Monate.

  • 15.8.2022 - Tag der Hühner, die goldene Eier legen

    Normalität im Pflegeheim: Im Lindenpark Balsthal leben Demenzkranke nicht hinter einem Zaun

    Nach holländischem Vorbild: Ein neues Solothurner Heim für Demenzkranke* kommt ohne «Spitalmief» und Zäune aus.

    Manche Demenzkranke bewegen sich von ihrem Pflegeheim weg, erinnern sich aber nicht mehr an den Rückweg und gehen verloren, die Angehörigen machen sich verständlicherweise Sorgen. Wegen solcher Situationen werden Heime für Demenzerkrankte oft zwar mit Umschwung versehen, aber eingezäunt.

    So kann niemand weglaufen, das Pflegepersonal muss niemanden suchen. Gehört diese Art der Betreuung der Vergangenheit an? Ein neues Solothurner Demenzzentrum in Balsthal setzt auf ein ganz anderes Konzept. Angelehnt an den Alltag im holländischen Demenzdorf «De Hogeweyk» hat der Lindenpark in Balsthal für 37 Millionen Franken ein Alters- und Pflegeheim gebaut.

    Das Zentrum besteht aus zwei Wohngebäuden und einem Hauptgebäude. Integriert sind Bistro, Coiffeur, Aktivierungsraum, Gemeinschaftsraum und weitere Räume. 12 Wohngruppen für 76 Menschen mit Demenz sind nach zwei Jahren Bauzeit nun bezugsbereit.

    Sechs Personen teilen sich jeweils eine Wohnung, mit Wohn- und Esszimmer, Küche, Terrasse. Das Restaurant mit Gartenwirtschaft ist öffentlich, das Zentrum ist nicht am Rand des Dorfs, sondern mittendrin gebaut.

    Einsperren ist vorbei

    Die Philosophie des Solothurner Lindenparks basiert darauf, dass mit dem Betreuungskonzept der Alltag von Menschen mit Demenz so normal wie möglich gestaltet wird. Demente Menschen, die besonders bewegungsfreudig sind, werden mit einem GPS-Sender ausgestattet und werden so im Notfall wieder gefunden.

    Trotzdem sind die Wege kurvig statt gerade angelegt, was den Bewohnenden entgegenkommt. «So kann man die Weglaufproblematik grösstenteils verhindern», weiss André Grolimund von der Genossenschaft für Altersbetreuung und Pflege Gäu, der Besitzerin des Lindenparks.

    Im Lindenpark lässt man Langschläfer am Morgen ausschlafen, die Mitarbeitenden tragen keine Berufs-, sondern Alltagskleider, Jeans und T-Shirt anstelle von weissen Kitteln.

    Auch ein WC sucht man direkt im Schlafzimmer vergebens. Wie bei einer normalen Wohnung ist es ein separates Zimmer. «Genau das, was wir kennen, wollten wir abbilden. Auch einen Handlauf haben wir nicht. Wir wollten keinen Spitalmief oder Spitalgroove. Es soll wie eine normale Wohnung sein», sagt Projektleiter Patrick Scarpelli.

    Die Bewohnenden können bei der Vorbereitung der Mahlzeiten helfen, wenn sie möchten, oder mithelfen beim Bepflanzen der Hochbeete. Das Essen kommt in Töpfen auf den Tisch, jede und jeder bestimmt somit selbst, wie viel sie oder er essen möchte. Ein Alltag wie zu Hause, vor der Erkrankung. Das Ziel sei eine vertraute Umgebung, weil Demenzkranke durch neue Situationen gestresst werden, sagen die Verantwortlichen. Schreibt SRF.

    Jetzt noch die unsäglichen Pharmaka zur endlosen Beruhigung weglassen (Demenzkranke werden häufig mit Neuroleptika ruhiggestellt)! Dann könnte aus diesem Modell etwas Sinnvolles für die Zukunft entstehen.

    Sofern man daraus nicht wieder eine zusätzliche Industrie für das staatliche Gesundheitswesen und die übliche Selbstbedienungsmentalität der Horden von «Pöstchenjägern» aus der Politik entwickelt.

    Die traditionellen Altersheime mit den herkömmlichen Demenzstationen werden dies nicht gerne hören. Gehören doch Pflegepatienten mit Demenzerkrankung leider je länger je mehr zur Gruppe, die mit monatlichen Heimkosten – je nach Pflegestufe – zwischen 17'000 bis 20'000 Franken und mehr nicht nur extrem hohe, sondern auch attraktive Einkünfte sichern. Die Verwaltungsräte von Pflegeheimen freuts!

    * «Volkskrankheit» Demenz

    Demenz ist der Oberbegriff für mehr als 100 verschiedene Krankheiten, welche die Funktion des Gehirns beeinträchtigen, schreibt der Verband Alzheimer Schweiz.

    Besonders die geistigen, die sogenannten kognitiven Fähigkeiten wie das Denken, das Gedächtnis, die Orientierung und die Sprache sind bei Demenz betroffen.

    Bei einer irreversiblen Demenz ist das Gehirn direkt erkrankt.

    In der Schweiz leben gegen 146'500 demenzkranke Menschen.

    Anlaufstellen gibt es unter anderem beim Verband Alzheimer Schweiz.

  • 14.8.2022 - Tag der gegenseitigen Schuldzuweisungen in der Schweizer Energiepolitik

    Sommarugas Strom-Sparplan: «Heizung runter in öffentlichen Gebäuden»

    Energieministerin Sommaruga sagt, wie sie im Winter Gas sparen will: weniger heizen in öffentlichen Gebäuden. Für die Vorwürfe der SVP hat sie wenig Verständnis.

    SonntagsBlick: Frau Sommaruga, Werner Luginbühl, der Chef der Eidgenössischen Elektrizitätskommission, empfiehlt der Bevölkerung, sich angesichts drohender Stromausfälle mit Holz und Kerzen einzudecken. Haben Sie schon Kerzen gekauft?

    Simonetta Sommaruga: Ich habe immer Kerzen zu Hause. Aber ich glaube, die Aussage von Herrn Luginbühl ist ein Weckruf für alle, dass die Situation ernst ist. Der Bundesrat ist sich dessen bewusst – nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine.

    Tatsächlich?

    Wir sind schon vor Weihnachten letzten Jahres aktiv geworden. Als die Energiemärkte verrücktspielten, habe ich eine Taskforce ins Leben gerufen.

    Damals stellte der Stromkonzern Alpiq ein Gesuch um Staatshilfe.

    Genau. Als Reaktion darauf haben wir einen Rettungsschirm für grosse Stromfirmen aufgegleist und eine Wasserkraftreserve für die kritische Zeit im Winter vorbereitet. Wegen des Kriegs in der Ukraine haben wir zudem die Gasbranche beauftragt, zusätzliches Gas zu beschaffen. Bundesrat Guy Parmelin und ich begleiten diese Arbeiten eng.

    Was ist mit dem Bau von neuen Gaskraftwerken, kommen diese nun?

    Die Arbeiten für Kraftwerke, die Strom produzieren, laufen auf Hochtouren. Wir klären derzeit, welche Standorte infrage kommen.

    Elcom-Chef Luginbühl spricht davon, dass wir im Winter im schlimmsten Fall ein paar Stunden im Dunkeln hocken werden. Das heisst: Wenns dumm läuft, reichen diese Massnahmen nicht aus.

    Die Schweiz macht alles, um eine Mangellage zu verhindern. Aber vergessen wir nicht, es herrscht Krieg in Europa. Da gibt es keine Gewissheiten. Die Situation ist auf dem ganzen Kontinent angespannt, wir haben eine weltweite Energiekrise. Deshalb sollte sich auch die Schweiz ein Sparziel vornehmen.

    Nach dem Vorbild der EU also, deren Mitgliedstaaten bis im Frühling 15 Prozent Gas einsparen sollen. Setzen Sie der Schweiz dasselbe Ziel?

    Das wäre sicher sinnvoll. Entscheiden wird der Bundesrat.

    Apropos Sparpläne: Deutschland fährt schon seit Wochen eine riesige Kampagne und appelliert an die Bevölkerung, Energie zu sparen. In der Schweiz ist davon nichts zu sehen

    Unser Nachbarland hat eine ganz andere Ausgangslage als die Schweiz. Deutschland verbraucht viel Gas, um Strom zu produzieren und seine Abhängigkeit von russischem Gas ist viel grösser. In der Schweiz produzieren wir einen grossen Teil unseres Stroms aus Wasserkraft. Auf Gas sind wir vor allem im Winter fürs Heizen angewiesen. Das ist auch der Grund, warum wir die Kampagne erst in den kommenden Wochen starten werden: Wenn man den Leuten jetzt im Sommer, wo es so heiss ist, sagt, wie sie sparen müssen, versteht das niemand.

    Es geht ja nicht nur darum, Gas zu sparen, sondern Energie an sich. Wenn es in den Speicherseen Ende Winter mehr Wasser hat, weil wir heute Strom sparen, kommt uns das auch zugute.

    Wie gesagt, die Kampagne ist vorbereitet und kommt demnächst. Mir war wichtig, dass wir auch die Wirtschaft an Bord haben, die Konsumentenorganisationen – es braucht alle, um das Ziel zu erreichen.

    In welche Richtung wird die Kampagne gehen? Heizung runter, Pulli an?

    Wir müssen aufhören, Energie zu verschwenden. Das ist die zentrale Botschaft. Beim Heizen haben wir einen grossen Hebel. Schon nur ein Grad weniger spart gut fünf Prozent Energie. Für mich ist klar, dass die öffentliche Verwaltung hier mit gutem Beispiel vorangehen muss: Dass wir in öffentlichen Gebäuden die Heizung etwas runterdrehen. Dafür werde ich mich im Bundesrat einsetzen.

    Die SVP hat Ihnen kürzlich vorgeworfen, die Energiestrategie sei gescheitert. Hat sie recht?

    Gescheitert ist jene Politik, die blind auf Gas- und Ölimporte gesetzt hat! Sie hat unser Land abhängig und verletzlich gemacht. Warum haben wir heute ein Problem? Weil Russland den Gashahn zudreht und die Schweiz beim Öl und Gas vollständig vom Ausland abhängig ist. Für mich war immer klar: Wir müssen uns von dieser Abhängigkeit lösen und die einheimischen Energien ausbauen. Deshalb habe ich das Gesetz für eine sichere Stromversorgung mit Erneuerbaren auf den Weg gebracht. Es ist seit über einem Jahr im Parlament hängig.

    Sie sagen, die SVP sei mit schuld an der heutigen Situation?

    Wir alle wissen, wer sich für die erneuerbaren Energien eingesetzt hat. Und wir wissen auch, wer den Ausbau bekämpft hat. Auf nationaler Ebene und in den Kantonen. Was ist denn die Antwort auf den Krieg – noch mehr Öl und Gas? Das ist falsch. Wir müssen rasch vorwärtsmachen mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Das ist auch die richtige Antwort auf die Klimakrise.

    Noch sind wir auf die Gasimporte angewiesen, weshalb Sie Solidaritätsabkommen mit den Nachbarstaaten angekündigt hatten. Ist da irgendetwas unterschrieben?

    Die Verhandlungen dazu laufen. Ein solches Abkommen greift aber erst, wenn man schon in einer Mangellage wäre. Das Wichtigste ist für den Bundesrat jedoch, diese möglichst zu verhindern; darum muss die Branche zusätzliches Gas beschaffen.

    Ein Stromabkommen mit der EU wäre jetzt wohl ganz nützlich. Nur will Brüssel davon nichts wissen, seit der Bundesrat die Verhandlungen übers Rahmenabkommen abgebrochen hat.

    Die schwierige Situation, die wir aktuell haben, wurde durch den Krieg in der Ukraine ausgelöst. Mit dem Stromabkommen hätten wir vielleicht eine einfachere Zusammenarbeit mit der EU, aber das grundsätzliche Problem, – unsere Abhängigkeit bei Öl und Gas vom Ausland – würde das Abkommen nicht verändern.

    Vor wenigen Tagen sagten Sie, es sei «Zeit für eine Annäherung an Europa». Wie könnte eine solche aussehen?

    Wir sind auf Europa angewiesen. Und wir haben Europa auch etwas zu bieten, mit Pumpspeicherkraftwerken wie Nant de Drance im Wallis. Damit können wir mithelfen, das Stromnetz auf dem Kontinent zu stabilisieren. Im Sommer exportiert die Schweiz Strom, im Winter sind wir auf Importe angewiesen. Deshalb ist eine enge Zusammenarbeit mit Europa, mit unseren Nachbarn, sinnvoll.

    Um die Energiewende zu schaffen, will man im Wallis mit einem Pionierprojekt vorangehen und ein ganzes Tal mit Solarpanels zudecken. Was halten Sie davon?

    Wenn es gute Projekte für Solaranlagen in den Bergen gibt, bin ich dafür sehr offen; als Ergänzung zum Ausbau auf den Dächern. Wir brauchen mehr Strom – und wir müssen dort, wo es sinnvoll ist, auch den Ausbau der Wasserkraft vorantreiben.

    Sie sprechen den runden Tisch an, an dem sich Branche und Politik auf 15 Wasserkraft-Projekte geeinigt haben. Allerdings wollen kleinere Umweltschutzorganisationen ihren Widerstand gegen höhere Staumauern aufrecht erhalten. Haben Sie es verpasst, alle relevanten Akteure mit einzubeziehen?

    Die wichtigen Akteure waren alle dabei: WWF, Pro Natura, der Fischereiverband, die Kantone, die Strombranche. Man kann nicht jeden einzelnen Verein einbinden.

    Trotzdem: Was ist die Einigung wert, wenn es weiterhin Rekurse hagelt und die Projekte nicht vorankommen?

    Der runde Tisch zur Wasserkraft war ein Erfolg. Das zeigt sich auch daran, dass Parlamentarier von links bis rechts die 15 Stausee-Projekte im Gesetz absichern wollen. Das unterstütze ich. Mein Eindruck ist, dass auch bei den Umweltorganisationen ein Umdenken stattfindet.

    Woran machen Sie das fest?

    Die Stiftung Landschaftsschutz, die am runden Tisch dabei war, aber die Einigung wegen eines der fünfzehn Projekte nicht unterschrieben hat, hat eben die Türe einen Spalt breit aufgestossen. Die Verantwortlichen sagen jetzt: Wir können womöglich eine Lösung finden. Sie sehen: Es geht vorwärts. Schreibt SonntagsBlick.

    Es war zu erwarten, dass sich die Parteien bezüglich dem Schweizerischen Energiedebakel den Fehdehandschuh mit gegenseitigen Schuldzuweisungen via Presse zuwerfen werden. Stehen doch in einem Jahr die eidgenössischen Wahlen vor der Tür.

    Dass der Schlamassel um die Energieversorgung Sprengkraft besitzt wie kaum ein Thema zuvor, ist allen Beteiligten aus dem Hohen Haus von und zu Bern jetzt schon klar. Wer will denn schon kampflos den Futtertrog der immerwährenden Versorgung verlassen?

    Es ist zweifellos richtig, dass die bürgerlichen Parteien mit ihrer Mehrheit im Schweizer Parlament nicht unschuldig sind an der inzwischen unvorstellbaren Abhängigkeit von russischem Gas.

    Zur Wahrheit gehört aber, dass alle anderen Parteien sich ebenfalls mit diesem «Klumpenrisiko» abgefunden haben. Mitgegangen mitgefangen. Das hat die Schweizer Wohlfühl-Konkordanz so an sich. Regieren und gleichzeitig Oppositionspolitik zu betreiben ist langfristig noch nie aufgegangen.

    Der glorreiche Herr Blocher vom Herrliberg kann ein Lied davon singen. Er wurde ja als Besserwisser der Nation nicht umsonst als Bundesrat abgewählt.

    Wären unsere glorreichen Volksvertreter*innen mit der unsäglichen Spreizwürde der Etablierten aus dem Bundeshaus CEOs einer börsenkotierten Firma, wären sie längst gefeuert worden. Selbstverständlich mit goldenem Fallschirm, wie das in diesen Kreisen so üblich ist.

    Die eidgenössischen Wahlen 2023 würden durchaus die Möglichkeit bieten, diese Schönwetter-Parlamentarier*innen abzuwählen. Doch wo sind die Alternativen? Nirgendwo.

    Wetten, dass alles so bleibt wie es ist und «der Stärkere weiterhin den Schwachen besiegen wird», wie König Artus gesagt haben soll?

  • 13.8.2022 - Tag einer Steinzeitreligion - called Islam

    Autor Salman Rushdie bei Event im Bundesstaat New York niedergestochen

    Der britisch-indische Autor Salman Rushdie wurde bei einem Auftritt im US-Bundesstaat New York am Freitag angegriffen und schwer verletzt. Der 75-Jährige war im Begriff, einen Vortrag zu halten, als ein Mann auf die Bühne der Chautauqua Institution lief und Rushdie und den Interviewer attackierte. Rushdie wurde mit einem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus eingeliefert und wurde dort seinem Sprecher zufolge Freitagabend operiert.

    Seinem Manager zufolge wurde Rushdie an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Andrew Wylie nach Angaben der "New York Times". Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und seine Leber beschädigt worden. "Die Nachrichten sind nicht gut."

    Angreifer festgenommen

    Der mutmaßliche Angreifer wurde festgenommen. Die Polizei identifizierte ihn später als Hadi M., einen 24-jährigen Mann aus New Jersey. Er hatte eine Eintrittskarte für die Veranstaltung mit Rushdie, sein Motiv ist unklar. Ersten Erkenntnissen zufolge hatte er wohl keine Komplizen. "An diesem Punkt gehen wir davon aus, dass er allein war, aber wir versuchen sicherzustellen, dass dies der Fall war", sagte Polizeisprecher James O'Callaghan. Am Tatort sei ein Rucksack sichergestellt worden.

    Nach Darstellung der Polizei stürmte der junge Mann die Bühne der von Hunderten Menschen besuchten Veranstaltung gegen 11 Uhr örtlicher Zeit (17 Uhr MESZ) und stach auf Rushdie ein. "Mehrere Mitarbeiter der Veranstaltung und Zuschauer stürzten auf den Verdächtigen und brachten ihn zu Boden", sagte ein Sprecher. Ein Polizist habe den 24-Jährigen festgenommen. Unterdessen wurde Rushdie von einem Arzt aus dem Publikum behandelt bis Rettungskräfte eintrafen.

    Ein Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, der Angreifer habe 10 bis 15 Mal auf Rushdie eingeschlagen oder gestochen. Der ebenfalls angegriffene Interviewer erlitt nach Polizeiangaben eine Kopfverletzung.

    Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Magazin "Stern" gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. "Das ist lange her", sagte Rushdie im Interview mit Korrespondent Raphael Geiger Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. "Für einige Jahre war es ernst", sagte Rushdie weiter. "Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr." Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, "dass Morddrohungen alltäglich geworden sind".

    Rushdie 1988 mit Fatwa belegt

    Geboren wurde Rushdie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor feierte er mit dem Buch "Mitternachtskinder" ("Midnight's Children"), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde. 1992 wurde Rushdie mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet.

    Gegen den Schriftsteller wurde 1988 wegen seines Buches "Satanische Verse" eine Fatwa ausgesprochen, in der zu seiner Tötung aufgefordert wurde. Begründet wurde das Urteil vom damaligen iranischen Staatschef Ayatollah Khomenei mit der Ansicht, das Buch sei "gegen den Islam, den Propheten und den Koran". Das Buch wurde in zahlreichen Ländern verboten. Rushdie musste untertauchen und erhielt Polizeischutz. Ein japanischer Übersetzer seines Buches wurde später tatsächlich getötet. Ob der heutige Vorfall damit in Verbindung steht, ist bisher nicht bestätigt.

    1989 brachen Großbritannien und der Iran ihre diplomatischen Beziehungen wegen der Causa ab. 2010 wurde eine Liste mit Anschlagszielen der Terrororganisation Al-Kaida veröffentlicht, auf der auch Rushdies Name zu finden war.

    Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa des Ayatollahs für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Die iranische Führung war auch später von der Fatwa abgerückt.

    Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an Rushdie vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie "Joseph Anton" aus dem Jahr 2012.

    Schumer: "Schockierender Angriff"

    Die Tat löste weltweit Entsetzen aus. Die USA und die Welt seien Zeugen eines "verwerflichen Angriffs" geworden, erklärte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am späten Freitagabend (Ortszeit). "Diese Gewalttat ist entsetzlich." Die gesamte US-Regierung bete für eine schnelle Genesung des 75-Jährigen. Sullivan dankte außerdem den Bürgern und Einsatzkräften, die Rushdie "nach dem Angriff so schnell geholfen" hätten.

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von "Hass und Barbarei" getroffen worden. Der scheidende britische Premierminister Boris Johnson zeigte sich "entsetzt".

    Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hofften, es gehe Rushdie gut. Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

    Rushdie: "Die Wahrheit ist ein Kampf"

    Insgesamt veröffentlichte Rushdie mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Rushdies Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet. Diese sieht er zunehmend in Gefahr, was auch im Zentrum seiner jüngsten Veröffentlichung von Essays steht, die in Deutschland unter dem Titel "Sprachen der Wahrheit" herauskamen.

    Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich darin gegen Trumpisten und Corona-Leugner. "Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt", sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr. Schreibt DER STANDARD.

    Das Leben vergisst viele Menschen, die islamische Fatwa keinen. Allahu akbar.

  • 12.8.2022 - Tag des Orgasmus im kommenden Winter

    ES IST NIE ZU SPÄT FÜR GUTEN SEX: Kommen Frauen schwieriger zum Orgasmus?

    Womit wir schon mitten im Thema sind. Solange sich unsere Vorstellungen von Sexualität stark auf Geschlechtsverkehr und einen raschen Orgasmus, seine Ejakulation fokussieren, hängen wir in heteronormativen Mustern. Für weibliche Lust und Orgasmen braucht es mehr: Wissen, Neugierde, oft Entspannung, Ehrlichkeit, manchmal Zeit, Hingabe, vielleicht auch einmal wieder liebevollen Forschergeist.

    Frauen kommen nicht schwieriger zum Orgasmus

    Man(n) muss einfach nur wissen, wie. Warum gibt es hier bisher so einen Unterschied? Weil "echter Sex" zu oft mit dem Eindringen des Penis in die Vagina verbunden wird? Für viele Menschen ist Sex untrennbar mit Geschlechtsverkehr verbunden. Weil lustvolle Sexualität, die erregende Freude macht, oft als "Vorspiel" abgetan wird und somit einen ganz anderen Stellenwert als der reine Geschlechtsverkehr bekommt?

    Laut einer Studie aus dem Jahr 2017 der Chapman University in den USA haben 95 Prozent der heterosexuellen Männer Orgasmen im sexuellen Spiel mit Frauen, ähnlich viele durch Solosex, also Selbstbefriedigung. Wie das bei Frauen ist? 91 Prozent der Frauen genießen Orgasmen bei Solosex, 86 Prozent der Frauen bei Sex mit Frauen, aber nur 65 Prozent der Frauen beim Sex mit Männern. Warum diese Unterschiede, dieser Gap? Woran liegt es? An der ewig lange unterdrückten Lust der Frauen, die zu oft abgewertet wurde? Weil die weibliche Lust nicht zur Fortpflanzung nötig ist? Daran, dass viele Frauen lieber Orgasmen vorspielen, weil sie tendenziell mehr Zeit zu Höhepunkten brauchen als Männer? An Männern, die nicht wissen, wie Frauen lustvoll befriedigt werden wollen, ja, auch die gibt es, oder Männer, die glauben, es ist eh alles paletti?

    Was wir im Biologieunterricht nicht gelernt haben

    Die Klitoris ist das einzige menschliche Organ, das ausschließlich dem Lustgewinn dient. Sie ist viel größer als diese kleine Perle, die wir sehen können und an der so gerne gerubbelt wird. An dieser Klitorisspitze kommen übrigens rund 8.000 Nervenenden zusammen. Zum Vergleich: In der Eichel, dem anatomischen männlichen Pendant, sind es rund halb so viele Nervenenden.

    Diese Perle, auch Klitorisköpfchen genannt, ist also hoch empfindsam, und manchmal ist hier weniger deutlich mehr. Was wir nicht sehen: Unter den Vulvalippen verlaufen die empfindsamen Klitorisschenkel, die bisher oft vernachlässigt werden, weil sie ja auch selten bis nie abgebildet werden. Diese Klitorisschenkel gab es dennoch immer schon. Sie umschließen auch die Vagina und strecken sich Richtung Anus, sie sind mit dem Beckenboden im wahrsten Sinne des Wortes gut vernetzt und schwellen bei Erregung an, die Durchblutung läuft auf Hochtouren. Weshalb es auch hoch erotisch sein kann, am Po oder unteren Rücken oder an den oberen Innenseiten der Oberschenkel berührt zu werden. Weibliche Orgasmen können vielfältig ausgelöst werden, die Klitoris ist bei den meisten Frauen fast immer, in welcher Art auch immer, involviert. Übrigens, die Stimulation der G-Zone, einer leicht angerauten Fläche in der Vagina, wenige Zentimeter nach deren Eingang an der zum Nabel hingewandten Seite, ist für viele Frauen auch sehr lustvoll.

    Weibliche Anatomie "neu" entdecken

    Wird also die weibliche Anatomie bisher nicht ausreichend verstanden? Erliegen wir noch zu männlichen Sichtweisen auf die Sexualität? Wir beginnen ja gerade erst ganz neu, die weiblichen Geschlechtsteile mitsamt der gesamten Klitoris korrekt darzustellen. Entsprechendes Wissen ist noch nicht überall selbstverständlich. Sehr viele Frauen kommen eben nicht durch Geschlechtsverkehr, einen raschen Kuss und dann Penetration, sondern durch die Stimulation der Klitoris zu Orgasmen. Das mit dem Klitorisköpfchen ist ja heute vielen aufgeklärten Menschen bekannt und lässt auch die Vibratorenbranche im wahrsten Wortsinn brummen.

    Lasst uns den Orgasmus-Gap schließen

    Doch wie gelingen mehr orgiastische Höhepunkte beim Sex zwischen Frauen und Männern? Gemeinsam. Guter Sex ist der, der uns selbst guttut und in dem wir einander in unserer Erregung gut spüren. Zu viele Frauen, das erlebe ich sehr häufig, nehmen ihre Bedürfnisse zurück, damit "er" kommt. Eh schön und lieb, aber hallo: Bringen wir Frauen uns doch deutlicher ins erotische, sexuelle Spiel!

    Es braucht einerseits den Wunsch und Willen, ja auch Mut und Selbstverständnis von Frauen, ihre Bedürfnisse deutlicher selbst wahrzunehmen und zeigen zu können. Und ja, dann dauert es eben auch einmal länger. Spielen wir doch bitte keine Orgasmen mehr vor!

    Es braucht dann Männer, die "die Neuentdeckung der Sexualität" mit ihren Frauen als Lustgewinn erleben wollen und selbstbewusst genug sind, bisher angelernte Verhaltensweisen zu verändern. Ja, es darf die eigene "Komfortzone der Sprachlosigkeit" gedehnt und verlassen werden. Was auch noch hilfreich sein kann: Wissen, dass viele Frauen Zärtlichkeiten, Berührungen und entspannte Zeit genießen. Braucht es eben in der "Erneuerungsphase" Geduld, Forschergeist und gemeinsames Probieren.

    Wollen wir nicht alle mehr glückselige Momente der Ekstase, ja, auch der Orgasmen? Dann schauen wir doch nach vorn und entdecken wir einander und uns selbst liebe- und lustvoll wieder. Schreibt Nicole Siller im STANDARD.

    Sie werden sich jetzt sicher fragen, warum der Alte ausgerechnet diesen Artikel um Fragen über den Orgasmus der Frau aus dem Sammelsurium der bunt gemischten Sommerlochartikel fischt?

    Diese Frage zu beantworten ist einfach. Wir erleben derzeit einen prächtigen Sommer. Allerdings wird viel über die «unerträgliche Hitze» gejammert. Doch schon bald werden wir uns nach ebendiesem Sommer mit seinen heissen Tagen zurücksehnen.

    Die kalten Monate stehen Frost bei Fuss vor der Tür und mit ihnen die Energiekriese. Heizungen müssen mit grosser Wahrscheinlichkeit auf das absolute Minimum heruntergefahren werden.

    Da wird uns nicht viel anderes übrig bleiben, als in den kalten Nächten gegenseitig zusammenzukuscheln. Was verdrängt Bibbern, Zähneklappern und triste Gedanken an die explodierenden Heizkosten besser als ein Orgasmus? Nichts!

    Sollte es trotz den Ratschlägen der Expertin mit dem Orgasmus schieflaufen, stöhnen Sie trotzdem. Denn zum Stöhnen gibt es im kommenden Winter mehr als genügend Gründe. Believe me, babe!

  • 11.8.2022 - Tag des unglübigen Thomas und seinen Stromverbrauch

    Disney schliesst im Streaming-Geschäft zu Netflix auf

    Walt Disney hat im jüngsten Geschäftsquartal rasantes Wachstum mit seinen Streaming-Diensten verzeichnet. Die On-Demand-Services Disney+, Hulu und ESPN+ brachten es Ende Juni zusammen auf insgesamt rund 221 Millionen Abos. Damit hat Disney zum bisherigen Streaming-Marktführer Netflix aufgeschlossen, der zuletzt Kunden verlor und das vergangene Vierteljahr ebenfalls mit rund 221 Millionen Nutzerkonten beendete.

    «Wir hatten ein exzellentes Quartal», verkündete Disney-Chef Bob Chapek bei der Bilanzvorlage. Vor allem Disney+ und ESPN+ florierten mit jährlichen Wachstumsraten von 31 beziehungsweise 53 Prozent auf nun gut 152 Millionen beziehungsweise knapp 23 Millionen Abonnenten.

    Dennoch musste das Unternehmen seine Abonnentenprognose für Disney+ senken. Die Gesamtzahl der Disney+-Kunden werde bis Ende September 2024 zwischen 215 Millionen und 245 Millionen liegen, teilte Disney mit. Das ist ein Rückgang gegenüber den 230 Millionen bis 260 Millionen, die Disney zuvor prognostiziert hatte.

    Grund für die reduzierten Erwartungen sei der Verlust der Streaming-Rechte für die Kricketspiele der Indian Premier League. Die Streaming-Einheit halte aber weiterhin daran fest, im Geschäftsjahr 2024 erstmals einen Gewinn zu erwirtschaften, sagte Finanzchefin Christine McCarthy.

    Preiserhöhung und Angebotserweiterung

    Der erst im November 2019 als Netflix-Jäger gestartete Streaming-Service Disney+ gewann in drei Monaten 14.4 Millionen Kunden hinzu – deutlich mehr als von Experten erwartet.

    Mit der «Star Wars»-Serie «Obi-Wan Kenobi» und Marvels «Ms. Marvel» landete Disney+ zwei grosse Hits. Die starke Nachfrage nach den Streaming-Diensten nutzte Disney sogleich, um kräftige Preiserhöhungen einzuleiten. So soll der Preis für das werbefreie Standardabo bei Disney+ für Kunden in den USA am 8. Dezember um 3 Dollar auf 10.99 Dollar pro Monat steigen.

    Dafür will Disney aber – wie auch Netflix – eine günstigere Variante mit Werbepausen einführen. Dieses Angebot soll monatlich 7.99 Dollar kosten – so viel wie bislang das werbefreie Abo. Bei Hulu geht der Preis je nach Abomodell um ein bis zwei Dollar pro Monat hoch. ESPN+ hatte auch erst kürzlich eine Preiserhöhung in den USA angekündigt.

    Auch finanziell lief es gut für das Entertainment-Imperium, zu dem auch noch die klassische Kabelsparte sowie Filmstudios, Themenparks, Ferienanlagen und Kreuzfahrtschiffe gehören. Der Umsatz wuchs im Jahresvergleich um 26 Prozent auf 21.5 Milliarden Dollar. Der Gewinn stieg um 53 Prozent auf 1.4 Milliarden Dollar (1.32 Milliarden Schweizer Franken).

    Die Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen der Analysten deutlich. Die Aktie reagierte nachbörslich zunächst mit einem Kursanstieg von über vier Prozent. An der Wall Street hatte Disney es zuletzt schwer – die Aktie liegt seit Jahresbeginn mit 28 Prozent im Minus. Schreibt SRF.

    Der wirtschaftliche Erfolg sei Disney gegönnt. Aber frei nach Inspektor Colombo hätt' ich da noch eine Frage, Sir: Sind sich die Streamingdienste-Nutzer*innen bewusst, wieviel Strom sie verbrauchen?

    Einfach mal so, und sei's auch nur um kurz nachzudenken: In der Schweiz beträgt der durchschnittliche Stromverbrauch eines Haushalts pro Jahr 4500 Kilowattstunden, oder 4,5 Megawattstunden (Stand 2020). Das heisst, mit dem allein bei Netflix für das Video-Streaming (2020) verbrauchten Strom liessen sich 100'000 Haushalte ein ganzes Jahr lang versorgen. Und jetzt nehmen Sie noch alle anderen Streamingdienste wie Disney, YouTube und wie sie alle heissen hinzu. Bis hin zu WhatsApp, Pornoportalen, Clouds und weiss der Teufel was alles. Schätzungsweise 80 Prozent des Datenverkehrs weltweit wird mittlerweile von Streamingdiensten generiert.

    Mit dem ungläubigen Thomas musste sich selbst Jesus herumschlagen. Warum sollte es mir, der ich ja nicht einmal barfuss über den Vierwaldstättersee laufen kann, besser ergehen? Wer Zweifel hegt, kann selbstverständlich den Luzerner Nationalrat Franz Grüter fragen, wieviel Strom allein das von seiner Firma «Green» (Telefon +41 56 460 23 23) betriebene Google-Datacenter in Lupfig pro Tag (und Nacht) verbraucht. Was bei Ihnen vermutlich ein Staunen mit offenem Mund auslösen würde, freut die Aargauer AKWs, bei denen die Green AG ein Key-Client sein dürfte.

    By the way: Was ist da nur mit Grüters Augenfarbe passiert? Sollte ihm das «Sünneli» nicht mehr passen, wäre die Farbe Grün sicher die bessere Wahl. Dieses Blau in Blau sieht ja aus, als ob er den Dresscode der FDP kopiert. Oder Graf Dracula.

    Franz Grüter
  • 10.8.2022 - Tag der Ultra-Neoliberalen Schnappatmungen und Schweissausbrüche

    Soziologe aus Moskau über Russland im Krieg: «Putins System steht unter Druck»

    Der Moskauer Soziologe Greg Judin* ist überzeugt: Mit Kriegsbeginn hat in Russlands Gesellschaft ein Umsturz stattgefunden. Mit welchem Ausgang?

    taz: Herr Judin, trägt die russische Gesellschaft eine Mitverantwortung für Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine?

    Greg Judin: Um mit Hannah Arendt zu sprechen: Kraft dessen, dass jeder Mensch einer politischen Gemeinschaft angehört, trägt er für diese auch Verantwortung. Davon kann sich niemand freimachen.

    Aber offensichtlich passiert genau das in Russland …

    Laut Arendt gibt es Situationen im Leben, in denen es sich nicht lohnt, für den Frieden zu kämpfen. Doch jeder muss sich darüber klar werden, wofür er oder sie in einer bestimmten Situation die Verantwortung trägt. Hier kann man zwei Dinge tun: Position beziehen, selbst wenn das etwas kostet. Und in Russland kann das der Fall sein. Das Zweite ist, darüber nachzudenken, was ich in dieser Situation tun kann. Was hängt jetzt von mir ab? Das muss man sich selbst abverlangen.

    Sie haben wiederholt von einer Atomisierung der russischen Gesellschaft gesprochen. Was bedeutet das genau?

    Atomisierung ist die Zerstörung von Solidarität, jeder sieht sich nur als Individuum. Russland ist eines der Länder, in dem die Menschen am wenigsten Vertrauen haben. Diese Atomisierung hat schon früher eingesetzt, jedoch hat Wladimir Putin jetzt angefangen, diese Politik auch als strategisches Mittel einzusetzen.

    Mit welchem Ziel?

    Wenn jeder für sich ist, macht es das Regieren für ein totalitäres Regime leichter. Das heißt: Jede kollektive Aktion blockieren oder den Glauben daran, dass Menschen gemeinsame Interessen haben.

    In einem Beitrag zum 9. Mai haben Sie von einem neuen russischen Faschismus gesprochen.

    Unter Faschismus verstehe ich die klassische Triade Führer, Staat und Volk, die sich alle miteinander identifizieren. Faschismus, das ist ein totaler Staat, der mit dem Führer und der Gesellschaft eins ist. Du kannst nicht innerhalb der Gesellschaft sein, wenn du kein Teil des Staates bist. Wenn du gegen den Staat bist, bist du gezwungen, die Gesellschaft zu verlassen. Du bist ein Fremder, ein Verräter, ein Feind. Und du musst den Führer unterstützen. In Russland gab es diese Tendenzen schon früher, doch mit dem 24. Februar hat ein Umsturz stattgefunden. Er hat die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft verschwinden lassen.

    Jeder Faschismus setzt eine Mobilisierung voraus. Bislang gründete Putins Regime auf einer Depolitisierung und Demobilisierung. Eine passive demobilisierte Masse ist das ideale Material für eine Mobilisierung. Warum? Weil zwischen den Menschen keine horizontalen Verbindungen bestehen. Doch das ändert sich jetzt. Der Faschismus ist eine Bewegung und eben mehr als eine Einheit zwischen Führer, Nation und Staat. Wenn wir verstehen wollen, was weiter passieren wird, müssen wir uns nicht nur auf das Regime konzentrieren, sondern auf diese starke faschistische Bewegung, die eine Mission hat. Deshalb wird das alles nicht aufhören, solange diese Mission nicht erfüllt ist oder dieses Regime nicht verschwindet.

    Sie unterrichten an der Moskauer School of Economics. Wie wirkt sich die gegenwärtige Entwicklung auf das akademische Leben aus?

    Der Druck auf das Bildungssystem ist massiv gewachsen, es ist zu einem Propagandasystem geworden. Hunderte Lehrkräfte und Studierende an staatlichen Hochschulen wurden entlassen oder relegiert. Die, die mit dem Staat nicht einverstanden sind, werden als Verräter gebrandmarkt. Jeden Tag betrifft das Dutzende, ich bekomme entsprechende Nachrichten. Alle Rektoren sind jetzt loyal. Auf den unteren Ebenen werden Lehrkräfte entlassen und durch Leute mit Verbindungen zum Geheimdienst FSB ersetzt.

    Was bedeutet das für die nächsten Generationen?

    Die Lehrpläne wurden komplett geändert. Der Geschichtsunterricht wird als Bereich angesehen, um Putins Version der Geschichte zu vermitteln, die krank und verrückt ist. In den Schulen gibt es jetzt sogenannte Unterrichtsstunden des Mutes. Das ist eine Kombination aus Putins Ansichten zur Geschichte und militaristischer Propaganda. Das reicht von den Universitäten über die Schulen bis hin zu den Kindergärten. Studenten denunzieren ihre Professoren.

    So etwas gab bis zum 24. Februar nicht. Das alles vollzieht sich in einer Atmosphäre der Angst. Die Machthaber wissen ganz genau, dass die Jugend ihre Schwachstelle ist und ihre Ziele nicht unterstützt. Und sie brauchen Kanonenfutter. Sie tun alles, damit die jungen Leute in die Krieg ziehen und bereit sind zu sterben.

    Versteht der Westen überhaupt, was in Russland vorgeht?

    Die Illusionen sind verflogen. Ein Grossteil der Eliten versteht, dass es keinen Weg zurück gibt. Dennoch gibt es keine strategischen Vorstellungen davon, wie mit Russland weiterverfahren werden soll.

    Hat der Westen Fehler begangen?

    Es gab Fehler, aber auch eine bewusst schädliche Politik des Westens. So, als ob alles gut gewesen sei, jetzt jedoch plötzlich in Russland ein sibirischer Bär aufgewacht sei. Das ist falsch. Wir haben übrigens jahrelang davor gewarnt, dass das alles so enden wird. Trotzdem hat sich nichts geändert. Im Jahr 2020 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Kremlkritiker Alexei Nawalny in der Charité besucht, jedoch gleichzeitig darauf bestanden, dass der Vertrag über die Pipeline Nord Stream II erfüllt werden müsse. Wie kann so etwas sein?

    Haben Sie eine Antwort darauf?

    Hier führt es nicht weiter, auf die Beziehungen zwischen einzelnen Staaten zu blicken – Russland und Deutschland oder die Ukraine und Russland. Hier geht es um das globale Kapital, das eng mit Putin verbunden ist und die ganze Welt im Griff hat. Gerhard Schröder, ist das ein russischer Bär, ein russischer Imperialist? Nein, das ist das zynische Kapital, das sich daran gewöhnt hat, alles kaufen zu können, und dass der Stärkere im Recht ist. Putin weiss das und hat darauf gesetzt. Opfer dieser Allianz gibt es überall. Das sind vor allem die Menschen in der Ukraine, die einfach getötet werden. Das gilt ebenfalls für die Menschen in Belarus, die massiven Repressionen ausgesetzt sind.

    Doch auch die Rus­s*in­nen leiden darunter. Ich möchte nur daran erinnern, dass es auch in Russland unter Putin Aufstandsversuche gab. Diese endeten immer damit, dass Putin irgendeinen gigantischen Milliardenvertrag abgeschlossen hat. Nehmen wir die finnische Firma Nokia. Mittlerweile wissen wir, dass Nokia in Russland ein grosses Überwachungssystem aufgebaut hat, von dem klar war, dass Putin dieses System gegen seine Gegner einsetzen wird. Jetzt tritt Finnland der Nato bei. Wo ist da die Logik? Wenn sich das Kapital verselbstständigt und es unmöglich wird, es zu kontrollieren, dann ist das ein allgemeines Problem.

    Welche Perspektiven sehen Sie?

    Putins System steht unter Druck wie nie zuvor. Ich glaube, dass es in Russland zu einem Bürgerkrieg kommen wird: Zwischen ultrareaktionären imperialen Kräften, die das Land ins 19. Jahrhundert zurückführen wollen, und sogenannten republikanischen Kräften, die zum Beispiel Nawalny verkörpert. Diesen Konflikt sehen wir im gesamten postsowjetischen Raum, auch in der Ukraine. Dort gibt es ebenfalls Leute, vor allem im Osten, die zu einem Imperium zurück wollen. Sie sind jetzt weniger geworden, doch es gibt sie. Doch darüber wird nicht gerne geredet. Auch in Belarus gibt es dieses Phänomen, dort ist es jedoch einfacher. Ein ultrasowjetischer Präsident und eine republikanische Nation, die vor allem Gruppen junger Leute tragen.

    Was Russland angeht, fehlt mir die Vorstellungskraft, ob es zu diesem Rückfall ins 19. Jahrhundert wirklich kommt. Doch wir sehen bereits, dass dieses Projekt darauf gründet, so viele Menschen wie möglich umzubringen. Alle diejenigen, die das Regime als seine Gegner ansieht. Welche Form dieser Konflikt annehmen wird, weiß ich nicht. Vielleicht Terror, ein Bürgerkrieg oder eine Revolution. Viel wird davon abhängen, wie der Krieg gegen die Ukraine endet.

    Apropos Krieg gegen die Ukraine: Wie könnte ein künftiges Zusammenleben zwischen Ukrai­ne­r*in­nen und Rus­s*in­nen aussehen?

    Russland muss anerkennen, dass dieser Krieg ein Verbrechen gegen den Nachbarn war. Das heisst, die Interessen der Ukraine zu ignorieren, sie als Eigentum zu betrachten und Fragen mit dem Einsatz von Gewalt versuchen zu lösen. Oder anders gesagt: Sinnvolle Gespräche können erst stattfinden, wenn sich Russland von der imperialistischen Idee verabschiedet und eine Republik wird. Dann werden die Ukrai­ne­r*in­nen verstehen, dass sie es mit jemandem anderen zu tun haben.

    Das kann dauern. Was könnte in der Zwischenzeit getan werden? Nach Wegen für einen Dialog auf der Ebene der Zivilgesellschaft suchen?

    Für einen Dialog sehe ich zurzeit nur bei konkreten Fragen eine Chance. Zum Beispiel, wenn Rus­s*in­nen in Europa ukrainische Geflüchtete unterstützen. Da kommt dann keiner auf die Idee, nach irgendeinem Pass zu fragen. Ich hoffe, dass es in absehbarer Zeit die Möglichkeit geben wird, über ernsthafte Fragen zu sprechen. Was passiert mit den umstrittenen Territorien? Bis auf Weiteres wird Putin den Krieg in der Ukraine nicht beenden, er ist fest entschlossen, dadurch seine Probleme in Europa zu lösen. Und dafür wird er so viele Menschen töten, wie er das für notwendig hält.

    Wenn Russland zu der Erkenntnis kommt, dass die Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine diesem barbarischen imperialistischen Projekt zum Opfer gefallen ist, könnten wieder pragmatische Beziehungen aufgebaut werden. Doch da müsste man die Ukrai­ne­r*in­nen fragen. Wenn sie das nicht wollen, könnte ich das auch verstehen. Schreibt TAZ**.

    Die taz (Tages-Anzeiger) wird öfters als «linke» Zeitung bezeichnet, was ein absoluter Blödsinn ist. Diese Falscheinschätzung ist im Wesentlichen auf die Reflexbewegungen der Ultra-Neoliberalen zurückzuführen, bei denen jedes Medium, das nicht ausschliesslich der westlichen Konzernpolitik der Mächtigen und Reichen folgt, Schnappatmungen und Schweissausbrüche auslöst. Glaubt man diesen Apologeten der reinen Lehre des Marktes, die alles regelt, steht der Untergang des Abendlandes inklusive Reaktivierung des Kommunismus kurz bevor.

    Wer wirklich eine «linke» Zeitung im wahrsten Sinne des Wortes sucht, findet sie. Die «junge Welt», ein Wurmfortsatz der DKP (Deutsche Kommunistische Partei), ist diesem Spektrum zuzuordnen.

    Zurück zum Artikel: Während in der Schweiz beispielsweise «Blick» im «Ukraine-Liveticker» beinahe im Tagesrhythmus ständig eine neue Krankheit oder neue Geliebte Vladimir Putins aus dem Hut zaubert, führt eine kluge Journalistin der taz ein Interview mit dem russischen Soziologen und Politikwissenschaftler Greg Judin, der an der Moscow School for the Social and Economic Sciences unterrichtet. Man darf davon ausgehen, dass dieser Mann vor Ort einen besseren Durchblick auf Putin und die russische Gesellschaft hat, als die Glaskugel-«Journalisten» etlicher hochangesehener Medien.

    Deshalb empfehle ich diesen taz-Artikel, ohne ihn zu kommentieren. Es lohnt sich, ihn bis zur letzten Zeile zu lesen. Gibt er doch Hinweise darauf, wer uns über Dekaden hinweg in die Bredouille geritten hat, in der wir heute stecken.

    * GREG JUDIN ​: 1983 bei Moskau geboren. Lehrt als Soziologe und Politikwissenschaftler an der Moscow School for the Social and Economic Sciences und schreibt Kolumnen in der Zeitung Wedomosti.

    ** Das Interview führte BARBARA OERTEL. Ressortleiterin Ausland der taz. Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiss auch warum.

  • 9.8.2022 - Tag der Stromspeicher

    Wie viele Windräder (moderne, eher grosse) braucht es, um ein österreichisches, grösseres Gaskraftwerk zu ersetzen, in Jahresleistung gerechnet?

    Das Gaskraftwerk Mellach, eines der größeren Kraftwerke in Österreich, hat einen sogenannten Volllaststundenwert von 2.000 bis 3.000 Stunden pro Jahr – wobei der letztere Wert schon die obere Grenze bildet. Das heißt, dass das Kraftwerk jährlich 2.000 bis 3.000 Stunden "auf Anschlag" laufen müsste, um die 1,7 bis 2,5 Terawattstunden Strom zu produzieren, die Mellach jährlich ins Netz einspeist. In Wirklichkeit läuft das Kraftwerk natürlich oft auf Sparflamme – die Volllaststunden sind ein theoretischer Wert, um die Auslastung eines Kraftwerks zu messen.

    Ein modernes Windrad kommt laut IG Windkraft auf 2.600 bis 3.000 Volllaststunden und zwischen fünf und sechs Megawatt Nennleistung. Im Mittel erzeugt ein solches Windrad 15 Millionen Kilowattstunden Strom (0,015 Terawattstunden) pro Jahr. Es bräuchte also 166 Windräder, um eine Jahresleistung von 2,5 Terawattstunden zu ersetzen. Bei einer Kraftwerksleistung von 1,7 Terawattstunden bräuchte man entsprechend 111 Windräder.

    Wie viele Dächer (in Quadrametern) müssten für dasselbe in Photovoltaik bestückt werden?

    Eine Umlegung ist laut dem Branchenverband Photovoltaik Austria schwierig und maximal theoretisch möglich. Dennoch seien circa 5,1 Quadratmeter – das entspricht etwa drei Modulen – Photovoltaik erforderlich, um 1.000 Kilowattstunden bzw. eine Megawattstunde Strom pro Jahr zu erzeugen.

    Das Gaskraftwerk Mellach hat wie beschrieben eine Jahresleistung von 2,5 Terawattstunden, also 2.500.000 Megawattstunden. Multipliziert man diese Zahl mit 5,1 Quadratmetern erhält man eine Fläche von 12,75 Quadratkilometern. Im Vergleich: Der Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt hat eine Fläche von rund 19 Quadratkilometern.

    Bei einer Kraftwerksleistung von 1,7 Terawattstunden pro Jahr wäre entsprechend eine Fläche von rund 8,6 Quadratkilometern nötig. Das entspricht der Fläche des Wiener Bezirks Ottakring. Würde es also reichen, sämtliche Häuser des 16. Bezirks mit Solardächern auszustatten, um Mellach abschalten zu können? Nein, denn die 8,6 Quadratkilometer beziehen sich nur auf die Dachfläche – und Ottakring besteht auch aus Straßen, Gärten und Parks, die sich nicht mit Solarmodulen bestücken lassen.

    Bei Freiflächenanlagen ist der Platzbedarf laut dem Verband um einiges größer. Das liegt am auftretenden Schatten und dem Abstand zwischen den Modulreihen, der in der Freifläche größer sein muss.

    Wie ist das mit der Kombi aus Photovoltaik (PV) und Sonnenkollektoren für Warmwassergewinnung? Wäre das nicht eine tolle Sache, gerade für kleinere Anlagen?

    Laut dem Branchenverband Photovoltaik Austria ist die Kombination denkbar. Es sei aber eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Denn: Sich zwei unterschiedliche Energiesysteme zuzulegen ist kostenintensiv und wird praktisch nicht angewandt. Das liegt auch daran, dass Photovoltaik in den letzten Jahren günstiger und effizienter geworden ist. Die örtlichen Gegebenheiten und der Bedarf der Anwenderinnen und Anwender beeinflussen die Wahl des Systems zusätzlich.

    Laut Grundnig sei die Energieversorgung der Zukunft komplett anders zu denken, als wir es aktuell kennen. Außer der Energiespeicherung stellen sich viele Fragen. Ein Stromversorgungssystem, das zu 100 Prozent aus Erneuerbaren und damit zu einem guten Teil aus volatilen Quellen bestehe, bedarf laut Grundnig etwa einen guten Mix aus allen verfügbaren Technologien (Wind, Sonne, Wasse, Biogene), die saisonale Schwankungen untereinander ausgleichen. Zudem brauche es so viel erneuerbare Stromerzeugungsanlagen wie möglich, um Flauten zu reduzieren und Überschüsse zu schaffen. Diese Überschüsse könnten mittels Elektrolyse als Wasserstoff zeitlich verlagert werden und so zu einem Ausgleich beitragen.

    Nicht zuletzt seien Flexibilitäten im Gesamtsystem zu nutzen – nicht nur bei Erzeugern, sondern auch bei den Verbrauchern. Dazu gehören etwa kleine Speichereinheiten bei Haushalten, die mit Photovoltaik kombiniert werden oder bidirektional ladefähige E-Autos, die sich auch als Speicher nutzen lassen. Schreibt Florian Koch in DER STANDARD.

    Was sagt uns dieser «Faktencheck» aus Österreich? Der Wechsel von fossilen Energieträgern auf erneuerbare Energien ist viel komplexer als uns jeweils von den Politikern*innen vor dem Gang an die Wahlurnen weisgemacht wird. Auf substanzielle Fragen wie beispielsweise «Stromspeicher» haben im Gegensatz zu den Politikern*innen selbst ausgewiesene Klima-Experten (noch) keine Antworten jenseits des Konjunktivs.

    Erst im Nachhinein wird klar, mit welcher Chuzpe ausgerechnet die Parteipräsidentin der ultra-neoliberalen FDP, Greta «Petra» Gössi, den Parteitag vor den eidgenössischen Wahlen 2019 mit einer Kehrtwende hin zum Klimaschutz überrumpelte. Ausgerechnet die Partei, die vorher sämtliche Abstimmungen zum Klimaschutz im Parlament ausnahmslos mit Ablehnung torpediert hatte.

    Doch weil den Grünen Parteien der Schweiz im Vorfeld der Wahlen bei den Umfragen immer höhere Zustimmungswerte attestiert wurden, schluckte der FDP-Parteitag die bittere Pille. Wohlwissend, dass die Partei damit ausgerechnet ihre Klientel aus dem neoliberalen Lager vergraulte. Einige der Industrie- und Wirtschafts-Mogule strichen (oder kürzten) denn auch ihre üppigen Parteispenden aus lauter Zorn.

    Ein solcher Fall ist mir persönlich sogar zugespielt worden: Ein Industrieller orientierte den Präsidenten eines regionalen Ablegers der FDP via E-Mail darüber, dass er seinen jährlichen Unterstützungsbetrag von 10'000 Franken ab sofort einstelle.

    Gössi wurde denn auch nach dem Parteitag von einigen FDP-Granden wie Nationalrat Christian Wasserfallen für ihre Wendehalspolitik heftig attackiert. Gössi hausierte ihrerseits mit dem Argument, ohne Wandel der Partei hin zu den Klimathemen würde die Partei massiv Stimmen an der Wahlurne verlieren.

    Was dann am Wahltag trotzdem passierte. Die FDP verlor vier Sitze im Parlament und Petra «Greta» Gössi kurz darauf ihr Amt als Parteipräsidentin. Das gleiche Schicksal ereilte auch SVP-Präsident Albert Rösti. Dessen Partei büsste gar 12 Parlamentssitze ein. Den Klimawandel zu leugnen lohnte sich für die SVP ebenso wenig wie die Wendehalspolitik der FDP.

    Ob die Grünen Parteien allerdings auch bei den kommenden Wahlen im Jahr 2023 weiterhin derart furios wie 2019 zulegen werden, ist ungewiss. Realisiert doch das Wahlvolk inzwischen, dass viele utopische, «grüne» Lösungsansätze und die damit verbundenen Wahlversprechen schlicht und einfach keinem seriösen Faktencheck standhalten. Exorbitante Preissteigerungen bei Strom, Gas und Erdöl werden ihr übriges dazu beitragen.

    Dass an diesen Wucherpreisen nicht Putin allein verantwortlich ist, realisiert inzwischen nämlich auch die Bevölkerung. Entsprechend wird sie die Wahlfloskeln der Parteien unter die Lupe nehmen und die Kosten-/Nutzenfrage stellen. Hoffe ich jedenfalls.

    Bekannterweise stirbt die Hoffnung zuletzt. Leider befürchte ich, dass all die Turbulenzen, denen wir derzeit ausgesetzt sind, der SVP mit ihrem angehängten Wurmfortsatz der Trychler und sonstigen Verschwörungs-Esoterikern*innen mehr helfen wird als den anderen Parteien.

  • 8.8.2022 - Tag des Wokeismus und der alten weis(s)en Männer

    René Scheu interviewt Adolf Muschg: «Wokeismus ist Rassismus»

    Er ist einer der grossen Schweizer Schriftsteller: Adolf Muschg (88). Im Gespräch mit René Scheu redet er über seinen nahenden Tod, den Krieg in der Ukraine – und seine Probleme mit der Political Correctness.

    Adolf Muschg zählt zu den letzten Grossen seiner Art. Der Dichter und Denker spricht auch mit 88 Jahren so furchtlos wie heiter über die Lage der Welt. Im Gespräch mit René Scheu in seiner Männedorfer Idylle äussert sich Muschg humorvoll zum nahenden Tod, zum möglichen Atomkrieg – und zur anödenden Humorlosigkeit der neuen Tugendterroristen.

    Blick: Herr Muschg, Sie sind, es ist kaum zu glauben, 88 Jahre alt. Wenn Sie an Ihr potenzielles Ende denken, sind Sie dann gelassener oder besorgter als noch vor zehn Jahren?

    Adolf Muschg: Die Antwort darauf suche ich in meinem nächsten Buch. Mal sehen, was der nahe Tod mit meiner Sprache macht.

    Sie schreiben bis zuletzt, so viel ist also schon mal klar. Worum gehts im neuen Projekt?

    Es hat mit einer Grabmiete angefangen – nicht einer fiktiven, sondern einer wirklichen, nämlich meiner. Das ist eine der wenigen Dispositionen über das Jenseits, die man schon im Diesseits treffen kann.

    Sie wollen Ihr eigenes Ende nachempfinden, indem Sie es vorwegnehmen?

    Eher folge ich einem bestimmten Toten ins Leben zurück, an den Punkt, wo es sich mit dem meinen berührt hat. Meine Erzählung geht von einer Begebenheit vor 75 Jahren aus, die jetzt erst richtig bei mir angekommen ist. Haben Sie Zeit?

    Klar. Deshalb bin ich zu Ihnen nach Männedorf gekommen – Sie leihen mir Ihre kostbare Zeit, ich leihe Ihnen mein Ohr.

    Also: Für meine japanische Frau würde es viel bedeuten, einen Platz in der fremden Erde auf sicher zu haben. Wir wohnen gewissermassen auf dem Lande; sie ist in Kyoto aufgewachsen, und es hat sie immer in die Stadt gezogen. Wir haben einen Platz gesucht, der für beide stimmt, und sind im Friedhof Enzenbühl fündig geworden. Er liegt an meinem ehemaligen Schulweg nach Zürich und wird auch von der Stadt verwaltet. Aber ein Stück davon dehnt sich auf den Boden von Zollikon aus. Hier wurde mein Vater als Lehrer eingebürgert und schrieb regelmässig für den «Zolliker Boten», hier habe ich meine Kindheit erlebt. Auf dem Boden dieses interkulturellen Kompromisses können wir allem weiteren doch mit Ruhe entgegensehen. Kennen Sie den Friedhof Enzenbühl?

    Vage. Der Schriftsteller Urs Widmer ist da begraben, wenn ich mich richtig erinnere.

    Und viele andere Freunde auch, zum Beispiel mein Psychoanalytiker Paul Parin und seine Frau Goldy. Aber auch ein vor hundert Jahren hoch gefeierter Schweizer Schriftsteller, Ernst Zahn, der heute fast vergessen ist. Wir entdeckten, dass sein umfangreiches Familiengrab dem von uns gewählten Plätzchen genau gegenüberliegt.

    Ernst Zahn, das war doch ein ziemlich patriotischer Schriftsteller. Wie passt das zu Ihnen?

    Die Nachbarschaft hat zweifellos ihre Ironie, denn mit grosser Heimatliteratur kann ich nicht dienen. Aber Ernst war der Sohn eines Wilhelm Zahn, des einstigen Inhabers des Café littéraire an der Storchengasse in Zürich. Später bewirtschaftete er das berühmte Bahnhofrestaurant Göschenen am Eingang des Gotthardtunnels, wo selbst Mäjestäten kurz abstiegen – weil die Dampfloks zum Nachfüllen von Kohle pausieren mussten. Sein Sohn, der besagte Ernst Zahn, führte das Buffet einige Jahre selbst, bevor ihm der literarische Erfolg ein Seegut in Meggen bei Luzern bescherte. Er behielt auch einen Sitz auf der Göscheneralp. Also begann ich, angesichts unserer kommenden Nachbarschaft, seine durchaus nicht gering zu schätzenden Werke zu lesen. Aber was mich ernsthafter beschäftigt, ist etwas anderes. Am Fuss des monumentalen Grabmals, ganz am Rande, entdeckte ich eine bescheidene Bronzeplatte mit einem Namen, der mich elektrisierte.

    Jetzt wirds noch spannender. Welcher Name hat Ihre Fantasie beflügelt?

    Robin P. Marchev.

    Der Name sagt mir nichts.

    Das war auch nicht zu erwarten. Ein Junge dieses Namens hat in der Evangelischen Lehranstalt in Schiers meine arme Seele gerettet – wo ich 1948/49 nach dem Tod meines Vaters die Genesung meiner psychisch erkrankten Mutter absitzen musste. Das damals frömmelnde Internat war eine wahre Strafe für ein pubertierendes Einzel- und Heimwehkind wie mich. Robin war schon älter, gehörte zu den sogenannten Selbstregenten und durfte in der Turnhalle Grillparzers Stück «Weh dem, der lügt!» inszenieren – für mich mehr als ein Lichtblick. Eine Erlösung!

    Immer der Reihe nach – was genau hat Marchev mit den Zahns zu tun?

    Seine Mutter war eine Tochter des Dichters. Sie hatte in Zürich den Arzt Dr. Marchev geheiratet, dessen jüdische Familie, aus Polen zugewandert, in Zürich getauft und wohlhabend wurde. Er war etwa Hausarzt des berühmten Hotels Baur au Lac. Nach der Scheidung der Eltern riss die Verbindung der Familien nicht ab. Robin behielt den Namen seines Vaters, als er bei seiner Mutter lebte, ohne materielle Sorgen, aber auch unbesorgt um die Regeln seines Zürcher Gymnasiums. So wurde er zur Besserung nach Schiers verschickt, das seinen Eigensinn auch nicht brechen konnte. Darum stand seine Ausweisung wieder kurz bevor, als er die Regie eines Schultheaters übernahm – eben des Lustspiels von Grillparzer, zu dem er seine eigene Musik lieferte, und er dirigierte sie auch selbst. Und als der Hauptdarsteller ausfiel, übernahm er dessen Rolle zusätzlich, und in jeder spielte er in einer eigenen Liga.

    Sie erinnern sich an jedes Detail.

    Ja, denn da ging mir eine andere Welt auf, in der ich atmen konnte und leben wollte. Dabei haben wir uns persönlich nie kennengelernt. Dass er damals nicht nur mich, sondern auch seine Matur gerettet hatte, dürfte ihn wenig gekümmert haben. Er wollte Komponist werden und wurde bei seinem Studienaufenthalt in Paris, wo er Sartre kennenlernte, bereits als grosse Hoffnung gehandelt. Sie sehen: Ich habe recherchiert – und damit erst angefangen. Je mehr ich über ihn weiss, desto mehr erfahre ich über mich selbst. Ich mache mich fein für unser erstes Rendez-vous im Enzenbühl. Es ist nie zu spät, einem grossen Bruder zu begegnen.

    In Grillparzers Lustspiel geht es darum, dass Leon, ein junger Koch im Dienste des Bischofs zur Zeit der Merowinger, den Neffen ebendieses Bischofs aus den Fängen der bösen Germanen befreien soll. Und er darf nicht ein einziges Mal lügen, um sein Ziel zu erreichen.

    Ja, nur geht es dann gar nicht anders. Um auch nur in die Nähe der Geisel in der germanischen Wildnis zu kommen, muss Leon bluffen, sich verstellen und übernehmen, zum Beispiel als Meisterkoch auftrumpfen – und dann alles, was er vorgibt, auch noch wahrmachen. Es ist ein Tanz auf dem hohen Seil, und als er sich in die Tochter des Burgherrn verliebt, muss er auch noch den Salto mortale lernen. Sein Trick ist: Die Wahrheit so faustdick aufzutischen, dass sie die Gegenspieler nur für gelogen halten können. Das ist eine Tour de Force der Vorstellungskraft, ein Triumph der Fantasie – und im Kern: der Humanität. Wenn diese ehrlich sein will, kann sie keine grade Linie fahren, sonst müsste die Erde platt sein, und der Mensch auch. Man lacht bei einem guten Lustspiel keine Tränen, aber man lernt unter Tränen lachen. Das war ungefähr das Gegenteil von allem, was wir im Internat lernen und beherzigen sollten.

    Wer war dieser Marchev, was hat er bewegt – was hat ihn bewegt?

    Das recherchiere ich eben. Seine Todesanzeige war unterschrieben von einem einzigen Freund – und als ich diesen im Tiefschnee des Appenzellerlandes heimsuchte, wurde er bald auch der meine. Ihm verdanke ich Robins Lebensdaten. Er war Pressechef des Lucerne Festival und Präsident des Schweizer Aero-Clubs. Als Kandidat für die Kurdirektion in St. Moritz wurde er hochgelobt, aber nicht genommen. Es gab auch – unter Pseudonym – einen Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz. Die richtige Stelle fand er als Bruder und Meister der Freimaurerloge Libertas et Fraternitas. Sie wurde am Ende des Ersten Weltkriegs auf dem Monte Verità über Ascona von Künstlern gegründet und auf dem Zürcher Lindenhof von Bürgern fortgesetzt – nach dem zugleich ernsten und verspielten Regelwerk, das er für sie verfasst hat. Es hat viel mit Mozarts «Zauberflöte» zu tun – für seine Loge war Robin zugleich der Hohepriester Sarastro und der Spassmacher Papageno. Er hatte auch etwas von einem Zen-Meister – und nicht umsonst Altchinesisch gelernt. 2019 ist er in Zürich gestorben, immer noch Junggeselle, nicht auf Rosen gebettet, aber ein Mann der «Freiheit und Brüderlichkeit» bis zum letzten Atemzug.

    Er ist sozusagen Ihr künftiger Grabes-Bruder. Ein Kreis schliesst sich. Sind Sie also mit Ihrem Leben versöhnt?

    So weise – oder so einfältig – bin ich noch nicht. Ich bin Robin und mir noch eine Brudergeschichte schuldig. Real hat es sie nie gegeben – umso mehr werde ich daran noch einmal schreiben lernen müssen. Jetzt ist es an mir, sein Leben zu retten – für Leserinnen und Leser.

    Sie sind ein Hypochonder, das ist gut dokumentiert. Die späte Begegnung mit Robin P. Marchev nimmt Ihnen nun die Angst vor dem Tod?

    Schauen Sie: Solange der Wolf nicht da ist, hat man leicht «Wolf» rufen. Wenn er an der Tür kratzt, ändern sich die Umgangsformen – es wird buchstäblich lebenswichtig zu hören, was er dir zu sagen hat. Dann outet er sich als ein Stück von dir selbst, und Angst ist nicht mehr die passende Antwort darauf.

    Sehr altersweise formuliert! Woher kamen früher diese Angstzustände, diese Gewissheit, an etwas Schlimmem erkrankt zu sein?

    Ich hatte einen frommen Vater, der eine Hölle brauchte, um sich an seinem Gott festzuhalten. Schuldgefühle mussten ihm teuer sein, und das Böse heilig – wider Willen. Und in dieser Welt gab es auch keine Gnade für die eigene Schwäche. Er starb zu früh für eine reale Auseinandersetzung zwischen uns. Dafür erbte ich gewissermassen, was meiner Mutter gefehlt hatte. Warum musste sie in eine mehrjährige Depression fliehen, vor ihrer Ehe, aber auch vor mir? Da musste es etwas Unausgesprochenes geben, das ich bis in mein erwachsenes Leben weiterschleppte und für das ich den Freispruch der Ärzte brauchte: Ihnen fehlt nichts Ernstes! Eigentlich war das Gegenteil wahr, aber vorübergehend hat es geholfen, wie ein starkes Schmerzmittel. Was mir am meisten fehlte, war die nötige Heiterkeit mit meinen Defiziten. Dafür sitze ich jetzt bei Robin nach – mit 88 nicht zu früh.

    Die Ärzte waren für Sie die Priester, die es im Protestantismus nicht gibt?

    Ein Reformierter müsste lernen, sich selbst Absolution zu erteilen – das heisst: sich anzunehmen, wie er ist, ohne Zensuren, dafür mit Neugier, Fantasie und Humor. Die Frage, ob er dann noch ein guter Christ ist, darf er Gott überlassen. Eine schwierige Übung – ich fürchte, sie gelang mir bisher nicht immer.

    Wenn wir miteinander telefonieren, sprechen wir jeweils kurz über Ihren Krebs. Täuscht mein Eindruck oder ertragen Sie ihn ziemlich stoisch?

    Die Diagnose habe ich 2001 erhalten. Damals war ich geschockt. Doch ich habe gelernt, den Krebs nicht nur ernst zu nehmen. Ich ignoriere ihn die meiste Zeit. Und er revanchiert sich, indem er mich ebenfalls ignoriert. Es scheint, wir brauchen einander immer weniger. Dass ich als Geschöpf nicht nur begrenzt bin, sondern befristet, steht auf einem andern Blatt. Als Schriftsteller lernst du: Ohne Grenze gibt es keine Form, und umgekehrt. Diese Chance wahrzunehmen, betrachte ich inzwischen auch als A und O der Lebenskunst.

    Wir sitzen hier in Ihrem malerischen Garten – das Wasser plätschert, die Vögel zwitschern, ein sanfter Wind weht. Wäre nicht der knatternde Rasenmäher des Nachbarn, man müsste sagen: Es ist die perfekte Idylle. Aber natürlich herrscht keine Idylle. Die Welt ist in Aufruhr wie lange nicht mehr. Fürchten Sie sich vor einem Krieg in Europa, gar vor einem Atomschlag?

    Wenn ich nicht gerade schreibe oder diskutiere, wie jetzt mit Ihnen, kann ich mich Tag und Nacht fürchten. Besonders für meine Enkelinnen: Ich wünsche ihnen ein Leben ohne tödliche Strahlen. Die Kernspaltung ist eine Technik, mit der sich der Mensch übernommen hat. Und in der Ukraine können jetzt, nach Tschernobyl, noch ein Dutzend A-Werke hochgehen. Davon ist kaum die Rede – auch darum, weil ausgerechnet die Kernkraft plötzlich wieder zur Diskussion steht, als umweltschonende Alternative zu den fossilen Energien. Prometheus, der uns das Feuer vom Himmel stahl, hat wieder die Vorhand über seinen Bruder Epimetheus, der die warnende Erinnerung verkörpert. Die Büchse der Pandora bleibt offen, so oder so: Der Mensch muss mit dem, was er anzurichten vermag, leben, sogar wenn er die Grundlage dafür selbst zerstört. Vielleicht war Homo sapiens in der Evolution eine Mutation zu viel. Aber die Hoffnung ist immer noch in der Büchse – ich glaube daran, nicht obwohl, sondern weil es absurd ist.

    Das ist die grosse metaphysische Frage. Konkret ist es nun aber Wladimir Putin, der vor den Toren Europas einen Krieg gegen die Ukraine führt. Die westlichen Werte – unsere Freiheitsrechte und demokratischen Errungenschaften – sind bedroht. Haben Sie sich vorstellen können, so etwas noch zu erleben?

    Ich habe gelernt, auch ohne Hypochondrie, dass immer alles möglich ist, das heisst: auch das Schlimmste. Wir haben ein paar Jahrzehnte von der vermeintlichen Friedensdividende flott und fantasielos gelebt, jedenfalls im reichen Westen, und uns eingebildet, das Ende des Kalten Kriegs sei wirklich das Ende der Geschichte – von wegen! Es war gerade diese bequeme Zuversicht, die uns angreifbar gemacht hat. Was wir Globalisierung nennen, brach ein, weil es für die Benachteiligten untragbar wurde. 9/11 war eine Explosion, die eine Lawine lostrat: Die Vormacht USA reagierte mit Kriegen, die sie nicht gewinnen konnte und die, wie sich zeigt, ihre eigene Freiheit beschädigten. Und im Osten, nah, aber auch fern, entstanden autokratische Regime.

    Auf welchen Zusammenhang spielen Sie an?

    Auf der einen Seite ruft einer unter dem Vorzeichen des nationalen Egoismus – «America first»! – unbeschränkte Macht aus. Auf der anderen Seite begründet einer den unbeschränkten Autoritarismus eines selbst ernannten Gottesstaats. Putin braucht kein freies Russland, sondern ein heiliges. Hier die Freiheit, dort das Imperium, beide Karikaturen des eigenen Anspruchs, und darum umso mehr gezwungen, ihn mit Gewalt durchzusetzen. Putin, der sich in den 1990er-Jahren auf den Westen zubewegt, sogar bei der Nato angedient hat, wurde sich immer sicherer: Wo keine eiserne Ordnung herrscht, bricht das Chaos aus. Sein Schlüsselerlebnis waren wohl die Erfahrungen, die er als KGB-Offizier im aufständischen Dresden der Wendezeit gemacht hat.

    Putin will also die Welt durch die Etablierung der alten Ordnung retten – was macht Sie da so sicher?

    Wie kann ich sicher sein? Aber seither habe ich die Schriften seines Propheten gelesen, Iwan Iljin, die er an seine Verwalter als Pflichtlektüre verteilt. Darin erscheint Russland als Grösse, der die Rettung der Menschheit vor der Dekadenz aufgetragen ist. Es ist ein autoritärer Heilsplan, der in Putins Kopf offenbar zur persönlichen Mission geworden ist, weil er auch den beleidigten Stolz Russlands wiederherzustellen verspricht.

    Und warum hat der Westen dies jahrelang nicht bemerkt?

    Weil wir nicht sehen konnten, was wir nicht sehen wollten. Zu gut hatten wir gelernt, auf Russland herabzuschauen. Aber es bleibt eine Atommacht und das flächengrösste Land der Erde, und seine gering geschätzte Ökonomie ist, wie sich zeigt, durchaus imstande, schwere Sanktionen in Instrumente der Erpressung zu verwandeln. Sie bringen den westlichen Energiehaushalt ausser Rand und Band und können uns mehr als einen kalten Winter bescheren.

    Das sind in der Tat höchst ungemütliche Aussichten, und sie schmerzen. Was folgt aus Ihrer Sicht daraus?

    Ich bin weder Geostratege noch Hellseher, nur ein Zeitgenosse, der Kriege nicht erleben möchte. Auch keine Stellvertreterkriege, in denen der Westen seine Freiheit bis zum letzten Ukrainer verteidigt und das gepeinigte Land zugleich als Testgelände für neue Waffensysteme nützt. Dabei wäre ein Waffenstillstand das Einzige, wofür sich zu kämpfen lohnt – und daran führt ohne Verhandlung mit Putin kein Weg vorbei. Von mir aus darf die List der Vernunft auch wie ein böser Witz aussehen – etwa, wenn lupenreine Demokraten wie Erdogan und der iranische Grossmufti dem Putin den Weg dazu öffnen. Was diesen Krieg beendet, darf meinetwegen auch zum Lachen sein. In der Weltgeschichte sind solche Wendungen normal – für einen Schriftsteller sind es genau die Einfälle, auf die er erst kommen muss. «Mir gefällt zu konversieren / Mit Gescheiten, mit Tyrannen», liest man bei Goethe.

    Warum sollte Putin verhandeln wollen, solange er sich seines Siegs sicher ist? Aber lassen wir das. Was mich am dichterischen Blick auf den Menschen mehr interessieren würde – verzweifeln Sie manchmal am Tyrannen, der wohl in jedem von uns steckt?

    «Machet euch die Erde untertan» – das ist ein tyrannisches Programm des Menschen von Anfang an. Dass wir selbst – über viele Stufen – dieser Mutter Erde entsprungen sind und wieder in sie hinein müssen, könnte uns im Umgang mit ihr bescheiden machen, dankbar für ihre Gaben. Und damit wir sie lange geniessen können: haushälterisch in ihrem Gebrauch, geschwisterlich im Umgang mit anderen Geschöpfen. Aber wir lernen schwer, da wir bisher nur als Räuber an der Natur zu überleben glaubten. Bleiben wir dabei, so zerstören wir den Boden unter den eigenen Füssen. Dann rettet uns nur noch die Auswanderung zum Mars, wenn wir dafür bei Elon Musk rechtzeitig gebucht haben.

    Sie sind nicht nur ein altersweiser Dichter und alterskluger Erzähler – Sie sind auch ein altersmilder Denker. Wir brauchen also mehr Distanz, vielleicht auch mehr Mass und Mitte – und dann wird alles gut?

    Achtung: Balancieren ist eine Kunst, die gelernt sein will. Wenn man mit Mass und Mitte anfängt, wird man nichts als ein Langweiler, ein Bünzli, und verblendet sich durch Selbstgefälligkeit – die esoterische inbegriffen.

    Einverstanden. Aber anderseits – wenn der Mensch seine Zerrissenheit anerkennt, verschwindet sie deshalb noch lange nicht.

    Natürlich nicht. Aber wir werden verständnisvoller und empathischer gegenüber anderen – und uns selbst. Wir verabsolutieren nichts mehr, wir sehen nicht mehr bloss unsere Freiheit, unseren Anspruch, unser Recht. Vielmehr erkennen wir auch die Leiden, Freuden, Freiheiten und Ansprüche der anderen, das Chaos, die Unordnung in uns und um uns. Das macht uns gelassener und demütiger zugleich. Verstehen Sie, was ich meine?

    Ich verstehe. Sie werben für mehr Toleranz unter diesen widersprüchlichen Tieren, die die Menschen nun mal sind, in Friedens- und in Krisenzeiten.

    Ja, aber keine Toleranz von oben herab – als würde man den anderen bloss dulden. Man muss sich an seine Stelle versetzen können, wie im therapeutischen Theater. Und das geht nur, wenn man sich selber in seiner ganzen Widersprüchlichkeit anerkennt und annimmt – anders als die Anhänger der woken Tugendlehre, die jede Ambivalenz, jede Ironie, jeden gedanklichen Grenzgang aus der Welt tilgen wollen. Mein Grabbruder Robin hat diese Tugend in einem Aufsatz über «Humor und Freimaurerei» einmal «die höchste Stufe humaner Grösse» genannt. Der Humorvolle ist demnach «stark genug, nicht recht haben zu müssen, und somit tolerant». Ist das nicht schön formuliert?

    Das ist es. Also lachen Sie heute über die neuen woken Jakobiner?

    Hoffentlich, denn ich kenne ihre Motive nur zu gut von mir selbst. Humorfreie Tugendterroristen, die sich unfehlbar wähnen, sind für mich unnötige Karikaturen ihrer selbst. Sie reklamieren für sich eine Reinheit, die sie nicht haben können, weil es sie nicht gibt. Und weil sie das insgeheim wissen, sind sie so intolerant. Sie ertragen nur ihresgleichen – und leben von den Feinden, die sie sich fabrizieren.

    Der Wokeismus ist der neuste Kulturimport aus den West- und Ostküsten-Universitäten der Vereinigten Staaten. Woran nehmen Sie genau Anstoss?

    Am Schwarz-Weiss-Denken. Menschen werden wieder vor aller Augen nach Rasse, Geschlecht und sexueller Orientierung sortiert, wie in den finstersten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts. Nur Schwarze dürfen über Schwarze reden, nur Frauen über Frauen, nur Schwule über Schwule – und die Normalos haben sowieso den Mund zu halten. Das ist auch Rassismus, eine neue Form der Apartheid, die sich auch noch im Namen des Antirassismus breitmacht.

    Die intellektuelle Dürftigkeit des Kultus liegt eigentlich auf der Hand, und niemand wäre gezwungen mitzumachen, am wenigsten die Universitäten. Warum aber gibt es in den Schulen und Medien kaum Widerstand gegen diese seltsame Art der geistigen Selbstpeinigung und -verknechtung?

    Die Leute haben Angst – vor einem Shitstorm. Sie wollen nicht an den Pranger der «sozial» genannten Medien gestellt werden. Eine Probe davon habe ich auch schon selbst abbekommen – da der Erkenntnisgewinn und die Dialogchance gleich null waren, muss ich diese Nicht-Erfahrung nicht wiederholen. Dafür ist mir meine Zeit zu schade, selbst wenn ich sie noch im Überfluss hätte.

    Das Netz vergisst nicht.

    Es vergisst nichts und alles – denn es kennt keine Erinnerung; es ist zugleich Durchlauferhitzer und Gedächtnislücke. In der Datenmenge, die es sammelt, kommt die Menschengeschichte nicht vor: Die kann ja auch nie das Neueste sein, das wir gerade auf dem Schirm haben – was nach Gestern riecht, verschwindet, es sei denn für nostalgische Effekte zu brauchen. Das Gehirn, auch das des IT-Experten, funktioniert fundamental anders als sein Gerät. Von diesem sind wieder nur neue Daten zu erwarten, kein Zusammenhang, keine Erfahrung und schon gar nicht, was man Bildung nennt – sie hat mit «Information» nichts zu tun. Wo kommt der User selbst her, wo geht er hin, what makes him tick? Darüber sagen ihm seine Programme nichts, sie fördern nicht ihn, nur bestenfalls seine Karriere.

    Ich möchte Ihnen gerne ein paar modische Begriffe vorlegen und schauen, was passiert, wenn Sie auf Ihren so wachen wie erfahrenen Geist treffen. Was halten Sie von Political Correctness?

    Davor gruselt mich noch mehr als vor grenzenloser Selbstgefälligkeit – mit der sie allerhand gemeinsam hat. Dahinter steht binäres Denken: Entweder-oder, Eins oder Null, Freund oder Feind, Wir oder Sie. So etwas hat einmal «pharisäisch» geheissen – jetzt entscheidet es darüber, ob ich dazugehöre oder nicht, ernst genommen werde oder nicht. Wer nicht korrekt ist, mit dem brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Eine junge Biologin, die die Zweigeschlechtigkeit der höheren Säugetiere nicht etwa verteidigte, sondern einfach festhielt, durfte ihren Vortrag an einer Berliner Universität nicht halten. Als die Uni daraufhin einen Shitstorm abbekam, durfte die Biologin ihn plötzlich trotzdem halten, vor vollem Haus – das sind die Kapriolen der Correctness. Nicht nur Gruppen, auch Individuen fällt nichts so schwer wie die Anerkennung von Widersprüchen, obwohl die gute Politik nicht nur mit ihnen, sondern von ihnen leben müsste. Das gilt auch für die persönliche Bildung, denn Widersprüche gefährden keine Identität, sie machen sie aus. Die grosse Kunst – etwa im altgriechischen Theater – hat mit dem Verhandeln unerträglicher Widersprüche angefangen, und dem Erlebnis ihrer Berechtigung. Heute sucht und verfolgt die Zensur der Correctness nicht nur in Meinungen, die nicht sein dürfen, sondern auch in der Sprache, in inkorrekten Wörtern, sogar in alten Brunnenfiguren oder Hausinschriften, aber auch in korrekten Statements, zu denen derjenige, der sie äussert, kein Recht haben soll, etwa, wenn er, wie ich, ein alter weisser Mann ist. Zum Glück ist mir meine Anfechtbarkeit auch ohne Nachhilfe der Korrekten bewusst.

    Das war wiederum cool und altersweise! Die Woken finden auch hierzulande immer mehr Anhänger.

    Ja, wie Evangelikale im katholischen Brasilien.

    Was halten Sie selbst von Gender Studies, die in ihrer Extremform behaupten, Geschlecht sei keine biologische, sondern einzig eine soziale Kategorie, also nichts Naturgegebenes, sondern etwas, das jeder nach eigenem Gusto wählt?

    Grossartig! Zur Lösung dieser Frage schlage ich, statt des Streits um korrekte Toiletten, einen Komödienwettbewerb vor. Prämiert wird, wer diesen Stoff am witzigsten darstellt. Die Darsteller: jemand, der sein will, was er nicht ist; jemand, der nicht sein will, was er ist; und jemand, der nichts sein will und doch ständig etwas sein muss. Und als Hauptrolle: einer, der gar nichts weiss und mit Fragen nicht aufhören will, er kann Sokrates heissen, oder auch Xanthippe. Das Ende: Bitte keinen Schierlingsbecher, sondern allgemeine Heiterkeit. Päpste und Ketzer lachen sich tot oder liegen sich in den Armen.

    Ich präsentiere den nächsten Modebegriff: Cancel Culture.

    Habe ich dazu nicht schon das Nötigste gesagt? Aber um mal krass inkorrekt zu sein, hier zitiere ich ein Wort von Karl Kraus aus dem Jahr 1933: «Zu Hitler fällt mir nichts ein.» Zu seinem Glück hat er den Anschluss Österreichs nicht mehr erlebt.

    Herr Muschg, da fällt mir ein – schreiben Sie eine Komödie über unsere gegenwärtige Verwirrung als Ihr Vermächtnis!

    Dafür müsste ich Aristophanes heissen – oder Dürrenmatt. Ich schreibe einstweilen getrost an meinem Robin weiter und erinnere mich daran, dass er auf Englisch ein Rotkehlchen wäre, und das Wort «englisch» im älteren Deutsch mit «Engeln» verbunden war. Beides würde ganz gut zu unserm gemeinsamen Aufenthalt passen. Seit im Friedhof so viele Gräber aufgehoben und überwachsen sind, beginnt er über weite Strecken einer englischen Heide zu gleichen. Viele kleine und grosse Marmorengel sind dabei heimatlos geworden. Ob sie auf unsere Gräber passen, werde ich mit Robin kaum zu diskutieren brauchen. Als Dünger für den Nachwuchs der Natur sind wir in unserer Komödie besser besetzt – und haben dabei auch kein Gesicht mehr zu verlieren. Korrekt?

    Ich danke Ihnen für dieses berührende und vergnügliche Gespräch.

    Interviewer René Scheu ist Philosoph, Blick-Kolumnist und Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.

    Schreibt Blick.

    Ein grossartiges Interview mit einem grossartigen Philosophen und Schriftsteller. Keine Frage, auch wenn es vermutlich nur die Wenigsten – zu deren Minderheit ich für einmal gehöre – vom Anfang bis zum Ende lesen. Dafür ist es einfach zu lang. Sowas funktioniert heutzutage nur noch als Podcast. Wenn überhaupt.

    Die Ansichten von Muschg über «Wokeismus»* und «Genderismus» kann man so sehen. Muss man aber nicht. Evolutionen waren noch nie der Ambivalenz und Ironie verpflichtet. Und schon gar nicht alten, weis(s)en Männern.

    Seit wir von den Bäumen heruntergestiegen sind, erlebten wir als Menschheit nichts anderes als stetige Veränderung in jeder Hinsicht. Das ist auch heute noch so und wird immer so bleiben. Ebenfalls in jeder Hinsicht. Selbst die Geschwindigkeit des «neverending wind of change» verändert sich von der behäbigen Gemächlichkeit aus der menschlichen Urzeit in eine immer rasantere Geschwindigkeit, die uns Menschen irgendwann überfordern wird.

    Wenn Sie anderer Meinung sind, erklären Sie mir bitte mit wenigen Sätzen in verständlicher Art und Weise die Relativitätstheorie von Albert Einstein auch nichts anderes als eine Evolution im Bereich der Physik. Sehen Sie! Ist gar nicht so einfach.

    «Wokeismus» und «Genderismus» sind nur zwei Kinder dieser rasenden Evolution. Muschg würde diese Entwicklung wohl kaum «Evolution» nennen. Andere tun es. Meine Wenigkeit zum Beispiel.Und vermutlich ein paar Milliarden «unweisser» Menschen auf diesem Erdball. Weil auch Evolutionen dem immerwährenden Gesetz der Evolution unterworfen sind.

    * Woke (englisch «erwacht», «wach») ist ein im afroamerikanischen Englisch in den 1930er Jahren entstandener Ausdruck, der ein «erwachtes» Bewusstsein für mangelnde soziale Gerechtigkeit und Rassismus beschreibt. Aktivistisches oder militantes Eintreten für den Schutz von Minderheiten kann damit einhergehen. Im Zuge der durch die Erschiessung des 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown 2014 ausgelösten Proteste gelangte der Begriff zu weiter Verbreitung, unter anderem in den Reihen der Black-Lives-Matter-Bewegung. In diesem Kontext entwickelt sich auch der abgeleitete Ausdruck «Stay woke» als Warnung vor Polizeiübergriffen und ganz allgemein als Aufruf, sensibler und entschlossener auf systembedingte Benachteiligung zu reagieren.

    Die Bedeutung im Duden lautet «In hohem Mass politisch wach und engagiert gegen (insbesondere rassistische, sexistische, soziale) Diskriminierung», wobei auf einen möglicherweise abwertenden Gebrauch hingewiesen wird.

    So wird der Ausdruck woke inzwischen von konservativen und rechtsextremen Gruppen als «Anti-Wokeness» politisch instrumentalisiert und – wie die Ausdrücke politische Korrektheit, Cancel Culture und Social Justice Warrior – mit negativer Konnotation und häufig sarkastisch verwendet, um Linke und ihre Ziele abzuwerten. Auf der linken Seite des politischen Spektrums wird der Ausdruck mitunter ebenfalls abwertend gebraucht, um z. B. ein aggressives, rein performatives Vorgehen zu kritisieren.Die Selbstbeschreibung als woke ist indessen rückläufig. Schreibt Wikipedia.

  • 7.8.2022 - Tag des politischen Narrenkäfigs von und zu Bern

    Editorial von SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty: Stromlücken? Erinnerungslücken!

    Die SVP geht mit der Energiepolitik hart ins Gericht. Doch wäre die Schweiz heute besser gewappnet, wäre die Energiepolitik die letzten Jahre von der SVP gestaltet worden? Die Frage lässt sich mit Nein beantworten.

    Im August 2015 forderte der damalige SVP-Präsident Toni Brunner in einem Interview, Simonetta Sommaruga solle als Asylministerin abtreten und durch den Berner SVP-Mann Adrian Amstutz ersetzt werden. Im August 2022 fordert SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger», Sommaruga solle als Energieministerin abtreten und durch SVP-Mann Ueli Maurer ersetzt werden.

    Frau Sommaruga löst bei ihren Gegnern Reflexe aus, die über die üblichen parteipolitischen Befindlichkeiten hinausgehen. Was immer die SP-Bundesrätin gerade tut oder lässt, die SVP will sie durch einen Mann aus den eigenen Reihen austauschen.

    Worin sich 2022 von 2015 unterscheidet: Anders als von Toni Brunner behauptet, versank die Schweiz vor sieben Jahren keineswegs im «Asylchaos» – die absehbare Knappheit von Strom und Gas hingegen bedeutet für unser Land effektiv eine historische Herausforderung. Der Schweiz droht im Winter eine Energiekrise, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.

    Stellt sich die Frage: Wäre die Schweiz heute besser gewappnet, wäre die Energiepolitik die letzten Jahre von der SVP gestaltet worden?

    Die Frage lässt sich einfacher beantworten, als viele vielleicht denken. Denn in Tat und Wahrheit hat die SVP die Energiepolitik in jüngster Zeit entscheidend geprägt – dafür braucht es gar keinen SVP-General im Bundeshaus. Fast die Hälfte aller Energie in der Schweiz wird für Gebäude verbraucht, insbesondere für Heizen und Warmwasser. Und die politische Verantwortung dafür liegt bei den Kantonen.

    2018 beschlossen die Parlamente von Solothurn und Bern, den – eher gemächlichen – Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen; 2019 tat der Aargauer Grosse Rat das Gleiche. Neubauten sollten künftig mit einer Solaranlage ausgerüstet sein. Statt neuer Öl- und Gasheizungen sollten Wärmepumpen oder Pelletöfen installiert werden. Natürlich ging es damals in erster Linie um den Klimaschutz – aber eben nicht nur. Wie formulierte es die grüne Aargauer Grossrätin Gertrud Häseli aus dem Fricktal während der Ratsdebatte im September 2019 so schön? «Möchtest du das Gas von Putin oder das Holz vom Landolt, Gsell oder Öschger?»

    Die SVP liess sich von solchen Reden nicht beeindrucken. In Solothurn, in Bern und im Aargau ergriff sie das Referendum gegen das kantonale Energiegesetz – und gewann die Volksabstimmungen. «Damit wird kein einziges Problem gelöst sein», argumentierte der Solothurner SVP-Nationalrat Christian Imark im Abstimmungskampf. «Dafür aber werden hohe Kosten und unnötige Aufwände verursacht.»

    Der Fairness halber sei gesagt: Die SVP stand mit ihrem Kampf dafür, dass die Schweiz weiterhin möglichst mit Öl und Gas beheizt wird, keineswegs allein. In Solothurn und Bern gab es tatkräftige Unterstützung von der FDP und vom Hauseigentümerverband. So engagierte sich in Bern selbst die als progressiv geltende freisinnige Nationalrätin Christa Markwalder für ein Nein zum kantonalen Energiegesetz, also letztlich für mehr Abhängigkeit von russischem Gas. Eben jene Christa Markwalder, die sich jetzt auf Social Media als entschiedene Gegnerin von Wladimir Putin präsentiert.

    Politik ist ein vergessliches Geschäft. Wahrscheinlich war sich SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi diese Woche gar nicht bewusst, dass er mit seiner Idee, Simonetta Sommaruga durch einen SVP-Vertreter zu ersetzen, lediglich eine alte Idee aufwärmte. Gut erinnern sollten sich aber all die Menschen im Aargau, in Bern und in Solothurn – nämlich daran, wer wirklich die Verantwortung dafür trägt, wenn sie im Winter frieren müssen. Schreibt SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty im Editorial vom SonntagsBlick.

    Unsere Politgranden*innen verwenden zur Untermauerung ihrer gestanzten Weisheiten und Plattitüden aus den Kommunikationslaboren gerne Zitate berühmter Persönlichkeiten. Das geht manchmal in die Hose. Bundesrat Ueli Maurer erlebte einen mittleren Shitstorm in den Schweizer Medien, als er in einer Rede ein angebliches Zitat von Albert Einstein zitierte, das dummerweise leider nicht vom Schöpfer der Relativitätstheorie stammte. Kann schon mal passieren. Die aufgebauschte Empörungswelle verebbte denn auch so schnell wie sie gekommen war.

    Ich erlaube mir, das von SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty in seinem Artikel umschriebene Palaver von Schweizer Politikern und Politikern, an das sich die Gesalbten heute nicht mehr erinnern, mit einer kurzen, aber echten Passage aus «Der Kaufmann von Venedig» von William Shakespeare zu zitieren.

    «Es gibt so Leute, deren Angesicht

    Sich überzieht gleich einem steh'nden Sumpf,

    Und die ein eigensinnig Schweigen halten,

    Aus Absicht sich in einen Schein zu kleiden

    Von Weisheit, Würdigkeit und tiefem Sinn.

    O mein' Antonia, ich kenne derer,

    Die man deswegen bloss für Weise hält,

    Weil sie nichts sagen: sprächen sie, sie brächten

    Die Ohren, die sie hörten, in Verdammnis,

    Weil sie die Brüder Narren schelten würden.»

    Was will uns William Shakespeare damit sagen? «Reden ist Silber, Schweigern ist Gold», will man nicht im Narrenkäfig landen.

  • 6.8.2022 - Tag der Wut-Netzwerke

    Rechtsextreme Netzwerke planen «Wutwinter» in Österreich wegen Teuerung

    Ein Demonstrant mit Galgen bei einer Veranstaltung mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Eine Landärztin, die nach anhaltenden Morddrohungen Suizid begeht. Zwei Gesundheitsminister und zwei Landeshauptleute, die bei ihren Rücktritten die feindselige Stimmung im Land ansprechen.

    Irgendetwas ist in Österreich gewaltig aus dem Ruder gelaufen.

    Und die Zeichen stehen nicht auf Entspannung: Teuerung, Energiekrise sowie die Gefahr einer neuen Corona-Mutation werden die Stimmung im Land weiter verschärfen. Rechts außen keimt schon die Hoffnung auf einen "Wutwinter", der zu bisher nie dagewesenen Demonstrationen führen soll.

    Woher stammt diese Aggression?

    Eine Antwort darauf geben die Corona-Proteste. Die erste Infektion in Österreich war noch keine zwei Monate her, als sich die maßnahmenkritische Szene bereits in Grundzügen formierte. Rasch wurde klar, dass die regierungskritischen Demonstrationen großteils von altbekannten Köpfen organisiert und mitgetragen wurden. Da gibt es Leute wie den Kärntner Ex-Politiker Martin Rutter, der früher bei BZÖ, Grünen und Team Stronach angedockt hatte. Rutter habe zwar regelmäßig antisemitische Codes bemüht, zeige aber "eher ein diffuses, nicht wirklich kohärentes rechtsextremes Weltbild", sagt der Politologe Bernhard Weidinger vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW). Gleichzeitig sah man bei den Demos aber auch Leute wie Martin Sellner von der Identitären Bewegung oder den überzeugten, mehrfach verurteilten Nationalsozialisten Gottfried Küssel samt Mitstreitern der ehemaligen "Volkstreuen außerparlamentarischen Opposition" (Vapo) und andere überzeugte langjährige Rechtsextreme. "Die haben nur darauf gewartet, dass das Wasser dieser Protestdynamik endlich auf die für sie richtigen Mühlen fließen kann", analysiert Weidinger.

    Monat für Monat wuchs die Protestbewegung, bis zum vorläufigen Höhepunkt im November 2021, als mehr als 40.000 Menschen durch Wien marschierten, um gegen die "Corona-Diktatur" zu kämpfen.

    Befanden sich unter den Demonstranten lauter Rechtsextreme? Mitnichten. Die Sektenstelle des Bundeskanzleramts beschreibt eine "aufsteigende Eskalation" in den Einstellungen der Teilnehmenden. Da gebe es zunächst jene, die aus ganz praktischen Gründen gegen die Corona-Maßnahmen protestierten: Sie empfänden Maskenpflicht oder Lockdown als Einschränkung, ohne verschwörungstheoretisch zu denken. Auf der nächsten Stufe würden Corona-Maßnahmen "intellektuell infrage gestellt" werden, also zum Beispiel größere Schäden durch Lockdown und Co als durch das Virus an sich vermutet. Positionen, die im Diskurs zumindest sachlich diskutiert werden können.

    Rechte wollen Proteste kapern

    Dann aber folgt die auf Demos oft vertretene Masse jener Menschen, die ihre Ansichten in Verschwörungstheorien einbetten: etwa dass durch die Impfung ein Chip implantiert werde, dass Bill Gates für die "Plandemie" verantwortlich sei und viele Abenteuerlichkeiten mehr. Das große Problem laut Sektenstelle: "Allfällige ohne verschwörungstheoretische Inhalte entstandene Proteste und Initiativen werden häufig sehr rasch von Akteurinnen und Akteuren sowie Strukturen mit verschwörungstheoretischer Agenda ersetzt oder verdrängt." Das hat einen Grund: Rechtsextreme sehen die Masse der Maßnahmengegner als ideale Zielgruppe für ihre demokratiefeindliche Agitation.

    Das omnipräsente Gefühl, "ohnmächtig und abgehakt ein Komparse in einem weltgeschichtlichen Prozess zu sein", trüge diese Menschen nicht: Das schreibt Martin Sellner, Frontmann und ein Stratege der rechtsextremen Identitären. In der Sezession, einer der wichtigsten neurechten Zeitschriften, hat er ein paar Tipps für seine Szene und den Umgang mit Corona-Verschwörungsmythen: "Wichtig ist, diese Theorien und ihre Vertreter nicht lächerlich zu machen. Ihr Entstehen ist absolut verständlich und entspricht einem natürlichen Empfinden ebenso wie einer unverschuldeten ideengeschichtlichen Unkenntnis."

    Rechtsextreme könnten sich "dank jahrelanger Erfahrung in politischer Organisation tätig in Protesten hervortun und dabei Qualität, Weltanschauung und Strategie einbringen", schreibt er weiter.

    Aber nicht nur ideologiegetriebene Agitatoren mischen bei den Demonstrationen mit: Auch Geschäftemacher sind in großem Stil unterwegs. Allen voran sogenannte "alternative Medien" wie das rechte Internetportal Auf1 oder der rechtsextreme Wochenblick, die während der Pandemie nicht nur ihre Zugriffszahlen vervielfachen konnten, sondern auch mit Shops ordentlich Geld verdienen.

    "Dort verkaufen sie so ziemlich alles, von dem die Menschen glauben, sie brauchen es gegen ihre Angst, die man ihnen zuvor auf derselben Seite gemacht hat", bringt es Weidinger vom DÖW auf den Punkt.

    Doch wogegen kann man in puncto Corona-Maßnahmen denn noch demonstrieren? Die Impfpflicht wurde gekippt, sogar die Quarantäne für Infizierte existiert nicht mehr. Kehrt nun also Ruhe ein?

    Das Gegenteil ist zu befürchten. Denn die Corona-Proteste waren keine Ausnahme, sondern Teil einer Entwicklung, die nicht erst 2015 in der Zeit der Fluchtkrise begann, wenn sie damals auch eskalierte. Schon 2014 rief der Gründer der rassistischen und islamophoben Pegida, Lutz Bachmann, der 2016 wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, zum ersten "Abendspaziergang" in Dresden auf. Die Pegida-Demos, zuerst auch von manchen Medien als Protest "ganz normaler Bürger" bezeichnet, waren inhaltlich bereits von rechts organisierte Massenaufmärsche, denen sich auch bis dato weniger mit Protestkulturen vertraute, aber durchaus fremdenfeindlich eingestellte Leute anschlossen.

    Im Osten Deutschlands hat die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) immer wieder "lautstarke" Erfahrungen damit gemacht. Vor allem in den Jahren nach 2015 wurde sie bei Veranstaltungen mit schrillen Tönen empfangen und ausgebuht. Merkel galt wegen ihrer zunächst liberalen Asylpolitik den damals auch nicht spontan entstandenen, sondern organisierten Protesten als "Volksverräterin". In der CDU versuchte man der Herausforderung technisch entgegenzutreten. Waren die Pfiffe besonders laut, dann drehten die Techniker einfach die Lautsprecher hoch.

    Auf Merkel hatten natürlich auch noch unzählige Personenschützer ein Auge. Auch Walter Lübcke stand zeitweise unter Polizeischutz. Der ehemalige CDU-Politiker und Regierungspräsident von Kassel setzte sich in den Jahren nach 2015 für die Aufnahme von Geflüchteten ein und trat immer wieder in Bürgerversammlungen auf.

    Rechtsextremer Mord

    Am 1. Juni 2019 wurde er auf der Terrasse seines Wohnhauses aus nächster Nähe vom Rechtsextremisten Stephan Ernst erschossen. Dieser wurde im Jänner 2021 vom Oberlandesgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte damals fest, dass H. aus einer "von Rassismus getragenen, völkisch-nationalen Grundhaltung" heraus seinen Ausländerhass auf Lübcke projiziert habe.

    Pfiffe, Geschrei, Ausbuhen – das hat in Deutschland zuletzt auch der beliebte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erlebt. "Hau ab, hau ab!", riefen einige Menschen, Habeck wurde auf Plakaten auch als "Kriegstreiber" und "Lügner" bezeichnet. Ähnliches hatte Habeck, noch als Chef der deutschen Grünen, in Chemnitz erlebt, als er dort im Landtagswahlkampf 2019 für seine Partei warb. Viele nahmen ihm damals seine Asylpolitik und sein Eintreten für ein Ende des Verbrennungsmotors übel.

    In Österreich hat die Szene nun vor allem den Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen ins Auge gefasst. In Telegram-Gruppen werden Termine seiner Wahlkampfauftritte verbreitet, um sie gezielt zu stören. Das zeigt: Die Themen sind variabel, oft sind aber die Agitatorinnen und Agitatoren konstant. Die nicht rechtskräftig zu teilbedingter Haft verurteilte Jenny Klauninger, die mit dem Zerreißen einer Regenbogenfahne bei einer Anti-Corona-Maßnahmen-Demo aufgefallen war, polterte etwa schon 2016 im steirischen Spielfeld gegen Flüchtlinge. Die Szene versucht gegen Umweltschutz genauso wie gegen LGBTQI-Rechte Stimmung zu machen.

    Doch mit den steigenden Lebenshaltungskosten dürfte im Herbst ein brisantes neues Thema hinzukommen. Eines, das viel mehr Menschen in Österreich wirklich bewegt und betrifft.

    Jedes dieser Protestthemen bringt neue Followerinnen und Follower. Besonders auf Telegram haben sich tausende Chatgruppen gebildet, deren Kern Hass und Hetze sind. Allein zwischen Dezember 2020 und April 2021 wuchs die Leserschaft radikaler Telegram-Gruppen um 471 Prozent, erläuterte das Institute for Strategic Dialogue (ISD) in einer Studie. Dafür gibt es praktische und ideologische Gründe: Einerseits stammt Telegram aus Russland und ist damit kein Teil des "US-imperialistischen Systems", das viele sogenannte Querdenker bekritteln. Andererseits kooperiert Telegram kaum mit europäischen Behörden und hat keine Schutzmechanismen gegen Hasspostings und Propaganda eingebaut – im Unterschied zu den Produkten von Meta, das nach der russischen Manipulation des US-Wahlkampfs 2016 bei Facebook, Instagram und Whatsapp Maßnahmen umsetzte.

    In den Telegram-Gruppen vernetzen sich Radikalisierte aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. Oft kann jede und jeder auf jede Chatnachricht in Gruppen mit hunderten Teilnehmern antworten; so entsteht ein ständiger Fluss an neuen Nachrichten, die emotionalisieren und weiter radikalisieren.

    Mehr als 1600 Corona-Demos

    Sind die österreichischen Behörden dafür gerüstet? Das Bundesamt für Verfassungsschutz gibt es nicht mehr, stattdessen ist nun die Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) für die Beobachtung staatsgefährdender Gruppierungen zuständig. Ihr Direktor Omar Haijawi-Pirchner warnt regelmäßig vor Rechtsextremen als größter Gefahr für die innere Sicherheit.

    Aus dem Inneren der DSN heißt es, man sei für die Aufgabe gerüstet, wenngleich es ressourcentechnisch natürlich immer Luft nach oben gebe. Mehr als 1600 Corona-Kundgebungen habe man seit Beginn der Pandemie in Österreich gezählt. In den vergangenen Wochen zeige sich, wie die Szene der Agitatoren nach neuen Themen und Narrativen suche, sagen Experten des DSN. Aber schon vorher sei klar gewesen, dass die Ablehnung der Corona-Maßnahmen nicht absolut im Fokus der Gruppierungen gestanden sei, sondern dass die heterogene Menge vor allem ihre Ablehnung des demokratischen Systems eine. Die Corona-Maßnahmen-Demos seien ein "Auffanglager" für Enttäuschte und Verzweifelte, wobei einige Mitdemonstrantinnen und Mitdemonstranten zumindest anfangs nicht erkannt haben sollen, wer hinter den Veranstaltungen stecke. Klar sei aber, dass durch die wiederholte Teilnahme an solchen Demos viele "ins radikale Milieu" abgleiten würden.

    Ebenso eindeutig sei aber auch, sagt ein hochrangiger Beamter der DSN: Die Sicherheitsbehörden können die gesamtgesellschaftliche Spaltung nicht überwinden.

    Massiver Vertrauensverlust

    Das ist eigentlich Aufgabe der Politik. Doch das Vertrauen sowohl in das politische System als auch in dessen Akteurinnen und Akteure ist mehr als angeschlagen. Das gilt vor allem für die unteren Einkommensschichten.

    Das Umfrageinstitut Sora ließ 2021 für seinen Demokratiemonitor Einstellungen dazu abfragen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Nur 18 Prozent des untersten Einkommensdrittels denken, dass Menschen wie sie "im Parlament gut vertreten" werden. In der Mittelschicht und der obersten Einkommensklasse denkt das immerhin noch die Mehrheit der Befragten.

    Aber auch dort bricht das Vertrauen weg: Meinten im Jahr 2020 noch 70 Prozent der Mittelschicht, das politische System in Österreich funktioniere sehr oder ziemlich gut, dachten das Ende 2021 nur mehr 42 Prozent. Der Zuspruch zur Demokratie als Regierungsform ist allerdings noch sehr stabil, diese wurde von fast neunzig Prozent der Befragten präferiert. Auffällig ist, dass unter den zehn Prozent, die die Demokratie ablehnten, vor allem die Kritik an Corona-Maßnahmen als wichtigstes Anliegen genannt wurde.

    Mehr Zahlen gefällig? Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie und Datenanalyse zeigte im Juni 2022, dass nur 18 Prozent der Befragten der Regierung und nur 22 Prozent der Opposition vertrauen. Groß sei die Sehnsucht nach parteipolitischen Alternativen, hieß es unter den Befragten.

    Gibt es sie also wirklich, die "gesamtgesellschaftliche Spaltung"? Realpolitisch besteht die Gefahr, dass das politische System auf den Vertrauensverlust nicht mit schlauen Lösungen für die breite Bevölkerung reagiert, sondern vor den extremen Positionen einer sehr kleinen und sehr lauten Minderheit einknickt. Deren radikale Ansichten fließen so langsam in den politischen Diskurs ein: Etwa indem die ÖVP Angst hat, Stimmen an die FPÖ oder die die Maßnahmen ablehnende und verschwörungsmythisch angehauchte MFG zu verlieren.

    Das zeigte sich etwa im oberösterreichischen Landtagswahlkampf im Sommer 2021. Hartnäckig halten sich bis heute Gerüchte, dass die türkis-grüne Bundesregierung auf Drängen von Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) den Wahltermin im September abgewartet hat, bevor sie auf die sich rasant verschlechternde pandemische Lage reagierte. Das stritt der damalige grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober zwar stets ab, doch die späte Reaktion auf steigende Zahlen führte letztlich dazu, dass im November 2021 zuerst die 2G-Regeln, dann ein allgemeiner Lockdown und schließlich die Impfpflicht beschlossen wurden. Genutzt hat das übrigens nur wenig: Die MFG konnte mit 6,2 Prozent klar die Hürde für einen Einzug in den oberösterreichischen Landtag nehmen.

    Gelbwesten in Österreich

    Ein Dorn im Auge ist die MFG auch der FPÖ, wenngleich aus anderen Gründen. Traditionell war es die FPÖ, die den "Volkszorn" kanalisieren und aufheizen konnte. Der richtete sich eben gegen "das System" und oft gegen "die Ausländer". Auch bei den Corona-Maßnahmen versuchte man, Anschluss zu finden – das gelang aber erst spät und vor allem nach Herbert Kickls Übernahme der Partei im Juni 2021. Sein Vorgänger Norbert Hofer hatte sich in puncto Corona eher moderat gezeigt und seine eigene Impfung thematisiert.

    So ganz verschmolz die FPÖ mit dem Thema aber nie, denn noch deutlicher als in anderen Bereichen wurde eine Lücke zwischen propagierten Inhalten und dem eigenen Verhalten der blauen Politikerinnen und Politiker spürbar. Viele Abgeordnete sind mehrfach geimpft, schützen sich privat vor einer Ansteckung und nahmen, sollten sie positiv getestet werden, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht das Pferdeentwurmungsmittel Ivermectin, das Kickl empfohlen hatte.

    Daher dürfte man in weiten Teilen der FPÖ geradezu erleichtert sein, dass neue Protestthemen aufgetaucht sind. Parteistrategen sollen schon von einer österreichischen Gelbwestenbewegung träumen, die im Herbst gegen hohe Sprit-, Strom- und Energiekosten auf die Straße geht. Vorbild ist die Protestbewegung in Frankreich 2018, die ausgelöst durch eine Erhöhung der Spritsteuer ein breites, heterogenes Spektrum an politischen Gruppierung versammelte – darunter auch weit rechts stehende.

    Das Mobilisierungspotenzial beim Thema Teuerung ist gewaltig, ein Protestmotiv angesichts der ökonomischen Ungleichheit auch breit nachvollziehbar.

    Alternativen anbieten

    Wie kann die Politik die Notbremse ziehen? "Man muss die sozialen Verwerfungen, die zuerst durch die Pandemie entstanden und nun durch die Inflation noch härter durchschlagen werden, abfedern", sagt Politologe Weidinger, "damit es keinen Grund gibt, auf die Straße zu gehen." Und man müsse "auf das allgemeine Gerechtigkeitsempfinden achten", warnt Weidinger, "wenn große Konzerne großzügige Hilfen bekommen und für andere nicht mehr genug da ist, ist das gefährlich".

    Das spürt man auch beim Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). Da wird gerade an einem Plan gearbeitet, wie man das Protestpotenzial nicht den rechtsextremen Gruppierungen überlassen kann. Schon am 17. September soll es zu österreichweiten Demonstrationen kommen, in denen die Kernforderungen des ÖGB verbreitet werden: also strukturelle Maßnahmen gegen die Teuerung, etwa ein Absenken der Mehrwertsteuer.

    Die Teuerung treffe zwar am stärksten arme Bevölkerungsschichten, fresse sich aber tief in die Mittelschicht, warnt der SPÖ-Politiker Wolfgang Katzian, der den überparteilichen Gewerkschaftsbund leitet, im Gespräch mit dem STANDARD. Einmalzahlungen seien nett, aber bei weitem nicht ausreichend. Die Regierung setze Maßnahmen zu zögerlich, sagt Katzian, nicht zuletzt müsse das Arbeitslosengeld dringend angehoben werden.

    Die Corona-Krise habe gezeigt, dass nicht der Markt der Hero sei, sondern der Sozialstaat. Denn "der Markt hat sich geschlichen und um Hilfen gebettelt", der Sozialstaat hingegen die Verwerfungen aufgefangen. Schreibt DER STANDARD.

    Um es vorweg zu nehmen: ein wirklich lesenswerter, gut recherchierter Artikel, den zu lesen sich wirklich lohnt. Ein Sittengemälde der Politik und deren Verstrickungen über Dekaden hinweg mit der heiligen Kuh des alles regelnden Marktes. Querbeet durch alle Parteien hinweg. Egal ob sie gerade in Regierungsverantwortung sind oder Opposition betreiben.

    Krisen, die vor allem den unteren Schichten ans Eingemachte gehen, haben schon immer die Populisten hinter dem Ofenbank hervorgelockt. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Ein Donald Trump ist nicht vom Himmel gefallen.

    Historiker sind sich einig: Selbst ein Adolf Hitler hätte mit grösster Wahrscheinlichkeit niemals die Macht in Deutschland übernehmen können ohne die wirtschaftliche Not und Massenverelendung der Menschen. Hervorgerufen 1929/30 durch den Zusammenbruch der New Yorker Börse. Die deutsche Industrieproduktion sank um 40 Prozent und sechs Millionen Arbeitslose waren die Folge. Drei Jahre später, am 30. Januar 1933, war Hitler (legal) an der Macht.

    Festzuhalten ist, dass erst die dem Börsencrash folgende Deflation (und nicht die Inflation aus dem Jahr 1923, wie oft behauptet) Hitlers Partei, die NSDAP, von einer über Jahre hinweg zwar lauten aber dennoch unbedeutenden Kleinpartei zur wirklich namhaften und stärksten Partei Deutschlands beförderte, wie der Schweizer Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann in seinem empfehlenswerten Buch «1931, die Finanzkrise und Hitlers Aufstieg»* schreibt. Alles hängt mit allem zusammen.

    Wetten, dass auch die Schweizer «Wut-Netzwerke» bereits Gewehr bei Fuss stehen? Meldungen wie «Rohstoffhändler Glencore verzehnfacht den Gewinn im ersten Halbjahr 2022» und die Aussicht der Schweizer Mieter*innen, als Folge davon bis zu drei Mal höhere Nebenkosten für die Energiekosten bezahlen zu müssen, sind Wasser auf die Mühlen der Populisten.

    Wir gehen stürmischen Zeiten mit lauten Trychel-Klängen entgegen.

    * https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1056982769

  • 5.8.2022 - Tag der dem Ende zustrebenden Wohlfühl-Oase Schweiz

    Empörung über Riesengewinne von Shell, BP und Co: «Mich stört, wenn sich Konzerne an Krisen eine goldene Nase verdienen»

    Ölmultis schreiben Rekordgewinne – wir zahlen für Benzin und Gas immer mehr. Jetzt fordert der Uno-Generalsekretär eine Sondersteuer. Auch Schweizer Politiker unterstützen das.

    Während die einen sterben, füllen sich die anderen die Taschen. Es tönt furchtbar zynisch, aber es ist wahr: Der Krieg in der Ukraine führt dazu, dass Rohstoffkonzerne Traumgewinne schreiben. So Exxon: Der US-Ölkonzern verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres einen Gewinn von 17,9 Milliarden Dollar, 13 Milliarden mehr als in der Vorjahresperiode. So BP: Der britische Ölmulti schrieb 9,3 Milliarden Dollar, dreimal mehr als vor einem Jahr.

    So auch Glencore: Der Zuger Rohstoffhändler hat im ersten Halbjahr 2022 einen Gewinn von 12,1 Milliarden Dollar gemacht – das Zehnfache des letzten Jahres. Grund dafür sind Rekordpreise für Kohle und der aussergewöhnlich gut laufende Handel mit Energieprodukten. Und so dürfen sich Glencore-Aktionäre über eine schöne Sonderdividende freuen, während Mieter und Hauseigentümer auf der ganzen Welt ein Sparpolster anlegen, um die Heizkosten zu bezahlen.

    «Mehr Geld als Gott»

    Die Kriegsgewinne stossen weltweit auf Empörung. So kritisierte US-Präsident Joe Biden (79), dass Exxon und andere Multis «mehr Geld als Gott» verdienen würden. Auch Uno-Generalsekretär António Guterres (73) bezeichnete sie am Mittwoch als «unmoralisch».

    Er fordert daher Regierungen dazu auf, diese übermässigen Krisengewinne zu besteuern und mit den Einnahmen die am stärksten gefährdeten Menschen zu unterstützen. Man solle eine klare Botschaft an die Erdölbranche und ihre Geldgeber senden, dass ihre Gier die ärmsten Menschen bestrafe und den Planeten zerstöre.

    Grüne planen Resolution

    Angesichts der Halbjahreszahlen der Ölmultis entbrennt die Diskussion über eine solche Krisengewinnsteuer, auch Windfall Tax genannt, nun auch in der Schweiz. «An der kommenden Delegiertenversammlung Ende August werden wir eine Resolution zum Thema verabschieden und fordern, dass die Schweiz eine solche Windfall Tax einführt», sagt Florian Irminger, Generalsekretär der Schweizer Grünen.

    Während der Corona-Krise seien die Pharmakonzerne Krisengewinnler gewesen, jetzt sind es die Ölmultis. «Die Kosten, die entstehen – etwa für Wirtschaftshilfen, aber auch die Aufnahme von Flüchtlingen und den Wiederaufbau der Ukraine –, trägt dann die Allgemeinheit.» Er kündigt für die Herbstsession entsprechende Vorstösse an, die möglichst breit abgestützt sein sollen. Man werde daher auch das Gespräch mit anderen Parteien suchen. «Mitte-Präsident Gerhard Pfister hat ja durchaus Interesse am Thema bekundet.»

    Auch Habeck will eine Windfall Tax

    In der Tat hat Pfister bereits im Frühsommer eine Anfrage an den Bundesrat gestellt, wie sich dieser zur Einführung einer Windfall Tax stelle. Die Landesregierung kann dem wenig überraschend nicht viel abgewinnen – und dabei will Pfister es vorläufig belassen. Es sei ihm damals mehr darum gegangen, dass der Bundesrat sich vorbereitet, falls eine Windfall Tax international Thema würde.

    Unmöglich ist das nicht, in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) werden entsprechende Ideen gewälzt. Und so sagt Irminger auch, die Grünen fühlten sich international gut abgestützt. «Der deutsche Vizekanzler Robert Habeck will eine solche Krisengewinnsteuer, andere Staaten haben sie schon eingeführt.»

    So werden in Grossbritannien alle aussergewöhnlichen Profite der Öl- und Gaskonzerne neu mit 25 Prozent besteuert. Im Verlauf des nächsten Jahres versprechen sich die Briten umgerechnet 5,8 Milliarden Franken zusätzliche Einnahmen. Auch Italien besteuert solche Zufallsgewinne bereits mit 25 Prozent.

    Unterstützung aus der FDP

    Eine Mitstreiterin könnten die Grünen eventuell auch in Anna Giacometti (60) finden. Die FDP-Nationalrätin aus Graubünden hatte im Frühling ebenfalls gefragt, ob der Bundesrat eine Möglichkeit sehe, die ausserordentlichen Gewinne der multinationalen Unternehmen zu besteuern, um die Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz zu entlasten. Doch auch sie wurde enttäuscht.

    Aufgeben will sie nicht. Die Antwort des Bundesrats habe sie nicht zufriedengestellt. «Und sie ist auch widersprüchlich: Einerseits sagt er, dass die Abgrenzung von Gewinn und Übergewinn nicht möglich ist. Zwei Zeilen später heisst es, dass Übergewinne bereits besteuert würden.» Das gehe nicht auf.

    Und so will Giacometti in der Herbstsession ebenfalls nochmals nachstupfen. «Mich stört, wenn sich Konzerne an Krisen eine goldene Nase verdienen, während etwa die Bevölkerung die Kosten zu tragen hat – wie momentan beim Benzin. Das ist einfach nicht korrekt», sagt sie. Sie werde die Frage der Windfall Tax in der Herbstsession mit der FDP-Fraktion besprechen. «Wenn es eine smarte und faire Lösung gibt, sollte man diese prüfen.» Schreibt Blick.

    So leid es mir tut: Das ist eine reine Geister-Diskussion, die übrigens auch in anderen europäischen Staaten wie Deutschland geführt wird. Nur der schlaue Signore Dragi aus Italien hat für seinen Staat erfolgreich eine Möglichkeit gefunden, die Energie-Imperien Italiens zur Kasse zu bitten. Ist in seinem Fall aber auch nicht so schwierig, weil der italienische Staat grosse Beteiligungen am Kapital der italienischen Energie-Konzerne hält. Ähnlich verhält es sich mit der englischen «Übergewinn-Steuer», die allerdings noch nicht in trockenen Tüchern ist. Da sind noch einige Gerichtsbeschlüsse hängig. So viel Wahrheit sollte schon sein.

    Dass nun sogar eine Tante aus der abartig neoliberalen FDP Schweiz beinahe sozial-kommunistische Pläne hegt, könnte mit der berühmten Redewendung «Eine einzelne Schwalbe macht noch keinen Sommer» umschrieben werden. Denn dass sich die FDP-Dame auf die exorbitanten Benzinpreise an den Tankstellen bezieht, zeigt eindeutig wessen Geistes Kind Pate ihrer Empörung ist. Die Tankstellenpreise treffen logischerweise auch ihre eigene Klientel. Die von den FDP-Mogulen bevorzugten SUV-Fahrzeuge der Marken Audi, Mercedes und Porsche sind als Benzinschlucker bekannt. Und Mann/Frau will ja schliesslich bei den eidgenössischen Wahlen im kommenden Jahr auch im Kanton Graubünden wieder gewählt werden.

    Dass sich aber ausgerechnet Neoliberale wie diese Frau Nationalrätin von der FDP dem Thema widmen, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Sind es doch ausgerechnet die «Bürgerlichen», die unser Land im Gleichklang mit den anderen Schweizer Parteien – eine Krähe hackt nun mal der andern Krähe kein Auge aus – mit ihrer willfährigen Konzern- und Deregulierungspolitik über Jahrzehnte hinweg in diesen Schlamassel geritten haben, in dem wir nun gelandet sind.

    Nicht der extrem hohe Benzinpreis birgt den grössten Sprengstoff für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Aufs Auto verzichtet sowieso niemand, egal wie hoch die Benzinpreise nun mal sind. Das zeigt allein schon die verlogene Diskussion um den Klimawandel.

    Eine ganz andere Hausnummer im wahrsten Sinne des Wortes stellen jedoch die ins Uferlose gestiegenen Energiepreise für viele Mieterinnen und Mieter dar. Nebenkosten für Gas, Öl und Strom, die sich verdreifachen, könnten an den Wahlurnen im Jahr 2023 ein Beben verursachen. Die SVP mit ihrem Wurmfortsatz der Trychler und sonstigen Wahnwitzigen aus der Esoterik-Abteilung wetzt nicht umsonst bereits die Klingen. Der von der Zuger SVP-Lachnummer und Nationalrat Thomas Aeschi beantragte «Energie-Sondergipfel» ist ein erster Vorbote.

    Ändern dürfte sich für die Schweizer Bevölkerung ausser der Sitzverteilung im Hohen Haus von und zu Bern auch nach den Wahlen 2023 kaum etwas. Dafür sorgen die inzwischen längst aus der Wohlfühl-Oase früherer Dekaden gefallene Konkordanz und die sprichwörtlich niedrige Wahlbeteiligung.

    In Anlehnung an Goethes «Zauberlehrling» werden wir die politischen Geister, die wir wählten, so schnell nicht wieder los. Da braucht es mehr als nur Wahlen. Spannende Zeiten bahnen sich an. Zündstoff ist genug vorhanden. Aber noch brennt die Lunte nicht ...

  • 4.8.2022 - Tag der Inflation

    Trinkwasser in der Schweiz: Preis für Wasser könnte in Zukunft steigen

    Ein Anreiz, den Wasserverbrauch zu reduzieren, geht über das Portemonnaie mit einer Erhöhung der Tarife im Sommer.

    Das Trinkwasser in der Schweiz ist im Allgemeinen von guter Qualität und wird ständig überwacht. Hingegen ist die begrenzte verfügbare Menge an Wasser während heissen und trockenen Sommermonaten immer wieder ein Thema. Vielerorts werden dieser Tage Privathaushalte angehalten, Wasser zu sparen. Ein möglicher Anreiz, den Verbrauch zu reduzieren, geht über das Portemonnaie mit einer Erhöhung der Wassertarife im Sommer.

    Eine der wenigen Gemeinden in der Schweiz, wo es keine Wasserzähler in Privathaushalten gibt, ist Würenlingen im Kanton Aargau. Die Gemeinde liegt unweit des Wasserschlosses der Schweiz bei Brugg, wo die drei Flüsse Aare, Reuss und Limmat zusammenfliessen. Sie entwässern gemeinsam 40 Prozent der Gesamtfläche der Schweiz.

    «Es ist aber nicht so, dass wir nichts bezahlen», sagt Patrick Zimmermann, Gemeindeammann von Würenlingen. Der Wasserverbrauch werde pauschal abgerechnet, wie das in der Gemeindeverordnung geregelt sei. Dabei werde an die Eigenverantwortung appelliert, sparsam mit Wasser umzugehen. Politischen Vorstösse, dies zu ändern, sind bislang an der Urne alle gescheitert.

    Saisonale Preiserhöhungen denkbar

    Aber Wasser wird immer mehr zu einem wertvollen Gut. Den Wasserverbrauch zu senken, wird in Zukunft nötig sein. Beim Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) geht man davon aus, dass durch die Wasserknappheit die Preise in Zukunft steigen werden. Eine saisonale Lösung wäre darum grundsätzlich denkbar.

    «Wenn Wasser generell knapper werden sollte, werden auch die Preise steigen. Dies, weil der grösste Teil der Kosten für die Infrastruktur und die Betriebskosten bei der Wasserversorgung anfallen», sagt Christoph Niederberger, Direktor des SGV. Das Wasser selber mache eigentlich nur einen kleinen Teil der Kosten aus. Die Fixkosten aber bleiben und das müsse dann natürlich auf das wenige Wasser aufgeschlagen werden.

    Konflikte um die Nutzung von Wasser werden in Zukunft zunehmen, ist Christoph Hugi überzeugt. Der Spezialist für nachhaltiges Ressourcenmanagement und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz hat schon vergangenen Woche ein neues Berechnungssystem vorgeschlagen.

    «Man könnte darüber diskutieren, dass im Sommer, wenn Knappheit herrscht, der Preis steigt, abgestuft nach den entsprechenden Nutzungen, wo das Wasser verwendet wird.» Möchte also der Besitzer eines Schwimmbads seinen Pool füllen, müsste er tiefer in die Tasche greifen als ein Landwirt, der das Wasser für seiner Felder braucht.

    Preisüberwacher zeigt sich offen

    Für Preisüberwacher Stefan Meierhans sind saisonale Preiserhöhungen eine Möglichkeit, den Konsum zu lenken. Zuerst solle man aber auf Verbote setzen, etwa bei privaten Pools oder der Autowäsche. «Wenn es dann wirklich nötig sein sollte, auf ein differenziertes Tarifsystem einzusteigen, dann ist für mich zentral, was nachher mit dem zusätzlichen Geld passiert, das eingenommen wird.»

    Beim Wasser, das alle brauchten, dürfe nicht jemanden sozusagen als Wasserbaron einen grossen Gewinn machen. «Das muss man auf jeden Fall verhindern und darum schaue ich auch hin», erklärt Preisüberwacher Meierhans.

    Die Trockenheit und der Wassermangel beschäftigen viele Schweizer Gemeinden bereits heute. Die Diskussionen um einen verursachergerechten Wasserpreis dürften weiter zunehmen. Schreibt SRF.

    In Zeiten einer grassierenden Inflation, die noch längst nicht überwunden ist, steigen logischerweise so ziemlich alle Preise. Balsam für unsere gequälten Portemonnaies wären eher Artikel über Produkte, deren Preise sinken. Die gibt es nämlich auch. Wie derzeit zum Beispiel das Heizöl. Aber leider bringen positive Nachrichten halt kaum Klicks. Such is Life. Zumindest bei den Medien.

    Und wenn alle Stricke reissen, kann man immer noch den Konjunktiv benutzen.

  • 3.8.2022 - Tag des Qualitätsjournalismus

    Stimmbürger von Kansas wollen Recht auf Abtreibung beibehalten

    Die Mehrheit der Stimmberechtigten im US-Bundesstaat Kansas hat es abgelehnt, einen Zusatzartikel in der Verfassung zu verankern, der die Entscheidung über das Abtreibungsrecht dem Gesetzgeber überlässt. Bisher sind Schwangerschaftsabbrüche in Kansas bis zur 22. Woche erlaubt. Kansas gilt deshalb für Frauen aus nahen Bundesstaaten wie Missouri, Oklahoma oder Texas eine Art Zufluchtsort. Dort ist Abtreibung mittlerweile bis auf wenige Ausnahmen verboten. Es ist die erste solche Abstimmung, seit das Oberste Gericht der USA im Juni das bis dahin verfassungsmässig geschützte Recht auf Abtreibung in den Vereinigten Staaten gekippt hat.

    Der US-Bundesstaat Kansas hat knapp zwei Millionen Einwohner, liegt in der Mitte der USA und gilt als stramm konservativ. Ausgerechnet dort will eine Mehrheit der Stimmberechtigten ein Recht auf Abtreibung nicht aus der Verfassung kippen. «Landesweit und selbst in einigen konservativen Bundesstaaten gibt es keine Mehrheit und keinen Enthusiasmus für ein Abtreibungsverbot», sagt Bob Beatty, Politologieprofessor an der Washburn University in Kansas.

    Das Verfassungsreferendum war schon länger angesetzt. Die republikanische Mehrheit im Parlament von Kansas wollte damit wohl den Weg für eine Einschränkung oder ein Verbot von Abtreibungen freimachen. Das hat sie nicht erreicht.

    Mehrheitsmeinung ist nicht die des Supreme Courts

    Am 24. Juni kippte das Oberste Gericht in Washington das landesweite Recht auf Abtreibung. Das habe das Nein-Lager, also die Abtreibungsbefürworter in Kansas, mobilisiert. «Zuerst schien das Nein Lager weit unterlegen. Plötzlich hatte es gleich viele Spenden und Geld zur Verfügung wie das Jahr Lager. So einiges von diesem Geld kam wohl von ausserhalb von Kansas», so der Professor.

    Dass selbst ein Bundesstaat wie Kansas nicht ein Recht auf Abtreibung aus der Verfassung streichen will, verstärkt ein Argument jener, die ein Recht auf Abtreibung befürworten. Der Oberste Gerichtshof in Washington habe entgegen der Mehrheitsmeinung entschieden, als er vor gut fünf Wochen das landesweite Recht auf Abtreibung kippte. Schreibt SRF.

    Erinnern Sie sich noch an die atemlose Berichterstattung über den Entscheid des Obersten Gerichts der USA bezüglich Abtreibung im Juni 2022? Für viele Journalisten*innen war dies nicht nur mit dem Untergang der USA sondern gar mit dem Untergang des Abendlandes gleichzusetzen. Nicht selten wurde auch der unheilvolle Einfluss von Donald Trump und der Republikanischen Partei auf das Oberste Gericht der USA geltend gemacht, was in gewissen Bereichen tatsächlich zutrifft. Nicht aber auf den Entscheid betreffend Abtreibung.

    Denn vor lauter Alarmismus wurde eine Tatsache in der Berichterstattung meistens negiert: Die Richterinnen und Richter des Obersten Gerichts der USA urteilten getreu der amerikanischen Verfassung. Ob die nun noch zeitgemäss ist oder nicht ist eine andere Frage. Das Oberste Gericht erklärte nicht die Abtreibung per se als verboten, sondern stellte lediglich fest, dass für das Gesetz über die Abtreibung nicht die US-Regierung zuständig ist sondern die amerikanischen Bundesstaaten. Gelebter Föderalismus zwischen Kantonen und Bund nennen wir dies in der Schweiz, worauf wir zu Recht Stolz sind. Und nichts anderes passiert jetzt in Kansas.

    Nur zur Erinnerung: Eine Abstimmung mit Verfassungscharakter ist in der Schweiz auch nur gültig bei einem Ständemehr.

    So viel zum Qualitätsjournalismus in Zeiten des Klimawandels...

  • 2.8.2022 - Tag des investigativen Sommerloch-Journalismus

    Erstes Foto mit Nachwuchs: «Kasachstan»-Christa Markwalder zeigt ihr Baby

    Knapp vier Monate ist er alt – der Sohn von FDP-Nationalrätin Christa Markwalder und Regierungsratskandidat Peter Grünenfelder. Nun präsentierten die stolzen Eltern ihren Nachwuchs erstmals der grossen Öffentlichkeit.

    Bekannt gegeben hat sie den Nachwuchs am Sechseläuten, am Nationalfeiertag zeigt sich FDP-Nationalrätin Christa Markwalder (47) erstmals mit ihrem kleinen Sohn Michel Luca. «Unser erster 1. August zu dritt mit dem stolzen Papa als Festredner in der Stadt Uster und einer wunderschönen Feier», twitterte die Berner Politikerin am Montag.

    Auf die Welt gekommen ist Michel Luca Anfang April – und wie man auf dem Bild sieht, ist er mit rund vier Monaten schon recht interessiert am politischen Geschehen, jedenfalls wenn es auf einer Festbank stattfindet.

    Papa will in die Regierung

    Der «stolze Papa» von Michel Luca ist kein Unbekannter. Peter Grünenfelder (54) ist Direktor der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse und kandidiert im kommenden Jahr für die FDP bei den Zürcher Regierungswahlen. Da ist es sicher gut, den kleinen Wonneproppen frühzeitig mit Polit-Anlässen vertraut zu machen.

    Grünenfelder und Markwalder haben Ende Februar geheiratet. Erstmals gefunkt habe es zwischen den beiden Freisinnigen bei einem Konzert der Band Züri West. Es ist für beide die zweite Ehe. Markwalder war mit dem Arzt Walter Bär verheiratet, Grünenfelder mit der heutigen FDP-Nationalrätin Regine Sauter (56). Schreibt Blick.

    Falls auch Sie zur Schweizer Cervelat-Prominenz gehören und einer gewissen Mediengeilheit nicht abgeneigt sind, sollten Sie stets das berühmt berüchtigte mediale Sommerloch für Ihre Zwecke nutzen.

    Egal ob Geburt eines Kindes oder gar Ihr eigener Tod: Inszenieren Sie Ihre persönlichen Ereignisse stets im Sommer. So können Sie absolut sicher sein, dass Sie querbeet durch alle Medien Beachtung finden. Meistens sogar auf der Frontseite. Oder auf der Startseite bei den digitalen Portalen. Und dies nicht selten sogar über Tage hinweg.

    Sollten Sie gar ein politisches Amt anstreben wie das beim Ehemann von Frau Markwalder der Fall ist, gilt es eine Regel zu beachten. Der ehemalige Bilder-Chef vom SonntagsBlick (inzwischen verstorben) erklärte vor vielen Jahren, welche Bildmotive beim Publikum wirklich Beachtung erzielen: «Kinder, Tiere, Titten. Über die Reihenfolge bezüglich Quote bin ich mir allerdings nicht ganz im Klaren.»

    Was Blick in seiner atemlosen und investigativen Berichterstattung jedoch schmählich vernachlässigt ist die Frage nach dem Paten von Frau Markwalders Nachwuchs. Stammt der Götti oder die Gotte gar aus Kasachstan? Könnte ja bei «Kasachstan»-Christa durchaus möglich sein.

  • 1.8.2022 - Tag der Politischen schweizer Eliten aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten

    Die weise Voraussicht von Bundespräsident Willi Ritschard in seiner Rede zum Nationalfeiertag am 1. August 1978 - «Es gilt das gesprochene Wort»

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

    Man kann Geburtstage auf sehr unterschiedliche Weise feiern. Auch den 1. August, den Geburtstag unseres Landes. Bei nationalen Gedenkanlässen sind wir Schweizer immer ein wenig verklemmt. Wir wissen nie recht, ob es eine Feier ist oder ein Fest. Und darum wissen wir auch nie, was für ein Gesicht wir nun eigentlich dazu machen sollen. Für mich ist der 1. August ein Fest. Ich halte unsere Eidgenossenschaft immer wieder für eine freudige Erscheinung. Und ich freue mich auch über die Tradition, dass der 1. August bei uns vor allem ein Fest der Kinder ist. So ist für manchen von uns dieser Tag eine Erinnerung an eine schöne und glückliche Kindheit.

    Wir denken mehr daran als an den Rütlischwur von 1291. Ich halte das für etwas Gutes. Denn Heimat hat nicht einfach nur mit Geschichte, mit Grenzen oder mit einem politischen System zu tun. Heimat ist etwas Persönliches. Es ist die Gewissheit, zu jemandem zu gehören. Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Einer Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann, die einem schätzt und die keinen fallen lässt. Es ist das Gefühl, verstanden zu werden. Die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber dem einzelnen kommt in der Sozialgesetzgebung des Staates zum Ausdruck. Indem wir gemeinsam unseren alten und invaliden, oder auch sonst bedrängten Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine gesicherte Zukunft garantieren, verteilen wir auch Freiheit. Freiheit kann sich nur in der Sicherheit entfalten. Sich sicher fühlen, in der Gemeinschaft geborgen zu sein, das ist auch das warme Gefühl, dass man eine Heimat hat.

    Nicht politische und geographische Grenzen also machen die Heimat aus. Wir müssen uns bemühen, innerhalb von diesen Grenzen möglichst viel Heimat zu verwirklichen. Unser Land hat schlechtere Zeiten erlebt als heute. Die sogenannte «gute alte Zeit» war nicht für alle gut. Sie ist auch einmal die schlechte, neue gewesen. Aber unsere Welt ist komplizierter geworden.

    Wir haben zwar alle von den raschen technischen Entwicklungen profitiert und geniessen die Früchte davon. Wir müssen nicht bei Petrollicht fernsehen. Aber gelegentlich scheint es doch, dass wir die Mahnung des Heiligen Niklaus von der Flühe «machet den Zuun nicht zu wyt» nur gerade auf die Geographie bezogen haben. Wir sind ein kleines Land geblieben. Aber wirtschaftlich haben wir die Grenzen des Kleinstaates gesprengt.

    Ich will das nicht beklagen. Aber wir müssen wissen, dass unsere weltweiten, wirtschaftlichen Verflechtungen auch ihre Kehrseite haben. Einmal sind wir für viele mitverantwortlich geworden, was in den Ländern geschieht, mit denen wir Handel treiben, Bankgeschäfte abschliessen und an denen wir Geld verdienen. Und wir können uns dieser Verantwortung nicht entziehen.

    Dann unterliegen unsere politischen Entscheide mehr und mehr Sachzwängen, die uns von aussen aufgedrängt werden. Und das Gefühl, nicht mehr überall selber zu bestimmen, sondern zu Entscheidungen durch andere, anonyme Kräfte gezwungen zu sein, führt dann manchen in die Resignation. Er interessiert sich so nicht mehr für den Staat und die Politik. Er denkt, das habe doch keinen Wert. Resignation ist aber ein Zurückfallen in die Angst. Und Angst ist immer ein Schritt in die Unfreiheit. Wir sind ein demokratischer Staat. Wir haben die Freiheit und die Möglichkeit, gemeinsam unsere Politik zu bestimmen. Aber Freiheiten, die man nicht benützt, die verschwinden mit der Zeit. Von Freiheit kann man nicht nur reden. Man muss sie auch leben und ausfüllen. Aber ich muss es in der letzten Zeit immer wieder sagen und schreiben:

    In der Demokratie bestimmt die Mehrheit. Es ist nicht schwer, ein Demokrat zu sein, solange man zur Mehrheit gehört. Demokratische Gesinnung muss man beweisen, wenn man in die Minderheit versetzt worden ist. Diese demokratische Grundregel anerkennen nur solche Leute nicht, für die Freiheit immer nur ihre Freiheit ist.

    Wir haben dieses Jahr den 150. Geburtstag von Henri Dunant gefeiert. Er hat nicht allein das Rote Kreuz gegründet. Er hat unserem Land auch weltweit zum Ruf verholfen, ein humanitäres Land zu sein, das den Menschen helfen will. Ich habe gesagt, dass wir auch mitverantwortlich geworden sind für diese Welt. Und in dieser Welt gibt es noch viel Armut. Armut aber ist eine sehr harte Form von Unfreiheit. Das darf uns nicht unbeteiligt lassen. Friede kann nur sein, wo auch Gerechtigkeit ist. Soziale Gerechtigkeit. Die besteht aber nicht. Die Güter auf der Welt sind ungleich verteilt. Es gibt Armut. Und zwar unverschuldete Armut. Es ist unsere Pflicht zu helfen. Aber das kann man nicht nur mit Worten tun. Gerechtigkeit kostet etwas. Der Friede ist nicht gratis. Sind wir aber auch heute noch alle bereit, beweiskräftig zu zeigen, dass wir den Frieden wollen und für den Frieden einstehen? Ich weiss sehr gut, dass wir in unserem Lande selber auch noch viele Probleme haben. Wir sollen und müssen uns anstrengen, sie zu bewältigen. Aber wir können unsere Probleme nie nur für uns selber und ohne Rücksicht auf andere lösen. Das wäre unschweizerisch. Wir wollen ja ein solidarisches, ein humanitäres Land sein. Das Land Henri Dunants und des Roten Kreuzes.

    Jeder Schweizer soll auf sein Land stolz sein dürfen. Nationalstolz gehört auch zum Heimatgefühl. Aber wer nur an sich selber denkt, hat keinen Grund, stolz zu sein. Dem glaubt seinen Stolz keiner rnehr. Zur Freiheit gehört auch die Selbstverwirklichung. Die Möglichkeit, sich oder seinen Staat zu verändern. Am 24. September dieses Jahres wird es um unsere Fähigkeit gehen, die Jurafrage würdig und eidgenössisch zu lösen. Die Gründung dieses neuen Kantons ist ein freudiges Ereignis für unser Land. Sie beweist, dass unsere Demokratie lebt. Nur was sich wandeln kann, lebt.

    Jeder von uns sollte den Groll über Unschönes, das im Jura auch passiert ist, vergessen. Das Ja zum neuen Kanton ist die einzig mögliche Antwort an ein paar Hitzköpfe. Sie bekommen mit einem Ja nicht Recht, wie mancher vielleicht glauben möchte. Sie werden im Gegenteil endgültig ins Unrecht versetzt. Denn dieser neue Kanton ist nach rechtsstaatlichen Grundsätzen gebildet worden. Und er wird ein Staat sein, der mit unvernünftigen und gewalttätigen Elementen fertig werden muss und fertig werden wird. Eine Region bittet das Schweizervolk am 24. September um das Recht, ein eigener Kanton zu werden. Wir wollen zeigen, dass wir als Demokraten zu handeln verstehen. Demokraten nehmen auf Minderheiten Rücksicht. Sie lösen ihre Konflikte friedlich und vernünftig. Ich bitte Euch alle um ein freudiges Ja zum neuen Kanton.

    Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

    Der 1. August ist für uns alle mit Bedeutung beladen. Wir hätten über Vieles nachzudenken. Aber richtig ist auch, dass wir aus diesem Tag einen festlichen Tag machen. Dazu gehört die Freude, die uns zusammenführt und die uns zeigt, dass wir zusammengehören.

    Ich wünsche Euch und unserem Land eine schöne Bundesfeier.

    Quelle: Rede Ritschard – Bundesrat / Ansprachen zum Nationalfeiertag

    Kürzlich veröffentlichte SRF einen Artikel über den Schweizer Ozeanograf Jacques Piccard, der schon vor 50 Jahren vor den Klimawandel-Folgen warnte, als kaum jemand auf unserem Erdball von Klimawandel sprach. Piccard war ein intelligenter Mann und Visionär. Doch leider wurde seine Message mehr oder weniger von niemandem wahrgenommen. Ebenso erging es dem legendären Schweizer Bundesrat Willi Ritschard.

    Willi Ritschard, geboren am 28. September 1918 in Deitingen auf dem Grenchenberg, war ein Schweizer Politiker (SP) aus dem Kanton Solothurn. Als Bundesrat war er zuerst Verkehrs-, dann Finanzminister und bekleidete einmal das Amt des Bundespräsidenten. Er starb am 16. Oktober 1983, 13 Tage nach seiner Rücktrittserklärung, im Amt.

    In seiner Rede «Es gilt das gesprochene Wort» zum Schweizer Nationalfeiertag am 1. August 1978 sprach er bemerkenswert offene Worte aus damaliger Sicht über gewisse Herausforderungen, die von der Schweiz in Zukunft zu bewältigen seien.

    «Wir sind ein kleines Land geblieben. Aber wirtschaftlich haben wir die Grenzen des Kleinstaates gesprengt. Ich will das nicht beklagen. Aber wir müssen wissen, dass unsere weltweiten, wirtschaftlichen Verflechtungen auch ihre Kehrseite haben. Einmal sind wir für viele mitverantwortlich geworden, was in den Ländern geschieht, mit denen wir Handel treiben, Bankgeschäfte abschliessen und an denen wir Geld verdienen. Und wir können uns dieser Verantwortung nicht entziehen.»

    Ritschard sah die Gefahren des globalisierten Neoliberalismus und die Folgen einer mit rasender Geschwindigkeit gedankenlos deregulierten Wirtschaft voraus. Er warnte vor den Verwerfungen, die uns nun im Jahr 2022 mit voller Wucht treffen. Doch leider erging es ihm wie Piccard: Seine mahnenden Worte gingen in der Glückseligkeit des immerwährenden Wachstums unter.

    Vergleicht man die Rede Ritschards aus dem Jahr 1978 mit den Plattitüden der 1. August-Reden unserer Bundesräte aus dem Jahr 2022, stellt man mit Erschrecken die Abgehobenheit unserer politischen Eliten aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten fest.

    So mokiert sich Bundesrat Alain Berset, dass in den Sozialen Medien Dauerempörung, haltlose Polemik und Wut auf Personen, die in der Öffentlichkeit stünden, vorherrschten. Raum für Annäherung, für Dialog und Kompromisse fehle. Dass er selber zu diesen Zuständen einen wesentlichen Anteil beisteuert, ist ihm in seiner Besoffenheit über die eigene Wichtigkeit nicht bewusst.

  • 31.7.2022 - Tag des Wiederholungstäters Alain Berset

    Unglaublicher Skandal: Bundesrat Alain «Berserker» Berset hat's schon wieder getan

    Bundesrat Berset besucht heute, am 31.7.2022, die Stadt Luzern, um eine vorgezogene Festtagsrede zum 1. August in der Stadt der allergrössten Leuchten des Universums zu halten. Inklusive «Netzwerken» mit den anwesenden Wirtschaftsvertretern, Militärpiloten und Sponsoren, wie von OK-Präsidentin Schmid Meyer gewünscht.

    Sein von ihm pilotiertes Flugzeug ist bereits heute morgen früh in Luzern gelandet. Bundesrat Berset wurde von der Schweizer Luftwaffe zur Landung beim Verkehrshaus der Schweiz gezwungen (siehe Bild), nachdem sein Jet unerlaubt militärisches Sperrgebiet (LIDO) überflogen hatte und unser aller Alain auf die Funknachricht von Skyguide «Attention, Hotel-Bravo-Tango-Oscar-Romeo, do you receive me?» nicht reagierte.

    Irgendwie ist das Verhalten von Bundesrat Berset auch verständlich. Man spricht einen französisch sprechenden Magistraten ja auch nicht in Englisch an.

    Dass er beim Überfliegen des Luzerner Lidos aus dem Flugzeug Fotos von leichtgeschürzten Sonnenanbeterinnen gemacht haben soll, ist allerdings eine üble Fake-News, von der sich der Artillerie-Verein Zofingen wie auch der Kolumnist in aller Form distanzieren.

    Die Bundesanwaltschaft wurde vom Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) bereits eingeschaltet und wird den niederträchtigen Verdächtigungen nachgehen.

    Bundesrat Alain «Berserker» Berset in Luzern
  • 30.7.2022 - Tag der 1. August-Feier in Luzern ohne Beat Züsli

    Bundesfeier Luzern: Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli (SP) glänzt erneut mit Abwesenheit

    Zum vierten Mal führt der Verein «31/07» die Bundesfeier vor dem KKL durch. Und bereits zum vierten Mal ist der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli (SP) abwesend. Schade, meint das OK – und äussert eine Vermutung.

    Zu sagen, die Stadt Luzern habe eine grosse 1.-August-Tradition, wäre übertrieben. Die letzte offizielle Bundesfeier fand 1976 statt. Danach knallten die Korken zum Nationalfeiertag der Schweiz nur noch einmal, und zwar 1991. Seither feiern die Luzerner Quartiere vereinzelt und in kleinem Rahmen.

    Das änderte sich 2017. In diesem Jahr richtete der neu gegründete Verein «31/07» zum ersten Mal eine Bundesfeier auf dem Europaplatz aus. 2000 Gäste erwartete der Verein, dem Mitte-Ständerätin Andrea Gmür vorsteht. Die Festrednerin: Bundespräsidentin Doris Leuthard (CVP).

    Auch in den Folgejahren wartete der inoffizielle Anlass, der im Dunstkreis der CVP aus der Taufe gehoben wurde, mit viel Prominenz auf. Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP) und Bundeskanzler Walter Thurnherr gaben sich die Ehre. Viola Amherd (Mitte, ehemals CVP) hätte 2020 sprechen sollen, die Pandemie machte der Feier allerdings einen Strich durch die Rechnung.

    Fernbleiben des Stapi sorgt für Kritik beim Verein «31/07»

    Jetzt, nach zwei Jahren Pause, lädt der Verein wiederum vors KKL ein. Mit dabei: Bundesrat Alain Berset (SP), der am 31. Juli vor dem KKL spricht. Mit Abwesenheit glänzt hingegen der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli (SP). An seiner Stelle nimmt Stadträtin Franziska Bitzi (Mitte) an der Bundesfeier teil.

    Dass der Stadtpräsident und Parteigenosse von Berset dem Anlass bereits zum vierten Mal fernbleibt, bedauern die Organisatoren. Für Diel Schmid Meyer, Vizepräsidentin des Vereins, ist klar: «Die links-grüne Stadt will den Geburtstag der Schweiz nicht feiern, scheint es», sagt sie.

    Und weiter: «Geht es um Beziehungspflege, brilliert der Stadtrat nicht wahnsinnig. Er lässt bewusst eine Gelegenheit verstreichen, um sich in Szene zu setzen und mit Bundesrat Berset und den beteiligten Firmen und Sponsoren am Anlass zu netzwerken», so Schmid Meyer.

    Stadtrat soll an der Bundesfeier in Luzern präsenter sein

    Die Vizepräsidentin hebt aber auch hervor, dass Stadträtin Bitzi einen «tollen Job» vor Ort mache und dass die Stadt 1500 Franken an den Apéro gesponsert habe. Nur: «Für eine schwarze Null benötigen wir 60'000 Franken. Rondellen wollen wir aber keine verkaufen. Wir würden uns deshalb wünschen, dass sich die Stadt finanziell stärker an der Bundesfeier beteiligt und der Stadtrat präsenter ist», sagt Schmid Meyer.

    Bereits 2017 betonte Andrea Gmür gegenüber zentralplus, dass das Parteibuch für die Feier keine Rolle spiele. Dies, obschon viele Initianten des Vereins einen CVP-Hintergrund aufwiesen. Und auch OK-Präsidentin Schmid Meyer sagt: «Die 1.-August-Feier ist mit Vertretern des KKL, von Luzern Tourismus und der Schifffahrtsgesellschaft Luzern breit abgestützt.» Sie verstehe deshalb nicht, weshalb der Stadtpräsident dem Anlass regelmässig fernbleibe.

    Bereits 2010 winkte der Stadtrat ab

    Sowohl Beat Züsli als auch Franziska Bitzi waren aufgrund der Sommerferien für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Kommunikationsleiter Simon Rimle betont auf Nachfrage von zentralplus aber, dass Stadträtin Bitzi auch dieses Jahr an der Feier teilnehme und ein Grusswort an die Bevölkerung richte.

    Rimle weist zudem darauf hin, dass es sich bei der Bundesfeier vor dem KKL nicht um einen offiziellen Anlass der Stadt Luzern handle. «Die Stadt will vorläufig keine eigene 1.-August-Feier organisieren», so Rimle.

    Dass Stadtrat und Parlament einer offiziellen Bundesfeier in Luzern nicht erst seit gestern kritisch gegenüberstehen, zeigt ein Blick zurück ins Jahr 2010. Damals forderte die SVP-Fraktion den Stadtrat auf, eine offizielle Feier zu prüfen. Doch dieser winkte ab. Es bestehe kein Interesse seitens der Quartiervereine an einer grossen Feier, zudem müsse sich die Stadt mit einem Sparkpaket herumschlagen.

    Dies sahen die Mitglieder des Grossen Stadtrats ähnlich. Sie lehnten das Postulat der SVP grossmehrheitlich ab. Schreibt ZentralPlus.

    Wer so hart arbeitet wie der Luzerner SP-Stadtpräsident Beat Züsli – und dies erst noch zu einem Hungerlöhnchen von knapp 300'000 Franken pro Jahr inkl. Sozialleistungen – wird ja wohl auch einmal im Jahr Ferien machen dürfen. Zumal sein Fernbleiben von der 1. August-Feier in Luzern ausser ZentralPlus nun wirklich niemanden interessiert.

    Hinzu kommt noch, dass ein Auftritt von Beat Züsli zusammen mit Bundesrat Alain «Berserker» Berset seine Wahlchancen bei den kommenden Stadtratswahlen nicht unbedingt fördern dürfte.

    Die Aussage von Madame Diel Schmid Meyer «Geht es um Beziehungspflege, brilliert der Stadtrat nicht wahnsinnig. Er lässt bewusst eine Gelegenheit verstreichen, um sich in Szene zu setzen und mit Bundesrat Berset und den beteiligten Firmen und Sponsoren am Anlass zu netzwerken» ist allerdings mehr als merkwürdig: Dass ein Anlass zur Feier des Schweizerischen Nationalfeiertags zum «Netzwerken» mit Sponsoren missbraucht wird ist wohl kaum im Sinne der Erfinder*innen. Da wird einem Beat Züsli, der dem «Netzwerken» fernbleibt, fast schon wieder sympathisch.

    Wer Beat Züsli unbedingt live und wahrhaftig sehen will, soll einfach ab und zu eines der hochpreisigen Luzerner Feinschmeckerlokale besuchen. Dort ist Beat Züsli eher anzutreffen. Möglicherweise sogar öfters als im Rathaus, wie böse Zungen behaupten.

    Das sind aber wirklich nur böse Lästerzungen, von denen ich mich in aller Form distanziere, obschon auch ein blindes Huhn wie beispielsweise ein SVP-Trychler ab und zu ein Korn finden kann.

    So viel Gerechtigkeit gegenüber der SVP und ihren Trychlern muss sein!

  • 29.7.2022 - Tag der intelligenten Menschen und ihren Kontrahenten

    Jacques Piccard warnte schon vor 50 Jahren vor den Klimawandel-Folgen

    Der Schweizer Ozeanograf war Pionier der Tiefseeforschung und engagierte sich schon früh gegen Umweltverschmutzung.

    Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein Schweizer war, der den tiefsten Punkt des Meeres als Erster erreichte. Am 23. Januar 1960 tauchte Jacques Piccard in einem selbst gebauten U-Boot auf den Grund des Marianengrabens im Pazifischen Ozean auf 10'916 Meter Tiefe.

    Seine Schilderungen zeigen, dass solche Touren nicht ganz ohne waren. Bei einem Tauchgang im Mittelmeer seien sie sehr schnell hinuntergetaucht, etwa einen Meter pro Sekunde, erzählte der Forscher 1953 gegenüber Radio Beromünster: «So sind wir tief in den Meeresboden eingesunken. Der Schlamm hat bis zu den Fenstern gereicht.» Der Tauchgang von 1960 musste dann gar wegen Rissen im Fenster vorzeitig beendet werden.

    Die Tiefsee lebt

    Für seine Pionierleistung erhielt Piccard vom damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower eine Ehrenmedaille. Wichtiger als diese Auszeichnung war dem Ozeanografen allerdings eine Beobachtung am Meeresgrund: Er hatte dort nämlich einen Fisch gesehen.

    Wenn es Tiere in dieser Tiefe gab, bedeutete das, dass auch dort unten eine Strömung Sauerstoff hinbrachte. Dann konnte diese Strömung aber auch andere Dinge wieder wegbringen, beispielsweise radioaktiven Abfall, den man damals nicht selten ins Meer kippte. Diese Erkenntnis verstärkte sein Engagement für die Umwelt noch.

    Dass es dem Schweizer in erster Linie nicht um Rekorde ging, sondern um die Wissenschaft, zeigt ein Interview von 1963. Damals kündigte er an, auf den Grund des Genfer Sees tauchen zu wollen. Es gebe auch in geringeren Tiefen sehr viele interessante Dinge zu sehen, erklärte er.

    Anlässlich der Expo 64 ermöglichte Piccard dann auch Normalsterblichen tiefe Einblicke. So baute er das erste U-Boot für Touristinnen und Touristen, das über 30'000 Menschen unter die Wasseroberfläche des Genfersees beförderte. Später setzte er das U-Boot für Forschungszwecke ein.

    Begnadete Forscherfamilie

    Piccards Freude an der Forschung kam nicht von Ungefähr. Bereits sein Vater Auguste Piccard war ein Pionier der Luftfahrt und Meeresforschung. Es gelang ihm, seinen Sohn, der eigentlich Geschichte und Wirtschaft studiert hatte, für die Tiefsee zu begeistern.

    Eine weitere Pionierleistung von Jacques Piccard war die Erforschung des Golfstroms an der Ostküste der USA. 1969 liess er sich zusammen mit sechs anderen Forschern einen Monat lang in einem U-Boot im Golfstrom treiben. Dabei konnte er viele Erkenntnisse über die Unterwasser-Flora und -Fauna sammeln.

    Seiner Zeit voraus

    1972 wurde er deshalb als Sonderberater an die erste UNO-Umweltkonferenz eingeladen. Ein Interview von 1973 verdeutlicht, wie sehr Piccard seiner Zeit damals voraus war: «Man muss nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit systematisch auf saubere Energien setzen», erklärte er. Die sauberste Energie überhaupt sei die Solarenergie.

    Bereits damals warnte er hellsichtig vor den Folgen des Klimawandels. «Wenn wir Erdöl und Kohle weiterhin als Energielieferanten nutzen, dann erzeugt das eine sehr grosse Hitze und diese kumuliert sich dann in der Atmosphäre», so Piccard.

    Der Ozeanograf verbrachte seinen Lebensabend in der Schweiz im Kanton Waadt, wo er 2008 im Alter von 86 Jahren starb. Sein Bewusstsein für den Umweltschutz lebt jedoch in seinem Sohn Betrand Piccard weiter. 1999 umrundete dieser als Erster die Erde nonstop in einem Heissluftballon. Zudem gründete er eine Stiftung zur Förderung der Solarenergie. Schreibt SRF.

    Intelligente Frauen und Männer mit visionärem Blick auf die Gefahren – wie auch auf die Chancen – für die Zukunft von Mensch und Umwelt gab es schon immer und zu jeder Zeit seit Bestehen der Menschheit. Nicht nur in der Schweiz.

    Doch was nützen intelligente Menschen, wenn die Staaten der Erde von dummen Politikern*innen im Gleichklang mit den skrupellosen und fern jeglicher Moral und Ethik agierenden Mächtigen aus Industrie und Wirtschaft regiert werden?

  • 28.7.2022 - Tag der korrupten Autokraten

    Russland-Experte erklärt Putins Plan: Darum schickt Putin seinen Aussenminister auf Afrika-Tour

    Putin hat seinen Aussenminister Lawrow auf Afrikareise geschickt. Und so klappert er ein Land nach dem anderen ab. Aber warum? Was steckt dahinter? Russland-Experte Ulrich Schmid erklärt die ungewöhnliche Tour.

    Der russische Präsident Wladimir Putin (69) streckt seine Fühler Richtung Afrika aus. Sein Aussenminister Sergei Lawrow (72) ist am Sonntag abgereist, um Ägypten, Äthiopien, Uganda und die Republik Kongo zu besuchen – nicht ohne im Vorfeld Stimmung zu machen.

    Vor seiner Abreise schrieb Lawrow in Zeitungen dieser vier Länder: «Wir wissen, dass die afrikanischen Kollegen die unverhohlenen Versuche der USA und ihrer europäischen Satelliten, der internationalen Gemeinschaft eine unipolare Weltordnung aufzuzwingen, nicht gutheissen.»

    Um Stimmung gegen den Westen zu machen, nutzen die Russen besonders ein Thema gerne: den Kolonialismus. Europäische Länder waren in der Vergangenheit in afrikanische Länder eingefallen und zwangen den Menschen ihre Lebensweise und Religion auf. Russland sei «nicht mit den blutigen Verbrechen des Kolonialismus befleckt», schrieb Lawrow, und «drängt anderen nichts auf und lehrt sie nicht, wie sie zu leben haben».

    Russen wollen Hunger und die sozialen Unruhen Afrikas nutzen

    Zudem hat Putin vergangene Woche in einer Ansprache über die «goldene Milliarde» gelästert – die Bevölkerung der reichen G7-Staaten, die auf Kosten Afrikas und Asiens in Wohlstand leben würden.

    Was hat Putin mit Afrika vor? «Das isolierte Russland versucht, eine neue geopolitische Koalition zu schmieden», sagt Ulrich Schmid (56), Russland-Experte an der Uni St. Gallen. Putin empfehle sich den afrikanischen Staaten als stabiler Partner, der – anders als die USA mit ihren Mahnungen zu Menschenrechten und Demokratie – ohne moralische Ansprüche auf sie zugehe.

    Lawrow wird den Hunger und die sozialen Unruhen Afrikas zum Vorteil Russlands nutzen. Denn wegen des Krieges sind die Preise für lebenswichtige Güter wie Getreide explodiert. Es droht eine Hungersnot. Lawrow hat versprochen, die blockierten Weizen in der Ukraine freizugeben.

    Kein afrikanisches Land hat sich den Sanktionen angeschlossen

    Dass die Kreml-Botschaft in Afrika ankommt, dafür sorgen die russischen Propagandamedien. Im Gegensatz zum Westen, wo sie teilweise gesperrt worden sind, dürfen sie in Afrika weiterhin ungehindert Desinformationen verbreiten. An mehreren Orten haben die staatlichen russischen Sender Russia Today (RT) und Sputnik ihr Angebot sogar ausgebaut und senden auch auf Französisch, um eine möglichst breite Bevölkerung zu erreichen.

    Die Sympathie oder auch die Angst und Abhängigkeit afrikanischer Staaten gegenüber Moskau ist gross – nicht zuletzt auch wegen der privaten Wagner-Truppe, die in verschiedenen Staaten als militärischer Stabilisator der aktuellen Regimes auftritt. Kein afrikanisches Land hat sich den amerikanischen und europäischen Sanktionen angeschlossen, als es darum ging, Russland für den Einmarsch in die Ukraine zu bestrafen.

    Ulrich Schmid geht davon aus, dass sich afrikanische Staaten wirtschafts- und geopolitisch auf Russland zu bewegen werden. Der Experte zu Blick: «Das könnte heissen, dass Russland bei den afrikanischen Ländern eine grössere Abstimmungsdisziplin in der UN-Vollversammlung einfordert oder eine Begünstigung bei der Lieferung von Rohstoffen wie seltene Erden verlangt.» Schreibt Experte Guido Felder im Blick.

    Wenn sich die afrikanischen Staaten wirtschafts- und geopolitisch auf Russland zu bewegen wie Experte Felder annimmt, ist das für den vielgeschmähten Westen keine schlechte Nachricht: Vielleicht bewegen sich damit ja auch die afrikanischen Flüchtlingsströme auf Russland zu.

    Wäre ich ein derart begnadeter Experte wie Guido Felder würde ich die Umarmung zwischen Russland und Afrika frei nach Willy Brandt etwas anders formulieren: «Es wächst zusammen, was zusammen gehört.» Korruption der übelsten Art und autokratische Staaten reichen sich die Hand zum Bund fürs Leben. Denn viel mehr hat Russland nicht zu bieten. Ausser Rohstoffen auch Afrika nicht. Und davon hat Putin ja genug.

    Ansonsten sind die Claims auch für Russland in Afrika längst bezogen: China beutet die afrikanischen Rohstoffe aus und die hehre westliche Wertegemeinschaft ist zuständig für die Milliardenbeiträge von Hilfsgeldern. Und vermutlich auch weiterhin für die afrikanischen Flüchtlingsströme. Dafür sorgt die ewig währende Schuld der Kolonialisierung Afrikas durch den Westen.

  • 27.7.2022 - Tag der Banksters

    Rote Zahlen im zweiten Quartal: Credit-Suisse-CEO Gottstein tritt ab – Ulrich Körner übernimmt

    Der Konzernchef der Credit Suisse, Thomas Gottstein, tritt zurück. Neuer Chef wird Ulrich Körner, er tritt sein Amt zum 1. August an. Die CS schreibt das dritte negative Quartalsergebnis in Folge.

    Im zweiten Quartal 2022 hat die zweitgrösste Schweizer Bank einen Verlust von 1.59 Milliarden Franken eingefahren, wie die CS bekannt gab. Wie bereits im Juni angekündigt, hat vor allem ein stark negatives Ergebnis in der Investmentbank die Grossbank in die roten Zahlen gezogen. Im gleichen Vorjahresquartal hatte die CS noch einen Gewinn von 253 Millionen Franken erzielt.

    Seit zweieinhalb Jahren Konzernchef

    CEO Gottstein leitet die Bank seit Mitte Februar 2020, nachdem sein Vorgänger Tidjane Thiam wegen einer Beschattungsaffäre hatte zurücktreten müssen. Unter Gottsteins Ägide hat die Bank jedoch erneut eine Reihe von kostspieligen Debakel erlitten, darunter die Zusammenbrüche von Greensill Capital und Archegos Capital Management Anfang 2021. Gottstein sollte eigentlich die Sanierung der Bank leiten.

    Doch riss die Welle der negativen Berichterstattung nie ab, auch am Mittwoch nicht. So wurde bekannt, dass die CS laut einem Gericht in den Bermudas 607 Millionen Dollar in einem Streitfall mit dem früheren georgischen Regierungschef Bidzina Ivanishvili bezahlen muss.

    Das Gericht auf der karibischen Inselgruppe hatte die Credit Suisse Ende März zu einer Zahlung an Ivanishvili verurteilt. Allerdings hatte es zunächst die genaue Urteilssumme noch offen gelassen. Die Schweizer Grossbank hatte umgehend angekündigt, das Urteil anzufechten.

    Rückendeckung von VRP für Gottstein

    Ende April hatte CS-Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann dem unter Beschuss geratenen Gottstein noch den Rücken gestärkt. Die Rückkehr der krisengeschüttelten Grossbank in die richtige Spur solle gemeinsam mit Gottstein geschafft werden, hatte Lehmann in einem Interview gesagt.

    Er habe Gottstein nicht ersetzt, weil dieser gut sei, betonte Lehmann. «Er kennt die Investmentbank, die Vermögensverwaltung und das Schweizer Geschäft. Bei so vielen Neubesetzungen braucht es an der Spitze auch jemanden, der weiss, wie die ganze Organisation tickt und wer die Schlüsselkunden sind.» Die CS habe in der Führung im Moment eine gute Mischung aus Kontinuität und Veränderung.

    Angesprochen auf die Turbulenzen der vergangenen Monate hielt Lehmann fest: «Wir sind in einem Formtief. Aber die Credit Suisse ist nach wie vor eine gute Bank mit viel Substanz.» Die CS habe eine Governance-Krise, ein Vertrauensproblem und müsse konsequent Altlasten abarbeiten. «Es darf keine solche Häufung von unerfreulichen Überraschungen mehr geben».

    Aktie im Sinkflug

    Die Aktie der Credit Suisse leidet derweil stark unter dem Formtief der Bank. Kostete sie an der Schweizer Börse noch im Februar 2021 rund 13 Franken, so ist das Papier inzwischen für etwas mehr als einen Fünfliber zu haben. Und diesen Monat fiel die Aktie erstmals gar kurzzeitig unter die Schwelle von 5 Franken.

    Die zweitgrösste Schweizer Bank hat eine «umfassende strategische Überprüfung» angekündigt, mit der u.a. die Kostenbasis mittelfristig deutlich auf unter 15.5. Milliarden Franken gesenkt werden soll. «Das Ziel der Überprüfung besteht darin, eine fokussiertere, agilere Gruppe mit einer deutlich niedrigeren absoluten Kostenbasis zu schaffen, die allen Anspruchsgruppen nachhaltige Erträge liefern sowie Kundinnen und Kunden herausragende Dienstleistungen bieten kann», schreibt die CS dazu in der Mitteilung. Schreibt SRF.

    Wie hoch ist der angebliche Fehlbetrag bei der AHV? Sie wissen es nicht, obschon wir demnächst über die Erhöhung des AHV-Eintrittsalters abstimmen?

    Kein Problem, ich kann Ihnen wie immer weiterhelfen: Der Fehlbetrag der AHV beträgt weniger als vier Prozent der 26 Milliarden Boni, die von der CS an ihre Bankster-Koryphäen seit 2014 ausbezahlt wurden und auch weniger als der Verlust von 1,59 Milliarden, den die CS in einem einzigen Quartal eingefahren hat.

    1,59 Milliarden innerhalb von drei (!) Monaten zu versenken muss man erst einmal schaffen. Hut ab vor dieser gewaltigen Leistung.

    Gemäss einem ehemaligen FDP-Bundesrat, der am Ende seiner Amtszeit öfters mal einschlief, sind diese Boni allerdings mehr als gerechtfertigt. Denn nur mit diesen monetären Lockvögelchen könnten bei den Banken die Allerbesten aller besten Banksters als Mitarbeiter*innen angeworben werden.

    Was soll's? Ebendieser etwas schläfrige Bundesrat fiel auch mit weiteren, nicht unbedingt geistreichen Aussagen auf. So verkündete er nach Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten: «Immerhin ist jetzt ein Unternehmer US-Präsident

    Das sagt weniger über The Donald aus als über die moralische Verkommenheit eines durch und durch abartig neoliberal gestrickten Politikers. «L'État, c'est moi». Der Staat bin ich! Die Unternehmer als neue Sonnenkönige?

    Frei nach Forrest Gump, leicht abgewandelt: «Dumm ist der, der Dummes sagt». Es ist nicht verboten, Dummes zu sagen. Problematisch wird es erst, wenn diese Boten der Dummheit ihre eigenen Absonderungen auch noch selber glauben.

    Noch Fragen zum abartigen Neoliberalismus, Kienzle?

  • 26.7.2022 - Tag der afrikanischen Naturschützer

    Afrika nimmt den Naturschutz selbst in die Hand

    Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der "Ersten Welt" schon lange ein Dorn im Auge. Die Denkweise ist tief im Kolonialismus verwurzelt.

    Zuletzt schlugen die selbsternannten Naturschützer im Juni zu. Wieder einmal sollten die Masaai einer Vergrößerung des Serengeti-Parks weichen: Als sie sich weigerten, schoss die tansanische Polizei mit scharfer Munition und tötete einen Angehörigen der legendären Volksgruppe, deren Hirten mit langen Stöcken in keinem Werbeprospekt der Serengeti fehlen.

    Seit der Gründung des Parks mussten die Masaai schon wiederholt dem Schutzgebiet weichen: Zuletzt zugunsten eines Jagdgebiets für arabische Ölscheichs, deren Dollar-Banknoten die Regierung in Dodoma betörten. Schließlich müsse das viele, für den Schutz wilder Tiere nötige Geld auch irgendwo herkommen, heißt es.

    Der Vorfall wirft ein grelles Licht auf die Absurdität des afrikanischen Naturschutzes. Eine Volksgruppe, die seit Jahrtausenden in einem Naturparadies lebt und dies beschützt hat, wird aus Gründen des Naturschutzes verjagt. In diesem Fall zugunsten begüterter Ausländer: Die Ölscheichs dürfen wohl auch den einen oder anderen Löwen abknallen. Von ihrer Bezahlung sehen die Masaai allerdings nichts: Das geht zur Regierung in Dodoma – wer weiß, wo die Petrodollar schließlich landen. Ein "unbegreiflicher Vorgang", meint der Geschäftsführer der African Wildlife Foundation, Kaddu Sebunya: "Wir müssen die Art und Weise, wie Naturschutz auf unserem Kontinent betrieben wird, von Grund auf verändern."

    Erster afrikanischer Naturschutzkongress

    Der kenianische Naturschützer organisierte den "Kongress für Afrikas Schutzgebiete", der in der vergangenen Woche in Ruandas Hauptstadt Kigali stattfand. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager der rund 8.500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen.

    Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der "Ersten Welt" schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und dessen Verständnis des Naturschutzes als "Festung". Europäer sehen Afrikas Bevölkerung als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents: Sie müssen durch Zwangsumsiedlungen, mit Feuerwaffen und Stacheldrahtzäunen von den Schutzgebieten ferngehalten werden.

    Dass es die Afrikaner waren, die ihre Tier- und Pflanzenwelt (im Gegensatz zu den Europäern) über Jahrtausende erhalten haben, bleibt genauso unerwähnt wie der Umstand, dass es die Europäer waren, die während der Kolonialzeit mit ihren Jagdflinten für eine Verminderung der afrikanischen Wildbestände um bis zu 90 Prozent sorgten.

    Wildparks mit fragwürdiger Geschichte

    Dass sie die Wildparks weniger zum Schutz der Natur als zum Schutz ihrer Jagd- und Abenteuerinteressen eingerichtet zu haben, wird den Europäern auch vorgeworfen: Schließlich sind Afrikas Nationalparks ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen Afrikaner und Afrikanerinnen in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor. Für sie seien Elefanten nur als Fleisch in der Suppe interessant, spotten Touristen gerne. Die Diskrepanz zwischen dem Urlaubsleben weißer Naturfreunde in den Parks und dem ärmlichen Leben afrikanischer Dorfbewohner jenseits der Parks könnte nicht größer sein.

    Derzeit fordert die internationale Naturschutzlobby, mindestens 30 Prozent der gesamten Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, um der Klimaerhitzung und dem Artensterben zu begegnen. Tansania ist jetzt schon am Ziel angelangt: Ein Drittel seiner Fläche steht unter Naturschutz. Dort darf weder ein einheimischer Rancher seine Rinder weiden noch der Staat nach Bodenschätzen suchen lassen. Wird in einem Schutzgebiet ein Staudamm gebaut, um die Bevölkerung mit Strom zu versorgen, schreit der Rest der Welt auf.

    Koexistenz von Mensch und Tier

    Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, könne Naturschutz nur scheitern, sagt Kaddu Sebunya. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, sagt der Sozialwissenschafter: Denn nichts ist für wilde Tiere gefährlicher als arme und unzufriedene Menschen.

    Seit einiger Zeit versuchen – auch internationale – Naturschutzorganisationen in Projekten herauszufinden, wie die Koexistenz von Mensch und wilden Tieren aussehen könnte. Einfach ist es nicht, aber machbar, so der Kern ihrer Erkenntnis. Natürlich spielt dabei auch das Geld eine Rolle, das für die Integration menschlichen Wirtschaftens mit der wilden Natur zur Verfügung steht. Bisher verfügten fast ausschließlich ausländische Regierungen und Naturschutzverbände über die Finanzen: Das soll sich nun ändern.

    Einer der wichtigsten Beschlüsse der über 2.000 afrikanischen Delegierten in Kigali war die Bildung eines panafrikanischen Fonds, aus dem der Naturschutz finanziert werden soll und in den ausländische Regierungen und Naturschützer einzahlen können. Afrikaner wären dann erstmals in der Lage, selbst darüber zu entscheiden, auf welche Weise die einzigartige Natur ihres Kontinents geschützt werden soll. Schreibt DER STANDARD.

    Wird auch langsam Zeit, dass Afrika seine Zukunft selbst in die Hand nimmt und damit aus den milliardenschweren Spendenbudgets des Westens langsam aber sicher verschwindet. Auch wenn dadurch einige NGO und sonstige Bettelorganisationen der hehren «westlichen Wertegemeinschaft» arbeitslos werden. Was wiederum ein Geschenk für die Industrie des derzeit arg gebeutelten Westens bedeuten würde, die ja angeblich «händeringend» Fachkräfte sucht.

    Jetzt wäre die neue Weltmacht China gefordert, humanitäre Hilfe in Afrika zu leisten und nicht nur die Rohstoffe des Kontinents zu Discountpreisen zu plündern.

    Man sollte sich jetzt nicht allzu grosse Hoffnungen für den afrikanischen Naturschutz machen, sondern den obigen Artikel genau durchlesen. Die 52 afrikanischen Staaten mit mehr als 2'000 teilweise «selbsternannten» Delegierten am «Kongress für Afrikas Schutzgebiete», der in der vergangenen Woche in Ruandas Hauptstadt Kigali stattfand, vertreten nichts anderes als knallharte wirtschaftliche Interessen.

    Der Westen täte gut daran, keine weiteren Milliardenzahlungen an den «panafrikanischen Fond» oder sonstige afrikanische Geldvernichtungsinstitutionen mehr zu leisten. Dass diese Unsummen letztendlich im unendlichen Sumpf der afrikanischen Korruption versickern, ist so sicher wie das von christlichen Missionaren in Afrika gepredigte Amen in der Kirche.

    China als grosser Profiteur seiner langfristig ausgerichteten Afrikapolitik hätte da sicher bessere Vorschläge für unsere ehemaligen Kolonien. Die chinesische Ein-Kind-Politik wäre einer davon und dürfte wohl das wirksamste Mittel gegen die afrikanische Armut sein und erst noch den Naturschutz und die Artenvielfalt stärken.

  • 25.7.2022 - Tag der Boulevard-Schwurbler von der Zürcher Dufourstrasse

    Verschärfung im Ukraine-Konflikt: Moskau strebt Regimewechsel in Kiew an

    Also doch: Moskau strebt den Regimewechsel in Kiew an. Russland habe es nicht länger nur auf Eroberungen abgesehen. Das bestätigt der russische Chefdiplomat Lawrow. Selenski kontert und appelliert an die nationale Einheit, sich endlich von Russland zu befreien.

    Russlands Aussenminister Sergej Lawrow (72) hat im Gegensatz zu früheren Äusserungen erklärt, dass Russland den Sturz der ukrainischen Regierung anstrebt. «Wir helfen dem ukrainischen Volk auf jeden Fall, sich von dem absolut volks- und geschichtsfeindlichen Regime zu befreien», sagte Lawrow am Sonntag in Kairo. Das russische und ukrainische Volk würden künftig zusammenleben.

    Die russische Führung hat in den vergangenen Tagen öffentlich ihre Position im Ukraine-Krieg verschärft. So drohte Lawrow am Mittwoch mit der Besetzung weiterer Gebiete auch ausserhalb des Donbass. Angesichts der westlichen Waffenlieferungen und deren höherer Reichweite sei es nötig, die Kiewer Truppen weiter abzudrängen von den Gebieten Donezk und Luhansk im Osten der Ukraine, die Moskau als unabhängig anerkannt hat.

    Selenski kontert

    Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (44) ging gleich auf diese verschärften Drohungen seitens der Russen ein. Die Bewahrung der nationalen Einheit sei die wichtigste Aufgabe der Ukrainer, um den Krieg zu gewinnen und Mitglied der EU zu werden. «Jetzt die Einheit zu bewahren, gemeinsam für den Sieg zu arbeiten, ist die wichtigste nationale Aufgabe, die wir zusammen bewältigen müssen», sagte Selenski am Sonntag in seiner täglichen Videoansprache.

    Selenskis Ansprache war eine Antwort auf Lawrows Kursverschärfung, die «volks- und geschichtsfeindliche Führung» in Kiew stürzen zu wollen. «Nur diejenigen, die die wahre Geschichte nicht kennen und ihre Bedeutung nicht spüren, konnten sich entscheiden, uns anzugreifen», erwiderte Selenski darauf nun. Jahrhunderte seien die Ukrainer unterdrückt worden und sie würden ihre Unabhängigkeit niemals aufgeben, versicherte der ukrainische Präsident.

    Wenn die Ukrainer dies schafften, werde ihnen gelingen, was Generationen vorher misslungen sei. Die Unabhängigkeit von Russland zu wahren, sich zu einem der modernsten Staaten der Welt zu wandeln und gleichzeitig den eigenen Weg Richtung Europa zu gehen, der nach Angaben Selenskis mit einer Vollmitgliedschaft in der EU enden wird.

    Kurswechsel Moskaus

    Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock (41) warf Russland Propaganda vor. «Russland benutzt jedes Mal ein anderes Argument. Diesmal sagen sie, es sei wegen der militärischen Unterstützung», sagte die Grünen-Politikerin in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der Deutschen Welle.

    Kriegsziele des Kreml sind, dass die Ukraine die Gebiete Donezk und Luhansk abtritt und die bereits 2014 von Russland annektierte Krim als russisch anerkennt.

    Mit seiner Ankündigung, die politische Führung in Kiew auswechseln zu wollen, widerspricht Lawrow auch eigenen Aussagen vom April. «Wir haben nicht vor, das Regime in der Ukraine zu wechseln», sagte der russische Chefdiplomat damals in einem Interview mit dem Fernsehsender «India Today». Es sei Aufgabe der Ukrainer zu entscheiden, unter welcher Führung sie leben wollten, versicherte Lawrow damals. Schreibt Blick.

    O je! Das ist jetzt aber wirklich nichts Neues aus dem Osten, wie Erich Maria Remarque (leicht abgeändert) schrieb! Was würden die Boulevard-Schwurbler von der Dufourstrasse in Zürich ohne Ukraine-Liveticker im diesjährigen Sommerloch nur machen? Noch mehr Idioten-News über die botoxierten Lippen der unsäglichen Frau Geissen veröffentlichen?

    Doch fairerweise sei festgehalten, dass die Zürcher Dufourstrasse einen entsprechenden Markt bedient. Was mehr über den geistigen Horizont unserer Gesellschaft aussagt als über Blick.

  • 24.7.2022 - Tag der legalen Korruption

    Krankheit auf dem Vormarsch: WHO ruft wegen Affenpocken «internationale Notlage» aus

    Wegen Affenpocken-Nachweisen in mehr als 70 Ländern ruft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine «Notlage von internationaler Tragweite» aus. Das gab WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus an einer Pressekonferenz in Genf bekannt. In der Schweiz sind bislang 229 Affenpocken-Fälle nachgewiesen (Stand 22. Juli).

    Die «Notlage von internationaler Tragweite» ist die höchste Alarmstufe, die die WHO verhängen kann. Praktische Auswirkungen hat das zunächst nicht.

    Die Einstufung soll die Regierungen der Mitgliedsländer dazu bewegen, Massnahmen zu ergreifen, um den Ausbruch einzudämmen. Sie sollen Ärzte und Kliniken sensibilisieren, bei Verdachtsfällen Schutzmassnahmen treffen und die Bevölkerung aufklären, wie sie sich vor einer Ansteckung schützen kann.

    Über 16'000 Fälle in 75 Ländern bestätigt

    «Wir haben einen Ausbruch, der sich durch neue Übertragungswege schnell auf der ganzen Welt ausgebreitet hat. Wir wissen zu wenig darüber, aber er erfüllt die Kriterien für eine internationale Notlage», erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Samstagnachmittag an einer Pressekonferenz in Genf.

    Mittlerweile seien über 16'000 Affenpocken-Fälle in 75 Ländern bestätigt, darunter fünf Todesfälle. Das Risiko, sich anzustecken, besteht laut WHO derzeit vor allem in Europa. «Das Virus wird hauptsächlich beim Sex unter Männern verbreitet. Das bedeutet, dass dieser Ausbruch gestoppt werden kann – mit den richtigen Strategien in der richtigen Gruppe», sagte Tedros. Zugleich warnte die WHO vor einer Stigmatisierung dieser Gruppen.

    Ob wegen der Affenpocken der Gesundheitsnotstand erklärt werden soll, war in der WHO umstritten. Generaldirektor Tedros erklärte, er habe die Entscheidung gegen die Mehrheit des beratenden Expertenkomitees getroffen. Sechs Mitglieder des Gremiums hätten für diese Einstufung und neun dagegen gestimmt.

    Die WHO hatte bereits im Juni wegen der Häufung der Affenpocken-Fälle in Ländern, in denen die Infektionskrankheit bislang praktisch unbekannt war, einen Notfall-Ausschuss eingerichtet. Dieser setzt sich aus 16 Fachleuten zusammen, die sich mit der Krankheit auskennen.

    In den USA sind inzwischen mehr als 2800 Affenpocken-Fälle bestätigt. Diese Woche sind laut Gesundheitsbehörde CDC auch zwei Fälle von Affenpocken bei Kindern nachgewiesen worden.

    In der Schweiz müssen Ansteckungen mit Affenpocken seit dem 20. Juli dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) gemeldet werden. Wie das BAG schreibt, sollen so Erkenntnisse über den Übertragungsweg von Affenpocken gewonnen werden. In der Schweiz sind bislang 229 Affenpocken-Fälle nachgewiesen (Stand 22. Juli), der erste Fall trat am 21. Mai auf.

    Derzeit geht das BAG von einer «mässigen Gefahr» für die Bevölkerung aus, wie das Bundesamt auf seiner Website schreibt. Man werde die weitere Entwicklung genau beobachten und die Risikobeurteilung den neusten Erkenntnissen anpassen.

    Nicht vergleichbar mit Corona

    Auch den Ausbruch des Coronavirus Sars-CoV-2 hatte die WHO am 30. Januar 2020 als «Notlage» deklariert. Das bedeutet aber nicht, dass die Menschen sich nun bei Affenpocken auf dieselben Massnahmen wie bei der Corona-Pandemie einstellen müssen. Denn die Krankheiten lassen sich nicht miteinander vergleichen.

    Während sich das Coronavirus durch Aerosole mit Virenpartikeln verbreitet, die Infizierte beim Atmen, Sprechen oder Husten ausstossen, erfolgen Infektionen mit Affenpocken nach derzeitigem Wissensstand in der Regel durch engen Körperkontakt. Schreibt SRF.

    Scheinbar braucht Big Pharma nach Corona ein neues Betätigungsfeld, um die Milliardengewinne der letzten zwei Jahre sowie die Milliarden an Dividendenausschüttungen an die entsprechenden Aktionäre und Stakeholder weiterhin sprudeln zu lassen.

    Anders ist der Alarmismus der WHO bei 16'000 Erkrankten und einer Weltbevölkerung von mehr als 7,96 Milliarden Menschen (Juli 2022) beim besten Willen nicht mehr zu erklären.

    Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird mittlerweile zu 80 Prozent von privaten Geldgebern und Stiftungen finanziert. Grösster privater Geldgeber ist die «Bill und Melinda Gates Stiftung». Wesentlich höher sind allerdings die finanziellen Beiträge der «vereinten» Big Pharma.

    Dass da unsägliche und absolut irrsinnige Verschwörungstheorien für schlichte Gemüter entstehen, sollte einen nicht wundern, auch wenn diese Theorien noch so hanebüchen sind. Man erinnere sich an den «Mikrochip von Bill Gates», der mit der Coronaimpfung gespritzt werde. Mehr Schwachsinn geht zwar immer, aber solche Behauptungen in Sachen Verblödung zu toppen, wird schwierig.

    Nennen wir das Kind doch schlicht und einfach beim Namen: Die legalen Spenden von Big Pharma, Bill Gates & Konsorten sind nichts anderes als Mittel zum Zweck der Einflussnahme. Würde man die hehren Wertemassstäbe der westlichen Wertegemeinschaft wirklich ernst nehmen, müsste man wohl von «legaler Korruption» sprechen.

  • 23.07.2022 - Tag des wahltaktischen Parteienpalavers

    Zu wenig Gas und Strom? Die Rezepte der Parteien gegen die drohende Energiekrise

    Ob Stromgeneral, Stromsparen oder Reserven schaffen – jede Partei hat ein Rezept gegen die drohende Energiekrise.

    Das russische Gas fliesst wieder – doch von Entwarnung kann keine Rede sein. Auch die Schweizer Parteien fordern schnelles Handeln.

    SVP

    Vor den Medien erklärt die Partei heute, die Schweiz sei völlig ungenügend vorbereitet auf eine mögliche Energiekrise. «Die SVP fordert, dass sich Anfang August alle relevanten Parteien an einem Tisch treffen und dringliche Lösungen suchen, wir müssen diese Energielücke schliessen», erklärt Fraktionschef Thomas Aeschi. Zudem wiederholt er die Forderung der SVP nach einem Stromgeneral: «Eine Person muss verantwortlich sein», so Aeschi weiter.

    Weiter möchte die SVP zahlreiche Investitionen im Energiebereich, unter anderem Gas-Lager in der Schweiz. Denn beim Gas ist die Schweiz komplett vom Ausland abhängig und hat deshalb im Ausland Gas-Speicherkapazitäten angelegt, die aktuell gefüllt werden.

    FDP

    Die Gas-Speicher sind auch bei der FDP ein wichtiges Thema. Im Gegensatz zu der SVP ist die Partei aber zufrieden mit den Massnahmen. FDP-Energiepolitiker Matthias Jauslin ist der Meinung, die Schweiz sei gut vorbereitet auf eine mögliche Krise. «Was wir jetzt sichern müssen, ist die Stromreserve im Winter mit Wasserkraft, da sind entsprechende Vorleistungen gemacht worden, andererseits müssen wir auch im Ausland Gas-Speicher sichern», erklärt Jauslin. Zudem sei es wichtig, dass die Solidarität unter den Staaten funktioniere, damit diese das Gas dann auch weiterliefern.

    Grüne

    Ebenfalls grossen Wert auf die Speicherkapazität der Wasserkraft legen die Grünen. Sie sind aber weniger zufrieden mit den vorgestellten Massnahmen. Die Schweiz müsse sich besser vorbereiten auf die mögliche Mangellage im Winter, sagt Grünen-Präsident Balthasar Glättli. «Die Massnahmen dürfen nicht erst einsetzen, wenn die Mangellage da ist, wir müssen bereits jetzt alles unternehmen, um die Energieverschwendung zu stoppen», erklärt Glättli. Es sei wichtig, dass die Stauseen dann noch genügend Wasser hätten, wenn wir den Strom brauchen, im Januar, Februar oder März.

    SP

    Auch die SP möchte den Energieverbrauch senken, erklärt Energiepolitikerin und Nationalrätin Gabriela Suter. Die SP begrüsse die Massnahmen, die gestern präsentiert wurden, sagt sie weiter. Und: «Jetzt sind zwei Dinge besonders wichtig: Einerseits müssen wir unseren Energieverbrauch senken, da sind Private und die Wirtschaft gefordert. Und zweitens ist es wichtig, dass wir Solidaritätsabkommen mit den Nachbarländern haben». Wir könnten die Energiekrise nicht allein lösen, sagt Suter. Aktuell führt die Schweiz Verhandlungen über ein solches Abkommen mit Deutschland. Gespräche laufen auch mit Italien und Frankreich.

    GLP

    Die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit Europa betont auch die GLP. Die Massnahmen seien wichtig, erklärt Energiepolitikerin Barbara Schaffner. Beim Strom seien diese wohl genügend, beim Gas hänge es stark von der Zusammenarbeit mit Europa ab. Im Hinblick auf den nächsten Winter schlägt die Partei vor: «Firmen, die bereit sind, ihren Verbrauch auf freiwilliger Basis zu reduzieren, sollen dafür entschädigt werden.» Zudem könne sie sich auf der Produktionsseite Notstromaggregate vorstellen, ansonsten sehe sie kaum Lösungen für die inländische Produktion.

    Die Mitte

    In eine ähnliche Richtung argumentiert die Mitte-Partei. «Ich bin überzeugt, dass wir heute schon Massnahmen ergreifen müssen im Bereich Stromsparen, Gassparen und Effizienz-Einsparungen», sagt Mitte-Nationalrätin und Urek-Mitglied Priska Wismer-Felder. «Da können wir heute damit beginnen.» Die Partei ist zudem der Meinung, dass die Schweiz nicht unvorbereitet sei, was eine mögliche Mangellage angehe, aber das Tempo noch etwas erhöhen müsse.

    Fazit: Ob die Schweiz gut gerüstet ist für eine mögliche Energiekrise nächsten Winter, da sind sich die Parteien nicht einig. Bei den Rezepten schon eher: Hier dominieren die Themen Energiesparen und Reserven schaffen. Schreibt SRF.

    Abgesehen davon, dass dies die Aufgabe der Regierung und nicht der Parteien ist: Ausser ideologischem und demzufolge wahltaktischem Palaver ist bei den unsäglichen Experten und Schweizer Parteigranden sowieso nichts zu erwarten, was uns wirklich weiterhilft.

  • 22.7.2022 - Tag der Schrumpfhaube und Silbernase Humbel mit dem enormen Sitzleder

    Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel kritisiert ihre Partei – und tritt spätestens im Herbst 2023 ab

    Die langjährige Aargauer Mitte-Nationalrätin hat über ihren Rücktritt gesprochen und Mobbing in den eigenen Reihen.

    Die langjährige Aargauer Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel tritt spätestens Ende der laufenden Legislatur im Herbst 2023 zurück. Das sagte die 65-Jährige in einem Interview. In der Frage um einen möglichen vorzeitigen Rücktritt fühlt sie sich von ihrer Partei «gemobbt».

    «Es ist meine letzte Legislatur», sagte Humbel in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung». Die Juristin und frühere Orientierungslauf-Spitzensportlerin aus Birmenstorf ist seit 2003 Nationalrätin. Sie gehört zu den profiliertesten Gesundheits- und Sozialpolitikerinnen der Schweiz.

    Humbel schloss im Interview gar einen vorzeitigen Abgang noch vor den Wahlen im Herbst 2023 nicht aus. Einem vorzeitigen Rücktritt aus parteitaktischen Gründen für die Sicherung des Sitzes bei den Wahlen durch einen Bisherigen verschliesse sie sich nicht. «Aber ich lasse mich nicht unter Druck setzen, ich lasse mich nicht treiben.» Einen möglichen vorzeitigen Rücktrittstermin nannte sie nicht.

    «Druck, den man als Mobbing bezeichnen kann»

    Humbel kritisierte im Interview ihre Aargauer Mitte-Partei, die bereits hatte öffentlich verlauten lassen, dass Humbel noch im laufenden Jahr abtreten werde. Deren Platz im Nationalrat einnehmen will der Zurzibieter Winzer Andreas Meier, der vor den Sommerferien bereits vorsorglich aus dem Aargauer Kantonsparlament zurückgetreten ist.

    «Es ist schon ein Druck, den man als Mobbing bezeichnen kann», sagte Humbel. «Zuerst die Ankündigung, ich gehe im Sommer und jetzt der Rücktritt von Andreas Meier aus dem Grossen Rat und seine Ankündigung, er rücke für mich nach.» Es habe ein Gespräch gegeben über einen allfälligen früheren Rücktritt. Es sei von ihrer Seite aber nie die Rede gewesen, dass sie schon im Sommer zurücktrete, sagte Humbel.

    Für die Mitte-Politikerin steht zunächst die eidgenössische Abstimmung am 25. September im Vordergrund. «Ich will jetzt zuerst die AHV-Abstimmung gewinnen. In den 19 Jahren, die ich Nationalrätin bin, haben wir noch nie eine Sozialwerk-Reform durchgebracht. Die Zeit ist reif.» Schreibt der Landbote.

    Schon eigenartig: Seit 2003 sitzt die Aargauer Schrumpfhaube im Schweizer Parlament als Nationalrätin und «Gesundheitsexpertin». Doch den Wunsch ihrer eigenen Partei, endlich zurückzutreten, bezeichnet sie als «Mobbing». Als ob 20 Jahre «Freude herrscht» im Casino der Eitelkeiten von und zu Bern (auch Hohes Haus genannt, obschon niemand so genau weiss, wie hoch dieses Hohe Haus wirklich ist) nicht genug wären.

    Muss Madame auf der Bahre aus dem Bundeshaus getragen werden? Humbels Starrsinn deckt einmal mehr auf, wie wichtig eine Amtszeitbeschränkung in einer wahrhaften Demokratie verdammt noch mal wäre!

    Humbels politische Arbeit als «Gesundheitsexpertin» ist überschaubar. Die Krankenkassenprämien konnte sie jedenfalls trotz vollmundigen Ankündigungen nicht bändigen. Aber sie ist immerhin für eines der dümmsten Zitate anlässlich einer «Arena»-Wahlsendung (Eidgenössische Wahlen 2019) im Zitatenschatz des Artillerie-Vereins Zofingen verewigt: «Man verdient sich keine goldene Nase mit Mandaten im Gesundheitsbereich.»

    Aber eine silberne dürfte es beim enormen Sitzleder von Frau Humbel schon geworden sein.

  • 21.7.2022 - Tag der Parteienherrschaft in Italien (und anderswo)

    Regierung vor dem Aus: Mario Draghi und Italien verlieren die Vertrauensfrage

    Wahrscheinlich in keinem anderen Land als in Italien kann ein Regierungschef eine Vertrauensabstimmung gewinnen und dennoch zurücktreten müssen. Genau das ist in Rom passiert. Mario Draghi hat zwar die Vertrauensabstimmung siegreich überstanden, aber nur mit 95 Stimmen; theoretisch hätte er 267 Voten erhalten können.

    Die Koalitionspartner von rechts, die Lega von Matteo Salvini und die Forza Italia von Silvio Berlusconi, hatten den Saal während der Abstimmung verlassen, die Parlamentarier der Cinque Stelle, welche die Regierungskrise ausgelöst hatten, blieben zwar sitzen, enthielten sich aber. Hätten auch sie das Plenum verlassen, wäre nicht einmal das notwendige Quorum der Anwesenden erreicht worden, das für eine gültige Abstimmung notwendig ist. Mario Draghi wurde von seinen Partnern maximal gedemütigt.

    Einmalige Chance

    Manöver und Intrigen sind nichts Neues unter der politischen Sonne, aber selten waren sie so unverschämt und dumm wie in diesen Tagen in Rom. Italien hat mit 220 Milliarden Euro aus dem Brüsseler Corona-Hilfsfonds die einmalige Chance, das Land von Grund auf zu reformieren. Nicht nur Strassen und Brücken, sondern auch Justiz und Bürokratie.

    Mario Draghi war der Mann, der Italien in Brüssel und auf den Finanzmärkten Glaubwürdigkeit verliehen hat. Nicht nur Mario Draghi hat die Vertrauensabstimmung (nicht numerisch, aber politisch) verloren, auch Italien hat seine Glaubwürdigkeit in Brüssel und in der Welt verspielt. Und für Verlässlichkeit stand Draghi, auch wenn er allein natürlich nicht der Retter Italiens gewesen wäre.

    Im schlechtesten Moment in die Krise

    Wann, wenn nicht jetzt wäre die Gelegenheit für eine Erneuerung Italiens gewesen? Und die zweite grosse Frage lautet: Kann man Italien politisch überhaupt je vertrauen, wenn es ausgerechnet jetzt mutwillig eine politische Krise auslöst?

    Das politische Rom hat die vielleicht beste Gelegenheit seit langem für Italien verstreichen lassen und das Land im schlechtesten Moment in eine Krise geführt. Brüssel hat Projekte für 46 Milliarden Euro Corona-Hilfe im laufenden Jahr bereits bewilligt, die Zustimmung für weitere 21 Milliarden stehen aber noch aus. Der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation und die Dürre hätten als Herausforderung gereicht; nun drohen auch politische Instabilität und eine noch grössere Verschuldung durch die Reaktion auf den Finanzmärkten.

    Wie weiter?

    Wer soll das Land jetzt führen? Matteo Salvini, Chef der Lega und Giuseppe Conte, Vorsitzender der Cinque Stelle, haben nicht erst jetzt, aber vor allem in diesen Tagen, bewiesen, dass sie als Regierungschefs untauglich sind. Sie haben die Regierung in diesem kritischen Moment ausschliesslich aus wahltaktischen Gründen gestürzt.

    Politik als Spiel und Selbstzweck. Italien zahlt dafür einen sehr hohen Preis. Und was kann man von einer neuen allfälligen Regierung aus den Rechtsparteien Lega, Forza Italia und der rechtsextremen Fratelli d’Italia erwarten? Schreibt SRF.

    Putin und Xi Jinping werden sich über diese Neuigkeiten aus Rom freuen. In Moskau knallen die Vodka-Korken und in Peking werden die Tassen mit heissem Jasmin-Tee gefüllt. Das nennt man konzentrierte Globalisierung. Oder gar konzertierte?

    Dass Regierungen aus wahltaktischen Gründen gestürzt werden, ist allerdings trotz der italienischen Inflation von Regierungswechseln alles andere als ein italienisches Phänomen.

    Parteien in allen Ländern, auch den demokratischen, handeln NUR aus wahltaktischen Gründen zum Wohl der eigenen Partei und deren Eliten. Die Schweiz als Hort der immerwährenden Glückseligkeit und Konkordanz bleibt davon allerdings verschont.

    Politikverdrossenheit hat mehrere Namen. Einer davon lautet Parteienschacher. Und wir wundern uns über eine von Donald Trump beherrschte Republikanische Partei in den USA, geschätzte 15 Prozent Deutsche, die sich Hitler zurückwünschen und laut Umfragen geschätzte 30 Prozent Italiener*innen, die Mussolini nachtrauen.

    Nur die Schweiz ist noch immer ein Musterland der Demokratie. Die in der Regierung vertretenen Schweizer Parteien handeln alle ausschliesslich zum Wohl des Volkes jenseits von Korruption, unappetitlicher Pöstchenjägerei oder gar Parteiinteressen.

    Ausgenommen von diesem hehren politischen Treiben im Bundeshaus sind lediglich ein paar «Schwarze Schafe», die da wären: FDP.DIE LIBERALEN., GRÜNE SCHWEIZ, GRÜNLIBERALE GLP, DIE MITTE, SCHWEIZERISCHE VOLKSPARTEI SVP, SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI SP.

    Die laut einer Umfrage geschätzten 20 Prozent Schweizer «Putin-Versteher», überwiegend bei der SCHWEIZERISCHEN VOLKSPARTEI SVP angesiedelt, sind vernachlässigbar. Genauso die Karl-Marx- und Lenin-Fans der SOZIALDEMOKRATISCHEN PARTEI SP.

    Im Gegensatz zu Italien dürfen wir in der Schweiz stolz sein auf unsere Parteien; die «Schwarzen Schafe» mal weggelassen. Auch wenn uns dabei die Schamröte ins Gesicht steigt.

  • 20.7.2022 - Tag der Immobilienexperten*innen

    Trotz hohen Hypothekarzinsen: Darum steigen die Immobilienpreise weiter

    Wohneigentum in der Schweiz ist so unerschwinglich wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das Angebot ist knapp, es wird immer weniger gebaut. Aber erklärt das die hohen Preise?

    Obwohl die finanziellen Hürden eines Hauskaufs immer höher werden, schiessen die Preise auf dem Schweizer Immobilienmarkt weiter nach oben. Selbst eine Verdoppelung der Hypothekarzinsen hat daran im letzten Halbjahr nichts geändert.

    Die Preise für Häuser stiegen im zweiten Quartal 2022 um 1,6 Prozent. Das zeigen die neuesten Zahlen des Immo-Bewerters Realadvisor. Die Preise für Wohnungen stiegen um 1,9 Prozent. Im Jahresvergleich sind die Preisanstiege beachtlich: Plus 7,9 Prozent für Häuser und 7,7 Prozent für Wohnungen.

    «Seit 20 Jahren ist es nicht mehr so schwierig gewesen, in der Schweiz ein Eigenheim zu kaufen», sagt Jonas Wiesel (34), Mitbegründer von Realadvisor, zu den aktuellen Marktbedingungen.

    Vorboten für Preisnachlass

    Warum hat sich das Preisniveau auf dem Schweizer Immobilienmarkt noch nicht stabilisiert? Zum Vergleich: In einigen Nachbarländern gibt es bereits Indikatoren, die auf eine Verlangsamung des Preisanstiegs hindeuten.

    In Frankreich etwa sind die Preise seit Jahresbeginn nur um 1,7 Prozent gestiegen. Die meisten Preissteigerungen in den zehn grössten Städten betragen weniger als 0,5 Prozent. In Deutschland stagnierten die Preise für Häuser im ersten Quartal 2022 mit einem minimalen Wachstum von 0,1 Prozent.

    Baueingaben stagnieren

    Das Problem: Das Angebot auf dem Schweizer Immobilienmarkt ist und bleibt knapp. Zwar ist die Zahl der zum Verkauf angebotenen Immobilien laut Realadvisor innerhalb von drei Monaten um 10 Prozent gestiegen. Wiesel stellt aber fest: «Das Angebot ist immer noch sehr begrenzt und liegt weit unter dem, was wir vor zwei Jahren beobachtet haben.» Er könne sich nicht vorstellen, dass die Zahl der zum Verkauf angebotenen Objekte mittelfristig signifikant ansteigen werde.

    Indikatoren dafür sind auch bei den Baugenehmigungen zu finden. Diese sind seit 2014 nicht mehr gestiegen. Auch die Bauausgaben stagnierten im vergangenen Jahr. Die Investitionen in den Tiefbau stiegen um 1,0 Prozent. Jene in den Hochbau sanken um 0,4 Prozent. Damit gingen die Bauinvestitionen insgesamt um 0,1 Prozent zurück, wie die aktuellen Zahlen der Baustatistik des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen.

    Haushaltsbudgets sind strapaziert

    Das Angebot auf dem Häusermarkt wird also so schnell nicht zunehmen. Doch die Nachfrage dürfte zurück gehen und so wenigstens für etwas Beruhigung auf dem überhitzten Immobilienmarkt sorgen. Denn neben den steigenden Hypothekarzinsen belasten auch die Inflation der Verbraucherpreise und die steigenden Energiepreise die obligatorischen Ausgaben der Haushalte.

    Das schlägt sich aufs Sparkonto der Schweizer nieder. Und benachteiligt Hauskäufer, wenn es darum geht, das zur Finanzierung erforderliche Eigenkapital aufzubringen. Gut möglich also, dass uns trotz des knappen Angebots bald eine Entspannung auf dem Immobilienmarkt bevor steht. Schreibt Dorothea Vollenweider im Blick.

    Vieles von dem, was «Immobilienexpertin» Dorothea Vollenweider im Blick schreibt, ist richtig. Ist ja auch relativ einfach, wenn man/frau nur die offiziellen Zahlen der entsprechenden Bundesämter nachplappern muss.

    Doch mit den Hypotheken liegt sie völlig falsch. Es stimmt zwar, dass sich die Hypothekarzinsen verdoppelt haben und macht sich im Sinne von Clickbait-Katastrophenjournalismus gut in der Headline. Nur verschweigt sie, auf welch tiefem Level die Hypothekarzinsen lagen.

    Von ca. 0,6 Prozent im Schnitt (je nach Bank und Dauer der Hypothek) ging es rauf auf derzeit ca. 1,2 Prozent (ebenfalls je nach Bank und Dauer). Siehe aktuellen Screenshot von MoneyPark.

    Diese Hypothekarzinserhöhung wird wohl kaum jemand davon abhalten, Wohneigentum zu erwerben. Da gibt es wesentlichere Gründe, die aber im Artikel nicht oder nur als marginaler Nebensatz aufgeführt sind.

    Wie etwa die derzeit aktuellen Zukunftsängste. Die Frage, ob der Job noch sicher ist angesichts der drohenden Rezession dürfte Kaufwillige wohl eher beschäftigen als 0,6 Prozent höhere Hypothekarzinsen.

    Aktuelle Hypothekarzinsen by MoneyPark Schweiz
  • 19.7.2022 - Tag des Garagengejammers auf hohem Niveau

    Elektro-Auto-Boom: Garagen fürchten um ihre Existenz wegen Tesla und Co.

    Immer mehr Menschen fahren elektrisch. Viele freie Auto-Werkstätten allerdings sind gar nicht darauf vorbereitet.

    Es herrscht Hochbetrieb in der Autowerkstatt von Salim Akes im aargauischen Gebenstorf. Sommerferien kennt der passionierte Automechaniker nicht. Er und seine Angestellten reparieren Fahrzeuge aller Marken, haben «Benzin im Blut», wie es im Volksmund heisst. Und Diesel natürlich auch. Doch Salim Akes hat ein Problem.

    «Wir haben aktuell drei Kundinnen und Kunden, die einen Tesla fahren», erzählt der Garagenbesitzer. «Bei diesen Fahrzeugen können wir Scheibenwasser und Reifen, maximal auch die Bremsen mal auswechseln.» Reparaturen am Elektromotor selbst kann und darf Salim Akes nicht ausführen. «Es braucht speziell geschulte Fachleute für Elektromotoren. Das kann nicht jede Garage.»

    Als «freie Werkstatt» hat Salim Akes zudem keinen direkten Zugang zu den Fahrzeugherstellern. «Soviel ich weiss, werden Reparaturen bei Elektrofahrzeugen aktuell praktisch nur von Markenvertretungen vorgenommen», sagt er. Eine Recherche im Internet bestätigt diesen Eindruck.

    So bietet zum Beispiel der Garagen-Zulieferer Hostettler eine Online-Übersicht zu Elektro-Werkstätten: Freie Betriebe ohne Markenvertretung sind wenige zu finden, schon gar nicht mit umfassendem Serviceangebot für Elektromotoren. Salim Akes wünscht sich deshalb verstärkte Bemühungen der Berufsverbände, zum Beispiel Weiterbildungsangebote für Automechanikerinnen und Automechaniker.

    Elektromotoren brauchen weniger Wartung

    Diese gebe es bereits, erklärt Oliver Mäder vom Autogewerbeverband Schweiz. «Wir hatten die ersten Kurse im Bereich Hochvolt-Technik vor 10 Jahren, wir bereiten uns also vor auf den Elektroauto-Boom». Zudem betont er, dass ja nur der Motor selbst eine neue Technologie sei. «Rundherum ist es immer noch ein Fahrzeug mit einem Fahrwerk, mit vier Rädern und Bremsen.»

    Was allerdings auch Oliver Mäder weiss: Elektromotoren sind praktisch wartungsfrei, es braucht zum Beispiel keine regelmässigen Ölwechsel. Damit entfällt für die Garagen sowieso ein wichtiger Teil des bisherigen Geschäfts. Er bleibt trotzdem optimistisch, auch für freie Garagenbetriebe wie den von Salim Akes: Noch sei der Anteil der Elektrofahrzeuge schliesslich nicht sehr gross.

    Verband gibt sich gelassen

    «Es braucht Zeit. Zeit, bis die Elektrofahrzeuge wirklich grosse Marktanteile erreichen. Und Zeit, bis die Branche damit ihre Erfahrungen gemacht hat.» Auch Salim Akes in Gebenstorf hat einen Plan, wie er auf die technologische Revolution im Fahrzeugmarkt reagieren kann. «Ich habe einen Sohn, der in der gleichen Branche arbeitet. Er ist gerade in Ausbildung und wird sich wahrscheinlich auf Elektro spezialisieren.»

    Künftig kümmert sich dann also vielleicht der Juniorchef um die Elektromotoren, der Seniorchef um Benziner und Diesel-Fahrzeuge. Denn auch darin ist sich die Branche einig: Es wird noch lange dauern, bis Verbrennungsmotoren ganz von der Strasse verschwinden. Schreibt SRF.

    Halten wir zuerst einmal fest: Der in der Titelzeile erwähnte «Elektro-Auto-Boom» hält sich derzeit noch in überschaubaren Grenzen. Das bedeutet, dass die Garagen genügend Zeit haben, um sich auf die durch eine neue Technologie veränderten Bedingungen langfristig vorzubereiten. Das ist keine Tragödie.

    Forschung, Innovation, Erfindungsgeist sowie Effizienz- und Produktivitätssteigerungen sind das Elixier erfolgreicher Wirtschaftsnationen. Das war schon immer so und lässt uns heute beispielsweise mit dem neuen Webb-Weltraumteleskop Galaxien erblicken und bildlich festhalten, die 13- und mehr Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt sind. Das war bis vor wenigen Tagen bisher ein Ding der Unmöglichkeit.

    Ältere Semester erinnern sich noch heute an die seinerzeitigen Verwerfungen, die von der Digitalisierung im Druckereigewerbe verursacht wurden. Tausende von Druckern verloren in der Schweiz ihren angestammten Beruf und mussten sich neue Betätigungsfelder suchen.

    Das wird auch der Auto- und Garagenbranche nicht erspart bleiben. Trotzdem geht die Welt dadurch nicht unter.

    Sie geht eher unter, wenn wir uns den vier bzw. fünf Kernelementen einer erfolgreichen Wirtschaft (Forschung, Innovation, Erfindungsgeist sowie Effizienz- und Produktivitätssteigerungen) verschliessen und dafür dem Gejammer huldigen.

    Das würde die Menschheit sehr schnell auf die Bäume zurückbringen.

  • 18.7.2022 - Tag der beschissenen Trychler-Hömmli

    Lädelen in Ebnat-Kappel SG statt G20 auf Bali: Ueli Maurer ging Corona-positiv Hemden shoppen

    Ein Bild zeigt Ueli Maurer beim Einkauf in Ebnat-Kappel SG. Am gleichen Tag hatte der Bundesrat seine Reise an den G20-Gipfel nach Bali abgesagt. Er war positiv auf Corona getestet worden.

    Michael Kauf steht der Stolz ins Gesicht geschrieben. Kein Geringerer als Bundesrat Ueli Maurer (71) beehrte den Inhaber eines Kleidergeschäfts in Ebnat-Kappel SG am späten Montagnachmittag. Kauf lässt ein Foto von sich und Maurer machen, worauf er dem SVP-Finanzminister eines seiner Hemden präsentiert.

    Irritierend an dem Ganzen: Ausgerechnet an diesem Montag hatte Blick bekannt gemacht, dass Maurer positiv auf das Coronavirus getestet wurde Darum fand auch seine für denselben Tag geplante Reise ans Finanzminister-Treffen der G20 auf Bali nicht statt. «Corona-positiv kann Bundesrat Maurer natürlich kein Flugzeug besteigen», erklärte Sprecher Peter Minder damals.

    Maurer nahm sich Zeit im Laden

    Anders sieht das offenbar für ausgedehntes Shopping aus – das «St. Galler Tagblatt» spricht von einem 30-minütigen Einkauf. Maurer soll unterwegs gewesen sein zu seinem Toggenburger Parteikollegen Toni Brunner (47). Der ehemalige SVP-Präsident wird immer mal wieder als möglicher Maurer-Nachfolger genannt.

    Auf Blick-Anfrage zum Corona-positiven Bundesrat gibt sich das Toggenburger Hemdengeschäft plötzlich kleinlaut. Man wolle keine Angaben zum Besuch von Ueli Maurer machen. Nur so viel: Alles sei «konform» abgelaufen. Die Ladenbesitzer wussten über Maurers Covid-Infektion offenbar Bescheid. Er habe eine Maske getragen, heisst es. Davon ist auf dem gemeinsamen Bild mit dem Ladenbesitzer allerdings nichts zu sehen. Möglich, dass Maurer sie für den Schnappschuss kurz absetzte.

    Fakt ist: Bundesrat Maurer hat mit seinem Ausflug in die Ostschweiz gegen keine Schutzmassnahmen verstossen. Seit der Bund am 1. April sämtliche Corona-Massnahmen aufgehoben hat, ist ein Gang in die Isolation selbst bei einem positiven Corona-Test nicht mehr zwingend.

    Meist gegen Corona-Massnahmen gewehrt

    Im Gegensatz zu seinem Bundesratskollegen Alain Berset (50), der dieser Tage wegen seiner Flug-Affäre in der Kritik steht, muss sich der SVP-Bundesrat auch nicht den Vorwurf gefallen lassen, die Prinzipien seiner Partei nicht zu leben. Maurer und die SVP hatten sich zumeist gegen die Corona-Massnahmen des Bundes gewehrt. Der Finanzminister hatte sich im vergangenen September sogar in einem Hemd der Corona-kritischen Freiheitstrychler ablichten lassen.

    Dennoch bleibt – gerade angesichts der aktuell hohen Fallzahlen – die Frage, ob Maurer mit seinem unbekümmerten Verhalten nicht etwas gar unvorsichtig agierte. Wie er dazu steht, bleibt vorerst sein Geheimnis. Das Finanzdepartement äussere sich nicht dazu, erklärt Sprecher Lars Hulliger auf Anfrage. Schreibt Blick.

    Für einen echten Trychler wie Ueli Maurer ist das ganze Gezeter um Corona ohnehin nur eine Weltverschwörung. Oder eine Biersorte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte es vermutlich auch keine Lockdowns gegeben. Was möglicherweise nicht mal die schlechteste Entscheidung gewesen wäre.

    Dass sich Maurer ebenso wie wir gewöhnlich Sterbenden vom Plebs ab und zu ein paar neue Hemden kauft, ist eigentlich selbst für einen Corona-Seuchenvogel das Normalste der Welt. Zumal er ja nicht ständig in seinen beschissenen Trychler-Hömmlis herumlaufen kann.

    Die Frage, die mich aber bei diesem lächerlichen Sommerloch-Artikel wirklich bewegt, ist eine ganz andere: Hat sich der ehemalige Kiosk-Verkäufer, Pöstchenjäger, grösster Luzerner Staatsmann/frau aller Zeiten und FDP-Ständerrat/Ständerrätin (Grölsaz) Damian Müller zu diesem Thema im Sinne der Müllerschen Doktrin «Privat ist privat» schon geäussert?

    Damian Müller - feinsinniger Pöstchen-Jäger
  • 17.7.2022 - Tag des Geschwurbels von Damian «ich bin nicht schwul» Müller

    Erst vergeigen, dann schweigen: Berset liess den Bundesrat im Dunkeln

    SP-Bundesrat Alain Berset informierte die Landesregierung nicht darüber, dass die französische Luftwaffe seinem Ausflug ein abruptes Ende setzte. Die Geheimnistuerei hat System.

    Es ist nicht so, dass Alain Berset (50) komplett verstummt wäre. Am Freitagabend etwa meldete sich der SP-Bundesrat vom Klassikfestival in Verbier VS. Auf Twitter zeigte er sich berührt von einem gemeinsamen Auftritt ukrainischer und russischer Musiker sowie von ihrer «Botschaft des Friedens und der Solidarität».

    Eine Woche zuvor, nachdem Ex-Premier Shinzo Abe einem Attentat zum Opfer gefallen war, hatte der polyglotte Magistrat dem japanischen Volk sein Mitgefühl auf Englisch ausgesprochen.

    Während Berset das Weltgeschehen auch in den Sommerferien fest im Blick hat, schweigt er eisern zu heiklen Vorfällen, die ihn und seine Amtsführung unmittelbar betreffen.

    Nun auch bei seinem letzten Aussetzer, der dem Sozialdemokraten einen Ehrenplatz in der Galerie der bundesrätlichen Kapriolen sichert.

    Privatsache?

    Der Innenminister mit Pilotenschein mietete am 5. Juli eine einmotorige Cessna und brach vom freiburgischen Écuvillens in Richtung Frankreich auf. Im Luftraum des Nachbarlandes lief der Trip dann gehörig aus dem Ruder. Berset wurde von einem Rafale-Kampfjet der französischen Luftwaffe abgefangen und zur Landung gezwungen. Eine Rekonstruktion seiner Route legt nahe, dass der Schweizer Magistrat einem Militärflugplatz zu nahe gekommen war. Sogar der französische Präsident Emmanuel Macron (44) wurde gemäss «NZZ» in Kenntnis gesetzt.

    Obwohl der Staatschef im Élysée über den Irrflug informiert war, versuchte Berset, in der Heimat den Vorfall unter dem Deckel zu halten. Wie SonntagsBlick-Recherchen zeigen, informierte Berset nicht einmal seine Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat.

    Sein Sprecher Christian Favre bestätigt auf Anfrage: «Nach unserem Wissen wurde kein Gerichtsverfahren eingeleitet. Die Situation rechtfertigte keine Information des Bundesrates.» Erst auf Medienanfragen hin reagierte Bersets Departement (EDI) eine Woche nach dem Ausflug mit einem knappen Communiqué. Der Bundesrat sei allein unterwegs gewesen, hiess es. Privatsache.

    Demnach dürften Mitglieder der Landesregierung erst aus den Medien erfahren haben, in welche missliche Lage sich ihr Kollege Berset in Frankreich manövriert hatte.

    Pokerface

    Erst vergeigen, dann schweigen: Das scheint bei dem Freiburger ein Muster zu sein. Der unter dem Deckel gehaltene Irrflug ist nicht Bersets erstes Versteckspiel. Ein weiteres Beispiel: Am 18. Mai 2022 gaben Energieministerin Simonetta Sommaruga (62) und Säckelmeister Ueli Maurer (71) nach der gemeinsamen Bundesratssitzung eine Medienkonferenz in Bern. Thema war der Rettungsschirm für die Strombranche.

    Was die Landesregierung nicht wusste: Bersets rechte Hand, sein damaliger Medienchef Peter Lauener (52), sass zu diesem Zeitpunkt bereits seit 24 Stunden im Zürcher Untersuchungsgefängnis. Ihm wirft ein Sonderermittler im Zusammenhang mit der Crypto-Affäre Amtsgeheimnisverletzung vor. Für Berset und Lauener gilt die Unschuldsvermutung.

    Auf Anfrage geben sich Maurers und Sommarugas Sprecher diplomatisch: Man kommentiere die Personalgeschäfte anderer Departemente grundsätzlich nicht. Recherchen ergeben jedoch, dass es der Innenminister nicht für nötig befand, das Gesamtgremium über den brisanten Vorgang um seinen Mitarbeiter zu unterrichten. Ein Bundesratsmitglied soll ausser sich gewesen sein, dass es davon aus der Presse erfahren musste.

    Während Berset in der Regierung ein Pokerface zeigte, zogen seine Leute im Hintergrund eifrig die Fäden, um ihren wichtigen Mitarbeiter wieder auf freien Fuss zu bekommen. Denn Lauener war mehr als nur Bersets Medienchef. Die zweijährige Pandemie hat die beiden zusammengeschweisst, sie zu Sparringspartnern gemacht.

    Regierungsmitglieder driften auseinander

    Erst am 22.Mai kam Lauener frei, rechtzeitig zum Start des World Economic Forum (WEF) in Davos GR. Dort hatte sein Chef eine dichte Agenda; Gespräche mit dem kolumbianischen und dem simbabwischen Präsidenten standen an, ebenso Treffen mit den Regierungschefs von Tunesien und dem Kosovo sowie die Teilnahme an einer Debatte über die globale Gesundheit. Dass der Kommunikationschef vom strengen U-Haft-Regime gezeichnet war, lässt sich nur erahnen. Der sonst so sendungsbewusste Innenminister jedenfalls «verzichtet am WEF auf Medienauftritte», wurde lapidar vermeldet.

    Zwei Wochen später wurde Lauener geschasst – und die Öffentlichkeit mit einem kurzen Text abgespeist, der nur wenig mit der Realität zu tun hat: «Der ehemalige Journalist und Kommunikationsspezialist will sich beruflich neu orientieren», teilte das Innendepartement am 8. Juni mit.

    Intransparenz gegenüber Bundesratskollegen sagt einiges über das Selbstverständnis aus, das dort herrscht. Und noch mehr über die Stimmung in einer Regierung, deren Mitglieder nach dem von der Pandemie erzwungenen Schulterschluss mehr und mehr auseinanderdriften. Eine Sicht, die derzeit viele in National- und Ständerat teilen. Man sehe, dass sich die Bundesräte nicht mehr über den Weg trauten, sagt SVP-Aussenpolitiker Roland Rino Büchel (56, SG). «Das Schlimme ist, dass dieses Misstrauen untereinander gerechtfertigt scheint. Dieses Gremium ist in einer schwierigen Phase.»

    «Ich wähle Berset im Winter nicht zum Bundespräsidenten»

    FDP-Ständerat Damian Müller (37) betont zwar, dass der Grundsatz «Privat ist privat» gelte. «Aber sicher haben diese Vorfälle auch einen politischen Aspekt, und darum hätte Berset seine Kollegen ins Bild setzen müssen.» Die Geheimnistuerei stehe sinnbildlich für die Atmosphäre im Bundesrat, so der Luzerner.

    Auch in der Verwaltung sorgen die Eskapaden des EDI-Vorstehers für Unmut. Ein hoher Funktionsträger aus der Verwaltung sagt zu SonntagsBlick: «Wir arbeiten unter Hochdruck, um die anstehenden Herausforderungen der Nation zu meistern – Inflation, Energiekrise, Flüchtlinge. Ich habe Kollegen im Amt, die sich kaum eine Kaffeepause gönnen. Und der Innenminister gönnt sich einen gemütlichen Rundflug.»

    Es gibt bürgerliche Parlamentarier, die Alain Berset im Dezember nicht turnusgemäss zum Bundespräsidenten wählen wollen. Denkbar also, dass sie dem Gesundheitsminister mit einem schlechten Resultat eine symbolische Watsche erteilen: «Ich wähle Berset im Winter nicht zum Bundespräsidenten», sagt SVP-Nationalrat Büchel schon heute. «Und es würde mich nicht überraschen, wenn einige der durchaus fähigen und ambitionierten Leute bei der SP sich überlegen, ob nun ihre Zeit gekommen ist.» Schreibt SonntagsBlick.

    Dass sich ausgerechnet der Luzerner Ständerat und freisinniger Pöstchenjäger Damian «ich bin nicht schwul» Müller zu dieser Sommerloch-Schmonzette äussert und die Geheimnistuerei im Bundesrat anprangert, macht aus der Posse um den Irrflug des bundesrätlichen Berserkers eine waschechte Tragikomödie.

    Dabei könnte der grossartige Luzerner Staatsmann Müller dem ab und zu clownesk auftretenden Berset in Sachen Geheimnistuerei die Hand reichen.

    Luzerner Journalisten wie auch ich selbst (und eventuell auch die Zeitungsleser*innen) erinnern sich nur zu gut an sein pro aktives Interview-Geschwurbel vor den National- und Ständeratswahlen 2019 um seine geheimnisvolle Sexualität. Ungefragt, wohlverstanden.

    «Privat ist privat» gilt demnach nur für Müllers sexuelle Präferenzen, nicht aber für Bersets Lausbubenflügli.

  • 16.7.2022 - Tag der gutgemeinten Integrationsprojekten

    Kritik an Integrationsprojekt: Kinder sollen für eine bessere Durchmischung die Schule wechseln

    Ausländische und Schweizer Schulkinder sollen sich besser durchmischen und mehr austauschen. Der Plan stösst auf Kritik.

    Es gibt sie überall in der Schweiz: Schulen, in denen Kinder mit Muttersprache Deutsch in der Minderheit sind. Damit alle Kinder Deutsch lernen, wird in den Schulen viel gemacht. Doch oft lernen die Kinder am besten auf dem Pausenplatz, Deutsch zu sprechen.

    Damit sich Kinder mit Deutsch als Muttersprache und jene mit Deutsch als Zweitsprache auf dem Pausenplatz auch tatsächlich begegnen, startete Martha Jakob ein Integrationsprojekt. Sie ist Präsidentin der Kreisschulpflege Seen-Mattenbach in Winterthur, in dem sie den Prozess der besseren Durchmischung durchführte – als schulische Brückenbauerin.

    Der Plan für eine intensivere Durchmischung klang einfach: Die Kinder sollen je nach Sprache einer anderen Schule zugeteilt werden. Das stiess aber auf Kritik.

    Experiment mit Widerhall

    Für viele Kinder bedeutete das nämlich einen längeren Schulweg. Die beiden betroffenen Schulhäuser liegen knapp anderthalb Kilometer auseinander.

    Der längere Weg war jedoch eine der grössten Sorgen, die die Eltern vor zwei Jahren bei der Präsentation des Projektes äusserten. Damals war die Aufregung unter einigen betroffenen Eltern gross.

    Besonders jene, deren Kinder Deutsch als Muttersprache sprechen, sprachen von einem heiklen «Integrationsexperiment». Es sei nicht erwiesen, ob die sprachliche Durchmischung in der Schule einen positiven Effekt auf den Bildungserfolg habe, wurde gesagt.

    Projekt trotz Kritik umgesetzt

    Einige Eltern konsultierten deshalb gar einen Anwalt, um gegen den Entscheid juristisch vorzugehen. Der Erfolg blieb aus, denn die Präsidentin der Kreisschulpflege hielt an ihren Plänen fest: Pläne, die den Vorgaben des Zürcher Volksschulgesetzes entsprachen und deshalb juristisch nicht anfechtbar waren.

    Auch wenn sie bei gewissen Eltern bis zum Schluss auf taube Ohren stiess: Martha Jakob versuchte, sie in Gesprächen zu überzeugen, warum aus ihrer Sicht eine bessere Durchmischung wichtig ist.

    Ihr ging es nämlich nicht nur um die Sprache, sondern vielmehr auch darum, eine Brücke zwischen Schweizer Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund zu bauen – um mehr Chancengerechtigkeit.

    Martha Jakob widersprach der Befürchtung, dass Kinder mit Deutsch als Muttersprache in einem Schulhaus mit einem hohen Anteil an Kindern mit Deutsch als Zweitsprache zu wenig gefördert würden. Wenn ein Kind genug mitbringe, um ins Gymnasium zu gehen, schaffe es den Übertritt in jedem Schulhaus, so Jakob: «Der Prozess der Durchmischung ist kein Experiment. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Wir gehören alle zusammen.»

    Zwei Jahre ohne verlässliche Zahlen

    Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen, seit der Prozess der Durchmischung angestossen wurde. Die Zahlen haben sich leicht angeglichen in den beiden Primarschulhäusern – in Gutschick ist die Zahl der Kinder mit Deutsch als Zweitsprache leicht gesunken, in Schönengrund leicht gestiegen.

    Hat sich die veränderte Durchmischung denn auf die Leistung der Kinder ausgewirkt? Martha Jakob antwortet vorsichtig: Es gebe noch keine verlässlichen Zahlen. Aber sie merkt auch an, dass bei der jüngsten Zuteilung vor den Schulferien, der Sturm der Entrüstung im Quartier ausgeblieben sei: «Offensichtlich ist die Botschaft angekommen.» Schreibt SRF.

    Dass die Eltern der wohlhabenden Schicht der Autochthonen kein Interesse an diesem «Integrationsprojekt» haben, ist grösstenteils ein städtisches Phänomen. In ländlichen Gemeinden ist es nicht nur schwieriger, sondern beinahe unmöglich, die Kinder in einem Schulhaus ohne Durchmischung der Schülerinnen und Schüler zu platzieren. Da bleibt meistens nur die Privatschule in der nächstgelegenen Stadt, was zu logistischen Problemen führt und auch das Portemonnaie erheblich strapaziert. Hinzu kommt, dass in den ländlichen Gemeinden viel weniger Migranten angesiedelt sind als in den Städten.

    Betrachten wir ein Beispiel aus der Stadt Luzern: Das St. Karli-Schulhaus in direkter Nähe zur Migrantenhochburg der Baselstrasse. Aber auch direkt am Fusse des eher noblen Bramberg-Quartiers gelegen. So sieht man im St. Karli-Schulhaus Schulkinder aller Couleur und Herkunftsländern, jedoch kaum welche vom Brambergquartier. Die Bewohner*innen vom Bramberg können es sich in der Regel leisten, ihre Sprösslinge in einem städtischen Quartierschulhaus jenseits der Migrantenzonen unterzubringen.

    In etwa die gleiche Geschichte liesse sich über das Luzerner Maihof-Schulhaus schreiben, das während der Pandemie sogar zu einem Drogenhotspot für Minderjährige mutierte.

    So ist das nun mal. Daran ändern auch alle gutgemeinten Integrationsprojekte nichts, solange selbst die zuständigen Politiker*innen ihre Goldschätzchen von den mit Migrantenkindern gefluteten Schulhäusern fernhalten.

  • 15.7.2022 - Tag unserer genialen Väter und Mütter mit der Erfindungsgabe

    HYPETRAIN: Zug soll mit einer Akkuladung beinahe unendlich lange fahren können

    Kein Diesel, keine Emissionen, aber dafür theoretisch unbegrenzte Fahrzeit: Das versprechen die Entwickler des "Infinity Train". Der vollelektrische Zug soll wie ein Kraftwerk auf Schienen mehr Strom erzeugen, als er selbst verbraucht. Für die "unendliche" Fahrtzeit reicht eine Akkuladung der Lokomotive aus.

    Nur um eines gleich vorweg klarzustellen: Die Naturgesetze gelten natürlich immer noch, und ein Perpetuum mobile – also eine ewig laufende Maschine – ist nach den Gesetzen der Thermodynamik immer noch nicht möglich. Was das australische Bergbauunternehmen Fortescue Metals Group plant, hat auch wenig mit Hexerei oder Zauberwerk zu: Das Unternehmen lässt die Gravitation für sich arbeiten.

    Gewaltige Zugflotte

    Fortescue betreibt aktuell eine eigene Flotte aus 54 Diesellokomotiven, die 16 Züge antreiben – jeder davon kann aus bis zu 244 Wagons bestehen. 141 Tonnen kann jeder einzelne Wagen transportieren. Transportiert wird Erz aus der Pilbara-Region im Bundesstaat Western Australia zu einem Verladehafen bei Port Headland. Das gesamte Wagengespann samt Lok kann bis zu drei Kilometer lang werden. Diese Flotte zu dekarbonisieren sei mit Hilfe von rein elektrischen Lokomotiven möglich, wie das Unternehmen bereits im März erklärte.

    Dafür holten sich die Australier mit Williams Advanced Engineering, einem Unternehmen das der breiten Masse aus der Formel 1 bekannt sein dürfte, technisches Know-how an Bord. Die Idee hinter dem "Infinity Train" ist eigentlich recht simpel: Rekuperation, also die Rückgewinnung von Bremsenergie, wie sie schon lange bei Elektroautos eingesetzt wird, soll die Lokomotiven mit mehr Energie versorgen, als sie brauchen. Beim sogenannten regenerativen Bremsen wird im Grunde der Elektromotor zum Generator. Er nutzt die Energie, die sonst einfach verloren ginge, zum Aufladen der Akkus.

    Das abschüssige Gelände macht es möglich

    Doch Rekuperation allein reicht noch lange nicht für einen positiven Energiesaldo. Den Rest des Stroms liefert die Topgrafie Australiens. Das geht so: Der Weg, den die Züge zur Beladestation zurücklegen, führt bergauf. Das heißt, die unbeladenen Züge fahren auf diesem Teilstück mit Energie aus den Batterien. Da die Wagons noch leer sind, ist der gesamte Zug vergleichsweise leicht und der Energieaufwand für die Anfahrt gering.

    Sind sie erst einmal beladen, führt der Weg wieder bergab. Durch das immense Gewicht des Erzes und das abschüssige Gelände müssen die Züge tatsächlich kaum angetrieben werden. Durch das Eigengewicht rollt der Zug quasi von allein. Damit sich jeder einzelne der 141 Tonnen schweren Wagons aber nicht verselbstständigt und immer weiter beschleunigt, müssen die Loks auf dem Weg zum Hafen den Zug permanent bremsen – diese Energie wird in die Akkus gespeist, weil der E-Motor beim Rekuperieren zum Generator wird. Theoretisch wird so durch die Kraft der Gravitation mehr Energie erzeugt, als der Zug bei der unbeladenen Anreise verbraucht hat.

    Das führt wiederum dazu, dass die Lokomotive diesen Vorgang zumindest theoretisch unendlich lange wiederholen kann – und "Infinity" in den Train kommt. Der überschüssige Strom soll ins Firmennetz eingespeist werden.

    Weg mit dem Diesel bis 2030

    Bis 2030 will das Unternehmen alle Dieselloks aus der Flotte ersetzen. "Der Dieselverbrauch und die damit verbundenen Emissionen werden eliminiert, sobald der Infinity Train vollständig in Betrieb ist", teilte das Unternehmen mit. Wie Fortescue-Geschäftsführerin Elizabeth Gaines betont, könne man sich so auch kostspielige Ladeinfrastruktur entlang der Strecke sparen.

    "Politik und Wirtschaft müssen weltweit zu der Erkenntnis gelangen, dass fossile Brennstoffe nur eine Energiequelle sind und dass es jetzt andere gibt, die sich schnell entwickeln und dabei effizienter, kostengünstiger und umweltfreundlicher sind. So wie die Gravitationsenergie", so ein Unternehmenssprecher. Auch andere australische Bergbauunternehmen haben bereits ihr Interesse an dem Konzept des "unendlichen Zuges" bekundet. Schreibt DER STANDARD.

    Toller Artikel in Zeiten wie diesen, in denen wir uns nicht nur mit dem Klimawandel beschäftigen, sondern auch mit den mutmasslichen Verursachern. Diesel-getriebene Lokomotiven gehören definitiv zu dieser umweltschädlichen Spezies.

    Mit einem Augenzwinkern und etwas Fantasie könnte man nun frei nach Ricola behaupten, dass dieses System der «immerwährenden» Energie bei Berg- und Talfahrten – ein anderes Prinzip verfolgt ja auch der australische «Infinity Train» nicht – von den Schweizern erfunden wurde.

    Genauso wie das Schweizer Lutsch-Bonbon mit den Kräutern aus Schweizer Bergen mit der heilenden Wirkung, die allerdings von einer US-Lady mit einer Privatklage gegen Ricola in Abrede gestellt wird. Tja, hartnäckige US-Hämorrhoiden lassen sich nun mal nicht mit einem Kräuterbonbon weglutschen. Auch wenn die Beschreibung auf der Ricola-Verpackung das möglicherweise suggeriert.

    Zurück zum Perpetuum Mobile des australischen Hypertrains, das so neu gar nicht ist wie man auf den ersten Blick meinen könnte: Im beschaulichen Schweizer Städtchen Freiburg (Fribourg) verbindet das «Funiculaire» das Stadtzentrum mit der Unterstadt. Angetrieben wird die Standseilbahn seit mehr als 100 Jahren von den städtischen Abwässern, welche als «Antriebsballast» genutzt werden.

    Sie sehen: Manchmal lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, um zu realisieren, mit welch genialer Erfindungsgabe unsere Väter und Mütter die Probleme ihrer Zeit gemeistert haben. Sogar ohne umweltschädliche Akkus.

    Das «Funiculaire» von Freiburg ist übrigens im «Schweizer Inventar der nationalen Kulturgüter» gelistet und fährt auch heute noch. Je nach Bedarf alle sechs Minuten.

  • 14.7.2022 - Tag der Schizophrenie

    Fliegen statt wandern: Tourismus-Boom in den Bergen flaut ab

    Zahlreiche Einheimische haben während der Pandemie das Reiseland Schweiz entdeckt. Doch nun wollen viele zurück an den Strand.

    Es ist wenige Monate her, da herrschte am Mittelmeer Flaute, während Schweizer Bergregionen zum Höhenflug ansetzten. Im ersten Sommer nach Auslaufen der Corona-Restriktionen wendet sich das Blatt: «Wir rechnen im Sommer mit einem Minus von etwa 20 bis 25 Prozent», bestätigt Andreas Züllig, Präsident Hotellerie Suisse, gegenüber SRF. Der Grund dafür sei einfach: Schweizer Gäste reisen wieder ins Ausland.

    Diese Entwicklung hat sich bereits im Frühling abgezeichnet. Für die Monate April (-10.5 Prozent) und Mai (-7.8 Prozent) verzeichneten Schweizer Hotels einen deutlichen Rückgang der Logiernächte von einheimischen Gästen.

    Ausländische Gäste kommen zurück

    Bei Schweiz Tourismus zeigt man sich davon aber weder überrascht noch enttäuscht. Im Gegenteil: Noch immer rechnet die Organisation bei einheimischen Gästen für 2022 mit einem Plus von acht Prozent gegenüber dem Vor-Pandemiejahr 2019. Zudem sei eine Entspannung beim ausländischen Gäste-Aufkommen zu beobachten. Dieses war während der Pandemie dramatisch eingebrochen.

    Die gleiche Trendwende beobachtet auch die Parahotellerie. Allerdings: Jugendherbergen und Campingplätze verzeichnen noch immer 20 Prozent mehr Schweizer Gäste als vor Corona – deutlich über der Entwicklung in Hotels. Bei «Parahotellerie Schweiz» zeigt man sich zudem wegen des Krieges in der Ukraine und anhaltender Sorgen um neue Corona-Massnahmen optimistisch, dass Schweizer Gäste auch künftig einheimische Ferienziele vorziehen: «Viele haben in der Pandemie das Reiseland Schweiz entdeckt», ist Präsidentin Janine Bunte überzeugt.

    Was Schweizer Betriebe ebenfalls optimistisch stimmen dürfte: das aktuelle Reisechaos auf internationalen Flughäfen. Es könnte den einen oder anderen Strandtouristen davon überzeugen, dass der nahe Berg gegenüber dem entfernten Strand in puncto Entschleunigung und Entspannung eben doch gewisse Vorteile bietet. Schreibt SRF.

    Wer täglich wie ich durch eine Grossstadt (Luzern) wandert, vernimmt allerorten Geseufze: «Diese Hitze bringt mich noch um» und ähnliches. Für mich ein unerklärliches Phänomen, das ich mir nicht erklären kann, was vermutlich aber an mir und meiner mangelnden Empathie liegt.

    Die gleichen Jammertanten, Jammertunten und Jammeronkels sitzen ein paar Tage später im Flugzeug, um ihre Ferien in Ländern zu verbringen, wo es bedeutend heisser ist als in der Schweiz.

    Man könnte über dieses menschlich absolut verständliche Verhalten hinwegsehen, würde es sich hier nicht um die gleichen Personen handeln, die ihre grossen Sorgen um den Klimawandel wie eine tibetanische Gebetsmühle vor sich hin leiern. Darüber liesse sich ein Buch schreiben. Für Schizophrenie-Experten ein wahrer Leckerbissen.

    Doch machen wir's kurz und Brecht: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral».

    Nicht wahr, Alain?

  • 13.7.2022 - Tag der grün-liberalen Plaudertaschen

    Grünliberaler Bäumle plädiert für Gespräche mit Putin: «Es gibt keine Alternative zu Verhandlungen mit Russland»

    Nach den SVP-Nationalräten Magdalena Martullo-Blocher und Roger Köppel plädiert jetzt auch der grünliberale Nationalrat Martin Bäumle für Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Ukraine-Krieg.

    Der grünliberale Nationalrat Martin Bäumle (58) plädiert im Ukraine-Krieg für Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin (69). Zuvor hatten schon die SVP-Nationalräte Magdalena Martullo-Blocher (52) und Roger Köppel (57) eine Verhandlungslösung gefordert.

    Putin sei nicht einfach zu verteufeln, sondern eine Lösung mit ihm zu suchen, sagte Bäumle, der persönlich enge Beziehungen zur Ukraine und zu Russland unterhält, in einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen. Es brauche eine Verhandlungslösung, die sich an den realpolitischen Möglichkeiten orientiere.

    Zur Zeit scheine es so, als wolle Putin nicht verhandeln. Aber es habe immer wieder Signale gegeben. Wenn es zu einer Lösung kommen sollte, müsse man ergebnisoffen in die Gespräche einsteigen.

    Harte Worte für Aggressor Putin

    Wenn der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (44) von Anfang an nur sage, er verlange von Putin den vollständigen Rückzug aus den eroberten Gebieten inklusive der Krim, dann seien Gespräche unmöglich, sagte Bäumle weiter.

    Das gelte umgekehrt natürlich auch für Putin. Es könne nicht sein, dass Putin auf eine Kapitulation Selenskjs und auf der Annexion neuer Gebiete beharre. Zur umkämpften Region Donbass sagte der GLP-Nationalrat, dass er nicht mehr daran glaube, dass sich die dortigen Separatistengebiete in die Ukraine reintegrieren liessen.

    Harte Worte findet Bäumle für Putin selbst. Er sei der Aggressor. Er trete das Völkerrecht mit Füssen. Menschenrechte schienen ihm egal, und er regiere Russland zunehmend diktatorisch. Trotzdem gebe es keine Alternative dazu, mit Putins Russland zu verhandeln. Schreibt Blick.

    Wusste gar nicht, dass der «grün-liberale» Vollpfosten politisch noch existiert. Sein unsägliches Palaver (... Putin regiere Russland «zunehmend» (!) diktatorisch) um Verhandlungen mit Diktator Putin erinnert mich an ein Zitat von Karl Valentin: «Enden tat das Spiel mit dem Sieg der einen Partei - die andere Partei hatte den Sieg verloren. Es war vorauszusehen, dass es so kam.»

    Zu den üblichen Wortmeldungen unserer politischen Elite und denjenigen, die sich dafür halten, ein weiteres Zitat von Valentin: «Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen.»

  • 12.7.2022 - Tag der Corona-Impfung

    G20-Reise fällt ins Wasser: Jetzt hat das Coronavirus auch Ueli Maurer erwischt

    SVP-Bundesrat Ueli Maurer hat sich immer wieder über Schutzmassnahmen geärgert. Doch nun hat sich auch der Finanzminister mit dem Coronavirus angesteckt.

    Jetzt hat das Coronavirus auch SVP-Bundesrat Ueli Maurer (71) erwischt. Den Finanzminister, der sich immer und immer wieder über die Schutzmassnahmen seiner Regierungskollegen geärgert hatte und auch öffentlich über sie hergezogen war. Maurer, der sich im vergangenen September sogar in einem Hemd der Corona-kritischen Freiheitstrychler hatte ablichten lassen.

    Sprecher bestätigt

    Dass nun auch SVP-Bundesrat Maurer von der grassierenden Corona-Sommerwelle erfasst worden ist, wird Blick von seinem Sprecher Peter Minder bestätigt: «Er ist positiv getestet worden.» Das erstaunt wenig: Steigende Fallzahlen, mehr Hospitalisierungen und mehr Patienten auf der Intensivstation – das Virus hat das Land wieder fest im Griff.

    Mit seiner Erkrankung fällt auch Maurers anstehende Dienstreise in den Fernen Osten ins Wasser. Auf der indonesischen Insel Bali findet das G20-Finanzministertreffen statt. Der Inselstaat hat derzeit den G20-Vorsitz.

    Auch Indien fällt aus

    Daneben wäre auch noch ein Höflichkeitsbesuch in Indien vorgesehen gewesen, das turnusgemäss als Nächstes den Vorsitz übernehmen wird. Das alles fällt nun aus. «Corona-positiv kann Bundesrat Maurer natürlich kein Flugzeug besteigen», sagt Sprecher Minder. Schreibt Blick.

    Auch wenn seine Trychler-Brigade dies nicht so gerne hört: Bundesrat Ueli Maurer ist geimpft. Aller Voraussicht nach wird er dank Pfizer & Co. einen milden Verlauf erleben. Hoffen wir es jedenfalls für ihn. Dass seine Reise nach Bali ins Wasser fällt, ist auch nicht wirklich eine Tragödie. Sein Chef vom Herrliberg hat für «Bundesratsreisli», wie er sie verächtlich nennt, sowieso nichts übrig.

    Jetzt mal Hand aufs Herz: Kennen Sie überhaupt noch jemanden, der nicht vom Coronavirus positiv heimgesucht wurde trotz Impfung? Ich jedenfalls nicht! Selbst mich als verkannter Virusexperte erwischte Omikron am Fecken. Alles halb so wild.

    Frei nach Johannes Mario Simmel: Hurra! Ich lebe noch.

  • 11.7.2022 - Tag der abartigen Globalisierung

    Datenleck: Uber eroberte mit aggressivem Lobbying und zweifelhafter Software Weltmärkte

    Was macht ein aufsteigendes Unternehmen aus dem Silicon Valley ohne große moralische Skrupel, das dank Investoren hunderte Millionen Körberlgeld zu Verfügung hat, aber mit seinem neuen Produkt überall auf der Welt die etablierten Platzhirsche gegen sich aufbringt? Richtig: Es nutzt das Geld, um sich Netzwerk an Helfern und Lobbyisten zu schaffen und kämpft gegen die Platzhirsche mit allen möglichen erlaubten und zweifelhaften Methoden.

    Das ist im kurzen die Geschichte, die im Rahmen der sogenannten Uber-Files erzählt wird, die am Sonntag von weltweit zahlreichen Medien, darunter dem "Guardian", "Profil" und der "Süddeutschen" veröffentlich worden sind. Dem "Guardian" wurde 124.000 Dokumente, darunter E-Mails, interne Berichte aus dem Unternehmen, aber auch SMS-Nachrichten diverser hochrangiger Uber-Mitarbeiter zugespielt. Der "Guardian" hat diese Daten mit Medien Netzwerk geteilt, in dessen Rahmen die Panama-Papers und andere Steuerskandale aufgedeckt wurden, koordiniert wurde das im Rahmen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).

    Lobbyismus im Fokus

    Die Daten beziehen sich auf den Zeitraum 2013 bis 2017, als noch Uber-Mitbegründer Travis Kalanick als CEO des Unternehmens fungierte, und zeigen, wie Uber in diversen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Indien, aber auch Österreich, begann, Fuß zu fassen.

    Im Gegensatz zu früheren Enthüllungen des ICIJ geht es hier nicht um illegale Machenschaften wie Steuerhinterziehung und Gesetzesbruch, sondern eher Hinterzimmer-Lobbyismus. Ein Teil der veröffentlichten Daten zeigt etwa, wie Frankreichs heutiger Staatschef Emmanuel Macron, damals Wirtschaftsminister seines Landes, für Ubers Interessen in den Jahren 2014 bis 2016 interveniert haben soll. Mehr als 50 Anrufe sind verzeichnet zwischen Macron und Uber-Vertretern in Europa.

    SMS an Macron

    So soll sich Macron etwa dafür stark gemacht haben, das Verbot des wichtigsten Uber-Angebots, Uber-X, in Marseille aufzuheben. "Herr Minister, wir sind entsetzt", tippte ein Uber-Lobbyist am Abend des 21. Oktober 2015 auf Französisch in sein Handy, wie das "Profil" schreibt. "Könnten Sie Ihr Kabinett veranlassen und uns dabei helfen zu verstehen, was vorgeht?" Macron antwortete bald darauf: "Ich werde mir das persönlich ansehen."

    Wie auch der "Guardian" schreibt, sei das Verbot des Uber-Dienstes tatsächlich kurz darauf in Marseille aufgehoben worden. Das aufsteigende US-Unternehmen passte zu Macrons Image, der sich als Wirtschaftsminister modern geben wollte.

    Die Daten offenbaren auch ein Treffen zwischen dem damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden und Uber-Chef Kalanick am Rande des Weltwirtschaftsgipfels in Davos. Kalanick beschwerte sich in SMS darüber, dass Biden ihn warten lasse, und Biden lobte danach den Fahrtenanbieter – ohne diesen beim Namen zu nennen –, weil er so viele Jobs schaffe.

    EU-Kommissarin verwickelt

    Auf EU-Ebene sicherte sich Uber dem Bericht zufolge die Unterstützung der EU-Kommissarin für Digitales, Neelie Kroes. Die Niederländerin übernahm nach ihrem Ausscheiden in Brüssel 2014 und nach Ablauf einer durch die Kommission auferlegten 18-monatigen Karenzzeit einen üppig bezahlten Beraterjob bei dem US-Unternehmen.

    Unterlagen aus dem Datenleck legen allerdings nahe, dass es schon während der Karenzzeit im Zusammenhang einer Polizeirazzia gegen Uber in Amsterdam im März 2015 Kontakt zwischen Kroes und Uber gab. Das Unternehmen war demnach höchst erpicht darauf, dies geheim zu halten. Es bestehe das Risiko, dass sich an Kroes eine Debatte über "die politische Drehtür und über Günstlingswirtschaft" entzünde, hieß es den Medien zufolge in einer unternehmensinternen Mail.

    Der "kill switch"

    Ebenfalls in den Dokumenten finden sich Hinweise auf den Einsatz einer "kill switch"-Software. Das war offenbar ein Programm, mit dem Uber-Büros die Software-Verbindung zu Hauptservern unterbrechen konnten, und zwar dann, wenn Razzien bevorstanden. Uber hatte immer wieder Probleme mit regionalen Behörden. Auch das eine Folge des Kampfes, den die Taxiindustrie gegen Uber geführt hat. Der "kill switch" soll in zwölf Ländern eingesetzt worden sein.

    Auch zu Österreich gibt es Daten, dabei geht es unter anderen darum, wie Uber PR-Agenturen engagieren wollte. Das Unternehmen selbst reagierte, indem es von Fehlern in der Vergangenheit sprach, die inzwischen von der neuen Konzernführung korrigiert worden seien.

    Uber war anfangs in europäischen Ländern auf massiven Widerstand und rechtliche Hürden gestoßen. Den Dokumenten zufolge veranschlagte der Konzern allein im Jahr 2016 ein Lobby-Budget in Höhe von 90 Millionen Euro, um diese auszuräumen. Schreibt DER STANDARD.

    Das Datenleck bei Uber ist eigentlich nebensächlich. Viel mehr Gedanken sollten wir uns über die Auswüchse der bis zur Abartigkeit deregulierten Globalisierung machen. Dass US-Konzerne querbeet durch Europa die Hoheit über eine Branche übernehmen, die hierzulande vielen Menschen ein erträgliches Einkommen sicherte, hätte nie passieren dürfen.

    Die Taxichauffeure des US-Konzerns werden durchs Band weg zu Niedrigstlöhnen beschäftigt. Die CEOs des US-Multis kassieren Milliardengehälter, die Aktionäre reiben sich über die Dividenden die Hände und die von Uber dank willfährigen neoliberalen Politikern*innen heimgesuchten Staaten übernehmen die Sozialhilfe für die Taxifahrer.

    Dieses Modell der abartigen Globalisierung wird auf die Dauer nicht aufgehen.

  • 10.7.2022 - Tag der gläubigen Affen

    Gott hat es nicht leicht

    Die besten Cartoons kommen seit einiger Zeit aus Österreich. Wie diejenigen von Rudi Klein in seiner regelmässig erscheinenden Rubrik «Lochgott» in DER STANDARD.

    Die Katze «Meowth» aus der Cartoon-Serie Pokeomon brachte es auf den Punkt: «Wir haben viel gemeinsam, die gleiche Erde, die gleiche Luft, den gleichen Himmel. Vielleicht sollten wir damit anfangen, darauf zu schauen, was wir gemeinsam haben anstatt immer nur danach zu suchen, was uns unterscheidet. Wer weiss?»

  • 9.7.2022 - Tag einer bescheuerten Walliserin und einer kriminellen Kosovarin

    Betrugs-Opfer Petra Z. ist von der Rapperin enttäuscht: «Loredana ignoriert all meine Nachrichten»

    Loredana hat eine Frau um mehrere hunderttausend Franken gebracht. Mit Betrugs-Opfer Petra Z. hat sich die Rapperin inzwischen aussergerichtlich geeinigt. Die Frauen blieben sogar freundschaftlich in Kontakt – bis jetzt. Z. ist vom Kontaktabbruch enttäuscht.

    Loredana (26) hatte am Open Air Frauenfeld ihren grossen Auftritt. Mit Tausenden von Menschen feierte sie auf der Bühne. Nur eine war nicht dabei: Petra Z. (55). Die hätte sich ein Wiedersehen mit der Rapperin gewünscht – obwohl die beiden eine verworrene Geschichte verbindet. Loredana brachte Z. um mehrere hunderttausend Franken. * «Sie hat mir versprochen, dass wir in Kontakt bleiben», sagt Z. zu Blick.

    Der Reihe nach. Loredana war in einen Betrugsskandal verwickelt, die Luzerner Staatsanwaltschaft ermittelte gegen sie. Der Vorwurf: Die Musikerin und ihr Bruder sollen einem Walliser Ehepaar mit irrwitzigen Lügengeschichten rund 700'000 Franken abgeknöpft haben. Im September 2020 hat sie sich mit ihrem Opfer Petra Z. aussergerichtlich geeinigt. Der Deal: Petra Z. erhielt einen Teil ihres Geldes zurück. Dafür zog sie die Anzeige zurück.

    «Sie hat ihr Versprechen nicht gehalten»

    Petra Z. hoffte daraufhin auf eine Freundschaft mit der Musikerin. «Wir haben zuletzt im November 2020 telefoniert», sagt sie. Im Dezember sagte Loredana im Interview mit Apple Music über Z.: «Das ist mir sehr wichtig gewesen, dass ich mit ihr im Guten auseinander bin. Wir telefonieren auch immer noch. Wenn sie was braucht, bin ich da.» Z. fühlt sich von dieser Aussage hintergangen. Sie findet: «Sie hat ihr Versprechen nicht gehalten. Sie ignoriert all meine Nachrichten.»

    Als die Deutsch-Rapperin im November 2021 ihren Auftritt beim Red Bull Symphonic in Luzern hatte, wünschte ihr Petra Z. per Whatsapp-Nachricht, die Blick vorliegt, viel Erfolg für den Auftritt. Loredana lud sie zur Show ein – doch Petra Z. konnte wegen ihrer Arbeit nicht kommen. Auf weitere Nachrichten von Z. reagierte Loredana nicht. Auch nicht auf die guten Wünsche für ihren Auftritt am Open Air Frauenfeld.

    Loredana blockierte Petra Z.

    Die Funkstille wäre für Z. in Ordnung gewesen, wenn Loredana ihr gesagt hätte, dass sie keine Freundschaft möchte. Doch die Aussage von 2020 zeichnete für sie ein anderes Bild. Worüber sie mit Loredana denn so gerne weiter gesprochen hätte? «Über das private Leben», so Z. Möglich ist das jetzt nur noch per SMS. «Loredana hat mich auf WhatsApp und Viber blockiert.»

    Blick hat bei Loredanas Management um ein Statement gebeten. Eine Antwort steht noch aus. Schreibt Blick.

    Tja, das Mitleid mit der (angeblich) um einige Hunderttausend Franken betrogenen Petra Z. hält sich in Grenzen. Hätte sie sich nicht aussergerichtlich mit der Betrügerin aus dem Kosovo geeinigt, sässe die Betrugsqueen vom Balkan vermutlich hinter Gittern. Nur würde der guten Petra Z. in diesem Fall die erhaltene Rückzahlung aus der aussergerichtlichen Einigung fehlen.

    Wer sich für den Spatz in der Hand und nicht für die Taube auf dem Dach entscheidet, muss die Folgen akzeptieren. Von einer Rapperin mit krimineller Energie auf den Social Media-Kanälen blockiert zu werden, ist ja eher eine Wohltat als ein Grund zum Jammern.

    * https://www.blick.ch/schweiz/zentralschweiz/abzock-rapperin-und-petra-z-umarmen-sich-in-luzerner-hotel-loredana-und-ihr-opfer-haben-sich-geeinigt-id16107319.html

  • 8.7.2022 - Tag der vergewaltigten Wahrscheinlichkeit

    Kaum Erfolge für Russland

    Die russischen Angriffe auf die Ostukraine gehen unvermindert weiter. Doch Experten sehen Anzeichen dafür, dass sich die Offensive abschwächt.

    Nachrichten über Russlands brutalen Feldzug gegen die Ukraine haben seit dem Ausbruch des Krieges am 24. Februar am Donnerstag seit Langem erstmals ernsthafte Konkurrenz bekommen: Die Ankündigung des britischen Regierungschefs Boris Johnson, zurücktreten zu wollen, feierten viele ukrainische Medien ausführlich ab.

    Die Nachrichtenseite focus.de fragte sich, wer Boris Johnson gewesen sei und was den Ukrai­ne­r*in­nen von ihm in Erinnerung bleiben werde. „Im Kreml will man eine Spaltung sehen“, schrieb das Nachrichtenportal Novoje Vremja und ließ den Politologen Wladimir Fesenko darüber sinnieren, was die Ukraine mit dem Rücktritt Johnsons verliere.

    „Sein Vorteil für Kiew bestand darin, dass er eine starke Figur und sehr emotional engagiert darin war, die Ukraine zu unterstützen.“ Das Wichtigste sei, dass jetzt in der Tory-Partei keine internen Diskussionen über eine Unterstützung für die Ukraine stattfänden, schrieb Fesenko.

    Unterdessen gingen die russischen Angriffe auf Gebiete in der Ostukraine weiter. Dabei seien innerhalb von 24 Stunden mindestens neun Zi­vi­lis­t*in­nen, darunter mehrere Kinder, getötet und sechs weitere verletzt worden, teilte das ukrainische Präsidialamt am Donnerstag mit.

    Einheiten verlegt

    Offenbar kämpfen russische Truppen immer noch um eine vollständige Kontrolle des bereits weitgehend eroberten Gebiets Luhansk. Dazu hätten die Russen einige ihrer Einheiten verlegt, teilte der ukrainische Generalstab mit. Der Gouverneur von Luhansk, Serhij Gaidai, sprach von Kämpfen in den Außenbezirken von Lyssytschansk. Die strategisch wichtige Stadt hatten russischen Truppen am vergangenen Wochenende eingenommen.

    Zudem berichtete Gaidai von veritablem Terror gegenüber Zivilisten in der Stadt Kremennaja. So würden Menschen mit einer pro­ukrai­nischen Haltung oder solche, die sich weigerten, mit den Besatzern zusammenzuarbeiten, verfolgt. „In Kremennaja hat der Terror ein solches Ausmaß erreicht, dass Menschen direkt auf der Straße erschossen werden. Dabei helfen lokale Kollaborateure, die die Bevölkerung ausliefern, indem sie die genauen Adressen bestimmter Personen weitergeben“, berichtete Gaidai auf Telegram.

    Laut Angaben des ukrainischen Generalstabs sei auch das Donezker Gebiet von russischen Truppen erneut beschossen worden. Der Bürgermeister von Kramatorsk berichtete von Luftangriffen auf das Zentrum der Stadt, es gebe Opfer, Rettungskräfte seien im Einsatz. Die Bevölkerung forderte er auf, in Notunterkünften zu bleiben, da die Gefahr noch nicht gebannt sei.

    Seit vergangener Woche ist dies bereits der zweite Angriff auf Kramatorsk. Bei einem Raketenangriff auf das örtliche Bahnhofsgebäude Anfang April waren über 50 Menschen getötet worden. Neben Slowansk ist Kramatorsk die zweite größere Stadt in der Region, die noch unter ukrainischer Kontrolle steht. Beide Städte gelten als nächste strategische Ziele Russlands, um den gesamten Donbass unter Kontrolle zu bekommen.

    Keine Gebietsgewinne

    Wie lange das dauern könnte, ist unklar. Denn Russland könnte nach Einschätzung von Beobachtern seine Offensive in der Ukraine vorläufig abschwächen. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War teilte am Donnerstag mit, das russische Militär habe am Vortag keine Gebietsgewinne in der Ukraine gemeldet – zum ersten Mal seit 133 Tagen. Dies könne ein Hinweis auf eine operative Pause sein, die aber keine vollständige Einstellung der Angriffe bedeute.

    „Die russischen Streitkräfte werden sich wahrscheinlich auf relativ kleine Offensivaktionen beschränken“, erklärte das Institut. Gleichzeitig versuchten sie, ihre Kräfte für größere Angriffe neu zu sammeln. Schreibt die TAZ.

    Es ist schon erstaunlich, was diese Experten so alles wissen. Auch wenn sich das ausserirdische Wissen ein paar Tage nach der Veröffentlichung meistens als Makulatur erweist.

    Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Vor allem, wenn der Konjunktiv und das Wörtchen «wahrscheinlich» exzessiv verwendet werden.

  • 7.7.2022 - Tag der Hoffnung

    Krieg gegen Russland: Die Ukraine setzt immer noch auf Sieg

    Gut 130 Tage nach Beginn der großen russischen Invasion prägen gemischte Gefühle die Stimmung in der Ukraine: Zwar musste die Armee Sjewjerodonezk und Lyssytschansk – die letzten großen Städte des Bezirks Luhansk – aufgeben. Doch die Russen mussten sich dafür von der strategisch wichtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer verabschieden. Auch im größtenteils besetzten südlichen Bezirk Cherson gibt es kleine, vorerst noch wenig erfolgreiche ukrainische Gegenoffensiven. Und natürlich erschüttern Tragödien wie die Zerstörung eines Einkaufszentrums in Krementschuk mit mehr als 20 Toten durch eine russische Rakete die Bevölkerung.

    Längst herrscht ein Abnutzungskrieg – mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Nicht zuletzt deswegen wollen die Russen nach den Kämpfen um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk auf Befehl ihres Präsidenten Wladimir Putin hin eine "operative Pause" einlegen.

    Gesellschaft bestärkt

    Doch die ukrainische Gesellschaft zeigt sich weiter geeint und positiv. "Natürlich existiert eine gewisse Kriegsmüdigkeit oder anders gesagt: eine Gewöhnung an den Krieg", erklärt der Politologe Wolodymyr Fessenko. "Der Beschuss von Städten wie Krementschuk bestärkt die Gesellschaft in der Meinung, dass die Fortsetzung des Kampfes absolut notwendig ist. Das ist das Gegenteil dessen, was die Russen erreichen wollen."

    Jedoch glaubt Fessenko, der das Penta-Zentrum für angewandte politische Forschung leitet und Präsident Wolodymyr Selenskyj nahesteht, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer noch nicht ganz realisieren, wie lange der Krieg wirklich dauern könnte: "Es gibt Menschen, die an ein Kriegsende in zwei, drei Monaten glauben. Das ist im Moment wenig realistisch", meint er im Gespräch mit dem STANDARD. "Die Offiziellen sprechen meist vom Jahresende. Am realistischsten ist aber die Einschätzung, dass bis dahin zwar die aktive Phase vorbei sein könnte, der Positionskrieg jedoch vermutlich nicht."

    Anfängliche Illusionen

    Ljudmyla Subryzka, Politologin an der renommierten Kiew-Mohyla-Akademie, sieht das anders. "Es gab am Anfang Illusionen – nicht zuletzt deswegen, weil die offiziellen Kommentatoren lange von zwei oder drei Wochen bis Kriegsende sprachen. Das ist mit der Zeit sogar zu einem geflügelten Wort geworden", sagt Subryzka. "Die Menschen haben nun aber akzeptiert, dass es möglicherweise sehr lange dauern wird."

    Aus ihrer Sicht haben sich die für die Menschen akzeptablen Minimalziele verändert: "Als die Russen vor Kiew standen, haben die Menschen die Rückkehr zum faktischen Status quo vom 23. Februar für okay gehalten. Nun will man aber das gesamte besetzte Gebiet zurück. Tragödien wie Krementschuk oder die Zerstörung eines Wohngebäudes im Bezirk Odessa verstärken diese Stimmung."

    Aktuelle Umfragen zeigten allesamt, dass mehr als 80 Prozent jegliche territorialen Zugeständnisse ablehnen – was allerdings nicht automatisch die militärische Rückeroberung bedeutet.

    Unterschiedliche Erwartungen

    Fessenko hält, anders als Subryzka, die Rückkehr zur Ausgangslage vom 23. Februar für Gesellschaftskonsens. Natürlich gebe es in Bezug auf die von Russland annektierte Krim unterschiedliche Erwartungshaltungen. "Ich glaube aber, dass sie sich mit der Zeit immer mehr abmildern werden. Wir wissen ja nicht, wie gut die militärische Hilfe weiter ankommen wird, wann die große ukrainische Gegenoffensive wirklich kommt – oder ob sie überhaupt kommt."

    Insgesamt entsteht in der Ukraine der Eindruck, dass der Status quo vor der großen Invasion als "Mindestsieg" gilt – es sind jedoch auch weiterhin sehr unterschiedliche Positionen zu hören. "Der Sieg wäre ausschließlich die Rückeroberung aller besetzten Gebiete – inklusive der Krim", meint etwa die Journalistin Marjana Metelska aus dem westukrainischen Luzk. "Der Krieg könnte Ende dieses Jahres oder in der ersten Hälfte 2023 vorbei sein." Ihr Kollege Roman Sintschuk aus Riwne, ebenfalls Westukraine, ist weniger optimistisch: "Wir würden dann gewinnen, wenn wir erfolgreich eine Verteidigungslinie aufbauen, die die Russen nicht durchbrechen können. Das ist bisher nicht der Fall."

    Dmytro Prysiwok, Lehrer aus der östlichen Region Poltawa, wo auch die Industriestadt Krementschuk liegt, betont hingegen: "Der Minimalsieg wäre, die Russen aus allen Bezirken zu vertreiben – mit Ausnahme der Krim." Der Raketenbeschuss mache Kompromisse oder ein Aufgeben undenkbar.

    In jedem Fall, auch darauf weisen die Umfragen hin, blickt man in der Ukraine – abgesehen vom Krieg – optimistischer als vor dem 24. Februar in die Zukunft: Laut dem Kiewer Internationalen Soziologie-Institut spüren 52 Prozent der Menschen für die Zukunft großen Optimismus. Im Dezember 2021 lag dieser Wert noch bei mageren neun Prozent. Schreibt DER STANDARD.

    Die Hoffnung stirbt bekannterweise zuletzt. Was sollen die Ukrainerinnen und Ukrainer denn sonst tun als an einen «Sieg» zu glauben, wie immer der sich präsentieren wird?

    Natürlich hoffen etliche Staatenlenker*innen, Putin-Versteher*innen und verkommene Wirtschafts-Eliten, dass die Ukraine kapituliert und ihr Land endlich an den russischen Diktator übergibt. Das würde immerhin die Energie-Probleme des Westens lösen. Und danach lechzen viele!

  • 6.7.2022 - Tag der utopischen Putin-Versteher und Hämorrhoiden

    Yves Rossier: «Nicht alles glauben, was im Westen erzählt wird»

    Der ehemalige Schweizer Botschafter in Moskau Yves Rossier sieht die Schuld am Krieg in der Ukraine bei Russland. Der Westen und die Ukraine hätten im Vorfeld allerdings Fehler gemacht.

    «Die Schuld am Krieg liegt aber einzig und allein bei Russland, das ist klar», sagte Rossier im Interview mit den Zeitungen der CH-Media-Gruppe. Russland habe in der Vergangenheit aber sowohl in die Nato als auch in die EU gewollt. «Das waren verpasste Chancen.» Es habe die Möglichkeit auf ein Europa als dritte Supermacht gegeben. «Aber nur mit Russland», so Rossier.

    Dazu komme die westliche Sicht auf die Maidanproteste 2014 in der Ukraine. «Hier ist die Lesart des Westens wirklich falsch», sagte Rossier. Das sei kein Aufstand gegen Autokraten gewesen, sondern fast ein Bürgerkrieg. Die Ukraine habe sich damals gezwungen gesehen, zwischen dem Westen und Russland zu wählen. «So etwas macht ein Land kaputt.»

    Eine neutrale Rolle wäre für die Ukraine natürlicher gewesen. Dafür dass die Minsker Abkommen nach der Annexion der Krim nicht umgesetzt worden seien, sei auch die Ukraine mitverantwortlich. All dies rechtfertige aber keinen Angriff auf ein anderes Land, so Rossier.

    Über die Sanktionen gegen Russland sagte Rossier: «Wenn man Russland wehtun will, muss man zu leiden bereit sein.» Wolle man Putin den Geldhahn zudrehen, müsste komplett auf Öl und Gas verzichtet werden. Sanktionen führten zudem nie zu einer Änderung der Aussenpolitik eines Landes. Als Beispiele führte er den Iran und Nordkorea an.

    Die Stimmung in Moskau, wo er zuletzt Anfang Juni zuletzt war, beschrieb Rossier als «bedrückt, finster. Ich habe nichts gespürt von einem kriegerischen Patriotismus und kein einziges «Z» gesehen.» Die Leute Russlands könnten sich durchaus selbst informieren. «Man sagte mir, wir sollten auch nicht alles glauben, was im Westen erzählt wird. Und ich glaube, das stimmt.»

    Seine Begegnungen mit Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete er als «sehr angenehm». «Die zwei, drei Male, als ich mit ihm diskutiert habe, hörte er mir zu und ging auf meine Argumente ein.» Schreibt Blick.

    Es habe die Möglichkeit auf ein Europa als dritte Supermacht gegeben. «Aber nur mit Russland», sagt Yves Rossier. Eine etwas naiv-optimistische, wenn auch ziemlich unmögliche Vision von Ex-Botschafter Rossier.

    Damit wäre die «Supermacht» Europa wohl der abhängige Juniorpartner von Russlands Gnaden gewesen statt von den USA. Vom Regen in die Traufe sozusagen. Ganz zu schweigen davon, was unser aller Weltmacht des Billig-Gerümpels aus dem «Land es Lächelns» dazu gesagt hätte.

    Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt setzte politische Utopien quasi mit Hämorrhoiden gleich: «Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.»

  • 5.7.2022 - Tag der Sommerloch-Wuchtbrummen

    Vom siebten Himmel in die Hölle: Melanie S. (37) heiratete einen Kubaner, holte ihn in die Schweiz – dann begann der Ehe-Horror: «Liebe Frauen, seid nicht so dumm wie ich!»

    So hatte sie sich ihre Ehe nicht vorgestellt: Melanie S. (37) heiratete die vermeintliche Liebe ihres Lebens spontan in Kuba. Zurück in der Realität, habe sich ihr Traummann in einen Tyrannen verwandelt. Nun will sie mit ihrer Geschichte anderen Betroffenen Mut machen.

    Melanie S.* (37) sitzt aufgeregt in einer Walliser Gartenbeiz. Der gelernten Coiffeuse fällt es schwer, über die vergangenen Jahre zu sprechen. Aber: «Was mir passiert ist, sollte niemandem jemals widerfahren. Darum erzähle ich meine Geschichte.»

    Juni 2014. Die junge Frau sucht ihr Liebesglück auf einer Dating-Plattform. Eines Tages trifft sie auf Miguel Z.* (32), der in Kuba lebt. Die beiden verstehen sich blendend, einem Online-Übersetzungsdienst sei Dank. «Im März 2015 bin ich dann ganz allein nach Kuba gereist», erzählt sie. Ihrem Umfeld habe sie den Grund für die Reise verschwiegen.

    In der Schweiz zeigte er sein wahres Gesicht

    In Kuba angekommen, schwebte die Walliserin auf Wolke sieben. «Er war so aufmerksam. Und ich hatte mir gesagt, dass ich ihn – wenn wir uns verstehen – direkt heirate. Das macht halt einiges einfacher.» So kommt es, dass Melanie S. nach nur einer Woche ihre vermeintlich grosse Liebe heiratet.

    Zurück in der Schweiz, habe sie sich ins Zeug gelegt, damit Miguel Z. so rasch wie möglich nachkommen konnte. «Am 7. August 2015 kam er in Genf an – und war irgendwie verändert», erinnert sie sich. «Mitte Oktober wurde er das erste Mal gewalttätig.»

    Zu Beginn habe sie die Schuld für sein Verhalten bei sich selbst gesucht – sich gesagt, er brauche Zeit, hier anzukommen. «Er hat auch unsere Sprache nicht gelernt und darum keine Arbeit gefunden. Und für manche Jobs war er sich zu schade», erzählt sie seufzend. «Ich habe dann nebst meinem Bürojob jeweils noch mehrere Abende pro Woche in einer Diskothek gearbeitet und am Wochenende Chalets geputzt.» Er sei währenddessen daheim gewesen: «Und ging nicht einmal mit dem Hund spazieren.»

    Beschimpft, erniedrigt, geschlagen

    Ihr Gatte habe sich die Zeit etwa mit Onlineshopping vertrieben. Die Schulden hätten sich zusammengeläppert. «Ich durfte nie in die Ferien. Er wiederum reiste pro Jahr immer für einen Monat zu seiner Familie», berichtet sie weiter. Auch fremdgegangen sei er regelmässig.

    Doch Melanie S. glaubte an die Liebe, ihr Mann habe sich auch immer wieder entschuldigt und Besserung gelobt. Doch: «Er hat mich vier Jahre und zehn Monate lang als ‹dick› und ‹hässlich› beschimpft, mit dem Messer bedroht, geschlagen, mit Füssen getreten und gegen meinen Willen angefasst. Ich hatte mehrmals Todesangst», führt sie aus. «Irgendwann habe ich mich zur Entscheidung durchringen können, zur Polizei zu gehen.»

    «Damals hatte ich immer Hoffnung»

    Nach der Trennung habe er sie gestalkt: «Darum bin ich ins Ausland gezogen.» Die Kirsche auf der Torte wurde der Walliserin aber erst beim Scheidungsurteil serviert: Da sie berufstätig und ihr Ex arbeitslos war, musste sie ihm fast 23'000 Franken von ihrer zweiten Säule bezahlen. Auch auf den Betreibungen von etwa 70'000 Franken blieb sie sitzen. So wolle es halt das Gesetz, erklärt sie fassungslos.

    «Ich bereue nicht, dass ich etwas gewagt und schnell geheiratet habe. Ich bereue es, dass ich nicht früher die Reissleine gezogen habe», sagt sie rückblickend. «Ich habe immer Hoffnung gehabt. Heute weiss ich, dass sich so ein Mensch nie ändert. Liebe Frauen, seid nicht so dumm wie ich!» * Namen geändert. Schreibt Blick.

    Einfältige Wuchtbrummen erobern die Frontseiten des Boulevards im Sommerloch, nachdem die Ukraine-Livetickerformate keine Klicks mehr hergeben. Und dies beileibe nicht nur bei Blick. Beim TikTok-Ableger «20Minuten» geht's immer noch einen Tick dicker. Im wahrsten Sinne des Wortes.

  • 4.7.2022 - Tag der riesigen Gasvorkommen in der Schweiz

    Wir könnten uns mehrere Generationen lang selbst versorgen: Unter der Schweiz lagert genug Erdgas

    In der Schweiz und vielen europäischen Ländern droht eine akute Gasknappheit. Doch nun zeigen neue Blicke auf alte Projekte, dass die Schweiz beim Gas zur Selbstversorgerin werden könnte.

    «Unter der Schweiz hat es genug Gas, damit wir uns selbst versorgen können!» Das sagt Patrick Lahusen (77), der seit Jahrzehnten in der Schweiz nach Öl und Gas bohrt. Lahusen kennt den Boden unter der Schweiz wie besser als seine Westentasche, ist im Besitz vieler wertvoller Daten für die mögliche Ausbeutung von Lagerstätten.

    Das ist ein Lichtblick in der verzweifelten Suche der Schweiz nach Ersatz für russisches Erdgas. Denn die Umleitung der globalen Gasströme ist ein aufwendiges Unterfangen, es brauchte neue Pipelines oder Flüssiggas-Terminals, um das Gas vom Golf oder den USA nach Europa und damit auch in die Schweiz zu leiten.

    Viel in der Schweiz gebohrt

    Hierzulande wurde immer wieder nach Öl- und Gasvorkommen gesucht. So etwa in der Waadt, am Genfersee oder in Weiach ZH. Dort wurde sogar die umstrittene Fracking-Methode angewandt. Dabei wird unter grossem Aufwand das Lagergestein aufgebrochen, damit die Öl- und Gasvorkommen überhaupt ausgebeutet werden können. Lahusen beruhigt: «Diese Technologie hat man heute viel besser im Griff. Wenn man es richtig macht, gibt das heute keine grossen Probleme mehr.»

    Bei den meisten Projekten war Lahusen mit dabei. Es gebe hierzulande einige Bohrungen, die lediglich mit sogenannten Zementbrücken verschlossen sind. «Diese liessen sich innert weniger Wochen wieder öffnen.» Wo die Probebohrungen genau liegen, will Lahusen nicht verraten, aus Rücksicht auf die lokale Bevölkerung. Diese soll nicht aus den Medien erfahren, das unter ihren Häusern möglicherweise die Lösung der Schweizer Gasprobleme liegt.

    Gas aus Finsterwald LU

    In der Schweiz wurde bislang erst ein nennenswertes Gasvorkommen ausgebeutet. In Finsterwald LU wurde nach Öl gesucht und Gas gefunden. Das Vorkommen wurde zwischen 1985 und 1994 Gas ausgebeutet, das Gas in die nahe Transitpipeline eingespeist. Geld wurde damit keines verdient, aber immerhin konnten die Produktionskosten und ein Teil der Bohrkosten gedeckt werden.

    Auch in St. Gallen stiess man bei einem Geothermie-Projekt auf Gas, doch wurde die Förderung des Vorkommens damals nicht in Betracht gezogen. Bis vor wenigen Monaten war es viel billiger, Gas aus dem Ausland zu importieren, als den Energieträger vor der eigene Haustüre zu fördern.

    Das hat sich mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges radikal geändert. Denn je höher der Öl- und Gaspreis, desto eher lohnt es sich, selbst in der Schweiz nach Gasvorkommen zu suchen.

    Vielversprechende Vorarbeiten

    Ganz konkret im Tessin. Dort könnte Erdgas sogar schon sehr bald gefördert werden, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. «Wenn alles rund läuft und uns die verantwortlichen Behörden unterstützen, können wir ab Ende 2025 in der Schweiz Erdgas fördern», sagt Pietro Oesch. Der pensionierte Unternehmer beschäftigt sich schon lange mit der Suche nach Gas im Tessin.

    Oesch hat schon früher den Tessiner Boden nach Gasvorkommen durchwühlt: «65 Prozent der Vorarbeiten und Abklärungen wurden in der Zeit zwischen 2000 und 2010 bereits gemacht». Erste Resultate fielen zwar vielsprechend aus. Nicht überraschend, denn im benachbarten Italien wird seit Jahrzehnten Gas gefördert. Doch 2018 wurde das Projekt eingestellt.

    Auch wenn Lahusen das Tessin «als grundsätzlich interessant für die Suche nach Gas» bezeichnet, ist er bezüglich des Umfangs der Lagerstätte unter dem Lago Maggiore etwas skeptisch: «Im See gibt es immer wieder Gasaustritte. Das heisst, dass Reservoir rinnt.» Kommt hinzu, dass im Tessin die eurasische und die afrikanische Platte aufeinander stossen. Das heisst, der Druck im Untergrund ist hoch, das Gas in ganz kleinen Gesteinsporen eingeschlossen. Schreibt Blick.

    Man ist in struben Zeiten wie diesen geneigt über jeden Strohhalm zu frohlocken. «Let's do it!» schreit unsere gequälte Seele.

    Doch im Konjunktiv geschriebene Artikel und Aussagen von 77-jährigen Senioren halten einem Realitätscheck meistens nicht stand.

    Ausserdem sollte man sich das «Zeter und Mordio»-Geschrei inklusive Demos der vereinten Weltverbesserer*innen berücksichtigen. Da werden die Politgrössen wohl eher explodierende Nebenkosten in Kauf nehmen als an der Wahlurne abgewählt zu werden.

    Nebenbei: Der Begriff «Zeter und Mordio» in seiner eigentlichen Bedeutung ist hier falsch. Aber mir gefällt er so sehr, dass ich nicht von ihm lassen kann. Oder frei nach dem Film von Fritz Lang «Eine Stadt sucht einen Mörder»: Kann nicht. Muss!

    Soviel Starrsinn muss mir am 4. Juli erlaubt sein. Immerhin feiere ich heute zusammen mit Tom Cruise («Born on the Fourth of July») meinen 32. Geburtstag. Zum dritten Mal.

  • 3.7.2022 - Tag des stresslosen Politikerdaseins

    Politikerinnen und Politiker leben länger als die von ihnen Regierten

    Die politische Elite lebt in reichen Ländern länger als die Durchschnittsbevölkerung. Elf Nationen wurden für die Analyse herangezogen, darunter Österreich.

    Parlamente als Horte der Langlebigkeit? Was regelmäßig vorkommende Schlägereien in den Kammern der Volksvertretung – von Hongkong über Südafrika bis hin zum EU-Parlament – bezweifeln lassen, bestätigt nun eine Studie der Universität Oxford. Politikerinnen und Politiker erfreuen sich im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung einer höheren Lebenserwartung.

    Dieses Urteil basiert auf Daten aus elf Ländern mit hohem Einkommen und schließt mehr als 57.500 Politpersönlichkeiten ein. Ihre verblüffenden Erkenntnisse veröffentlichten die Forschenden im Fachjournal "European Journal of Epidemiology". Gesammelt und durchleuchtet wurden Informationen über Politikerinnen und Politiker aus Australien, Österreich, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Neuseeland, der Schweiz, Großbritannien und den USA.

    In vielen Staaten wurden kürzlich erreichte Verbesserungen in der Lebenserwartung von der Corona-Pandemie durchkreuzt. Dieser Umstand führte das Forschungsteam von Oxford Population Health zur Frage, ob gewisse elitäre Berufe – etwa in der Politik – mit einer besseren Gesundheit einhergehen. Für ihre Analyse blickten die Forschenden bis ins Jahr 1816 (in Frankreich) zurück und untersuchten die Sterblichkeit bis 2017.

    Bis zu sieben Jahre mehr

    Damit legt das Team die bisher umfangreichste Untersuchung zum Thema vor. Zuvor haben sich Studien, die die Sterblichkeitsraten zwischen Politikerinnen und Politikern und der von ihnen vertretenen Bevölkerung verglichen, in der Regel auf eine Nation oder wenige Länder konzentriert.

    Wie aber ist das nun mit der Politik und dem langen Leben? Die Erkenntnisse aus Oxford konnten tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Beruf und Lebenserwartung herstellen: Der Überlebensvorteil, den der Politberuf vielerorts bringt, ist in einigen analysierten Nationen – etwa den USA – auf dem höchsten Stand seit 150 Jahren.

    Doch damit nicht genug: In manch untersuchtem Land überleben Politikerinnen und Politiker die Durchschnittsbevölkerung gar um sieben Jahre. Diesen Rekordwert erreichten die USA, während der Wert etwa in den Niederlanden bei einem Plus von rund vier Jahren liegt. Die Oxford-Gruppe verglich die Anzahl der Todesfälle unter Politikerinnen und Politikern jedes Jahr mit der durchschnittlichen Bevölkerungssterblichkeitsrate.

    Zudem berechneten sie die Unterschiede in der Lebenserwartung ab dem Alter von 45 Jahren zwischen den Volksvertreterinnen und -vertretern und der allgemeinen Bevölkerung. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Überlebensvorteil der Politiker heute im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr hoch ist", sagt Laurence Roope, Senior Researcher bei Oxford Population Health und Mitautor der Studie.

    Typische Politleiden

    Viele mögen auf der Suche nach einer Erklärung zuerst an finanzielle Faktoren denken. Schließlich wirft die Politik Gehälter ab, die jene der durchschnittlichen Bevölkerung bei weitem übersteigen. Dies mag zwar zu den Gründen gehören, den Forschenden zufolge müssen aber auch andere Faktoren eine Rolle spielen. Denn: Die Ungleichheit bei den Einkommen stieg vor allem ab den 1980er-Jahren, die Unterschiede in der Lebenserwartung zeigten sich aber bereits vor den 1940er-Jahren.

    Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter vermuten einen Mix an Ursachen hinter dem Phänomen. Dazu gehört etwa die Verfügbarkeit besserer Therapien für Erkrankungen, die eher Menschen im politischen Geschäft treffen – insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

    Als Beispiel führen die Forschenden an, dass sowohl US-Präsident Franklin Roosevelt als auch der britische Premierminister Winston Churchill an Bluthochdruck litten. Beide starben schließlich an einem Schlaganfall. Seit jedoch in den 1960er-Jahren blutdrucksenkende Medikamente großflächig verfügbar wurden, ist das Risiko, an Kreislauferkrankungen zu sterben, deutlich gesunken.

    Imagepflege

    Ausschlaggebend könnte daneben auch ein neuer Politstil sein, der sich seit einigen Jahren immer stärker etabliert. Öffentliche Auftritte und Imagepflege werden dabei für das Ansehen von Politikerinnen und Politikern zusehends wichtiger. Neue Kampagnenmethoden – inklusive Fernsehübertragungen und der Präsenz auf Social-Media-Kanälen – könnten auch die Art der Personen verändern, die sich für eine politische Laufbahn entscheiden.

    Es ist auch möglich, dass sich dies auf die Lebenserwartung dieser Gruppe auswirkt. Da die nun vorgelegte Studie Länder mit hohem Einkommen in den Fokus nimmt, sei bei Vergleichen jedoch Vorsicht geboten. So können die Ergebnisse wohl nicht auf Staaten mit mittlerem oder niedrigem Einkommen umgelegt werden, mahnen die Forschenden. Schreibt DER STANDARD.

    Könnte es bezüglich der höheren Lebenserwartung von Politikern*innen sein, dass sich die Polit-Elite viel weniger über ihr Wahlvolk und dessen Befindlichkeiten ärgert als umgekehrt?

    Psychischer Stress und Schnappatmungen sollen gemäss der Wissenschaft die Lebensdauer nicht unbedingt fördern.

    Sollte dies tatsächlich zutreffen, würden unsere Trychler ja wesentlich früher das Zeitliche segnen als ihre Bonzen.

  • 2.7.2022 - Tag der toxischen Worte wie «Schlitzauge»

    Nasa-Chef warnt vor China: Neues Rennen um Vorherrschaft auf dem Mond

    Der Nasa-Chef warnt vor dem chinesischen Weltraumprogramm und einem neuen kalten Krieg im All. Die Chinesen würden die Vorherrschaft auf dem Mond suchen und bald sagen: «Das gehört jetzt uns, und Ihr bleibt draussen.»

    Nasa-Chef Bill Nelson hat vor dem chinesischen Weltraumprogramm gewarnt. «Wir müssen sehr besorgt darüber sein, dass China auf dem Mond landet und sagt: Das gehört jetzt uns, und Ihr bleibt draussen», sagte er der Tageszeitung «Bild».

    «Chinas Weltraum-Programm ist ein militärisches Weltraum-Programm», sagte Nelson. Anders als beim «Artemis»-Programm der Amerikaner seien die Chinesen nicht gewillt, ihre Forschungsergebnisse zu teilen und den Mond gemeinsam zu nutzen. «Es gibt ein neues Rennen zum Weltraum - diesmal mit China.»

    China arbeitet daran, eigene Astronauten auf den Mond zu bringen. Mehrfach ist die Volksrepublik bereits mit Forschungsrobotern auf der Mondoberfläche gelandet und hat auch erfolgreich Mondgestein auf die Erde zurückgebracht.

    China stehle Ideen und Technologien

    In den 2030er-Jahren, so heisst es in Berichten chinesischer Staatsmedien, soll in einem weiteren Schritt eine permanente Station auf dem Erdtrabanten entstehen. Die Forschungsstation könnte demnach gemeinsam mit Russland aufgebaut und betrieben werden.

    Auf die Frage, welche militärischen Zwecke China im Weltraum verfolgen könnte, antwortete Nelson der Zeitung: «Nun, was glauben Sie, was auf der chinesischen Raumstation passiert? Sie lernen dort, wie man die Satelliten von anderen zerstört.»

    Darüber hinaus beklagte Nelson auch den chinesischen Technologiediebstahl: «China ist gut. China ist aber auch deshalb gut, weil sie die Ideen und Technologien von anderen stehlen.» Schreibt Blick.

    In den Zeiten vor Corona, als die schönste Stadt der Welt Luzern noch von den chinesischen Touristen*innen geflutet wurde, kreischte eine aufgebrachte Luzernerin ins Mikrophon eines Lokaljournalisten, der gerade eine Reportage über die chinesischen Touristen in der Stadt Luzern machte: «Of e Mond met dene forchtbare ....». Das Wort «Schlitzaugen» steht auf dem Index und wurde entsprechend ausgeblendet.

    Falls die kreischende Luzernerin den Blick-Artikel liest, wird sie sicher eine klammheimliche Freude empfinden, sollte ihr Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen.

    Ni Hao!

  • 1.7.2022 - Tag der starken Frauen

    Legt Spiess-Hegglin der Boulevardpresse definitiv die Zügel an?

    Seit acht Jahren dreht die Geschichte um die frühere Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin und die Ereignisse an der Landammann-Feier. Mit dem jüngsten Urteil gegen Ringier zur Herausgabe von Gewinnen aus Artikeln zeichne sich eine Zäsur ab, sagt SRF-Medienredaktor Salvador Atasoy.

    SRF News: Welche Bedeutung hat dieses Urteil des Zuger Kantonsgerichts?

    Salvador Atasoy: Das Urteil ist ein Novum in der Schweizer Medienlandschaft. Noch nie musste ein Verlag den Wert von einzelnen Artikeln berechnen. Die Verlage stellten sich bisher immer auf den Standpunkt, das sei gar nicht möglich. So gesehen ist es tatsächlich eine Zeitenwende, auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist und Ringier das Urteil ziemlich sicher weiterzieht. Das erstinstanzliche Urteil des Kantonsgerichts zeigt aber: Die Forderung steht im Raum und wird juristisch gestützt.

    Jolanda Spiess-Hegglin hat mehrere Klagen gegen Ringier am Laufen. Worum geht es bei der aktuellen Klage.

    Im Grunde geht es auch hier um Persönlichkeitsverletzungen und die Frage, ob die Geschichte der Landammann-Feier von öffentlichem Interesse ist oder nicht. Bisher ging es allerdings um genau einen Artikel. In diesem Fall urteilte das Zuger Obergericht 2020 zweitinstanzlich zugunsten von Spiess-Hegglin. Ringier akzeptierte das Urteil und entschuldigte sich.

    Im jüngsten Urteil geht es ums gleiche Prinzip, allerdings bei mehreren Blick-Artikeln. Die Journalistin, Politikern und heutige Aktivistin Spiess-Hegglin geht aber einen Schritt weiter: Und zwar mit der Forderung, dass Ringier auch die Gewinne aus den umstrittenen Stories herausgeben soll. Das Kantonsgericht sieht den Anspruch der Klägerin in vier von fünf eingereichten Artikeln als berechtigt an.

    Ist es überhaupt möglich, die Gewinne zu berechnen, die in der Zeitung und online waren und auch in den sozialen Medien verbreitet wurden?

    Das Gericht bejaht: Blick habe dank den Geschichten die Auflage steigern können und müsse deshalb den Gewinn abzüglich Unkosten abgeben, so das Urteil. Das Gericht gibt dazu sogar die Anleitung. Es verlangt, dass Ringier die Einzelverkäufe gewisser Blick-Nummern nennt, ebenso die Kennzahlen der einzelnen Online-Artikel.

    Experten wie etwa der ehemalige Chefredaktor von 20 Minuten online, Hansi Voigt, sagt: Der Wert eines einzelnen Clicks zu einem bestimmten Zeitpunkt könne berechnet werden, wenn man Werbeeinnahmen und Konditionen kenne. So zeige sich, was ein Unternehmen mit einer Geschichte verdient habe.

    Was würde es für die Medien und künftige Schmutzkampagnen bedeuten, wenn das Urteil bis zum Bundesgericht bestehen bliebe?

    Es wäre ein Wendepunkt. Jolanda Spiess-Hegglin geht es letzten Endes darum, einen Schlüssel zu definieren, wie entstandener Schaden materiell berechnet werden kann. Das war bisher nicht möglich. Es geht also darum, einen Präzedenzfall zu schaffen.

    Dies wiederum würde bedeuten, dass die Berichterstattung für Medien schwieriger wird und mehr Leute, die sich verletzt fühlen, klagen könnten. Ein Artikel, basierend auf Gerüchten und übler Nachrede, wäre künftig juristisch noch viel heikler als heute. Gerade für den Boulevard wäre das eine harte Einschränkung, lebt dieser doch zumindest teilweise von Gerüchten und Anwürfen.

    Das Gespräch führte Roger Brändlin. Schreibt SRF.

    Man kann über Frau Spiess-Heglin* denken, was man will, aber ihr Marathon durch die Gerichtsinstanzen nötigt Respekt ab. Ich sage das als einer, der ebenfalls Witze über die Zuger Politikerin gerissen hat.

    Sie ging politisch wie auch familiär durch die Hölle des gnadenlosen Boulevards. Doch am Ende siegte sie als starke Frau nicht nur über das Clickbaiting** der einschlägigen Medien, sondern auch über die Primitivität einiger SVP-Granden und deren Durchlauferhitzer «Weltwoche».

    Nun müsste sie eigentlich nur noch den Ziehsohn des Paten vom Herrliberg verklagen. Die Schadenfreude wäre wohl sehr gross, würde Christoph Mörgeli*** zu einer saftigen Busse verurteilt.

    * Wikipedia über Spiess-Hegglin

    ** Wikipedia über Clickbaiting

    *** Mörgeli / «Luder»

    Krasses Clickbaiting
  • 30.6.2022 - Tag des Humors in Kriegszeiten

    «In jedem Fall ein widerlicher Anblick» – Putin lässt sich von G 7 provozieren

    Die jüngsten Scherze beim G-7-Gipfel über die Fotos von Wladimir Putin mit nacktem Oberkörper kamen beim Kremlchef nicht gut an. Hätten die G-7-Spitzen sich entblößt, wäre dies ein „widerlicher Anblick“ gewesen, sagte der russische Präsident am Mittwoch vor Journalisten in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat.

    Die Unterhaltung, auf die Putin einging, ereignete sich beim G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern bereits am Sonntagnachmittag. Der britische Regierungschef Boris Johnson fragte angesichts der hohen Temperaturen, ob man die Jacketts wohl ausziehe oder nicht, und fügte hinzu: „Wir alle müssen zeigen, dass wir härter sind als Putin.“ Der kanadische Premier Justin Trudeau erwiderte unter anderem: Reiten mit nacktem Oberkörper, das müsse man machen. Er spielte damit auf ein bekanntes Foto Putins in solcher Pose an.

    „Ich weiß nicht, wie sie sich ausziehen wollten, oberhalb oder unterhalb der Gürtellinie. Ich denke, es wäre in jedem Fall ein widerlicher Anblick gewesen“, wurde Putin nun von der russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert.

    Für die Harmonie zwischen Körper und Seele müsse man Sport machen, nicht zu viel Alkohol trinken und andere schlechte Angewohnheiten aufgeben, belehrte Putin die Staats- und Regierungschefs der führenden demokratischen Industrieländer. Bis zur russischen Annexion der zur Ukraine gehörenden Halbinsel Krim 2014 war Russland Teilnehmer der erweiterten G-8-Gipfel. Schreibt DIE WELT.

    Schön, dass man in Zeiten wie diesen den für unsere Seelen so wichtigen Humor nicht ganz ausser Acht lässt. Doch wie sagte Napoleon treffend? «Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.» Das gilt für Diktatoren ebenso wie für die Staatenlenker der «hehren westlichen Staatengemeinschaft».

    Denn Hand aufs Herz: So ganz Unrecht hat Vladimir Putin für einmal nicht: Joe Biden nackt oder halbnackt zu sehen wäre wohl in der Tat keine Augenweide.

  • 29.6.2022 - Tag der trivialen Weltenlenker

    Ihr Gespräch im Wortlaut – Macron versus Putin: So lief ihr Telefonat kurz vor dem Krieg ab

    Das Bild von Macron mit Kremlchef Putin am langen Verhandlungstisch füllte Titelseiten, später gab es Kritik am intensiven Kontakt des Franzosen nach Moskau. Ein nun veröffentlichtes Telefonat zeigt, wie Putin Macrons Friedensbemühungen vor Kriegsbeginn abwehrte.

    Es ist Sonntag, der 20. Februar 2022. Emmanuel Macron steigt ziemlich direkt in das neunminütige Telefon-Gespräch mit dem russischen Machthaber ein. «Ich möchte, dass du mir zuerst sagst, wie du die Situation einschätzt, und mir vielleicht auf ziemlich direkte Weise, wie wir es beide tun, deine Absichten mitteilst.» Daraufhin holt Putin gleich gegen den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski aus. Dieser lüge, wolle das Minsker Abkommen nicht umsetzen und strebe gar nach Atomwaffen. Den Vorhalt Putins, er wolle das Abkommen überarbeiten, weist Macron zurück. «Ich habe gesagt, man muss es umsetzen.»

    Das Gerangel geht dann weiter um die Rolle der Separatisten. «Hör mal, Emmanuel, ich verstehe euer Problem mit den Separatisten nicht. Zumindest haben sie auf unser Drängen hin alles Notwendige getan, um einen konstruktiven Dialog mit den ukrainischen Behörden zu eröffnen», meint Putin.

    «Es sind nicht die Separatisten, die Vorschläge zu ukrainischen Gesetzen machen werden», kontert Macron. «Ich weiss nicht, wo dein Jurist studiert hat», legt er nach. «Und ich weiss nicht, welcher Jurist dir sagen kann, dass in einem souveränen Land die Gesetzestexte von separatistischen Gruppen vorgeschlagen werden und nicht von den demokratisch gewählten Behörden.»

    Als Putin weiter auf das Bemühen der Separatisten pocht, wird Macron ungehalten. «Wie ich dir gesagt habe, sind uns die Vorschläge der Separatisten egal.» Diese müssten vielmehr auf die Ukrainer reagieren. «Jetzt hör mir mal gut zu, hörst du mich?», geht Putin nun den französischen Präsidenten an und pocht darauf, dass der Ball bei der Ukraine liege, es müsse Druck auf die Ukraine aufgebaut werden. «Aber ich habe ein Maximum unternommen, um sie zu bewegen, das weisst du gut», antwortet Macron. «Das weiss ich, aber leider hat das nichts bewirkt», heisst es vom Kremlchef. Er werde Selenski erneut zur Ruhe mahnen, beschwichtigt Macron.

    «Lass dich in den nächsten Stunden und Tagen nicht auf Provokationen jeglicher Art ein», setzt Macron fort. Und dann lädt der französische Präsident den Kremlchef zu einem kurzfristigen Spitzentreffen mit US-Präsident Joe Biden ein – das eigentliche Ziel des Telefonats. Putin reagiert zwar höflich. «Vielen Dank, Emmanuel. Es ist mir immer ein grosses Vergnügen und eine grosse Ehre, mit deinen europäischen Amtskollegen sowie mit den Vereinigten Staaten zu sprechen.» Die Amerikaner einzubeziehen, sei eine gute Idee, allerdings müsse so ein Treffen erst vorbereitet werden. «Damit du weisst, im Prinzip bin ich einverstanden.»

    Dass es wichtigere Dinge gibt, als den französischen Präsidenten und den Austausch über Krieg und Frieden, macht Putin Macron dann ohne Umschweife deutlich. «Um dir nichts zu verheimlichen, ich wollte jetzt Eishockey spielen gehen und ich spreche aus der Sporthalle zu dir, bevor es mit dem Training losgeht. Ich rufe erst meine Berater an.» Macron dankt Putin. «Wir bleiben in direktem Kontakt. Sobald es etwas gibt, rufst du mich an.» Vier Tage später marschieren die russischen Truppen in die Ukraine ein. Schreibt SRF.

    Kurz und barsch: Trivialer geht's eigentlich gar nicht mehr.

    Da haben ja die Gespräche mit meinem wandelnden Lexikon mehr Substanz.

  • 28.6.2022 - Tag der 16-jährigen Kanzlerschaft von Angela Merkel

    Streit über Flughafen-Chaos in Deutschland: Union fordert Lösung mit inländischen Fachkräften

    Der Konflikt erinnert an frühere Debatten in der Einwanderungspolitik: Die Union warnt die Bundesregierung davor, Flughafenpersonal im Ausland anzuwerben. Das Airport-Chaos müsse mit inländischen Mitarbeitern gelöst werden.

    Die Union hat die Bundesregierung aufgefordert, im Kampf gegen das Chaos an deutschen Flughäfen auf inländische Fachkräfte anstelle von ausländischen Helfern zu setzen. »Das Flughafen-Chaos könnte dauerhaft mit inländischen Fachkräften gelöst werden«, sagte der verkehrspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Thomas Bareiß (CDU), der Düsseldorfer Tageszeitung »Rheinische Post«.

    »Ich fordere die verantwortlichen Fachminister auf, in diesem Sinne zu handeln.« Inzwischen schade das Reisechaos dem Ansehen Deutschlands im Ausland, sagte Bareiß weiter. Es belaste außerdem viele Menschen, »die sich ihren Erholungsurlaub verdient haben«.

    Furcht vor Ausbeutung und Dumping

    Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Regierung die Einreise von hunderten ausländischen Hilfskräften ermöglichen will, die auf den Flughäfen etwa in der Gepäckabfertigung aushelfen sollen. Aus Regierungskreisen hieß es, geholt werden solle eine vierstellige Zahl an Hilfskräften aus der Türkei. Laut dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft seien dafür Ausnahmegenehmigungen deutscher Behörden für den Einsatz von etwa 2000 Arbeitskräften nötig.

    Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hatte Bereitschaft für eine solche Lösung signalisiert. Dabei müsse allerdings sichergestellt werden, dass jede Form von Sozialdumping und Ausbeutung ausgeschlossen sei, so der SPD-Politiker.

    Deutschen Fluggesellschaften und vielen Flughäfen macht derzeit vor allem Personalmangel zu schaffen. Flüge werden gestrichen, auf den Flughäfen kommt es zu langen Warteschlangen. In der Coronapandemie waren viele Stellen gestrichen worden, dazu kommen aktuell viele Corona-Erkrankungen. Einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fehlen derzeit an deutschen Flughäfen rund 7200 Fachkräfte. Schreibt DER SPIEGEL.

    Ausgerechnet die Union von CDU/CSU fordert für das Flughafenchaos eine Lösung mit «inländischen» Fachkräften. Da scheinen ein paar deutsche Politgrössen aus dem abartig neoliberalen CDU/CSU-Dunstkreis vergessen zu haben, wer die letzten 16 Jahre Deutschland regiert hat. Die Konzernhörigkeit von Angela Merkel fällt ihnen nun vor die Füsse.

    Die AVZ-Kolumne vom 26.6.2022 - Tag des «failed states» Deutschland, hilft weiter, um das ganze Chaos zu verstehen. So kommt es halt, wenn Politiker*innen blind den «Anweisungen» der Konzerne folgen und zu allem auch noch eine desaströse Migrationspolitik betreiben.

    Wer jetzt als Schweizer*in mit Häme auf Deutschland schaut, sollte allerdings bedenken, dass die Schweiz mit ähnlichen Problemen gesegnet ist. Wenn auch nicht in dem Ausmass wie Deutschland es gerade erlebt.

    Tja, man darf gespannt sein, wie die allseits beschworene «Zeitenwende» in Europa gemeistert wird.

  • 27.6.2022 - Tag des schrägen Vogel von der Downing Street 10

    Johnson warnt vor wachsendem Druck auf Ukraine

    Der britische Premierminister Boris Johnson befürchtet wegen der wirtschaftlichen Folgen des Krieges wachsenden europäischen Druck auf die Ukraine, ein nicht in ihrem Sinne liegendes Friedensabkommen mit Russland zu schliessen.

    «Zu viele Länder sagen, dass dies ein europäischer Krieg ist, der unnötig ist. So wird der Druck wachsen, die Ukrainer zu einem schlechten Frieden zu bewegen – vielleicht sogar zu zwingen», sagte Johnson am Rande eines Commonwealth-Gipfels in der ruandischen Hauptstadt Kigali.

    Sollte der russische Präsident Wladimir Putin seinen Willen in der Ukraine durchsetzen können, seien die Folgen gefährlich für die internationale Sicherheit und «eine langfristige wirtschaftliche Katastrophe.» So stand es geschrieben im SRF Liveticker zum Ukrainekrieg.

    Man muss den schrägen Vogel von der Downing Street 10 in London nicht mögen. Aber wo er recht hat hat er recht.

    Doch leider ist Boris Johnson kein Winston Churchill.

  • 26.6.2022 - Tag des «failed states» Deutschland

    Personalmangel nach der Pandemie; Bundesregierung will ausländische Hilfskräfte an Flughäfen holen

    Gestrichene Flüge, lange Schlangen, verlorene Koffer: Gegen das Chaos an deutschen Flughäfen will die Bundesregierung befristet Helfer aus dem Ausland anlocken. Sozialdumping und Ausbeutung sollen ausgeschlossen werden.

    Die Luftverkehrsbranche verlangt, die angespannte Lage an Flughäfen mit Personal aus der Türkei zu entspannen. Ausnahmegenehmigungen deutscher Behörden für den Einsatz von etwa 2000 Arbeitskräften seien nötig, teilte diese Woche der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft mit.

    Im Kampf gegen die Personalengpässe wollen Innen-, Arbeits- und Verkehrsministerium diesen Wünschen laut einem Bericht nun nachkommen. Sie haben demnach eine gemeinsame Aktion zur befristeten Anstellung von ausländischen Hilfskräften an deutschen Flughäfen angekündigt.

    »Die Bundesregierung plant, die Einreise von dringend benötigtem Personal aus dem Ausland für eine vorübergehende Tätigkeit in Deutschland zu ermöglichen«, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil der »Bild am Sonntag«. Dabei solle jede Form von Sozialdumping und Ausbeutung ausgeschlossen werden, sagte der SPD-Politiker.

    »Die Arbeitgeber müssen Tariflohn zahlen und für die befristete Zeit anständige Unterkünfte bereitstellen.« Innenministerin Nancy Faeser (SPD) ergänzte: »Wir werden ermöglichen, dass Hilfskräfte aus dem Ausland zum Beispiel bei der Gepäckabfertigung eingesetzt werden«. Laut »Bild am Sonntag« solle eine vierstellige Zahl an Fachkräften aus der Türkei nach Deutschland geholt werden, die bestenfalls schon von Juli an für einige Monate eingesetzt werden könnten.

    Lufthansa rechnet erst 2023 mit Normalisierung

    Die Luftfahrt steckt im Dilemma. Mit Abebben der Coronapandemie, die den Wirtschaftszweig lange lahmgelegt hat, beabsichtigt die Branche endlich durchzustarten. Doch stattdessen kommt es zu Flugstreichungen, Verspätungen und Warteschlangen. Als Knackpunkt gelten Personalmangel und Engpässe bei Sicherheitskontrollen, Check-in und Flugzeugabfertigung. Nach Angaben des Flughafenverbands ADV ist dort etwa jede fünfte Stelle unbesetzt.

    Die Lufthansa hatte zuletzt angekündigt, mehr als 2000 weitere Flüge an ihren Drehkreuzen Frankfurt und München zu streichen – unter anderem auch, weil sich vermehrt Besatzungen wegen Coronafällen krankmelden. Schon vor gut zwei Wochen hatte sie angekündigt, 900 Verbindungen an Freitagen und Wochenenden im Juli zu canceln. Auch die Billigtochter Eurowings rechnet mit weiteren Streichungen.

    Bei der Lufthansa erwartet man angesichts dieser Lage indes erst für nächstes Jahr eine Normalisierung des Flugbetriebs. Aktuell helfe nur, die Zahl der Flüge zu reduzieren. Das sei nicht nur ein deutsches Problem, sondern gelte für die ganze Welt. Bis neue Arbeitskräfte eingesetzt werden können, kann es tatsächlich dauern – auch wegen der branchenspezifischen Sicherheitsüberprüfungen.

    Verkehrsminister Volker Wissing wies derweil die Verantwortung für die chaotischen Zustände an den Flughäfen zurück – und sieht die Unternehmen in der Pflicht. »Für die Personalpolitik der Flughafengesellschaften und Airlines ist die Bundesregierung nicht zuständig und nicht verantwortlich«, sagte der FDP-Politiker der »BamS«. In der Verantwortung des Bundesverkehrsministeriums lägen die Flugsicherung und die Koordination des Flugbetriebs. »Und da läuft alles reibungslos.« Branchenexperten halten jedoch die Auslagerung vieler Aufgaben an externe Dienstleister durch die Politik im Laufe der Nullerjahre für eines der größten Probleme für den Betrieb der Flughäfen. Schreibt DER SPIEGEL.

    Entwicklung des Arbeitsmarkts 2022 in Deutschland: Die Zahl der Arbeitslosen ist im Mai 2022 im Zuge der anhaltenden Frühjahrsbelebung gegenüber dem Vormonat gesunken, und zwar um 50.000 auf 2.260.000. Saisonbereinigt hat die Arbeitslosigkeit um 4.000 abgenommen. Verglichen mit dem Mai des vorigen Jahres ist sie um 428.000 geringer. Die Arbeitslosenquote sank von April auf Mai um 0,1 Prozentpunkte auf 4,9 Prozent. Die Unterbeschäftigung, die auch Veränderungen in der Arbeitsmarktpolitik und kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit berücksichtigt, lag im Mai 2022 bei 3.022.000 Personen. Das waren 435.000 weniger als vor einem Jahr. Schreibt die Bundesagentur für Arbeit.

    2 Millionen und 260'000 tausend Arbeitslose füttert Deutschland laut offiziellen Zahlen durch. Inoffiziell dürften es laut deutschen Experten rund zwei Millionen mehr sein, die entweder ausgesteuert oder in staatlichen Beschäftigungsprogrammen dahinvegetieren.

    Aus diesem gewaltigen Heer von Arbeitslosen lassen sich keine 2'000 «Hilfskräfte» für die deutschen Flughäfen rekrutieren? Brauchen diese «Hilfskräfte» denn alle eine Universitätsausbildung? Womöglich gar einen Doktortitel? Was können türkische Hilfskräfte, was deutsche Arbeitslose nicht können?

    Liegt es möglicherweise daran, dass türkische Arbeitskräfte für «externe Dienstleister» (besser bekannt unter dem Namen «Temporär-Job-Anbieter») zu wesentlich tieferen Löhnen eingestellt werden können? Sogar noch unter dem gesetzlich festgelegten Minimallohn?

    Die von der ursprünglichen «sozialen Marktwirtschaft» zur «abartig neoliberalen Konzernwirtschaft» degenerierte Bundesrepublik Deutschland ist tatsächlich auf dem Weg zum «failed state».

    Und ausgerechnet diese Bundesrepublik Deutschland soll die Führung Europas durch den anstehenden «Zeitenwandel» übernehmen?

  • 25.6.2022 - Tag der Evangelisten und der News vom Artillerie-Verein Zofingen

    BlickPunkt über einen erstaunlichen Aufschwung: Wie wir gut durch diese verrückten Zeiten kommen

    Krieg, steigende Zinsen, Inflation: das perfekte Krisen-Szenario! Dennoch boomt die Wirtschaft, Firmen suchen händeringend nach Personal. Wie geht das zusammen?

    Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert jetzt schon vier Monate – und niemand weiss, wie viele noch folgen. Die Inflation steigt in beängstigendem Tempo – und niemand weiss, wo das enden wird. Die Zinsen explodieren – und niemand weiss, wie viele Eigenheimbesitzer ihre Hypotheken bald nicht mehr zahlen können.

    Der weltweite Aktienindex gab seit Anfang Jahr um mehr als 20 Prozent nach, der Wert des Bitcoins fiel von 69'000 auf 20'000 US-Dollar.

    Die weltweiten Lieferketten funktionieren noch immer nicht, Benzin- und Gaspreise klettern auf Rekordhoch, für den Winter droht ein Strom-Blackout. In der Schweiz haben sich die Corona-Zahlen verdoppelt, international breiten sich Hunger und Dürre aus.

    Wir leben in verrückten Zeiten. Und das Verrückteste: Trotz all dieser Hiobsbotschaften boomt die Wirtschaft!

    Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz liegt bei 2,1 Prozent – das ist quasi Vollbeschäftigung. Quer durch alle Branchen herrscht Personalnot – Bewerber können sich aussuchen, für wen sie arbeiten wollen.

    Die ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) gab diese Woche ihre Prognose bekannt: 2,7 Prozent Wachstum für 2022! Die Industrie läuft stabil, der Tourismus boomt geradezu, viele Menschen haben nach den Entbehrungen der Pandemie erstens grossen Nachholbedarf und zweitens viel Erspartes übrig.

    Wie lange kann das gut gehen?

    Auch die KOF-Forscher sehen im schlimmsten Fall Rezessionsgefahr, wenn der Krieg eskaliert, die Inflation zu stark anzieht und die Nationalbanken ihre Zinsen überstürzt erhöhen. All das kann der normale Bürger, die normale Bürgerin nicht beeinflussen.

    Wirtschaft aber ist zu einem grossen Teil Psychologie – und die Konjunkturforscher sehen unsere Seelenlage optimistisch. Sie schreiben: «Es ist davon auszugehen, dass der inländische Konsum die Schweizer Konjunktur tragen wird.»

    Will heissen: Wenn wir alle weiter fleissig Geld ausgeben, kommt es gut. Wenn hingegen jeder mit dem Schlimmsten rechnet, kommt es garantiert schlimm, weil dann niemand mehr kauft oder investiert.

    Immerhin sind wir nach den letzten beiden Jahren krisenresistent: Deshalb sollten wir den Mut nicht verlieren – so haben wir die grössten Chancen, gut durch diese schwierigen Zeiten zu kommen! Schreibt Christian Dorer, Chefredaktor Blick-Gruppe.

    Netter Wochenend-Artikel. Vorwiegend im Konjunktiv zusammengefasste Schreckensszenarien, die uns drohen (könnten). Dazu ein paar gut gemeinte und nette Allgemeinplätze aus der dargebotenen Hand von Blick-Chefredaktor Christian Dorer.

    Dorers Wohlfühlempfehlungen erinnern an das Lukas-Evangelium: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird.»

    Bedenke: Evangelisten und Boulevardzeitungen wie Blick & Konsorten waren noch nie empfehlenswerte Ratgeber.

    Es gibt allerdings eine weit sinnvollere Anregung, um «gut durch diese verrückten Zeiten» zu kommen: Reduzieren Sie Ihren Medienkonsum. Machen Sie einen grossen Bogen um alle Liveticker-Formate und vermeintlichen «Experten»-Aussagen. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand. Und den täglichen News vom Artillerie-Verein Zofingen!

    Es kommt sowieso alles so wie es kommen muss.

  • 24.6.2022 - Schweizer Ingenieurs-Wissen versus China-Grümpel im Kampf gegen Sommerhitze

    Wie Wohnbauten künftig kühl bleiben können

    Die Hitze ballert schon jetzt auf die Häuser – und es wird in den nächsten Jahren noch heißer. Wie schaffen wir es, dass es in den Wohnräumen ausreichend kühl bleibt?

    Drastischer hätte sie es nicht formulieren können: Renate Hammer sprach von "lebensbedrohenden Situationen", die uns die drohende Erderwärmung bald in den Städten bescheren werde. "Da kann sich im Sommer niemand mehr draußen aufhalten", sagte die geschäftsführende Gesellschafterin von Building Research & Innovation vor wenigen Wochen beim Verbandstag der Gemeinnützigen.

    Nachtlüften in Wien bringt nicht mehr viel

    Die Rede war vom sogenannten Szenario RCP 8.5: dem Anstieg der Außentemperatur, der uns droht, wenn nicht genug gegen den Klimawandel unternommen wird, sondern grosso modo alles so bleibt, wie es ist ("Business-as-usual-Szenario"). Dann ist es in einer Hitzewelle weder im Osten noch im Westen des Landes noch "lebbar", denn dann hat es mehrere Tage lang über 45 Grad in der dichten Stadt; in Innsbruck, wo es schon jetzt im Mittel wärmer ist als in Wien, wird das noch schlimmer als in der Bundeshauptstadt.

    Dabei bedeute alles über 35 Grad schon jetzt eine "starke thermophysiologische Beanspruchung", sagte Hammer. In Wien wird es wohl 2050 im Sommer regelmäßig so heiß sein, dass man nachts nicht mehr ausreichend lüften kann. Erholung sei nur bis 23 Grad möglich, "wir werden dann aber oft 24 bis 26 Grad haben in der Nacht", erklärt Hammer. Und das werde man auch nicht mehr verhindern können.

    Interessanterweise gibt es dabei einen relevanten Unterschied zwischen Wien und Innsbruck. Die beiden Städte hat Hammer in ihrem Vortrag verglichen. Innsbruck sei zwar am Tag jetzt schon wärmer als Wien. "In der engen Tallage fängt sich die Wärme"; damit werden spätestens im Jahr 2080 in der Tiroler Landeshauptstadt während einer Hitzewelle um 15 Uhr nachmittags, der heißesten Periode eines Tages, "viele Orte nicht mehr lebbar sein". Bei Temperaturen jenseits der 40 Grad "kann man keinen Tourismus mehr betreiben, da kann sich draußen keiner mehr aufhalten, die Kinder können nicht spielen, die Alten nicht einkaufen. Es ist eine lebensbedrohende Situation." In der Nacht aber werde es in Innsbruck auch künftig noch so stark abkühlen, dass man noch lüften wird können.

    Klimaanlage sticht Sonnenschutz aus

    Und dennoch: Tritt das Szenario RCP 8.5 ein, "dann werden wir bald sämtliche Gebäude kühlen müssen", sagt Lutz Dorsch. Er ist Fachbereichsleiter Klima, Umwelt, Gebäude an der FH Salzburg und leitet das Forschungsprojekt "Cool Buildings", an dem u. a. auch die Donau-Uni Krems beteiligt ist. Den drohenden Hitzewellen sei am besten mit passiver Kühlung zu begegnen, sagt er. "Es gibt aber nicht die eine Lösung", beeilt er sich hinzuzufügen.

    Ein Sonnenschutz sei einerseits natürlich hervorragend geeignet, um die Wärme erst gar nicht ins Haus zu lassen. Andererseits sei dieser – jedenfalls derzeit – eigentlich nur wenige Wochen im Sommer nötig, und deshalb werde von Bauträgern oft noch versucht, sich diese Kosten zu ersparen.

    Klimaanlagen hingegen sind zumindest im gehobenen Segment bei Neubauten durchaus üblich. Dabei sorgen genau sie Dorschs Erfahrung nach oft dafür, dass dann ein vorhandener Sonnenschutz untertags erst gar nicht runtergefahren wird. "Man schaltet am Abend ja eh die Kühlung ein, wozu also untertags beschatten?" Doch das sei natürlich eine energiefressende Variante: Erst kommt die Wärme ins Haus, dann benötigt man viel Energie, um sie wieder rauszubekommen.

    Energiebedarf gering halten

    Dabei gehe es eigentlich darum, möglichst wenig Bedarf an Energie zu schaffen, "damit wir das, was wir brauchen, mit den Erneuerbaren schaffen können". Gerade an Solarstrom werde es künftig auch weiterhin kein Überangebot geben, ist Dorsch überzeugt; "wir wollen bald ja auch alle unsere Autos damit laden".

    Strom, nämlich für eine Umwälzpumpe, braucht man auch dann, wenn man beispielsweise auf Kühlung per Bauteilaktivierung setzt. Grundsätzlich ist auch das eine gute Idee, die sich aber im Westen Österreichs noch nicht so verbreitet habe wie im Osten, sagt Dorsch. "An sich ist das natürlich auch eine Form der aktiven Kühlung", insbesondere dann, wenn man im Sommer Wärme ins Erdreich einträgt, um sie im Winter wieder entnehmen zu können.

    Tageslicht ist wichtig

    Doch wie heiß darf es in einem Wohnraum eigentlich werden, und wie lange darf ein Mensch dieser Belastung ausgesetzt sein? Diese Fragen des Gesundheitsschutzes werden Dorschs Beobachtung zufolge stiefmütterlich behandelt. "Es fehlt uns da an Zielgrößen." Man müsse diese Fragen zusammen mit Medizinerinnen und Medizinern erörtern, doch das fehle derzeit noch komplett, sagt Dorsch dem STANDARD. Und ebenso wichtig sei die Frage, wie viel Tageslicht der Mensch brauche.

    Dass auch diesem Thema etwa im Vergleich mit Brand-, Schall- und Lärmschutzmaßnahmen wenig Stellenwert beigemessen werde, findet auch Johann Gerstmann, Sprecher des Bundesverbands Sonnenschutztechnik. Dabei wurde es mit dem vielfach geübten Homeoffice in der Pandemie sehr wichtig: Im Sommer sind die Rollos unten, um Hitze draußen zu lassen. Weil es dann aber oft zu dunkel ist im Raum, wird das Licht aufgedreht, was Energie frisst.

    Dabei könnten bzw. sollten sogar zumindest 15 Prozent der Sonnenenergie ins Gebäude gelangen, sagt Gerstmann. Und er empfiehlt deshalb, den Sonnenschutz untertags nie ganz zu schließen. Am besten funktioniert das mit sogenannten Markisoletten, also knickbaren Markisen, die oben beschatten, unten aber Tageslicht durchlassen.

    Maximal 31 Grad in Wiener Wohnraum

    Bei der Frage, welche Temperatur in einem Aufenthaltsraum maximal erreicht werden darf, hat sich übrigens kürzlich etwas geändert. Bis 2019 war für Wien eine Maximaltemperatur von 27 Grad in der OIB-Richtlinie 6 vorgeschrieben. Ein Gebäude musste also so geplant werden, dass die Raumwärme an einem Referenztag stets unter diesem Grenzwert bleibt. Die Nachtlüftung durfte dabei berücksichtigt werden.

    Seit 2019 gilt aber das sogenannte Standortklima, erklärt Gerstmann. Die neue OIB-Richtlinie 6, in der das geregelt ist, wurde mittlerweile in fast allen Bundesländern implementiert (nur Salzburg fehlt noch). "Da wurde nun vom Fixwert 27 Grad auf ein gleitendes Komfortmodell gewechselt"; der Maximalwert orientiert sich jetzt an der Außentemperatur.

    Für Wien ergeben die Berechnungen nun maximal 30 bis 31 Grad, darunter ist man also noch "sommertauglich". Ein Gebäude darf sich jetzt aber eben auch ohne Nachtlüftung auf nicht mehr als 31 Grad aufheizen. "Es ist aber bekannt, dass bei hohen Raumtemperaturen die Leistungsfähigkeit sinkt."

    Kühlräume in Wohnhäusern

    Um das Maximum einhalten zu können, ist für Renate Hammer ein Sonnenschutz unabdingbar. "Außerdem müssen wir ambitioniert thermisch sanieren, das macht Sinn im Winter wie im Sommer." Und Hochtemperaturprozesse, also etwa Gasfeuerungen, müssen aus den Häusern gebracht werden. Was Fassadenbegrünungen betrifft, gebe es noch keine wirkliche Klarheit über die Wirksamkeit in Sachen Gebäudekühlung. "Da gibt es noch viel zu erforschen."

    Eine andere – drastische – Maßnahme könnte aber auch bald nötig sein: kühle Aufenthaltsräume in Wohnhäusern, falls es zu heiß wird in den Wohnungen. "Ein barrierefrei zugänglicher Kühlraum irgendwo im Erdgeschoß, wo man Schutz vor der Hitze suchen kann." Aus anderen Erdteilen kennt man das ja leider bereits. Schreibt DER STANDARD.

    Die Überdosis an zusammengeschusterten Katastrophenmeldungen im medialen Sommerloch sind keine Erfindung der durchdigitalisierten Neuzeit. Es gab sie schon immer. Selbst zu Zeiten, als Internet noch hinter den Sternen schlummerte und die Tageszeitungen auf einer Linotype-Setzmaschine im Bleisatz produziert wurden, was gar nicht so lange her ist.

    In den 1950er Jahren wurde der Fotosatz entwickelt und verdrängte innert wenigen Jahren den Bleisatz. Am 31. Dezember 1976 wurde die Herstellung der Linotype-Setzmaschinen eingestellt. Der «Bleiletter» fand 500 Jahre nach seiner Erfindung durch Gutenberg das endgültige Ende.

    Eines dieser Jahr für Jahr im Sommerloch auftretenden Themen sind überhitzte Wohnräume. Zugegeben: Mutet bei genauer Betrachtung etwas seltsam an, um nicht zu sagen schizophren.

    Die gleiche Gesellschaft, die über die allerorts herrschende Hitze hierzulande gebetsmühlenartig jammert, lässt es sich nicht nehmen, mit dem erstbesten Billigflieger in Länder abzutauchen, die noch viel heisser sind als etwa die Schweiz.

    Dass Flugzeuge weltweit laut «WWF Schweiz» global für rund sieben Prozent und in der Schweiz sogar für 27 Prozent des menschengemachten Klimawandels verantwortlich sind, kümmert niemanden. Nicht einmal die Mitglieder und Sympathisanten der «Fridays for Future»-Bewegung.

    Wasser predigen an Demonstrationen und Wein trinken an den heissesten Stränden rund um den Erdball schliessen sich nicht aus. Eine der menschlichen, möglicherweise seit Adam und Eva genetisch verankerten Untugenden, die man auch Scheinheiligkeit nennen könnte.

    Doch frei nach Hölderlin, leicht abgewandelt: «Wo die Wärme am grössten, ist ein kühlender Ratschlag nicht weit.»

    Vor vielen Jahren sass ich mit Alois Grüter, dem CEO der IGD Grüter AG in Dagmersellen, schwitzend an einem heissen Sommertag während einer Besprechung in meinem Penthouse. Der Ventilator surrte auf der höchsten Stufe. Allerdings ohne spürbaren Erfolg.

    Ich fragte den Immobilienexperten und gelernten Ingenieur, der mit seiner Firma über Jahrzehnte hinweg tausende von Immobilien in der Schweiz realisiert hat, ob er einen Tipp gegen die Hitze in meinem Penthouse habe.

    Wie aus der Pistole geschossen antworte Alois Grüter: «Das ist sehr einfach. Frühmorgens die Fenster eine Stunde lang sperrangelweit öffnen, danach schliessen und die Storen oder Rolläden herunterlassen. Dabei beachten, dass die Schlitze bei den Rolläden geöffnet sind, damit es im Raum nicht zu dunkel wird und Du nicht das Licht einschalten musst, was ja auch wieder Wärme schafft und erst noch die Stromrechnung in die Höhe treibt.» Es sei erwähnt, dass damals mein Penthouse noch nicht mit LED-Beleuchtung ausgestattet war, sondern mit ganz normalen Birnen, die in der Tat Hitze abstrahlten.

    Ich habe mich während der Sommerzeit seit mehr als einem Jahrzehnt an diesen Tipp von Alois Grüter gehalten. Und siehe da: Seither hatte ich nie mehr eine überhitzte Wohnung. Den Billig-Ventilator aus chinesischer Produktion konnte ich definitiv entsorgen. Xi Jinping möge mir das verzeihen.

    Was sagt uns das? Schweizer Ingenieurs-Wissen toppt China-Grümpel.

  • 23.2.2022 - Tag der schweizerischen Tabubrüche, die gar keine sind

    Tabubruch nach Ukraine-Invasion: Schweiz importiert erstmals wieder russisches Gold

    Nach monatelanger Flaute steigen die Goldimporte aus Russland in die Schweiz wieder sprunghaft an. Das sorgt weltweit für Aufsehen, ist die Schweiz doch der wichtigste Goldumschlagplatz der Welt. Es ist allerdings rätselhaft, wer das Gold importiert.

    Braunkohle, Holz, ja gar Kaviar aus Russland sind in der Schweiz tabu: Die Güter sind sanktioniert, dürfen nicht mehr importiert werden. Nicht so beim Gold. Es ist von den Sanktionen bisher ausgenommen.

    Dennoch ist der Handel mit russischem Gold über die Schweiz seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs praktisch zum Erliegen gekommen. Dies einerseits, weil die in London ansässige Vereinigung zum Handel mit Gold (London Bullion Market Association, LBMA) sechs ihrer Mitglieder, allesamt Gold- und Silber-Raffinerien aus Russland, nach Kriegsausbruch suspendiert hat.

    Andererseits wurden russische Banken vom internationalen Zahlungssystem Swift ausgeschlossen. Betroffen waren auch Finanzinstitute, die bisher den internationalen Goldhandel abgewickelt hatten. Ausserdem steht die russische Zentralbank – eine wichtige Playerin im Handel mit russischem Gold – auf der Sanktionsliste. Und zu guter Letzt gehen die Schweizer Goldraffinerien weiter als gesetzlich vorgeschrieben und legten den Import von russischem Gold vorsorglich auf Eis: zu hoch das Risiko eines Imageschadens.

    Schweiz als Goldhändlerin Nummer 1

    Nun scheint der Wind zu drehen: Die Schweiz hat im Mai erstmals seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs wieder russisches Gold importiert. Konkret waren es 3,1 Tonnen im Wert von knapp 200 Millionen Franken. Das geht aus den Zahlen des Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) für den Mai hervor. Darüber berichtete zuerst das Wirtschaftsportal Bloomberg.

    Zum Vergleich: Noch vor Kriegsausbruch im Januar 2022 importierte die Schweiz vier Tonnen russisches Gold. Dieser Wert wurde im Mai zwar nicht erreicht, die Branche scheint aber auf bestem Weg zu alter Grösse.

    Auch wenn der Handel mit russischem Gold nicht sanktioniert ist, kommt der neuerliche Import einem Tabubruch gleich. Dass Bloomberg, Reuters und andere internationale Medien darüber berichten, ist dafür Beweis genug.

    Die internationale Aufmerksamkeit kommt nicht von ungefähr: Die Schweiz gilt als international wichtigste Rohstoffdrehscheibe. Schätzungsweise 80 Prozent des weltweiten Goldhandels laufen über die Schreibtische und Computerbildschirme der hiesigen Trader.

    Russland ist der zweitgrösste Goldproduzent weltweit. Für die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Russland war Gold bis zum Ausbruch des Konflikts denn auch matchentscheidend: Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) machten Edelmetalle bis Kriegsausbruch 80 Prozent der russischen Importe in die Schweiz aus.

    Importe sind selbst Experten ein Rätsel

    Anders als etwa beim Öl überschreitet ein Grossteil des hierzulande gehandelten Goldes auch physisch die Schweizer Grenze: Die Schweiz ist nämlich nicht nur gross im Handel, sondern auch in der Verarbeitung von Gold. Vier der weltgrössten Goldraffinerien stehen in der Schweiz, drei davon im Tessin. Schätzungsweise zwei Drittel des weltweit geförderten Goldes werden in Schweizer Fabriken eingeschmolzen und weiterverarbeitet: zu Goldbarren, Schmuck, Uhren oder Teilen für die Industrie.

    Werfen die Schweizer Goldraffinerien ihre Prinzipien also wenige Monate nach Kriegsausbruch über Bord und machen weiter wie zuvor? Nein. Das beteuert nicht nur die Branche selber. Sondern auch Marc Ummel (29), Rohstoffexperte bei der Nichtregierungsorganisation Swissaid, die den Goldhandel in der Schweiz mit Argusaugen beobachtet.

    «Ich kann mir die neuen Importe wirklich nicht erklären», sagt Ummel etwas ratlos. Bei den aktuellen Importen handelt es sich um bereits raffiniertes Gold, nicht um Rohgold direkt aus der Mine. Wurde es vielleicht von einer kleinen Firma importiert, die nicht auf dem Radar der Goldexperten ist? «Möglich», so Ummel. «Aber besonders wahrscheinlich ist es nicht, schliesslich sprechen wir von drei Tonnen!»

    Ummel hat beim Seco und beim BAZG nähere Angaben zu den Importen verlangt – bisher ohne Erfolg. Auf Anfrage von Blick teilen die Behörden mit, dass das russische Gold über Grossbritannien in die Schweiz gelangt sei. Wer es importierte, dürfe aus Datenschutzgründen nicht mitgeteilt werden. Sowohl Seco als auch BAZG betonen, dass der Goldimport aus Russland nicht sanktioniert sei.

    Goldwäsche via Dubai

    Allerdings ist sowieso fraglich, wie aussagekräftig die Importstatistik ist. Importeure müssen lediglich angeben, wo sie ihr Gold kaufen. Wo es ursprünglich geschürft wurde, ist dabei völlig unerheblich. «Eine grosse Gesetzeslücke», findet Ummel.

    So nahmen diesen Frühling, nach Kriegsausbruch in der Ukraine, die Importe von Gold aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sprunghaft zu – obwohl es dort keine einzige Goldmine gibt. Die Vermutung von Swissaid: Russisches Gold gelangt nach Dubai und von dort in die ganze Welt. «Goldwäsche» nennt Swissaid das.

    Vier der fünf Schweizer Raffinerien importieren kein Gold aus den VAE. Ausgerechnet Branchenführerin Valcambi allerdings scheint sich wenig um den möglichen Ursprung des Dubai-Goldes zu kümmern. Die Tessiner Raffinerie mit Sitz in Balerna unweit von Chiasso importiert laut Angaben von Swissaid Gold aus Dubai und beruft sich dabei darauf, dass man sich an die «geltenden Richtlinien und Sanktionen» halte.

    Ob als Direktimport oder mit Zwischenhalt in Dubai: Der russische Präsident Wladimir Putin (69) dürfte sich über den fortdauernden Goldexport freuen – es zahlt in seine Kriegskasse ein. Schreibt Blick.

    Wenn es um Gold geht, wirft die neutrale Schweiz alle Bedenken und Hemmungen über Bord. Und dies nicht erst seit heute.

    Die Schweizer Banken war sich auch nicht zu schade, während des Zweiten Weltkriegs von Nazi-Deutschland das Zahngold der Juden aufzukaufen, die vom Hitler-Regime umgebracht wurden.

    Nein, liebe Freunde von der SVP, das ist keine Verschwörungstheorie. Diese Tatsache wird selbst von der Schweizerischen Nationalbank bestätigt.

    Sie sehen: Mit einem «Tabubruch» wie Blick schreibt haben die jetzigen Goldkäufe der Schweiz rein gar nichts zu tun. Egal, ob von Hitler, Putin oder sonstigen Unrechtsregimes: Die neutrale Schweiz kauft alles, was goldig glänzt.

    Irgendwie auch verständlich. Wir sind ja schliesslich neutral. Länder, die neutral sind, dürfen so ziemlich alles. Lautet jedenfalls die Doktrin der SVP, die in der neuen Verfassung der Schweiz, besser bekannt als «Weltwoche», festgeschrieben und in Stein gemeisselt ist.

  • 22.6.2002 - Tag von Putins wirklicher Krankheit, die alles andere als tödlich ist

    Endlich für Sie wissenschaftlich und faktenbasiert in Wort und Bild geklärt, an welcher Krankheit der russische Präsident Vladimir Putin tatsächlich leidet, die alles anderes als tödlich ist. Den Sommerloch-Vermutungen von «Blick» und «20Minuten» zum Trotz!

    Putin leidet an einer Phimose
  • 21.6.2022 - Rag des Schweizer Kinosterbens

    Auch ohne Corona-Massnahmen: Viele Schweizer Kinosäle sind weiterhin leer

    Die Corona-Massnahmen sind längst aufgehoben, noch immer fehlen den Kinos aber die Besucherinnen und Besucher. Die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) von Januar bis Ende Mai 2022 zeigen, dass die Kinoeintritte immer noch deutlich unter dem Niveau der Vor-Corona-Zeit liegen. Und dies, obwohl es seit über vier Monaten keine coronabedingten Einschränkungen mehr gibt. Es ist eigentlich wieder wie vor Corona. Man kann gemütlich ins Kino, ausgerüstet mit Popcorn und Getränk. Zertifikat, Maske, Ess- und Trinkverbot: Alles passé. So voll wie vor Corona sind die Säle trotzdem selten.

    Erdem Karademir vom Bundesamt für Statistik (BFS) bestätigt den Eindruck vieler Kinobesucherinnen und Kinobesucher. Im Vergleich zu 2019 würden die Kinos in diesem Jahr im Schnitt etwa ein Drittel weniger Eintritte generieren.

    «Das ist zwar ein doppelt so gutes Ergebnis, wie wir im ersten Pandemie-Jahr hatten. Und es gibt auch eine leichte Steigerung im Vergleich zum letzten Jahr. Aber der Rückstand zur Situation vor der Pandemie ist noch sehr gross», erläutert Karademir.

    Immer weniger Kinos

    Auch die Anzahl der aktiven Kinos gehe in der Schweiz immer weiter zurück. Aktuell zählt das BFS rund 10 bis 15 Kinos weniger als im Jahr 2019. «Gleichzeitig sieht man in unserer Erhebung auch, dass die Anzahl Kinosäle oder Leinwände konstant bleibt.» Das heisst eigentlich: Es gibt eine Verschiebung von den Einzelkinos hin zu mehr Kino-Komplexen.

    Den Trend hin zu Multiplex-Kinos bestätigt auch Blue Cinema, der grösste Kinobetreiber in der Deutschschweiz. Auf Anfrage von SRF teilt der Kinobetreiber – der zur Swisscom gehört – mit, dass man im Herbst ein neues Multiplex-Kino mit neun Sälen in Chur eröffne. Der Kinobetreiber glaube weiter an Multiplex-Kinos und will sogar, wenn möglich, in Entertainment-Häuser investieren.

    Ein solches Entertainment-Center gibt es bereits in Winterthur. Dort gibt es neben Kinofilmen auch eine Bowlingbahn, eine Bar sowie eine Game-Zone. Blue Cinema scheint also nicht mehr allein auf Kino zu setzen. Ob und wie stark aber die Kino-Eintritte beim Branchenleader eingebrochen sind, das will man nicht kommunizieren.

    Wird sich die Branche je erholen?

    Die Coronakrise habe die Bedürfnisse und das Verhalten der Menschen – zumindest vorübergehend – verändert, sagt Edna Epelbaum, Präsidentin des Schweizerischen Kinoverbands. «Wir brauchen in erster Linie sehr viel Geduld. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass, nur weil die Masken weg sind, die Krise ausgestanden ist.»

    Die Jungen hätten sich abgewendet, meint Epelbaum. Es gebe eine jüngere Generation, die nach zwei Jahren Pandemie wieder vermehrt lieber nach draussen wollen würde. «Und wir haben eine ältere Generation, die immer noch nicht angstfrei von Zuhause weggeht», so Epelbaum. Schreibt SRF.

    Das Kinosterben nun auch noch der Corona-Pandemie in die Schuhe zu schieben, ist schlicht und einfach falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Die Corona-Hilfsgelder des Bundes haben einigen dahinsiechenden Kinos sogar eine Gnadenfrist verschafft.

    Der Prozess des schleichenden Wegsterbens der Schweizer Kinos begann viel früher. Bereits ab den späten 1950er Jahren kam es durch die zunehmende Verbreitung des Fernsehens zu einem Rückgang der Besucherzahlen und in der Folge zu einem Kinosterben. Vor allem die Dorfkinos wurden reihenweise geschlossen.

    Überdimensionale High-Tech-Flachbildschirme in der eigenen Wohnung, Internet und Streamingdienste wie Netflix & Co. sind die heutigen Totengräber der noch verbliebenen Kinos. Übrig bleiben werden nur multifunktionale Entertainment-Paläste. Das Konzept des reinen Filmabspielens mit Popkorn-Geschmatze ist nicht mehr gesellschaftsfähig.

    2021 betrug der durchschnittliche Preis für einen Kinoeintritt in der deutschen Schweiz 16.40 Schweizer Franken, während ein Netflix-Monats-Abo mit HD-Streaming für 16.90 CHF zu haben war. Seit 9. Januar ist der Netflix-Abo-Preis allerdings auf 18.90 CHF gestiegen. Macht den Braten aber auch nicht heisser. Strom steht uns ja schliesslich in Hülle und Fülle zur Verfügung.

    Liebe Grüsse an «Fridays for Future»: Etwa 80 Prozent des Stromverbrauchs des Internets soll mittlerweile allein durch Video-Streaming verursacht werden. Sagt jedenfalls die ETH.

  • 20.6.2022 - Tag der Luzerner Swimmingpools für Schweine

    Artgerechtere Tierhaltung: Luzerner Schweine erhalten Auslauf und einen Pool

    Tierwohl und Mastbetrieb: Geht das zusammen? Ja, findet eine Luzerner Stiftung und fördert Betriebe, die auf artgerechtere Tierhaltung umstellen.

    Rund 430'000 Schweine gibt es im Kanton Luzern. Doch wenn man durch den Kanton fährt, sieht man nicht viel von ihnen. Denn sie sind häufig im Stall. Manche sogar ausschliesslich. Sie kommen nie an die frische Luft.

    So zum Beispiel auch die bis zu 100 Schweine, die im Stall von Silvia Ineichen aufgezogen werden. Die Bäuerin betreibt den Hof Ober Ehrenbolgen im luzernischen Römerswil, leicht am Hang gelegen, mit herrlicher Aussicht auf den Baldeggersee.

    Von der die Ferkel in ihrem Stall aber nichts haben. «Das ist ein klassischer QM-Stall.» Ein Ort also, wo die Tiere nach konventioneller Art gemästet werden. Silvia Ineichen aber will umstellen. Weg von den Boxen mit Betonboden, in denen ihre Schweine aufwachsen, hin zu einer artgerechteren Haltung: «Es war schon immer mein Wunsch, dass die Tiere raus können und sie mehr ihren natürlichen Trieben folgen können.»

    Nun wird die Bäuerin ihren Wunsch erfüllen können – dank der Unterstützung der Albert-Koechlin-Stiftung AKS. Die Luzerner Stiftung, sonst eher bekannt für ihr Engagement in der Kultur, unterstützt auch Projekte zugunsten des Tierwohls. Das sei im Stiftungszweck so vorgesehen, erklärt Patrick Ambord von der AKS. Aus dem Bereich der Schweinezucht habe die Stiftung aber kaum Gesuche erhalten, weshalb sie extra dafür ein eigenes Projekt lancierte.

    Fünf Pilotbetriebe sollen gefördert werden - möglichst unterschiedlicher Art, um möglichst breite Erfahrungen zu sammeln. «Es können grössere und kleinere Betriebe sein, aber auch Mast- und Zuchtbetriebe. Solche, die bereits bekannte Absatzkanäle beliefern, aber auch andere, die auf Direktvermarktung setzen.»

    Dass Silvia Ineichens Hof den Zuschlag erhielt, hat damit zu tun, dass sie nicht einfach nur das Minimum realisieren wollte, das von einer Norm vorgeschrieben wäre. Ihr selber geht es auch nicht in erster Linie darum, ein Label zu erhalten, sondern um das Leben ihrer Tiere: «Es ist mein persönliches Empfinden, dass ich das verbessern möchte.»

    Zusammen mit der Albert-Koechlin-Stiftung lotete Ineichen aus, was auf ihrem Hof möglich ist. Klar ist: ihre Schweine werden künftig ein anderes Leben haben. Nicht nur, dass sie aus dem Stall hinausgehen können. Draussen werden sie einen Pool haben und einen speziellen Wühlbereich. «Dieser wird etwa 40 Zentimeter tief, wo sie dann wie im Wald graben können», erklärt die Bäuerin ihre Pläne.

    Der Umbau auf Ober Ehrenbolgen kann schon bald beginnen, die Baubewilligung ist erteilt. Aber auch wenn der neue Stall mit Umschwung dereinst steht, wartet noch ein anderer grosser Teil der Arbeit auf Silvia Ineichen. Denn der Verkauf von Fleisch aus tiergerechter Haltung ist nicht unbedingt einfacher.

    Hoffnung auf höhere Preise

    «Leider ist es ja so, dass der Verkauf von Labelfleisch aktuell eher rückläufig ist», sagt Ineichen. Deshalb müsse sie wohl mehr auf Direktvermarktung setzen. Sie hofft, dass sie so höhere Preise für ihre Tiere erzielen kann. Aber ganz abgesehen von der Wirtschaftlichkeit freut sie sich auf ihren künftigen «neuen» Hof: «Mir ist wohl, wenn es meinen Tieren auch wohl ist.» Schreibt SRF.

    Vor zwei Monaten noch für eine ziemlich missratene «Sensibilisierungskampagne» der Stadt Luzern gegen Littering missbraucht, wird den wunderbaren Luzerner Schweinen endlich die Gerechtigkeit erwiesen, die ihnen gebührt.

    Dass im Zusammenhang mit dieser Wohlfühlaktion «Glückliche Schweine» auch vor der Parteizentrale der Luzerner FDP ein Pool aufgestellt worden sei, entbehrt jeglichen Tatsachen. Es handelt sich bei diesem üblen Gerücht um eine Hitzesommer-Fake-News.

    Das hätten die einzigartigen Schweine und künftigen Bio-Koteletten von Frau Ineichen nun wirklich nicht verdient, mit der Luzerner FDP in einen Pool geworfen zu werden.

  • 19.6.2022 - Tag der Luzerner FDP und ihren Oligarchen

    Amerikaner beschlagnahmen Superyacht von «Luzerner Oligarch»

    Nach einer Odyssee über die Weltmeere ist die beschlagnahmte Superyacht eines Oligarchen unter US-Flagge in Hawaii eingelaufen. Der russische Besitzer des 106-Meter-Luxuskahns ist auch als «Luzerner Oligarch» bekannt.

    Er wird auch der «Luzerner Oligarch» genannt: Suleiman Kerimow (56), laut dem Magazin «Forbes» zeitweise der reichste Russe mit einem Vermögen von 25 Milliarden Dollar. 2006 raste der gebürtige Dagestaner mit einem Ferrari mit Luzerner Kennzeichen in eine Palme in Nizza (F). Der Ferrari gehörte dem Luzerner Geschäftsmann Alexander Studhalter (53). Studhalter war auch Stiftungsratspräsident der Suleyman Kerimov Foundation, die seit 2007 in Luzern angesiedelt war und unter anderem Spenden des Oligarchen erhielt – für angeblich «gemeinnützige und wohltätige» Zwecke.

    Der Oligarch mit den Verbindungen in die Zentralschweiz, der vor einigen Jahren mit fragwürdigen Immobiliendeals in die Schlagzeilen geriet, ist jetzt um eine Superyacht ärmer. Nach einer spektakulären Odyssee über die Weltmeere lag die 106-Meter-Yacht Amadea in Fidschi vor Anker – und wurde dort auf Drängen der US-Behörden beschlagnahmt.

    Am Donnerstag lief der schwimmende Oligarchenpalast mit US-Flagge in Hawaii ein. Laut GPS-Trackingdaten liegt das Prunkschiff in Honolulu vor Anker.

    Millionenteure Wartung

    Wo sich Kerimow derzeit aufhält, ist unbekannt. Er wurde von den USA schon 2014 und 2018 mit Sanktionen belegt, wegen Russlands Vorgehen in Syrien und der Krim. Auch die EU sanktionierte den Multimilliardär. Seit Mitte März steht Kerimow wegen seiner engen Verbindungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) auch auf der Sanktionsliste der Schweiz.

    Auch Putin scheint mittlerweile nicht bedingungslos glücklich über den Reichtum dieser Oligarchen. Statt sich um Russland zu kümmern, hätten einige ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Am Freitag sagte Putin an einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg: «Die Oligarchen stahlen das Geld und versteckten es im Ausland.»

    Nun haben die USA für die Wartungskosten von Kerimows luxuriöser russischer Superyacht aufzukommen. Schätzungen zufolge belaufen sich diese auf rund 25 bis 30 Millionen Dollar jährlich. Wird die Amadea nicht instand gehalten, kann ihr Wert um rund einen Drittel sinken. Schreibt SonntagsBlick.

    Dass der Luzerner Treuhänder und Pochettli*-Träger Alexander Studhalter überall seine manikürierten Fingerchen im Spiel hat, wo's ein «Gschmäckle» gibt wie die Süddeutschen zu sagen belieben, ist in der Leuchtenstadt kein Geheimnis. War es auch nie.

    Denn schon beim Vater von Studhalter stiegen ab und zu aus der Studhalterschen «Finanzboutique» unangenehme Rauchschwaden Richtung Pilatus, um dann endgültig irgendwo in der Unendlichkeit des Weltalls zu verschwinden.

    Die Studhalters sind ja nicht nur namhafte Unterstützer der Luzerner Parteienlandschaft, sondern geniessen auch deren grosszügige Hilfe, wenn's mal wieder irgendwo brennt. Mehr zu dieser illustren Luzerner Familie gibt es in einem Artikel von «In$ide Paradeplatz» zu lesen.

    Luzern liebt nun mal Mogule und Oligarchen, egal woher sie kommen und welche lächerlichen «Stiftungen» zum Wohl der Steuerersparnis daraus entstehen. Wenn das gleiche wie in Luzern in einer, sagen wir mal ukrainischen oder italienischen Stadt abläuft, schreien wir sofort atemlos die Worte «Korruption» und «Mafia» aus uns heraus. Was sagt uns das? Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

    Der ehemalige Besitzer vom Château Gütsch in Luzern, Alexander Lebedev, seines Zeichens russischer Oligarch, steht inzwischen ebenfalls – zumindest in Kanada – auf der Sanktionsliste russischer Oligarchen.

    Seinem Nachfolger im Chateau Gütsch seit Sommer 2021, dem russischen Oligarchen Kirill Androsov, könnte demnächst ein ähnliches Schicksal wie Lebedev blühen.

    Es ist allerdings anzunehmen, dass willfährige Leute wie der Luzerner FDP-Lokalpolitiker Damian Hunkeler dies zu verhindern wissen: Er sitzt seit 2020 erneut im Grossen Stadtrat der Stadt Luzern und seit 2011 im Luzerner Kantonsrat. Nebenbei ist Damian Hunkeler noch Verwaltungsrat der Château Gütsch AG.

    Sie sehen, wenn in der Stadt am Fusse des Pilatus irgendwo ein «Gschmäckle» auftaucht, ist die Luzerner FDP meistens als mitprägende Duftessenz wahrnehmbar. Das ist seit Urzeiten so und wird auch immer so bleiben.

    Die FDP Luzern hat ja nicht umsonst den höchsten Spendensupport aller Luzerner Parteien. Selbst ehemalige FDP-Bundesräte, wie beispielsweise Rudolf Friedrich, sollen ihr riesige Summen aus ihren Vermögen vermacht haben. Sagt jedenfalls die SVP Luzern.

    * Der Begriff «Pochettli» (schweizerdeutsch) hat nichts mit dem allerwertesten Po zu tun, wie man vielleicht bei der Nennung des Namens Studhalter vermuten könnte. Das Einstecktuch (auch Kavalierstuch, Stecktuch) ist ein Kleidungs-Accessoire, welches so in die äussere Brusttasche des Sakkos gesteckt wird, dass es daraus hervorschaut. Dabei wird es in unterschiedlichen Techniken gefaltet und geformt. Der Begriff statt aus dem französischen Wort «pochette». Schreibt Wikipedia.

  • 18.6.2022 - Tag der SP-Millionäre

    Noch-Juso-Chefin präsentiert neue Initiative: Reiche Erben sollen die Hälfte abgeben!

    Nach drei Jahren tritt Ronja Jansen von der Juso-Spitze zurück. Doch bevor sie geht, verrät sie, wie die Jungpartei Superreiche für die Klimakrise zahlen lassen will.

    Am Sonntag ist Schluss für Ronja Jansen (27). Die Juso-Präsidentin tritt ab und überlässt die Führung der lautesten Jungpartei der Schweiz jemand Neuem. Doch die Delegierten wählen dieses Wochenende nicht nur eine neue Spitze, sondern geben auch den Startschuss für eine neue Initiative. Lange war unklar, was genau der nächste Juso-Streich ist. Im Abschiedsinterview mit Blick verrät Jansen, wen die Juso dieses Mal ins Visier nimmt.

    Frau Jansen, nach drei Jahren treten Sie zurück von der Juso-Spitze. Haben Sie genug vom Klassenkampf?

    Ronja Jansen: Ich wünschte, er wäre nicht mehr nötig. Aber so lange der Klassenkampf von oben weitergeführt wird, werde ich mich wehren.

    Als Sie vor drei Jahren das Präsidium übernahmen, setzten Sie sich zum Ziel für eine feministischere und ökologischere Welt zu kämpfen. Mit Erfolg?

    Ich habe natürlich nicht damit gerechnet, dass die Welt plötzlich von solchen Krisen durchgeschüttelt wird. Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben diese Kämpfe erschwert. Doch die Juso ist in den letzten Jahren nochmals stärker geworden. Wir haben etwa 1000 Mitglieder mehr als vor der Pandemie und sind mit rund 4700 Mitgliedern weiterhin die stärkste Jungpartei.

    Was war Ihr grösster Erfolg?

    Am meisten geblieben ist mir der Abstimmungskampf zu unserer 99-Prozent-Initiative. Für einen Sieg hat es leider nicht gereicht, aber es war ein Achtungserfolg.

    Gerade einmal ein Drittel der Stimmenden sagte Ja. Sie sind grandios gescheitert.

    Doch wir haben das Bewusstsein darüber gestärkt, wie ungerecht die Vermögen in der Schweiz verteilt sind. Das ist bitter nötig!

    Nun steht schon länger ein neues Initiativprojekt in der Pipeline. Worum gehts konkret?

    Wir lancieren unsere neue Initiative, mit der die Reichen für den Klimawandel zahlen sollen. Gestartet wird wohl im Herbst. An der Delegiertenversammlung vom Sonntag verabschieden wir der Initiativtext. Konkret verlangen wir, dass Erbschaften über 50 Millionen Franken zu 50 Prozent besteuert werden. Und die zusätzlichen Einnahmen sollen für den Kampf gegen den Klimawandel eingesetzt werden.

    Wie viele Personen wären davon betroffen?

    Nur etwa 2000 Superreiche. Diese kleine Minderheit ist es, die massiv von der Ausbeutung unseres Planeten profitiert. Wenn wir die Klimakrise abwenden wollen, müssen wir die Macht der Superreichen beschränken. Die Klimakrise ist eine Ungleichheitskrise. Die Zerstörung unserer Zukunft wird von den Reichsten vorangetrieben, doch den Preis zahlen andere.

    Wer reich ist, ist doch nicht automatisch ein Umweltzerstörer.

    Geht es um den Klimaschutz, wird gern mit dem Finger auf Leute gezeigt, die im Winter Erdbeeren oder einen Kafi im Plastikbecher kaufen. Doch ihr individueller Einfluss ist klein im Vergleich zu denen, die am Hebel der Macht sitzen. Sie sind es, die entscheiden, ob nach Öl gebohrt wird oder nicht und was wie produziert wird.

    Was ist mit grossen Familienunternehmen? Verunmöglicht die Juso mit der Initiative nicht, dass Unternehmen an die Nachkommen weitergegeben werden können?

    Wir reden von Erbschaften über 50 Millionen, das betrifft keine KMU oder Geschwister, die ein Haus erben. Bei grossen Unternehmen sind Lösungen einfach umsetzbar. Möglich wäre beispielsweise, dass die Erbschaftssteuern über längere Zeit abbezahlt werden könnten.

    2015 gab es bereits eine Erbschaftssteuer-Initiative, die wohlhabende Erben stärker besteuern wollte. Sie war absolut chancenlos.

    Die Stärke unserer Initiative ist, dass absolut klar ist, wen sie betrifft und wen nicht. Die riesige Mehrheit profitiert von unserem Anliegen. Ausserdem hat sich die Situation seit damals noch einmal krass verschärft. Fast 100 Milliarden werden heute jährlich an Leute vererbt, die für das Geld nichts geleistet haben. Wir leben faktisch in einer neuen Adelsgesellschaft!

    Sie sind schon mitten im Abstimmungskampf! Die Initiative ist wie alle Juso-Projekte radikal. Rechnen Sie sich ernsthafte Chancen aus?

    Extrem ist, dass es überhaupt Vermögen über 50 Millionen gibt! Wir brauchen Geld gegen den Klimawandel, müssen wichtige Investitionen tätigen! Die Initiative schlägt eine super Lösung vor. Aber ich mache mir keine Illusionen. Die rechte Reichen-Lobby wird dagegen ankämpfen und mangels ernsthafter Argumente wieder die Anti-Juso-Keule schwingen.

    Sie trifft die Keule nicht mehr. Was werden Sie künftig neben Ihrem Amt als Baselbieter Kantonsrätin tun? Noch den Bachelor in Soziologie und Wirtschaft abschliessen?

    Ja, ich habe mich fürs nächste Semester eingeschrieben und will mich nun wieder aufs Studium konzentrieren. Aber zuerst gehe ich jetzt einmal einen Monat in die Ferien und mache mir Gedanken, was ich in Zukunft machen will.

    Sie liebäugeln sicher mit dem Nationalrat. Nächstes Jahr sind Wahlen. Das würde ja perfekt passen.

    Die nationale Politik interessiert mich natürlich. Aber ich weiss noch nicht, was meine Pläne sind. Fest steht: Ich bin noch lange nicht fertig mit der Politik! Schreibt Blick.

    Nun, es ist eine alte Tatsache, 100, 200 oder mehr Prozent zu fordern, um letztendlich einen Bruchteil davon einstreichen zu können. Ein absolut legales Instrument, das auch vom Normalbürger eingesetzt wird. Wer kennt sie nicht, die preislich total überrissenen Inserate für Occasions-Schlitten auf Ricardo & Co.?

    Die SP, die laut Blocher mehr Millionäre in ihren Reihen haben soll als die SVP, schiesst allerdings seit vielen Jahren nur noch übers Ziel hinaus und setzt damit ihre politischen Forderungen nicht selten der Lächerlichkeit aus. Dass damit an den Wahlurnen kein Blumentopf zu gewinnen ist, zeigen die Zahlen an den Abstimmungstagen.

    Um die Superreichen zur Kasse zu beten, stehen in der Schweizer Verfassung festgeschriebene Instrumente zur Verfügung. Genannt «Steuern». Man müsste sie nur einhalten, was der interkantonale Steuerwettbewerb allerdings zu verhüten weiss. Nicht zuletzt with a little help from my friends, von der SP. Um einen Beatles-Song aus dem Jahr 1967 zu zitieren.

    Auch die Jusos sollten sich irgendwann der Tatsache stellen, dass der Kommunismus krachend gescheitert ist, bevor sie ihre üblichen Enteignungs-Lachnummern verbreiten.

    By the way: Herzliche Glückwünsche an Beatle Paul McCartney, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

  • 17.6.2022 - Tag der Erdbeersträucher

    Bill Gates: NFTs basieren auf der Idee, einen grösseren Trottel zu finden

    Non-Fungible Tokens (NFTs) polarisieren bereits seit Monaten. Die Idee ist, dass hier unter anderem in der Kunst- und Gaming-Welt digitale Güter in Form von Tokens abgebildet und gehandelt werden können. Manche Menschen sehen dadurch einen neuen, digitalen Kunstmarkt entstehen, andere sind äußerst skeptisch. Zur zweiten Kategorie gehört Microsoft-Gründer Bill Gates.

    Auf einem Event des US-Technologiemediums Techcrunch betonte Gates, dass er NFTs als eine Anlageform sehe, die zu 100 Prozent auf der "Greater Fool Theory" basiere – vereinfacht gesagt beschreibt diese Theorie, dass man ein Objekt in der Hoffnung kauft, einen größeren Trottel zu findet, der das Objekt später teurer abkauft.

    Gates selbst ist im Feld der Krypto-Assets nicht involviert – er besitzt weder welche, noch hat er diese geshorted. Stattdessen investiert er lieber in physische Objekte oder in Unternehmen, die reale Produkte herstellen, sagt der Gründer des Softwarekonzerns.

    Mit einem Schmunzeln merkt er auch an, dass "digitale Bilder von Affen wohl offensichtlich die Welt verbessern werden". Damit spielt er auf eines der bekanntesten Projekte der NFT-Welt, den Bored Ape Yacht Club (BAYC) an. Hierbei handelt es sich um Bilder von Comicaffen, die teils für sechsstellige Beträge den Besitzer wechselten. Zuletzt geriet das Projekt in die Schlagzeilen, weil es Opfer eines Hacks wurde.

    Gates: Skeptisch gegenüber Kryptowährungen

    Es ist nicht das erste Mal, dass Gates sich skeptisch gegenüber Kryptowährungen äußert. Schon im Frühjahr 2021 warnte er vor den Gefahren für kleine Investoren, wenn sie ihr Geld in solch volatile Investments wie Bitcoin stecken. Oft würden diese mit dem Versprechen auf große Gewinne dazu verleitet, unnötige Risiken einzugehen.

    Anfangs schien es so, als wäre Gates zu Unrecht besorgt gewesen, denn noch im November des gleichen Jahres stieg der Wert eines Bitcoin auf das Allzeithoch von rund 63.000 Dollar. Mittlerweile ist der Kurs der weltweit größten Kryptowährung aber auf rund 20.000 Dollar abgestürzt, neben makroökonomischen Faktoren spielten hier auch diverse Skandale wie jener um Terra/Luna oder das Celsius Network eine Rolle. Und auch die von Gates kritisierten NFTs haben zuletzt massiv an Wert verloren. Schreibt DER STANDARD.

    Bill Gates? Ist das nicht die Microsoft-Ikone, die laut Botschaft der «Trychler» und weiteren Kreisen aus der esoterischen Abteilung der SVP dafür gesorgt hat, dass uns mit der Corona-Impfung zugleich ein – vermutlich flüssiger – Chip in den Arm gespritzt wurde?

    Und nun kommt ausgerechnet dieser Bill Gates mit der Weisheit der «Greater Fool Theory» hinter dem Ofenbänkli hervorgekrochen, die imZusammenhang mit Kryptowährungen und NFTs jedem einigermassen vernünftigen Menschen jenseits der vorgenannten Abteilungen der grössten Schweizer Partei längst bekannt war.

    Tyrone Davis veröffentlichte 1973 einen Song mit dem Titel «What Goes Up Must Come Down», der in den internationalen Musik-Charts einschlug wie ein Blitz in den Erdbeerstrauch.

    Noch Fragen zu Bill Gates, Kryptowährungen, NFTs, Corona-Impfung oder Erdbeersträuchern?

  • 16.6.2022 - Tag der Fake-News um 5 Milliarden des Bundes an die Ukraine

    Heute erzähle ich Ihnen, wie ich gestern live und wahrhaftig erlebte, wie Fake-News entstehen können.

    Irgendwann um die Mittagszeit erhielt ich gestern eine WhatsApp-Nachricht: «Bund zahlt 5 Milliarden Franken Hilfsgeld an die Ukraine». So stehe es geschrieben auf SRF. Den Kommentar des Absenders zu dieser «Geldverschwendung des Bundes an die Ukraine» erspare ich Ihnen.

    Ich nahm mir dann aber doch die Zeit, die WhatsApp-Mitteilung auf SRF schnell zu verifizieren. Fünf Milliarden Franken als «Hilfsgelder» sind ja tatsächlich auch für ein (noch) reiches Land wie die Schweiz eine enorm hohe, kaum vorstellbare Summe, die ohne Zustimmung des Parlaments wohl kaum gespendet werden könnte. Die Zeiten von freiem Schalten und Walten des Bundesrates aus der Corona-Pandemie sind ja (vorerst) vorbei. Festzuhalten gilt, dass auch die während der Corona-Pandemie eingegangenen finanziellen Verpflichtungen des Bundesrates nachträglich vom Parlament genehmigt werden mussten.

    Ich fand denn auch die SRF-Meldung im Ukraine-Live-Ticker von SRF sehr schnell und siehe da: Tatsächlich! «Schweiz spendet weitere 5 Milliarden für Geflüchtete». Doch gleich unterhalb der News war auch die Twitter-Botschaft vom SEM (Staatssekretariats für Migration) aufgeführt mit der richtigen Summe des Spende-Betrags: 5 Millionen Schweizer Franken.

    Die 5 Milliarden waren somit nichts anderes als ein auf den zweiten Blick klar ersichtlicher Schreibfehler in der News von SRF. Die Live-Ticker-Formate der Internetportale haben es nun mal an sich, vor Schreibfehlern nur so zu strotzen! Rechtschreibung und inhaltliche Korrektheit wird der Schnelligkeit und dem Clickbaiting geopfert.

    News sind im Internet längst zur reinen Temposache verkommen. Viele User*innen lesen in der Hitze der medialen Überflutung häufig nur noch die meistens etwas aufgepeppte, um Aufmerksamkeit buhlende Titelzeile. Immerhin hat SRF die Titelzeile irgendwann im Verlaufe des Nachmittags auf den richtigen Betrag korrigiert, wie ich am Abend feststellen konnte (siehe Bild).

    Das hat mein Kontakt auf WhatsApp nicht getan. Obschon ich ihn auf die Unstimmigkeit seiner WhatsApp-Message aufmerksam machte. Irgendwie verständlich: Das hätte ja sein Gesülze als reine Fake-News entlarvt. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, frage ich mich schon, wie eigentlich intelligente Menschen, und um so einen handelt es sich bei diesem WhatsApp-Kontakt, plötzlich zu Vollpfosten mutieren und zu allem Übel auch noch stolz einen Trychler-Hosengürtel tragen.

    Doch was lernen wir aus meiner heutigen Kolumne? Ganz einfach: Fake-News haben viel mit einer Artillerie-Kanone zu tun. Ist das Artilleriegeschoss erst mal abgefeuert, ist es nicht mehr aufzuhalten.

    So entstehen Fake-News - Schweiz spendet 5 Milliarden Franken für die Ukraine
  • 15.6.2022 - Tag der unendlichen Gier

    Millionenbetrug vor Gericht: Pietro S. (38) verramschte jahrelang wertlose Aktien: Luxusleben auf Kosten von Kleinaktionären

    Wer in seine Aktien investiert hat, hat alles verloren. Hinter den Anteilscheinen steckte nichts ausser zwei unrentable Tankstellen. Italiener Pietro S.* hat ein perfektes Lügengebäude aufgebaut. Dafür droht ihm jetzt Knast und Landesverweis.

    Er trickste über vier Jahre lang Hunderte von kleinen Investoren in der Schweiz und in Deutschland aus und verramschte ihnen wertlose Aktien. Der Finanzjongleur Pietro S.* (38). Laut Anklageschrift hat der Italiener durch Täuschung Millionen von Franken für sein Luxusleben eingeheimst. Dafür muss er vor das Bezirksgericht Bülach ZH.

    Gemäss der Anklage hat er unter anderem Aktien für eine Selbstbedienungs-Tankstellenkette angeboten, die dank tiefen Kosten das Benzin billiger anbieten und so «eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen in der spanischen Mineralölbranche» sei. In Wirklichkeit gehörten der Firma aber nur zwei Tankstellen, die nie Gewinn abwarfen.

    Blick besuchte mehrere Kunden von Pietro S., die weit über 10'000 Franken verloren haben. Hätten sie den Betrug nicht rechtzeitig entlarven können, hätte man etwas besser nachgeforscht?

    Perfekte Inszenierung

    «Nein», sagt ein über 80-jähriger Rentner, der anonym bleiben will. «Es war alles perfekt inszeniert. Weil ich nicht am Telefon einen Deal abschliessen wollte, traf mich sogar ein Verkäufer im Restaurant. Er machte einen absolut seriösen Eindruck», sagt er zu Blick. Und weiter: «Ich verlor einen Teil meiner Pension. Jetzt muss ich wieder arbeiten.»

    Der Verlust schmerzt

    Offen über das Fehlinvestment spricht der Informations- und Kommunikationstechniker Patric Büeler (51). Er hat für über 20'000 Franken Aktien gekauft. Er erinnert sich: «Weil ich gelegentlich in kleine Start-ups investierte, bin ich in einer Datenbank. Darum riefen sie mich an. Die Dokumentation leuchtete ein, ich schöpfte keinen Verdacht. Erst als der Brief der Staatsanwaltschaft kam, erfuhr ich von dem Betrug. Ich wusste, es war Risikokapital, aber der Verlust schmerzt trotzdem.»

    Finanzprofis unter den Opfern

    Pietro S. baute ein Lügengebäude auf, das sogar von Finanzprofis nicht mit vernünftigem Aufwand durchschaut werden konnte. So bestimmte er den Kurs der Aktien selber und publizierte Zahlen über eine Finanzfirma. Die Banken übernahmen die Charts, ohne sie zu überprüfen. Die steigenden Kurse wiederum überzeugten so manchen skeptischen Anleger. Ein Prokurist einer grossen Bank fiel darauf rein, aber auch Mitglieder von Rechnungsprüfungskommissionen mehrerer Gemeinden. Sie alle glaubten, ein gutes Investment zu machen.

    Raubtierstimmung im Callcenter

    Für Pietro S. arbeiteten laut Anklageschrift zehn bestens ausgebildete Telefonverkäufer. Im Callcenter herrschte Raubtierstimmung, verdient wurde auf Provisionsbasis. Gewonnen hatte, wer das grösste Verkaufsvolumen generierte. Die Anklageschrift zitiert aus einem Leitfaden, was ein Verkäufer sagen soll: «Sie haben Glück, ich vertrete ein Unternehmen, das seit Jahren eine Erfolgsgeschichte vorweisen kann. Da ich auch hinter die Kulissen sehe, kann ich Ihnen das Angebot mit gutem Gewissen unterbreiten. Ja, Herr Muster, es wird Zeit, dass wir zusammen Geld verdienen.»

    Gewonnen hat aber nur der Angeklagte. Von Februar 2016 bis Februar 2019 verdiente Pietro S. im Schnitt 10'067 Franken und 53'084 Euro pro Monat. Vom Reichtum ist aber nicht viel übrig: Ein paar Luxusuhren sowie ein paar unbedeutende Liegenschaften in Österreich und ein paar Zehntausend Franken verteilt auf mehrere Bankkonten. Dem gegenüber stehen bei den mindestens 350 Betrogenen Verluste über eine Million Franken und zehn Millionen Euro.

    Der Prozess gegen Pietro S. findet im abgekürzten Verfahren statt. Die Staatsanwaltschaft fordert für gewerbsmässigen Betrug und mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung eine Freiheitsstrafe über viereinhalb Jahre und einen Landesverweis über sieben Jahre. * Name geändert. Schreibt Blick.

    «Wer sich ins Geschirr von Leuten spannen lässt, die den Hals nicht voll bekommen können, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages verschluckt wird», sagte der deutsche Hobby-Philosoph, Aphoristiker, Satiriker und Buchautor Prof. Querulix (Pseudonym).

    Genau das passierte den «Opfern» des italienischen Betrügers. Ihre Investition wurde im wahrsten Sinne von Prof. Querulix' Lebensweisheit verschluckt. Das Mitleid mit den Geschädigten hält sich allerdings in Grenzen.

    Wer sich von unbedarften Callcenter-Boys wertlose Finanzprodukte andrehen lässt, muss vor lauter Gier, Vertrauensseligkeit und der Hoffnung, endlich den Stein der Weisen gefunden zu haben, blind sein.

    Das gilt auch für die involvierten Banken, denen man allerdings ein gehöriges Mass an Dummheit – oder war es gar Pflichtverletzung? – nicht absprechen kann.

  • 14.6.2022 - Tag der Neu-Millionäre

    2021 gab es so viele Neu-Millionäre wie noch nie

    Eine Million Dollar auf der Seite zu haben, ist ein Luxus, der den meisten das ganze Leben lang verwehrt bleibt. Letztes Jahr schafften den Sprung in den Klub der Millionärinnen und Millionäre so viele Leute wie noch nie.

    Nach der Krise kommt der Geldrausch. Anlegerinnen und Anleger rund um den Globus haben im letzten Jahr von gestiegenen Aktienkursen und der Konjunkturerholung nach der Corona-Krise 2020 profitiert. Ihr Vermögen stieg gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent auf den Rekordwert von insgesamt 86 Billionen US-Dollar.

    Zugleich wuchs die Zahl der Dollar-Millionäre, wie das Beratungsunternehmen Capgemini berechnete. «Unsere Prognose für 2022 ist allerdings deutlich verhaltener», sagte Capgemini-Experte Klaus-Georg Meyer mit Blick auf die Gesamtentwicklung.

    22,5 Millionen Menschen besitzen mindestens eine Million US-Dollar

    Zinserhöhungen der Notenbanken im Kampf gegen die hohe Inflation belasten die Stimmung an den Aktienmärkten und drücken auf die Börsenkurse. Nach Schätzungen von Capgemini ist das Vermögen der Menschen, die über ein anlagefähiges Vermögen von mindestens einer Million Dollar verfügen, weltweit seit Ende vergangenen Jahres bis Ende April 2022 um etwa vier Prozent geschrumpft.

    Im vergangenen Jahr aber wuchs der Klub der Dollar-Millionäre weltweit noch einmal deutlich um 7,8 Prozent auf 22,5 Millionen Mitglieder.

    USA, Japan, Deutschland und China führen Liste an

    An der Spitze der Länder mit den meisten Dollar-Millionären stehen die USA (7,46 Millionen), gefolgt von Japan (3,65 Millionen). Auf Platz drei liegt Deutschland mit 1,63 Millionen, China folgt auf Rang vier mit 1,54 Millionen vermögenden Privatleuten. Insgesamt konzentrieren sich 63,6 Prozent aller Dollar-Millionäre weltweit in diesen vier Ländern.

    Das stärkste Wachstum wurde den Angaben zufolge im vergangenen Jahr rund um den Globus bei den Superreichen verzeichnet, die über ein anlagefähiges Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar verfügen. Das Gesamtvermögen wuchs um 8,1 Prozent. Die Zahl der Superreichen erhöhte sich um 9,6 Prozent auf etwa 220'000.

    Zuletzt veröffentlichte Studien zu dem Thema kommen teilweise zu einem ähnlichen Ergebnis, auch wenn die Zahlen wegen Unterschieden in der Methodik nicht identisch sind. Capgemini berücksichtigt bei dem jährlich erstellten «World Wealth Report» Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, alternative Investments wie privates Beteiligungskapital, Bargeld sowie Immobilien, sofern sie nicht selbst genutzt werden. Sammlungen oder Gebrauchsgüter zählen nicht dazu. Schreibt Blick.

    Bevor Sie sich jetzt Hintersinnen und mitten im wunderschönen Hitzesommer Trübsal blasen: Zumindest einige der Neu-Millionäre sind es bereits nicht mehr. Die Inflation (USA Juni 2022 8,6 %, Deutschland Mai 2022 7,9 %) und teilweise dramatisch sinkende Börsenkurse – die Tech-Aktien derzeit in beinahe freiem Fall – lassen die virtuellen Geldvermögen schrumpfen wie den Schnee auf dem Pilatus an der Sommer-Sonne. Auch bei vielen Kryptowährung-Millionären herrscht derzeit Heulen und Zähneknirschen.

    Putzig ist allerdings der Hinweis auf die chinesischen Neu-Millionäre. Xi Jinping und seine kommunistische Partei scheinen die Thesen von Lorenz von Stein, François Noël Babeuf, Karl Marx und Friedrich Engels zu ignorieren. Dafür hält sich die kommunistische Partei der Volksrepublik China an George Orwells «Animal Farm».

    Besonders der Schweine-Eber «Hannibal» scheint es Xi Jinping angetan zu haben. «Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.» Wie schnell chinesische Vermögen von Millionären und Milliardären in die Kassen der kommunistischen Partei wandern, kann Ihnen Alibaba-Gründer Jack Ma erklären. Diejenigen, die vom chinesischen Erdboden für immer auf unerklärliche Weise verschwunden sind, müssen allerdings schweigen. Tote reden nicht.

    Geniessen Sie den Sommer 2022. Ich werde Ihnen demnächst einen «Place to be» vorstellen, wo die persönliche Zufriedenheit nicht von Ihrem Bankkonto abhängt.

    1'000'000'000 ist auch nur eine Zahl.

  • 13.6.2022 - Tag des Orakels am Fusse des Pilatus

    Nato-Generalsekretär Stoltenberg ändert Rhetorik: «Wie viel Gebiet ist die Ukraine bereit, für den Frieden zu opfern?»

    Die Ukraine müsse entscheiden, wie viel Territorium sie für den Frieden tauschen will. Das sagt Nato-Generalsekretär Stoltenberg. Frieden habe seinen Preis. Dies, während es im Westen wachsende Signale für gewisse «Ukraine-Ermüdung» zu geben scheint.

    Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (63) bekräftigte am Sonntag, dass der Krieg in der Ukraine lediglich am Verhandlungstisch beendet werden kann. Jedes Friedensabkommen fordere auch Kompromisse, so Stoltenberg. Auch in Bezug auf Territorium.

    Stoltenberg äusserte sich bei den jährlichen Kultaranta-Gesprächen in Finnland. Auch der Westen sei bereit, für die Stärkung des ukrainischen Militärs «einen Preis zu zahlen», sagte der Vorsitzende des transatlantischen Verteidigungsbündnisses. Aber Kiew werde Moskau einige territoriale Zugeständnisse machen müssen, um den Konflikt zu beenden.

    Frieden habe seinen Preis, sagte Stoltenberg: «Frieden ist möglich. Die Frage ist nur: Welchen Preis sind (die Ukrainer) bereit, für den Frieden zu zahlen? Wie viel Territorium, wie viel Unabhängigkeit, wie viel Souveränität sind sie bereit, für den Frieden zu opfern?»

    Widersprüchliche Signale an Kiew

    Stoltenberg legte keine konkreten Vorschläge der Nato vor, wie den Konflikt zu beenden. Es sei «Sache derjenigen, die den höchsten Preis zahlen, diese Entscheidung zu treffen». Die Nato und der Westen würden den Ukrainern weiterhin Waffen liefern, um «ihre Hand zu stärken», wenn schliesslich eine Lösung ausgehandelt werde.

    Dabei erwähnte Stoltenberg auch Finnland, das Karelien im Rahmen eines Friedensabkommens während des Zweiten Weltkriegs an die Sowjetunion abtrat. Stoltenberg bezeichnete die finnisch-sowjetische Vereinbarung als «einen der Gründe, warum Finnland aus dem Zweiten Weltkrieg als unabhängige, souveräne Nation hervorgehen konnte».

    Stoltenbergs Erklärung erfolgt in einer Zeit, in der die westliche Allianz mit Kiew nicht mehr so bedingungslos scheint wie zu Kriegsbeginn. Offiziell verlautet insbesondere aus US-amerikanischen und britischen Kreisen weiterhin, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen kann. Mahner wie der französische Präsident Emmanuel Macron (44) warnen davor, Moskau in die Enge zu treiben.

    «Ukraine-Ermüdung»

    Schon der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (44) warf dem Westen unlängst «Kriegsermüdung» vor. Es gebe ausländische Kreise, die Kiew voreilig zu Friedensverhandlungen drängen würden.

    Die einflussreiche internationale Medienplattform Open Democracy spricht von einer «Ukraine-Ermüdung». Die internationale Gemeinschaft sei den «Krieg Russlands gegen die Ukraine leid», so ein Leitartikel: «Für eine Welt, die bereit zu sein scheint, wieder voranzukommen, könnte sich der Widerstand der Ukraine langsam in eine Unannehmlichkeit verwandeln. Und Russland setzt darauf.» Schreibt Blick.

    Tja, wie vom Orakel am Fusse des Pilatus vorausgesagt: Irgendwann liegt die «hehre westliche Wertegemeinschaft» Putin doch wieder zu Füssen. Und unsere Staatenlenker werden mit Erstaunen feststellen, dass die Flüchtlinge aus der Ukraine gekommen sind um zu bleiben und nicht um in ihr völlig zerstörtes Heimatland zurückzukehren.

  • 12.5.2022 - Tag der unappetitlichen Kolumnenschreiber

    Frank A. Meyer – Täter und Komplizen

    Roger Köppel, der schrillste Schreihals der Schweizer Politik, definierte die Neutralität kürzlich als «bedingungslose Gleichbehandlung aller Parteien». Mit dieser Festlegung versucht der SVP-Nationalrat, seinem derzeit vordringlichsten Anliegen zu dienen: Die Eidgenossenschaft müsse sich dem «Wirtschaftsweltkrieg gegen Russland» verweigern.

    In der Ukraine tragen also «zwei Parteien» eine Meinungsverschiedenheit aus. Und die Schweiz verweigert beiden Parteien jegliche Hilfe. Soweit Köppels dogmatische Auslegung der Neutralität.

    Wie sieht die Wirklichkeit aus? Zerschossene Städte, gemordete Menschen, eine europäische Nation in ihrer Existenz bedroht: Die Ukraine wurde von Russland überfallen – die eine Partei versucht die andere Partei von der Landkarte zu tilgen.

    Was bedeutet angesichts dieser Wirklichkeit das Dogma Neutralität? Bedeutet es «bedingungslose Gleichbehandlung» der russischen Aggression und der ukrainischen Selbstverteidigung?

    Ist es «Gleichbehandlung», wenn der ums Überleben kämpfenden Ukraine deutsche Panzer verweigert werden, weil sie mit Munition schiessen, die in der Schweiz hergestellt wurde? Ist in diesem Kriegsfall neutrales Verhalten wirklich neutral?

    Die Schweizer Neutralität ohne Bezug zur kriegerischen Realität verwandelt sich in fatale Benachteiligung der überfallenen Nation Ukraine – und in eine Vorzugsbehandlung für die russischen Invasoren, deren Ziel es ist, die Nation Ukraine auszulöschen.

    Schweizer Munition für Panzer verbieten, die der ukrainischen Verteidigung dienen sollen, heisst: freies Schussfeld für die russischen Truppen.

    Neutralität nach dieser Lesart bedeutet auf dem ukrainischen Schlachtfeld, dass die Schweiz sich auf die Seite der Russen schlägt!

    Eine historische Spekulation sei gewagt: Was wäre gewesen, hätte sich die Schweiz nicht aus dem Weltkrieg 1939–45 heraushalten können, der faschistische Diktator Mussolini wäre ins Tessin einmarschiert, das er auf seiner Landkarte bereits als Teil Italiens vereinnahmt hatte, wie die Russen heute den Osten der Ukraine, und der Schweiz wären Waffen verweigert worden, wie die deutschen Gepard-Panzer heute der Ukraine verweigert werden?

    Krieg ist kein Schachspiel. Im Krieg wird zerstört und getötet. Gleichbehandlung von Täter und Opfer kann für die Schweiz nur heissen: Solidarität mit dem Opfer.

    Sonst wird Neutralität zur Komplizenschaft mit dem Täter. Schreibt Frank A. Meyer im SonntagsBlick.

    Frank A. Meyer mimt wieder einmal den Moralapostel und arbeitet sich am «schrillen» Putin-Versteher Roger Köppel von der «Weltwoche» ab. Inhaltlich ist je nach Sichtweise an der heutigen Kolumne von Frank A. Geier, wie er zu seinen Zeiten als «graue Eminenz» von Michael Ringiers Gnaden an der Dufourstrasse in Zürich hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, nichts auszusetzen.

    Ob Frank A. Meyer allerdings mit Blick auf den Ukrainekrieg der richtige Mann für moralingeschwängerte Predigten ist, darf hinterfragt werden. War es doch Meyers Super-Spezi und oberster Putin-Versteher alt-Kanzler Gerhard Schröder, der als gekaufter Vasall Putins für die heutige Gemengelage rund um den Ukrainekrieg und die vom derzeitigen deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz angesprochene «Zeitenwende» zumindest mitverantwortlich ist.

    Die Annexion der Krim 2014 durch Russland wurde von Schröder seinerzeit vehement verteidigt: Die ukrainische Halbinsel Krim sei «altes russisches Territorium», sagte der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder auf einer Wahlkampfveranstaltung der SPD.

    Völkerrechtsbruch – die Annexion der Krim war einer – interessiert Schröder nur im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen ex-Jugoslawien, so wie es die Stimme des Herrn aus dem Kreml ebenfalls seit Jahren verkündet.

    Intellektuell kann Frank A. Meyer in Bezug auf die hohe Intelligenz, den Sprachschatz und die rhetorische Begabung Köppel nicht das Wasser reichen. Eines aber eint sie: Beide hecheln gerne den Mächtigen dieser Welt hinterher. Der eine einem korrumpierten ex-Kanzler, der andere so ziemlich jedem, der sich auf der ultrarechten Seite der Gesellschaft bewegt. Unappetitlich sind sie beide.

  • 11.6.2022 - Tag der dargebotenen russischen Hand

    Putin vergleicht sich mit Peter dem Grossen und spielt auf weitere Ausdehnung Russlands an

    Der Angriff auf die Ukraine sei eine Rückholaktion russischer Erde, findet der russische Präsident Wladimir Putin. So etwas habe schon Zar Peter der Große vor 300 Jahren tun müssen. Ein hochrangiger Bundeswehr-General sieht Deutschland derweil schon im Krieg – und nicht darauf vorbereitet.

    Kremlchef Wladimir Putin hat den von ihm befohlenen Krieg gegen die Ukraine auf eine Ebene mit dem Großen Nordischen Krieg unter Russlands Zar Peter I. gestellt und von einer Rückholaktion russischer Erde gesprochen. Peter habe das Gebiet um die heutige Millionenstadt St. Petersburg nicht von den Schweden erobert, sondern zurückgewonnen. „Offenbar ist es auch unser Los: Zurückzuholen und zu stärken“, zog Putin laut der Nachrichtenagentur Interfax am Donnerstag Parallelen zum Krieg gegen die Ukraine. Eben jenes „Zurückholen und die Stärkung“ sei auch heute Aufgabe der Verantwortlichen in Russland. „Ja, es hat Zeiten in der Geschichte unseres Landes gegeben, in denen wir gezwungen waren, uns zurückzuziehen – aber nur, um unsere Stärke wiederzuerlangen und nach vorne zu gehen.“

    Am 9. Juni ist der 350. Geburtstag von Peter dem Großen, der sich als erster russischer Zar den Titel Imperator gab und mit Eroberungen im Norden Russland einen Zugang zur Ostsee sicherte – als so genanntes „Fenster nach Europa“. Seit dieser Zeit habe sich fast nichts geändert, behauptete Putin nun in einem Gespräch mit Jungunternehmen im Vorfeld des Internationalen Petersburger Wirtschaftsforums. Auch damals habe kein europäischer Staat das Gebiet als russisch anerkannt. „Dabei haben dort seit Jahrhunderten neben den finno-ugrischen Stämmen auch Slawen gelebt“, sagte der Kremlchef.

    Der Staatschef schloss offenbar in seinen Äußerungen auch eine weitere Ausweitung des russischen Gebiets nicht aus. „Es ist unmöglich – verstehen Sie? – unmöglich, einen Zaun um ein Land wie Russland zu bauen“, sagte Putin. „Und wir haben nicht vor, diesen Zaun zu bauen.“

    Putin begründete den Krieg gegen die Ukraine einerseits mit der angeblichen Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung im Land. Andererseits verwehrte er aber auch der Ukraine das grundsätzliche Bestandsrecht und meldete Besitzansprüche auf große Teile des Landes an, die historisch gesehen russisches Herrschaftsgebiet gewesen seien.

    Der hochrangige Bundeswehr-General Martin Schelleis warnt derweil vor ernsten militärischen Gefahren für Deutschland. „Wir werden akut bedroht und angegriffen“, sagte der Generalleutnant dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Freitag. „Im Grunde haben wir schon einen Krieg: Krieg im Informationsraum, Cyberangriffe.“ Schelleis ist Inspekteur der Streitkräftebasis und Nationaler Territorialer Befehlshaber der Bundeswehr.

    Als „realistische Szenarien“ nannte der Generalleutnant „punktuelle Angriffe auf kritische Infrastruktur, etwa durch Spezialkräfte, mit Drohnen oder Speed-Booten, zur Störung unserer Lebensgrundlagen unter anderem mit militärischen Mitteln“. Dafür seien „wir nicht gut aufgestellt“, warnte Schelleis. „Das muss man leider sagen.“

    „Jetzt haben wir einen immensen Nachholbedarf“

    Hinzu kommen nach Ansicht des Kommandeurs Bedrohungen wie ein möglicher Beschuss mit ballistischen Raketen, die Russland im Raum Kaliningrad stationiert hatte. „Sie wurden jetzt wegen des Ukraine-Kriegs abgezogen, werden aber sicherlich wieder dort hinkommen“, sagte er. „Diese Raketen könnten ohne Weiteres Berlin erreichen. So, wie Putin einzuschätzen ist, sind Erpressungsversuche gut vorstellbar.“

    Der Befehlshaber der zweitgrößten Organisationseinheit der Bundeswehr mit Verantwortung für deren gesamte Logistik beklagte, dass der Bundestag die klar definierten Bedürfnisse zur Landes- und Bündnisverteidigung lange Zeit nicht ausreichend finanziert habe.

    „Man hat einfach nicht ernsthaft geglaubt, dass die Bundeswehr je wieder in großem Stil gefordert sein könnte oder gar eingesetzt werden müsste“, sagte er. „Deshalb hat man Defizite in Kauf genommen. Jetzt haben wir einen immensen Nachholbedarf.“ Schreibt DIE WELT.

    Der französische Soziologe und Antropologe Emmanuel Todd nennt in seinem Buch «Weltmacht USA. Ein Nachruf» drei Gründe, die in der Geschichte stets den Untergang von Imperien herbeiführten. Einer davon ist die «räumliche Überdehnung», der sicherlich auf die UdSSR (Sowjetunion) mit einer Landfläche von 22,3 Millionen km² zutraf, die unter unseren staunenden Augen in ihre Bestandteile zerfiel.

    Eine Republik nach der anderen trat aus der Union aus. Übrig blieb als Nachfolgerin der UdSSR die Atommacht Russland (Russische Förderation), flächenmässig mit 17,1 Millionen km² noch immer das grösste Land der Welt.

    Die Unabhängigkeitsbestrebungen innerhalb der UdSSR wurden übrigens vom Westen nicht gefördert, wie heute von vielen Geschichts-Revisionisten wie Köppel & Konsorten behauptet wird.

    So wurden die Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Republiken erst 1991 anerkannt, nachdem die Führung in Moskau (!) diese auch akzeptiert hatte.

    Gorbatschow noch mehr zu schwächen widersprach 1989 den westlichen Interessen. Die Auflösung der staatlichen Ordnung der atomaren Weltmacht mit den nebst Russland atomar bewaffneten Staaten Ukraine, Weissrussland (Belarus) und Kasachstan bot eher Anlass zur Sorge bei den westlichen Staatenlenkern.

    Es war übrigens die Schweiz, die als erstes westliches Land am 23. Dezember 1991 die Nachfolgestaaten der UdSSR anerkannte. Einen Tag vor der USA.

    So viel «Geschichtsunterricht» jenseits der «Weltwoche» und dem Herrliberg muss schon sein, um Putins revisionistischen Gelüste, Ansprachen und seinen Schmerz über die verlorenen Gebiete einordnen zu können. Ihm täglich alle nur (er-)denkbaren Krankheiten anzudichten, darf ruhig weiterhin dem «Blick» überlassen werden. Gesundheitsprognosen von der Dufourstrasse sind allerdings seit jeher mit Vorsicht zu geniessen. Da wird schon mal auf der «Blick»-Frontseite ein Papst als tot erklärt, der im Vatikan noch immer munter das Evangelium vor sich hin betet.

    In einem spannenden Video führt DIE WELT ein Gespräch mit dem deutschen Politikwissenschaftler und Experten für Geopolitik und Strategie Prof. Maximilian Terhalle. Oberstleutnant der Reserve der Bundeswehr Terhalle qualifiziert den Zaren-Vergleich Putins mit folgender Äusserung: «Mit dem Zaren-Vergleich hat Putin sich eine Falle gestellt.»

    Terhallen nimmt auch Stellung (ab Minute 7.40) zu den unsäglichen Äusserungen des französischen Präsidenten Macron, der lauthals mit der Forderung wirbt, «Putin nicht zu demütigen». Man stelle sich vor, Churchill hätte davor gewarnt, den Kriegsverbrecher Hitler nicht zu demütigen und mit Samthandschuhen anzufassen. Er wäre vermutlich von der Mehrheit seines eigenen Volkes zum Teufel gejagt worden.

    Terhallen wird denn auch deutlich. Macron suche eine Verhandlungsbasis auf Kosten der Ukraine. Er wundert sich über den «sonst so beschlagenen» Macron, was immer das auch heissen mag.

    Vielleicht wäre die Frage interessant, wer hat Macrons Wahlkämpfe bezahlt? Dass französische Präsidenten in der Wahl ihrer Geldgeber nicht zimperlich sind, bewies Macrons Vorgänger Sarkozy, der sich laut Gaddafi-Sohn Saif al-Islam Gaddafi den Wahlkampf von seinem Vater Muammar Gaddafi finanzieren liess.

    Im Interview mit euronews sagte Saif al-Islam Gaddafi wörtlich: «Sarkozy muss das Geld zurückzahlen, das wir ihm zur Finanzierung seines Wahlkampfes gegeben haben. Wir haben seinen Wahlkampf finanziert, wir haben detaillierte Belege dafür und sind bereit, alles preiszugeben. Das erste, was wir von diesem Clown wollen, ist also unser Geld. Wir haben es ihm gegeben, weil er dem libyschen Volk geholfen hat. Aber er hat uns enttäuscht. Gib uns das Geld zurück. Wir haben alle Details hier, die Bankkonten, die Überweisungsformulare und wir werden das alles bald veröffentlichen.»

    Ja, Politk ist oft schmutzig. Sehr schmutzig sogar. Wer sich einen deutschen ex-Bundeskanzler kaufen kann, wird wohl auch an der Seine mit seiner dargebotenen Hand winken. Und dies nicht nur bei Madame Le Pen, die von einer russischen Bank mit einem Millionenkredit «gefördert» wurde.

    Sarkozy wurde übrigens 2021 wegen illegaler Wahlkampffinanzierung zu einem Jahr Haft verurteilt. Das Gaddafi-Sponsoring konnte ihm nicht bewiesen werden. Krähen, die der andern Krähe kein Auge aushacken, gibt es anscheinend auch in Frankreich zu Hauf.

  • 10.6.2022 - Tag des ganzjährigen Sommerlochs

    «Ich heiratete mit 17 einen zehn Jahre älteren Mann»

    Filipova (34) heiratete mit 17. In der Schweiz ist es verboten, vor 18 zu heiraten. Darum reiste Filipova ins Ausland. Nach fünf Jahren liess sie sich scheiden. Ein Prozess, der sie viel Kraft kostete. Schreibt 20Minuten unter der Rubrik «Mini Gschicht» und liefert dazu ein entsprechendes Video.

    Ältere Semester werden sich noch an die medialen Sommerlöcher aus der Zeit erinnern, als es noch kein Internet gab. Jahr für Jahr wurde irgendwann im Sommer die immergleiche Geschichte publiziert.

    Eine verdrossene Ehefrau schnitt ihrem Göttergatten das beste Stück ab. Mal mit einer Schere, mal mit dem Hackbeil. Aber stets in – damals noch exotischen – Ländern wie Mexiko und Suriname oder gar im Dschungel von Guyana.

    Die Geschichte blieb immer die gleiche: Schnipp schnapp, Schnäbi ab. Nur die nicht verifizierbare und meistens nicht existierende Ortschaft wechselte von Sommer zu Sommer.

    Sie sehen: Fake-News sind keine Erfindung des Internetzeitalters. Die gab es schon immer. Wenn auch nicht in dieser geballten Ladung wie heute.

    Doch das mediale Sommerloch hat sich gewaltig geändert: Es findet nämlich das ganze Jahr lang statt. Von Januar bis Dezember. Und zwar querbeet und ohne Ausnahme durch alle Medien. Mit dem Klimawandel hat diese Ausdehnung auf 12 Monate für einmal nichts zu tun. Mit der menschlichen Dummheit dafür umso mehr.

    Geändert haben sich auch die Protagonisten der täglichen Schmonzetten, die ausnahmslos mit einem Aufmacher auf der Frontseite das Publikum zwecks Clickbaiting locken sollen. Waren die obskuren Scherenfrauen früher frei erfunden, gibt es heute genügend Gestörte, die ihren banalen Unsinn nur zu gern der Öffentlichkeit in Wort, Bild und Ton mit Botoxlippen und geschwellten Implantat-Brüsten präsentieren. Der Schwachsinn feiert Hochkonjunktur. Style verdrängt die natürliche Ästhetik.

    Nun denn, niemand wird von 20Minuten mit vorgehaltener Pistole gezwungen, Bullshit zu konsumieren. Ärgerlich sind aber die Tatsachen, dass solche Medien bisher auch noch vom Bund finanziell unterstützt wurden und die gedruckten Exemplare von 20Minuten nur noch reine Papierverschwendung darstellen. Liegen sie doch inzwischen wie Blei in den 20Minuten-Kästen.

    Gedruckte Gratiszeitungen sind ein Anachronismus, den niemand mehr braucht und der die Umwelt nur zusätzlich belastet. Schade um jedes Blatt des inzwischen massiv teurer gewordenen Papiers. Schade um jeden einzelnen Baum, der dafür gefällt werden muss.

    Die TikTok-Gesellschaft, bei deren Online-Portal 20Minuten eigener Angaben zufolge als News-Format führend sein will, braucht bewegte Formate wie Videos und keine Zeitungen. Lesen gehört bei dieser Spezies ohnehin nicht zur Lieblingsbeschäftigung. Der Konsum von nebensächlichen, um nicht zu sagen peinlichen und idiotischen Videos auf der chinesischen (!) TikTok-Grümpel-Plattform hingegen schon.

  • 9.6.2022 - Tag der russischen Arschlöcher, Schwuchteln und Scheisshäuser

    «Du A****loch»: Putin geht auf seinen Aussenminister Lawrow los

    «Arschloch» und «Schwuchtel». In einer Videoschalte soll Russlands Präsident Wladimir Putin (69) seinen Aussenminister massiv angegangen haben. Der Ton in der russischen Elite verschärft sich massiv.

    Die Nerven in der russischen Regierung liegen offenbar blank. Nun soll Präsident Wladimir Putin (69) seinen Aussenminister Sergei Lawrow (72) in einer Videokonferenz aufs Übelste beleidigt und angegangen haben. Das berichtet der Telegram-Kanal «General SVR», der von einem Kreml-Insider betrieben werden soll.

    Gemäss dem Bericht soll sich Putin mit Lawrow in einer Videoschaltung getroffen und über die Beziehungen mit China diskutiert haben. Putin soll sich dabei frustriert gezeigt haben, dass sich China weigert, Russland angesichts der Sanktionen des Westens «finanziell und materiell zu unterstützen».

    «Abfällige und obszöne» Äusserungen

    Obwohl sich die beiden Länder vor dem Krieg eine «Freundschaft ohne Grenzen» zusicherten, zeigte sich China seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine eher zurückhaltend. Die chinesische Staatsführung verurteilt den Krieg zwar nicht, hilft dem Kreml aber auch nicht aktiv, die Sanktionen des Westens zu umgehen. Mehrere Gespräche in diese Richtung scheiterten. Gemäss Experten fürchtet sich China davor, selbst mit Sanktionen belegt und beispielsweise vom Zugang zu westlicher Technologie abgeschnitten zu werden.

    Im Laufe der Schaltung habe sich Putin «mehrmals abfällig und obszön» über den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping (68) geäussert, heisst es in dem Telegram-Eintrag weiter. Nach dem Frust über China habe sich Putin auch direkt an Lawrow gewandt und diesen für das Scheitern der Gespräche mit China verantwortlich gemacht.

    Auch Medwedew verschärft seinen Ton

    Gemäss dem Bericht habe Putin Lawrow mehrmals unterbrochen, als dieser versucht haben soll, sich zu verteidigen. Schliesslich habe er Lawrow als «Arschloch» und «Schwuchtel» bezeichnet. Gemäss dem Kreml-Insider beleidigt Putin seine direkten Untergebenen immer wieder – allerdings gelangen diese Äusserungen selten an die Öffentlichkeit.

    Allgemein scheinen die russischen Politiker ihren Ton in den vergangenen Tagen massiv zu verschärfen. Auch der russische Ex-Präsident Dmitri Medwedew (56) hat sich in einer wutentbrannten Botschaft gegen angebliche Russland-Feinde gerichtet. «Ich hasse sie. Es sind Bastarde und verkommene Menschen», schrieb Medwedew am Dienstag in einer Botschaft auf dem Online-Dienst Telegram. Er werde «alles dafür tun, dass sie verschwinden».

    Medwedew schrieb, diese Menschen wollten «den Tod für uns, für Russland». Wen genau er mit seinem Post meinte, sagte Medwedew nicht. Schreibt Blick.

    Immer wieder amüsant, wenn ein Arschloch ein anderes Arschloch als Anus bezeichnet, um es etwas vornehmer auszudrücken. Der Wahrheitsgehalt dieser im Konjunktiv veröffentlichten Putinschen Äusserung liegt allerdings bei Null, lässt sich nicht verifizieren und ist vermutlich dem Sommerloch geschuldet, das sich inzwischen nicht nur beim Boulevardblatt Blick über das ganze Jahr erstreckt.

    Was aber für einmal definitiv nicht mit dem Klimawandel zusammenhängt.

    Zuzumuten wäre es Putin allerdings, dass er seinen Aussenminister als «Arschloch» oder «Schwuchtel» bezeichnet. Die Ganovensprache des russischen Imperators beinhaltet in der Tat immer wieder Wortschöpfungen aus dem Fäkalienbereich.

    So verkündete er beim Tschetschenienkrieg an einer Pressekonferenz nachweislich: «Wir werden die Terroristen überall hin verfolgen. Notfalls machen wir sie auch auf dem Scheisshaus kalt. Sonst noch Fragen?».

    Ob die Übersetzung aus dem Russischen in die deutsche Sprache korrekt ist, bleibt offen. Das Zitat wird unterschiedlich interpretiert.

    Ist auch nicht so wichtig. Ob Scheisshaus oder Klo kommt ja aufs Gleiche raus. Diktatoren und Populisten haben sich schon immer der Vulgärsprache bedient, um beim Volk den starken Mann zu markieren.

    Was eigentlich mehr über deren Follower aussagt als über die Sprachgewalt von Diktatoren und Populisten.

  • 8.6.2022 - Tag der ehemaligen Bundeskanzlerin Merkel

    Drei Punkte, die das Merkel-Interview so bemerkenswert machen

    Nach sechs Monaten Funkstille hat Angela Merkel sich zum ersten Mal öffentlich Fragen zu ihrer Russland-Politik gestellt. Das Interview war gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert.

    Drei Dinge haben mich beeindruckt an Angela Merkels erstem großen öffentlichen Auftritt, dem Interview mit ihrem doch arg berlinernden, wie sie aus dem Osten stammenden Romanautor und Reporter Alexander Osang.

    1. Merkel findet zu großen Sätzen zurück

    Erstens: Die großen Sätze, zu denen Merkel nach den ganzen, diplomatisch wohl gebotenen, Abschleifungen in ihrem Staatsamt nach 16 Jahren jetzt wieder findet. Einer kommt besonders schlicht daher und hat doch ein großes Rumms-Potential. Er lautet: „Ich habe nicht daran geglaubt, dass Putin durch Handel gewandelt wird.“ Ein anderer Staatsmann aus der Luxusklasse hat daran doch geglaubt und sich dann für seine Russland-Irrtümer entschuldigt: Der Bundespräsident. Die Bundeskanzlerin glaubt, sich für rein gar nichts entschuldigen zu müssen. Auch nicht dafür, die frühe Mitgliedschaft der Ukraine in der Nato verhindert zu haben.

    Denn das ist jetzt eine große Erzählung, die gerade aufgebaut wird. Vom ukrainischen Botschafter in Berlin etwa, Andrij Melnyk, der dem Spiegel-Journalisten eine entsprechende Frage in dessen Block diktierte. Nämlich die, ob Merkel mit dem Nein zur Nato-Mitgliedschaft der Ukraine im Jahr 2008 Putins Überfall 13 Jahre später nicht erst möglich gemacht habe. Merkel sieht es umgekehrt: Wäre die Nato vor gut zehn Jahren bereit gewesen, eine demokratisch nicht gefestigte Ukraine, nach Merkels Worten in der Hand von Oligarchen, aufzunehmen, hätte Putin sie wohl schon damals massiv bedrängt, vielleicht überfallen. Merkel sagt das hier nicht wörtlich, aber anders kann man es gar nicht verstehen.

    Merkel verteidigt ihre Weichenstellungen faktenstark, selbstbewusst und souverän

    Weil es hier aber um eine bedeutsame Weichenstellung geht, die aus der Vergangenheit noch weit in die Zukunft hinein reicht, und die über Deutschlands Rolle und Ruf in der westlichen Welt mitentscheiden dürfte, wird darüber noch einmal zu reden sein. Merkel jedenfalls verteidigt ihre Weichenstellungen faktenstark, selbstbewusst, staatsmännisch und souverän. Und hier ein anderer großer Satz Merkels, groß, weil mutig just in dieser Zeit: „Russland ist ein faszinierendes Land.“ Und: „Die Tragik wird größer dadurch, dass ich dieses Land mag.“

    Merkel beansprucht nach wie vor für sich, die russische Kultur großartig zu finden, erinnert sich an ihre Schul-Lektüren, Bulgakow etwa. Aber die Opern-Diva Netrebko zum Essen einladen: „Nein.“ Und sie findet es müsse möglich sein, Gorbatschow auch heute noch für die deutsche Einheit dankbar zu sein. Ein Russe dürfe nicht verurteilt werden, weil er ein Russe sei. Bei der Beurteilung von Menschen komme es auf jeden Einzelfall an – nicht auf das System, das der Einzelfall Putin installiert habe.

    2. Merkels Humor ist zurückgekehrt

    Zweitens: Merkels Humor, der nach einem halben Jahr Politik-Pause nun so augenscheinlich zurückehrt. Und ihre Fähigkeit, das Anekdotische mit dem Politischen zu verbinden. „Ich habe mich schon gewundert, dass Sie eine Stunde lang geredet haben“, sagt Merkel zu ihrem Interviewer. Als der sie einmal traf, bat sie ihn, über dessen Zeit in Amerika zu berichten. Was der so lange tat, dass ihm für Fragen keine Zeit mehr blieb. Journalisten können sehr selbstverliebt sein, was Merkel mit ihrem Satz auf einen feinen Punkt bringt, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang verletzlich zu sein.

    Osang will dann wissen, wie das mit dieser berühmt gewordenen Hunde-Szene bei Putin war, diesem Einschüchterungsversuch, für den es ein wohl einmaliges Foto gibt. Und Merkel erzählt, und zwar von ihrem allerersten Besuch bei Putin, da war sie noch nicht lange im Bundeskanzleramt. Gleich zu Beginn habe Putin, der gelernte Geheimdienstler, nach ihrem gestörten Verhältnis zu Hunden gefragt. Merkel wurde in ihrer Jugend gebissen und hat seitdem vor Hunden Angst. Putin schenkte ihr, so Merkel, einen „riesengroßen“ Stoffhund. Das war, wie gesagt, noch vor der Begegnung mit Putins echtem Labrador. Die nötig ihr dann einen selbstironischen Satz ab: „Eine tapfere Bundeskanzlerin muss mit so einem Hund fertig werden.“

    3. Wie Merkel über ihr Selbstverständnis als Ex-Kanzlerin nachdenkt

    Drittens: Die Offenheit und Ernsthaftigkeit, mit der Merkel über ihr Selbstverständnis als Bundeskanzlerin a.D. nachdenkt. „Ich muss ja noch vorsichtiger sein als früher.“ Weil auch eine Ex-Bundeskanzlerin noch unter Beobachtung steht, was ihre Freiheit einschränkt. Jedenfalls denkt Merkel so. Anders als Schröder, der seine persönliche Freiheit durch sein früheres Staatsamt nicht einschränken lässt.

    Für Merkel gibt es eine institutionell erwachsende Pflicht, die über ihre Amtszeit weit hinausreicht, womöglich bis ans Lebensende. Sie ist auch der Meinung, auch heute noch Gutes für das Land tun zu sollen. Und stünde bereit, wenn sie angerufen wird, was mit einer Ausnahme (Olaf Scholz) aber noch nicht geschehen ist. Womit sie aber nun ausdrücklich auch nicht sagen wolle, dass sie auf einen solchen Anruf warte.

    Mit der Definition ihrer neuen Rolle ist Merkel noch nicht fertig, sie sagt es auch: „Ich suche noch nach meinem Weg.“ Fest steht aber jetzt schon, dass sie es „fatal“ findet, für immer schweigen zu sollen; ebenso, wie sich in der heimischen Uckermark einzuschließen. Dies nur, weil Botschafter Melnyk ihr, als sie in Italien urlaubte, via Twitter zurief, sie möge besser nach Butscha fahren als in die italienische Sonne.

    Zum Schluss ärgert sich Merkel über die Amerikaner

    Die aktuelle Politik will Merkel nicht kommentieren, was nicht bedeutet, nur noch diplomatisch zu sein. An zwei Punkten macht Merkel klar, was das heißt: Weil nun Sozialdemokraten klagen, wie sehr doch Christdemokraten unter der Verantwortung Merkels die Bundeswehr heruntergewirtschaftet hätten, erinnert sie die SPD daran, dass sie sich über Jahre hinweg weigerte, bewaffnete Drohnen einzusetzen.

    Merkel enthüllt schließlich, wie sehr sie sich über die Amerikaner geärgert habe, wegen der Sanktionen gegen Deutschland über die Nordstream-Pipeline: „Das kann man mit dem Iran machen, aber doch nicht mit uns.“ Ein Satz, der ihr im Amt nie über die Lippen gerutscht wäre. Aber auch einer, der Erwartungen aufkommen lässt an ihre Erinnerungen, die sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Büroleiterin Brigitte Baumann aufschreiben will. Vielleicht sollte sie sich, zum Schutz vor einem Absinken in die alten Teflon-Unsitten, doch besser interviewen lassen, als zu versuchen, alles selbst aufzuschreiben. Schreibt FOCUS-Online-Korrespondent Ulrich Reitz in FOCUS.

    Was immer man über Frau Merkel denken mag: Warum sollte sie sich für ihr politisches Tun und Handeln entschuldigen? Sie tat es nicht 2015 nach der Flüchtlingsschwemme und sie tut es auch jetzt nicht mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Diese Selbstkasteiung von ihr zu erwarten oder gar zu verlangen, ist lächerlich.

    Noch ist Deutschland kein «failed state», wie von vielen behauptet, sondern eine Demokratie. Merkel wurde demokratisch 16 Jahre lang vom Volk beziehungsweise von ihrer Partei, der CDU/CSU, sowie deren Koalitionspartnerparteien FDP und SPD, als Kanzlerin der Bundesrepublik gewählt.

    Sie hätte jederzeit an den Wahlurnen oder durch einen Misstrauensantrag durch das Parlament abgewählt werden können. Auch wenn viele Abgeordnete aus ihrer Partei und den wechselnden Koalitionsparteien FDP und SPDexplizit nach 2015die Faust im Hosensack ballten, war ihnen der Platz am einträglichen Futtertrog im Deutschen Bundestag wichtiger als hehre Überzeugungen. Das sagt mehr aus über die Abgeordneten des Deutschen Bundestags als über Angela Merkel.

    Der Fisch stinkt eben nicht immer vom Kopf her, wie uns eine Redensart weismachen will.

    PS: Merkels erster grosser Auftritt nach ihrer Kanzlerschaft: Sehen Sie hier das komplette Gespräch

  • 7.6.2022 - Tag der Kampfhunde und der Wiener Nacktbar

    Staatsanwältin fordert für Dragica B. 24 Monate bedingt und Landesverweis: Rottweiler Slobo beisst Rentnerin halb tot – Halterin haut ab

    Von hinten springt Rottweiler Slobo die Rentnerin Miriam Z. (77) im Oktober 2019 an – die Frau überlebt nur mit Glück. Statt zu helfen, ergreift die Halterin nach der Attacke mit ihrem Hund die Flucht. Ab Dienstag stehen sie und ihr Mann deshalb vor Gericht.

    Die zierliche Rentnerin Miriam Z.* (77) spaziert in Horgen ZH in Richtung Zürichsee, als ihr Dragica B.* (34) mit ihrem Rottweiler Slobo an der Leine, aber ohne Maulkorb, entgegenkommt. Die Seniorin ist bereits ein paar Schritte vom Hund entfernt, als dieser ihr plötzlich in den Rücken springt. Miriam Z. stürzt zu Boden, beim Aufprall verliert sie das Bewusstsein. Der Rottweiler beisst auf sein Opfer ein.

    Irgendwann lässt das Tier von der Frau ab. Statt zu helfen, flüchtet die Halterin mit ihrem Hund. Dafür müssen sie und ihr Mann Radan B.* (35), der Besitzer des Hundes, sich ab Dienstag vor dem Bezirksgericht Horgen ZH verantworten.

    Freiheitsstrafe und Landesverweis

    Die Staatsanwältin fordert für Dragica B. wegen schwerer Körperverletzung und Unterlassung der Nothilfe eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten und einen Landesverweis von sieben Jahren. Radan B. steht wegen schwerer vorsätzlicher Körperverletzung sowie Tierquälerei vor Gericht. Ihm droht eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten.

    Dass Miriam Z. die Attacke am 14. Oktober 2019 überlebt hat, war reines Glück. Laut Anklage erlitt die Rentnerin zahlreiche schwere Bissverletzungen. Im Gesicht beim rechten Jochbein und am linken Ohr, am Rücken links der Wirbelsäule, an den linken und rechten Ober- und Unterarmen und am Nacken. Dazu kommen viele oberflächliche Verletzungen an den Beinen.

    Mehrere Bisse lagen in der Nähe von wichtigen Blutgefässen am Hals. Noch zweieinhalb Jahre nach der Attacke leidet die Rentnerin an Todesangst, wenn sie die Wohnung verlässt oder frei laufenden Hunden begegnet. In Folge des Sturzes hat sie wegen einer Hirnblutung noch heute starke Kopfschmerzen.

    Anwohnerin rettet das schwer verletzte Opfer

    Der härteste Vorwurf gegen Dragica B. ist ihr Verhalten nach der Attacke. Statt der verletzten Rentnerin zu helfen oder eine Notrufnummer zu wählen, packt sie laut Anklage den Hund und geht unverzüglich nach Hause. Die verletzte Rentnerin lässt sie am Boden liegen.

    Gerettet wird die schwer verletzte Frau von einer Anwohnerin, mit der das Opfer noch heute Kontakt hat. Vor dem Prozess spricht Miriam Z. auf Anweisung ihrer Anwältin nicht über die Attacke und die Rettung. Auch der Hundebesitzer und seine Frau haben auf Anfragen von Blick nicht geantwortet. Was genau nach dem Vorfall passiert ist und ob der Rottweiler eingeschläfert wurde, ist der Anklageschrift nicht zu entnehmen.

    Nicht die erste Attacke

    Sicher aber ist, dass mit Slobo vieles falsch gelaufen ist. Laut Anklageschrift hat der Hund schon vor der Attacke in Horgen Menschen angegriffen und gebissen. Neben dem Besitzerehepaar traf es auch eine Freundin der Familie und eine Pflegerin im Tierheim. Ein weiterer Angriff fand fünf Monate vor dem Angriff auf Miriam Z. statt. Slobo attackierte auf dem Horgenberg einen Hund. Die Besitzerin wurde zu Boden gerissen und Slobo schnappte nach ihr. Nur, weil er einen Maulkorb trug, kam es nicht zu schlimmeren Verletzungen.

    Ein paar Monate vor der Attacke in Horgen musste Slobo zum Wesenstest beim Experten Hans Schlegel. Er arbeitet seit 30 Jahren als Polizeihunde- und Rettungshundefachexperte. Bei Slobo sah er Handlungsbedarf: «Ich sah ein sehr hohes Gefährdungspotenzial, eine tickende Zeitbombe. Es war klar, dass, wenn die Resozialisierung fehlschlägt, der Hund eingeschläfert werden muss», schreibt er auf Blick-Anfrage.

    Termin beim Tierarzt war schon gebucht

    Bald nach dem Gespräch habe sich Dragica B. noch einmal gemeldet. Wieder hatte Slobo einen Menschen angegriffen. Schlegel: «Wir entschieden zusammen, aufgrund der Unberechenbarkeit und der Heftigkeit der Bissverletzungen, den Hund einschläfern zu lassen», so der Experte. Er habe bereits am gleichen Tag einen Termin beim Tierarzt abgemacht, aber Dragica B. sei nicht aufgetaucht.

    Stattdessen brachte das Ehepaar den Rottweiler zur Resozialisierung ins Ausland. Auf dem Youtube-Kanal einer deutschen Hundetrainerin in Ungarn wird die Behandlung von Slobo noch immer als positives Beispiel aufgeführt – auch wenn er direkt nach der Heimkehr in die Schweiz eine fremde Spaziergängerin angegriffen und schwer verletzt hat. * Namen geändert.Schreibt Blick.

    Slobo, der Name ist seit Slobodan Milošević auf dem Balkan und in Den Haag Programm! Die einen vergöttern ihn noch heute, die andern brachten ihn vor Gericht.

    Wer wie ich in der siebtgrössten Stadt der Welt, pardon, der Schweiz lebt, weiss, mit welchen Monstern von Kampfhunden unsere orthodoxen Christen aus dem Balkan die Trottoirs beherrschen. Bissiger Kampfhund an der Leine gehört bei denen aus der zweiten Generation und ihrem ausgeprägten Machogehabe zum Statussymbol, wenn sie nicht gerade mit ihren geleasten Protzschlitten lautstark durch die Stadt posen.

    Immerhin sind unsere geschätzten muslimischen Mitbewohner*innen aus dem Balkan vom Kampfhundewahn nicht besessen. Laut Koran ist es den Muslimen nämlich nicht gestattet, sich einen Hund anzuschaffen, ausser, wenn er/sie/es diesen Hund für die Jagd oder zur Bewachung von Vieh und Anbau benötigt.

    Dafür beherrschen die muslimischen Kosovaren und Albaner den Luzerner Drogenmarkt. Und das ist ja auch was. Für die Gesellschaft möglicherweise sogar gefährlicher als Kampfhunde. Drogen hat Allah leider nicht explizit verboten. Als Arzneimittel sind sie erlaubt. Vermutlich hat auch der Prophet ab und zu «inhaliert», wie Barack Obama «Kiffen» formulierte.

    «Allahu akbar». Oder «Alle zur Nacktbar» wie ein durchaus mutiger Wiener Parodistund Provokateur auf seinem T-Shirt in grossen Lettern und dem Bild einer Frau im Burkagewand darunter ausgerechnet im Wiener Bezirk «Favoriten» zum Besten gab, wo die meisten Flüchtlinge Wiens angesiedelt sind! Also sowas wie die Baselstrasse in Luzern. Worauf der Spassvogel logischerweise von ein paar Afghanen spitalreif geprügelt wurde.

    PS: Ein T-Shirt oder gar eine Einkaufstasche mit der Aufschrift «Aluhut Nacktbar» – ebenfalls eine Parodie auf den muslimischen Schlachtruf «Allahu akbar» – wird online gehandelt. Google hilft allen Interessierten und Mutigen, die unbedingt eine Tracht Prügel suchen, weiter.

  • 6.6.2020 - Tag des Nasenpuders im Luzerner Club Princesse

    Aus dem Luzerner Kriminalgericht: 18-Jähriger drückt Partygänger zerbrochene Flasche in den Hals

    Streit nach einer Partynacht: Ein 18-Jähriger verletzte zwei Nachtschwärmer mit einer Flasche. Später prügelten er und vier weitere Personen auf die beiden Verletzten ein.

    Das Luzerner Kriminalgericht hat einen Mann (21) aus dem Kanton Bern unter anderem wegen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand und Raufhandels schuldig gesprochen. Im November 2019 hatte der damals 18-Jährige mit vier Kollegen die Nacht im Club Princesse in Luzern verbracht. Von zwei Partygängern, die ebenfalls im Club gewesen waren, wurde er vor dem Nachtclub gegen sechs Uhr morgens nach Zigaretten gefragt und in ein Gespräch verwickelt. Als die beiden wieder gegangen waren, bemerkte der 18-Jährige, dass sein Portemonnaie fehlte. Er nahm an, dass einer der Partygänger sein Portemonnaie gestohlen hatte und wollte sie zur Rede stellen.

    Es kam zu einer Auseinandersetzung, wobei der 18-Jährige einem der Partygänger mit einer Glasflasche auf den Hinterkopf schlug. Das Opfer trug dabei eine Wunde und ein Schädel-Hirn-Trauma davon. Die inzwischen zerbrochene Flasche drückte er dem zweiten Partygänger in den Hals. Dieser erlitt dabei eine acht Zentimeter lange und ein bis zwei Zentimeter tiefe Wunde am Hals.

    Fünfergruppe suchte nach den Partygängern

    Nach dem Vorfall traf sich der 18-Jährige mit den vier Kollegen, die mit ihm die Partynacht verbracht hatten. Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach den beiden anderen Nachtschwärmern. Wenig später kam es bei einer Bushaltestelle in der Nähe des Clubs zu einer weiteren Auseinandersetzung zwischen der fünfköpfigen Gruppe und den beiden Partygängern. Die Fünfergruppe traktierte die beiden mit Faustschlägen und Fusstritten. Ein Opfer trug dabei ein gebrochenes Nasenbein und eine Augenhöhlenbodenfraktur davon. Das zweite Opfer erlitt einen Nasenbeinbruch.

    Das Kriminalgericht verurteilt den heute 21-Jährigen zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Zudem muss er einem der Opfer eine Genugtuung bezahlen und auch die Verfahrenskosten von rund 8000 Franken muss er berappen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Berufung wurde angemeldet. Schreibt 20Minuten in Zeiten des Pfingstlochs.

    Tja, im übelst beleumdeten, vom Balkan kontrollierten Club Princesse an der Gibraltarstrasse in Luzern werden den Partygängern*innen Stimulationsmittel wie Nasenpuder und ähnliche Präparate frei Tisch geliefert. Da kann es schon mal passieren, dass bei den zugedröhnten Gästen ein Portemonnaie verschwindet. Handfeste Auseinandersetzungen sind die Folge davon. Business as usual im Club Princesse. No big thing.

  • 5.6.2022 - Tag der Ursachen und Wirkungen

    Wenn Ägypten hungert, ist das auch unser Problem

    Wir stehen vor einer Ernährungskrise von historischen Dimensionen. Wann, wenn nicht heute, sollten wir grundsätzlich über Produktion und Konsum unserer Lebensmittel nachdenken?

    Wie muss man sich ein Pulverfass kurz vor der Explosion vorstellen? Die ägyptische Regierung vermeldet dieser Tage praktisch jede Tonne Weizen, die im Land geerntet und im Silo eingebracht wird. Mit solchen Erfolgsnachrichten wollen die Behörden den über 100 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern die Gewissheit vermitteln: Es gibt genug Getreide, kein Anlass zur Aufregung! Die Botschaft, die bei den Leuten tatsächlich ankommt, dürfte allerdings genau umgekehrt lauten: Wenn um die Versorgung ein solches Aufheben gemacht wird, gibt es allen Grund zur Panik.

    Brot ist in Ägypten das Grundnahrungsmittel schlechthin. Und das Land ist der grösste Weizenimporteur der Welt – wobei im letzten Jahr rund 80 Prozent dieser Einfuhren aus der Ukraine und aus Russland stammten. Wegen Wladimir Putin ist jetzt alles anders. Ein Grossteil des ukrainischen wie des russischen Getreides wird Ägypten nicht erreichen. Das Brot wird knapp. Das Brot wird teuer. Es drohen Hunger und soziale Unruhen.

    Dabei ist der Umstand, dass Putin den Hunger gezielt als Waffe einsetzt, nur ein Teil einer umfassenden Ernährungskrise. Der Krieg verschärft eine ohnehin schon fragile Situation, die gleichfalls eine eindeutige Ursache hat: den Klimawandel. In gewissen Regionen der USA kämpfen die Bauern mittlerweile chronisch gegen Trockenheit. Wegen heftigen Regens während der Aussaat rechnet China heuer mit Ernteausfällen von über 20 Prozent. In Indien droht das Gleiche wegen der Rekordtemperaturen im April. Noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 122 Jahren war es dort zu dieser Zeit so heiss.

    China ist der grösste, Indien der zweitgrösste Weizenproduzent der Welt. Nun aber horten beide Länder ihre Schätze. Und nicht nur sie: Seit Februar haben mindestens 20 Staaten weitgehende Ausfuhrbeschränkungen für pflanzliche Rohstoffe verhängt. Ein Fünftel der Kalorien, die ursprünglich für den Welthandel bestimmt waren, ist diesem Markt damit entzogen.

    Wir stehen vor einer Ernährungskrise von historischen Dimensionen. Wann, wenn nicht heute, sollten wir grundsätzlich über Produktion und Konsum unserer Lebensmittel nachdenken? Jährlich landen hierzulande 2,8 Millionen Tonnen davon im Abfall, das sind etwa 330 Kilo pro Person. Der Fleischkonsum ist in der Tendenz zwar seit längerem rückläufig. 2020 verspeisten Herr und Frau Schweizer freilich immer noch im Durchschnitt 47,3 Kilo – vermutlich mehr, als gesund ist. Im selben Jahr importierte die Schweiz 460'000 Tonnen Getreide allein für die Fütterung von Nutztieren. Genug, um grob gerechnet, 1,5 Millionen Menschen ein Jahr lang zu ernähren.

    Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie an der Universität Hannover (D), schlug diese Woche in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vor, dass «Getreide wieder als das geschätzt wird, was es ist: das wichtigste Nahrungsmittel der Menschheit». Für die europäische Landwirtschaft empfiehlt Küster deshalb: Man könnte wieder die traditionelle Einteilung in Acker- und Grünland als Richtschnur nehmen, wie sie bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts über viele Generationen hinweg Gültigkeit hatte. Das würde bedeuten: «Steinige und feuchte Flächen werden zur Tierhaltung genutzt. Das muss ausreichen. Das traditionelle Ackerland aber sollte für den Anbau von Getreide und anderen Kulturpflanzen zur Verfügung stehen.» Der Geobotaniker betont: Niemand müsse zum Vegetarier werden, um die drängenden Probleme der Welternährung zu lösen. Doch sollten wir uns fragen, wie der wertvolle Boden am besten genutzt werden soll.

    In der reichen Schweiz tun wir derzeit so, als ginge uns das alles gar nichts an. Dabei dürften die Folgen der gestiegenen Lebensmittelpreise und der sozialen Unruhen in Nordafrika über kurz oder lang auch bei uns zu spüren sein. In den letzten Tagen ist die Zahl der Menschen, die übers Mittelmeer nach Europa gelangen wollen, sprunghaft angestiegen. Natürlich könnte es sich um die übliche saisonale Migration handeln. Es könnte sich allerdings auch eine grössere Flüchtlingsbewegung anbahnen.

    Zahlen der Vereinten Nationen machen jedenfalls klar: Vermutlich zum ersten Mal überhaupt stammen die meisten Menschen, die von Afrika nach Europa übersetzen, aus Ägypten. Dort war das Brot bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs um 50 Prozent teurer geworden. Schreibt SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty in seinem Editorial.

    Ich will jetzt nicht den ganzen, etwas alarmistischen Artikel von SonntagsBlick-Chefredaktor Gieri Cavelty zerfleddern, weil er ja grundsätzlich in vielem recht hat. Wie etwa die grössere Flüchtlingsbewegung, die sich durch die Hungerkrise anbahnen könnte.

    Ursache und Wirkung fehlen mehr oder weniger in diesem Editorial. Wie beispielsweise die Tatsache, dass der hehre Westen seit der Kolonialisierung Afrikas bis zum heutigen Tag die afrikanischen Länder und deren Bevölkerung aus rein kommerziellen Gründen vom Anbau ihrer traditionellen Lebensmittel mit Druck auf westliche Ernährungsgewohnheiten umfunktioniert hat.

    Irgendwo muss ja Deutschland (nur als Beispiel) seine Überproduktion von Yoghurt verkaufen. Oder der Schweizer Multi Nestlé unvorstellbare Mengen von Mineralwasser, abgefüllt in Plastikflaschen. Wo, wenn nicht in Afrika?

    Das sind nun mal die unangenehmen Begleiterscheinungen einer entfesselten Globalisierung.

    Dabei gäbe es genügend fruchtbare Länder auf dem afrikanischen Kontinent mit dem Potenzial, den ganzen Kontinent mit entsprechenden Lebensmitteln versorgen zu können, wie globale Forschungsanstalten und deren Forscherinnen und Forscher längst festgestellt haben.

    Wäre dem nicht so, würden kaum chinesische Unternehmen in Afrika Kautschuk, Sisal oder Palmöl für den Export in alle Welt erzeugen. Und dies auf Flächen, die öfters grösser sind als diejenigen etlicher Kantone der Schweiz.

    Ja, die Schweiz ist ein reiches Land. Doch wer reich ist, kann auch arm werden. Das geht manchmal schneller als man denkt.

  • 4.6.2022 - Tag der 200 Gesundheitspiloten im Schweizer Parlament

    Alain Berset: «Die Gesundheitskosten dürfen nicht explodieren»

    Auch die dritte Auflage einer neuen Tarifstruktur für ärztliche ambulante Leistungen hat beim Bundesrat keine Gnade gefunden. Er fordert die Tarifpartner auf, bis Ende 2023 den sogenannten «Tardoc» weiter zu verbessern.

    Insbesondere sollen die beteiligten Organisationen wie die Ärzteschaft und der Krankenkassenverband Curafutura belegen, dass die neue Tarifstruktur nicht zu höheren Gesamtkosten führt. Tardoc soll das heutige Tarifsystem Tarmed ablösen, das moderne medizinische Leistungen ungenügend abbildet. Gesundheitsminister Alain Berset erklärt, warum er diesmal auf einen Erfolg hofft.

    SRF News: Der Bundesrat hat «Tardoc» in der jetzigen Form abgelehnt. Warum sollte uns Versicherte das interessieren?

    Alain Berset: Es geht um viel, auch für die Versicherten. Es geht um die Art und Weise, wie man die Tarife organisiert, letztlich um die Abrechnungen für die Patientinnen und Patienten. Das ist wichtig für alle, die einen Zugang zu einem guten Gesundheitssystem wollen.

    Und was nützt das vorläufige Nein des Bundesrats?

    Nicht viel, das muss ich gestehen. Und wir wären auch sehr froh gewesen, wenn wir festgestellt hätten, dass die heutige Fassung die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Leider war dies noch nicht der Fall. Das ist keine einfache Situation. Wir müssen nun an die Tarifpartner appellieren. Sie haben gute Arbeit und Fortschritte gemacht. Aber der Bundesrat braucht noch einen Schritt mehr, um das genehmigen zu können. Das ist in nicht allzu viel Zeit machbar.

    Warum sollte es im vierten Anlauf plötzlich klappen?

    Der Bundesrat hat diesmal klar gesagt, was wir noch brauchen, um den Tarif genehmigen zu können. Bis jetzt haben wir immer gesagt: Es ist noch nicht reif, bitte arbeitet weiter, um etwas Gesetzeskonformes zu erreichen. Diesmal sind wir wohl präziser, was unsere Erwartungen betrifft. Ich hoffe, dass das hilft. Zudem gibt es jetzt eine Tariforganisation, die eine grosse Rolle spielen könnte.

    Es gibt also immer noch keine Lösung, weil der Bundesrat vorher zu wenig präzis war?

    Wir werden sehen, was die Präzision bringt, die wir jetzt an den Tag legen. Ich hoffe, dass es hilft. Darum habe ich das auch so gemacht.

    Über diese Tarifstruktur werden 12 Milliarden Franken jährlich gesteuert. Ist es vielleicht einfach zu viel Geld, als dass man erwarten könnte, dass sich die verschiedenen Partner einigen?

    Wir haben in der Schweiz ein gutes Gesundheitssystem, zugänglich für die Leute, mit guten Behandlungen, sehr hohen professionellen Werten und guten Personen, die da arbeiten. Aber klar, es kostet viel. 12 Milliarden, das erklärt auch, wieso der Bundesrat sagen muss, dass die Kostenneutralität wichtig ist. Wir machen alles, um einen guten Zugang zu gewährleisten, aber die Kosten dürfen nicht explodieren. Das gilt in allen Bereichen, auch im ambulanten Bereich.

    Die nationalrätliche Gesundheitskommission fordert, Sie sollten aktuelle Tarife senken, um Druck aufzusetzen. Das machen Sie aber nicht. Warum?

    Es wäre eine Möglichkeit, wenn das Parlament das will. Aber wir sind ziemlich skeptisch. Denn es wurden grosse Fortschritte gemacht. Wir brauchen jetzt alle Organisationen. Die Zusammenarbeit ist eine grosse Verantwortung für diese privaten Organisationen, die Ärzte, Spitäler und Krankenversicherungen. Es ist eine grosse Verantwortung, eine gute Lösung zu finden. Und wir versuchen, die zu stützen. Aber schon klar, man spürt jetzt: Wenn es nicht gut geht, dann wächst der Wille im Parlament, zu intervenieren – und das könnte viel schlimmer werden. Versuchen wir, das zu verhindern. Wir zählen auf die privaten Akteure.

    Ist das eine «bad guy, good guy»-Strategie? Die Kommission droht ein bisschen, und Sie sind vorläufig nett und machen nichts?

    Nein, da ist keine Strategie dahinter. Aber mir hat schon Eindruck gemacht, was das Parlament da gesagt hat. Ich hätte das nicht so erwartet. Und es zeigt: Der Unmut im Parlament über diese Entwicklung ist am Steigen. Das ist vielleicht auch nochmals ein Appell an die Tarifpartner, sich zu einigen und konstruktiv noch mehr zu arbeiten für einen genehmigungsfähigen Tarif.

    Das Gezerre um diese Tarife dauert nun schon viele Jahre. Wie viele Kopfschmerzen hatten Sie schon deswegen?

    Kopfschmerzen ist vielleicht etwas viel gesagt. Ab und zu braucht man viel Leidenschaft, um sich weiter zu engagieren. Aber die Hauptarbeit liegt im Moment bei den Tarifpartnern. Und wir müssen die unterstützen und sie ermutigen, noch Fortschritte zu machen.

    Gibt es für diese Art von Kopfschmerzen eigentlich eine Tarifposition?

    (Lacht) Ich glaube nicht.

    Das Gespräch führte Nathalie Christen.Schreibt SRF.

    Frei nach Johann Wolfgang von Goethes Faust: «Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.»

    Eine lächerlichere Aussage als «Die Gesundheitskosten dürfen nicht explodieren» von Bundesrat Alain Berset muss man erst mal finden: Die Schweizer Gesundheitskosten sind längst explodiert!!! Wovon redet dieser Mann eigentlich? Hat der Comedian sie noch alle oder lebt er dank seinem bundesrätlichen Gehalt in einer Scheinwelt auf einem anderen Planet?

    Die Schweizer «Gesundheitsindustrie» hat sich zu einem Monster entwickelt, das nicht mehr zu zähmen ist. Auch nicht mit der «Pflästerlipolitik» unserer Polit-Granden.

    Das weiss das Heer der korrumpierten Gesundheitsexperten im Parlament zu verhindern. Ein «Pöstchen-Jäger» wie der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller oder die Aargauer Mitte-«Gesundheitsexpertin vom Dienst» und Nationalrätin Ruth Humbel – um nur zwei dieser verwerflichen Gesundheitsexperten*innen mit dem «hohlen Hänchen» zu nennen – sind nicht Teil der Lösung sondern Teil des Problems.

    Die Gesundheitsindustrie steckt nicht umsonst so viel Geld in ihre parlamentarischen Laufbuben und Laufmädchen. Geld, das nota bene mit Ihrer Prämie bezahlt wird. Sowas müsste eigentlich in einer wahrhaften Demokratie strikt untersagt sein. So schlecht ist die Bezahlung der Mitglieder*innen des Hohen Hauses von und zu Bern ja nicht wirklich: 152’054 Franken bekommt jedes Ratsmitglied im Schnitt vergütet. Pfingstfrage: Verdienen Sie 152'000 Franken im Jahr?

    Bundesrat Ueli Maurer drückte es vor Jahren im Zusammenhang mit parlamentarischen Reformen im Gesundheitswesen wie folgt aus: «Ein Flugzeug mit 200 Piloten lässt sich nun mal nicht steuern.»

    200 Piloten? Das trifft ja exakt auf die Anzahl der Nationalräte*innen zu.

    Maurer vergass dabei allerdings zu erwähnen, dass seine SVP mit derzeit 65 Piloten die absolute Mehrheit im Schweizer Nationalrat darstellt.

    Frohe Pfingsten! Geniessen Sie die Sonne und verzichten Sie einfach für ein paar Tage darauf, über die Schockwirkung der kommenden Prämienerhöhung für Ihre Krankenkasse nachzudenken.

    Es kommt sowieso alles so wie es kommen muss. 200 von Ihnen gewählte Piloten und Pilotinnen machen es möglich, die - bei den National- und Ständeratswahlen – im kommenden Jahr allerdings an der Urne abgewählt werden könnten. Just do it!

    Damian Müller - feinsinniger Pöstchen-Jäger
  • 3.6.2022 - Tag der Ukrainekrieg-Liveticker

    100 Tage Krieg: Die Lage in der Ukraine – die Übersicht

    Seit nunmehr 100 Tagen tobt der von Russland entfesselte Angriffskrieg in der Ukraine.

    Die Bilanz zum 100. Kriegstag aus ukrainischer Sicht

    Die russischen Truppen seien seit Beginn des Krieges am 24. Februar in 3620 Ortschaften der Ukraine einmarschiert, 1017 davon seien wieder befreit worden, sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski. «Weitere 2603 werden noch befreit werden.» Russland habe über 30'000 Soldaten verloren, behauptete Selenski. Auch westliche Experten vermuten zwar schwere russische Verluste, halten die Kiewer Zahlen aber für zu hoch.

    «Unser Widerstand ist nach all den Monaten ungebrochen. Der Feind hat seine selbstgesteckten Ziele nicht erreicht», sagte die Vizeverteidigungsministerin Hanna Maljar. «Wir sind bereit für einen Langzeitkrieg.» Sie lobte, dass die «Dynamik der Waffenlieferungen» aus dem Westen an Fahrt aufnehme.

    Selenski teilte in einer Videobotschaft mit, dass die russischen Streitkräfte derzeit etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums kontrollierten. Vor dem Einmarsch der russischen Armee hatte Russland laut Selenski etwa sechs Prozent der Ukraine besetzt. Die Frontlinie sei inzwischen 1000 Kilometer lang. Selenski dankte ausländischen Partnern ausserdem für Waffenlieferungen.

    Militärische Aktionen

    Das ukrainische Militär hält nach eigenen Angaben weiter Stellungen in der schwer umkämpften Grossstadt Sjewjerodonezk, dem Verwaltungszentrum der Region Luhansk im Osten der Ukraine. «Im Zentrum von Sjewjerodonezk halten die Kämpfe an», teilte der ukrainische Generalstab in seinem Lagebericht am Freitag mit. Der Feind beschiesse die ukrainischen Stellungen in der Stadt, in den Vororten Boriwsk und Ustyniwka sowie in der Zwillingsstadt Lyssytschansk, die mit Sjewjerodonezk einen Ballungsraum bildet. Sjewjerodonezk gilt als letzte grosse ukrainische Hochburg in der Region Luhansk.

    Nach Berichten beider Seiten haben sich Zivilisten in Bunkern unter der Chemiefabrik Asot (Stickstoff) in der Stadt versteckt, der ukrainische Verwaltungschef von Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von etwa 800 Menschen. «Das sind Einheimische, die gebeten wurden, die Stadt zu verlassen, die sich aber geweigert haben. Auch Kinder sind dort, aber nicht sehr viele», sagte er dem US-Sender CNN.

    Zudem berichtete der ukrainische Generalstab von Luftangriffen auf die Ortschaft Myrna Dolyna und erfolglosen Erstürmungsversuchen der städtischen Siedlungen Metjolkine und Bilohoriwka in unmittelbarer Nähe von Sjewjerodonezk. Auch der Versuch, durch Angriffe im Raum Bachmut den Ballungsraum weiter westlich von den Versorgungslinien abzuschneiden, ist nach Angaben aus Kiew bislang gescheitert.

    In Richtung Slowjansk, Teil eines Ballungsraums im Gebiet Donezk mit etwa einer halben Million Einwohner, kommen die russischen Angriffe ebenfalls nur langsam voran.

    Nach Einschätzung des britischen Verteidigungsministeriums hat Russland seine ursprünglichen Ziele im Ukraine-Krieg – nämlich die Einnahme Kiews und ukrainischer Regierungszentren – verfehlt, kommt aber im Donbass voran. «Gemessen am ursprünglichen Plan Russlands wurden keine der strategischen Ziele erreicht», schreibt das Ministerium auf Twitter.

    Im Donbass im Osten der Ukraine seien aber taktische Erfolge erzielt worden. Die Region Luhansk werde inzwischen zu mehr als 90 Prozent von Russland kontrolliert und es sei wahrscheinlich, dass die vollständige Kontrolle in den kommenden zwei Wochen übernommen werde. Der Donbass umfasst die beiden Regionen Luhansk und Donezk.

    Verhandlungen und Diplomatie

    Drei Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wird die Verständigung auf weitere Sanktionen des Westens gegen Moskau immer schwieriger. Am Donnerstag erreichte Ungarn mit einer zeitweisen Blockade des nächsten EU-Sanktionspakets, dass keine Strafmassnahmen gegen das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt, Patriarch Kirill, eingeführt werden. Wichtigster Teil des mittlerweile sechsten Sanktionspakets ist ein Embargo gegen den Import russischen Öls. Es wurde am Donnerstag von Vertretern der EU-Staaten gebilligt. Die EU will am 100. Kriegstag ihr sechstes Sanktionspaket gegen Russland mit einem Öl-Embargo förmlich beschliessen.

    Die US-Regierung verhängt weitere Sanktionen gegen russische Oligarchen und Regierungsbeamte. Das Finanzministerium und das Aussenministerium in Washington verkündeten am Donnerstag eine Reihe von Strafmassnahmen gegen Personen mit engen Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin.

    Etwaige Vermögenswerte der Betroffenen in den USA werden eingefroren. Geschäfte mit ihnen werden für US-Bürger untersagt. Die Regierung in Washington nahm auch erneut mehrere Luxus-Yachten ins Visier, die nach US-Angaben in Verbindung zu Putin stehen und die der Kremlchef mehrfach genutzt hat. Auch mehrere Unternehmen landeten auf der Sanktionsliste der Amerikaner.

    Eine diplomatische Lösung zwischen Russland und der Ukraine ist nicht in Sicht. Verhandelt wird zwischen Moskau und Kiew derzeit nicht. Staatschef Selenski wirft Russland eine Politik des Terrors vor, während Russland der Ukraine die Schuld dafür gibt, dass die Gespräche auf Eis liegen.

    Kriegsopfer

    Armeeangehörige: Ein genaues Bild über Todesopfer – sowohl auf russischer wie auf ukrainischer Seite – gibt es nicht. Die Angaben und Schätzungen gehen weit auseinander. Die Nato geht davon aus, dass mittlerweile zwischen 7000 und 15'000 russische Armeeangehörige ihr Leben verloren haben. Die Ukraine gibt die Zahl deutlich höher an, nämlich rund 30'850 getötete russische Soldaten (Stand 2.6.) – was westliche Experten anzweifeln. Von russischer Seite gibt es dazu keine Angaben mehr; die letzte Zahl, die Ende März genannt wurde, waren rund 1300 getötete Soldaten.

    Der ukrainische Präsident Selenski hatte zuletzt Mitte April die eigenen Verluste offengelegt. Damals sprach er von insgesamt etwa 3000 ukrainischen Soldaten, die seit dem russischen Angriff am 24. Februar gestorben seien. Am Donnerstag sagte Selenski, dass jeden Tag im Krieg 100 Menschen getötet und 400 bis 500 verletzt würden.

    Zivile Opfer: Laut dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte haben Beobachter bislang 4113 getötete Zivilisten verifiziert (Stand 30. Mai), davon 264 Kinder. Man gehe jedoch davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen erheblich höher seien.

    Flüchtende: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind nach Angaben des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) mehr als 6.8 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aus ihrem Heimatland geflüchtet. Innerhalb der Ukraine befanden sich zudem mehr als acht Millionen Menschen auf der Flucht. Zusammen sind das mehr als ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Selenski sprach am Donnerstag von 12 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer, die innerhalb des Landes auf der Flucht seien.

    In der Schweiz haben bis Donnerstag 55’194 Flüchtlinge aus der Ukraine den Schutzstatus S beantragt, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) per Twitter bekannt gab. 52’298 Ukraine-Flüchtlinge haben gemäss den Angaben bisher den Schutzstatus S erhalten. Schreibt SRF.

    Alles interessant, was SRF in seiner Zusammenfassung über die «100 Tage Ukraine-Krieg» festhält. Auch wenn einige Detailangaben nicht verifiziert werden können. Das haben Kriege nun mal an sich: Gelogen wird auf beiden Seiten.

    Viel interessanter finde ich jedoch die Tatsache, dass der Live-Ticker über den Ukraine-Krieg bei SRF (jedenfalls heute) von der Frontseite des Internet-Portals verschwunden ist. Was ist denn an dieser (heutigen) Tatsache so interessant?

    So wie ich auf dem AVZ-Portal kontrollieren kann, welche Artikel die höchsten Klickzahlen erreichen, kann das auch SRF. So wie jedes andere Internetportal. SRF hat somit festgestellt, dass das Interesse der Portal-Besucher*innen bezüglich Ukraine-Krieg nachlässt und hat entsprechend reagiert. Wie auch beinahe alle anderen Medienportale.

    Der depperte Bullshit-Artikel über das Ergebnis von Johnny Depps Scheidung war gestern auf jedem einschlägigen Portal auf der Frontseite an erster Stelle zu finden. Auch bei den sogenannten Qualitäts-Medien bis hin zur NZZ oder DER SPIEGEL. Das sagt viel über Qualitätsmedien, Gesellschaft und Medienverhalten aus. Denn wie gesagt: Die Klickzahlen sind kontrollierbar.

    Life-TV-Übertragungen aus einem US-Gerichtssaal mit ekelhaften Details einer wirklich belanglosen und widerwärtigen Scheidung eines verkommenen, drogensüchtigen Hollywoodstars sind uns wichtiger als die Berichterstattung über 55'000 Flüchtlinge aus der Ukraine, die inzwischen in der Schweiz angekommen sind. Zum Vergleich: Biel belegt mit rund 53'000 Bewohnern*innen im Ranking der grössten Schweizer Städte den zehnten Platz.

    Über die Folgen dieser wohl massivsten Bevölkerungszunahme innert 100 Tagen in der Schweizer Geschichte wird kaum berichtet. Und wenn, dann höchstens im Kleingedruckten. Die vertieften Diskussionen werden mit all den zu erwartenden Schuldzuweisungen erst bei den National- und Ständeratswahlen 2023 stattfinden. Wetten, dass die SVP bereits die Messer schleift?

    Aber so ist das beim Medienkonsum und bei Wahlen: Wer sich nur für Bullshit interessiert, der bekommt auch Bullshit geliefert. Das gehört nun mal zum verheerenden American way of life, den wir von Coca Cola über McDonald's bis hin zur Suchmaschine von Google und deren Datenkleptomanie bedenkenlos übernommen haben. Der Lockheed Martin F-35-Tarnkappenbomber kommt demnächst noch hinzu.

    Was soll's? Die Boeing F/A-18 C/D Hornet war ja nicht schlecht. Und mit dem Soldatenmesser von Victorinox gibt es immerhin noch sowas wie Swissness.

  • 2.6.2022 - Tag der Anthroposophen und Esoterikern

    Daniele Ganser tritt an Rudolf-Steiner-Schule als Ukrainekrieg-Experte auf

    Der umstrittene Historiker trat am Mittwochmorgen in Basel an der Rudolf-Steiner-Schule auf. Die Veranstaltung fand während der Unterrichtszeit statt. Eltern reagieren empört.

    Der Krieg in der Ukraine beschäftigt die Schülerinnen und Schüler an der Rudolf-Steiner-Schule in Basel. Der Wunsch nach Aufklärung ist gross. Deshalb organisierte die Schulleitung am Mittwochmorgen einen Vortrag zum Thema Ukraine-Krieg. Die Wahl des Redners ist jedoch brisant: Es ist der umstrittene Basler Historiker Daniele Ganser. Einst als Vorzeigeprofessor an diversen Schweizer Universitäten gefeiert, schimpfen ihn nun viele einen Verschwörungstheoretiker.

    Der 49-Jährige tritt seit Jahren als Wissenschaftler auf, als Historiker, der Licht ins Dunkel von Machtstrukturen bringt, komplexe Weltpolitik aus allen erdenklichen Winkeln beleuchtet. Daniele Ganser polarisiert. An diversen Schweizer Universitäten und Hochschulen darf er keine Vorlesungen mehr halten, da er nicht nach wissenschaftlichem Standard arbeite.

    Die Veranstaltung am Mittwochmorgen fand vor 150 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe statt, also neuntes bis zwölftes Schuljahr. Regelrecht schockiert reagiert der Vater einer Schülerin: «Ich finde es wirklich sehr befremdlich, dass die Rudolf-Steiner-Schule einen solchen Anlass während der Unterrichtszeit veranstaltet.»

    Kritik: Ganser verbreitet Kreml-Thesen

    Grund für die Aufregung sind Daniele Gansers Thesen zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Zwar verurteilt er den Angriffskrieg von Russland, vertritt aber auch die Position, dass die USA der tatsächliche Aggressor sei. Ganser ist der festen Überzeugung, dass die Proteste auf dem Maidan in den Jahren 2013 und 2014 von den USA inszeniert wurden. Ganser spricht von einem Putsch – organisiert von der CIA.

    Eine völlig unhaltbare These sei das, so Ulrich Schmid, Professor für russische Kultur und Gesellschaft an der Universität St. Gallen. Dabei handle es sich um russische Staatspropaganda. «Das ist eine These, die schon seit längerem vom Kreml verbreitet wird. Es war zwar tatsächlich so, dass viele amerikanische NGOs Geld gegeben haben, um die zivile Gesellschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder aufzubauen. Aber davon zu sprechen, dass die Ereignisse auf dem Maidan ein von Amerika orchestrierter Putsch gewesen seien, das ist falsch.»

    Schülerschaft soll sich selbst eine Meinung bilden

    Die Schule selbst hielt sich im Vorfeld der Veranstaltung bedeckt. Weder auf der Website der Basler Rudolf-Steiner-Schule noch auf jener von Daniele Ganser war der Auftritt zu finden. Gegenüber Radio SRF wollte die Schulleitung nur schriftlich Stellung nehmen. Daniele Gansers Vortrag sei Teil einer ganzen Vortragsreihe zum Ukraine-Krieg. Und weiter: Man sei sich darüber im Klaren, dass Gansers Thesen kontrovers diskutiert würden. Man wolle die Schülerschaft dazu anregen, sich auch umstrittene Thesen anzuhören und sich selbst ein Bild zu machen. Daniele Ganser reagierte auf Anfrage von Radio SRF nicht. Schreibt SRF.

    Daniele Ganser referiert an einer Rudolf-Steiner-Schule. Und? Wo ist das Problem? Da kommt doch nur zusammen, was ohnehin zusammen gehört. Zwei Spinner und Sektierer mit Doktortiteln und kruden Ansichten: Ganser, der Weltverschwörer vom Dienst und Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie.

    Wer das esoterische und anthroposophische Gesülze der von diesen «Ideologien» durch und durch verseuchten SVP und ihrem Wurmfortsatz der Trychler aushält, erträgt auch noch ein paar weitere Trottel, die unglücklicherweise von den dahinsiechenden «Qualitätsmedien» mit Gratis-Reklame hochgejazzt werden.

    Denn Hand aufs Herz: 98,734 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben keine Ahnung, wer dieser Ganser ist. Ab heute sind es vielleicht 98,784 Prozent. Die Anzahl der Rudolf-Steiner-Schulen hält sich in der Schweiz ebenfalls in überschaubaren Grenzen.

    Wieder einmal viel Lärm um nichts. Aber das sind wir uns ja inzwischen gewohnt. Loud come, easy go.

    Nur so nebenbei: Kreml-Thesen verbreiten auch Putin-Versteher wie der Luzerner Nationalrat Franz Grüter, the sexiest man alive im Ranking der Unsympathen Roger Köppel und - etwas dezenter - sogar der Heilige vom Herrliberg.

    Vielleicht könnte man Ganser ja mal am «Martinstag» an die «Gansabhauet» nach Sursee einladen. Wäre zu schön, wenn da die paar Tausend Besucher*innen den traditionellen Gansabhauet-Song leicht abgewandelt aus allen Kehlen singen würden:

    «Houet dem Ganser de Schwanz ab, aber houet ehm net de ganz ab. Lönd ehm no es Stömpli stoh, damet är chan a d'Lozärner Chelbi go».

  • 1.6.2022 - Tag der unappetitlichen Werbung des Putin-Verstehers Franz Grüter

    Schliesst sich die Schweiz dem EU-Ölembargo an? «Wollen nicht russische Kriegskasse füllen»

    Im Bundeshaus ist man sich nicht einig, ob die Schweiz dem europäischen Ölembargo gegen Russland anschliessen soll. Dieses sei wirkungslos, sagt SVP-Nationalrat Franz Grüter. Die Grünen sind da anderer Meinung.

    Die EU hat die nächsten Sanktionen gegen Russland ergriffen. Am Montag einigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs auf ein Verbot über die Einfuhr von russischem Öl, das über den Seeweg in die EU gelangt. Länder wie Ungarn, Tschechien und die Slowakei dürfen aber weiterhin Öl aus der Druschba-Pipeline beziehen. Damit würden dann noch 10 Prozent russisches Öl in die EU importiert, so Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (63).

    Die Schweiz entscheidet selbstständig darüber, ob sie sich den neusten Sanktionen der EU anschliessen wird. Es besteht diesbezüglich kein Automatismus, und im Parlament ist man sich in der Frage nicht einig. Geht es nach den Grünen, solle der Bundesrat möglichst schnell diese neusten Sanktionen übernehmen, fordert Nationalrätin Sibel Arslan (41). «Wenn wir nicht die russische Kriegskasse füllen wollen, müssen wir das Embargo übernehmen.»

    Ganz anderer Meinung ist man bei der SVP: «Das Embargo wird wirkungslos sein, ausser dass es die Öl- und Treibstoffpreise weiter anhebt», sagt Franz Grüter (58), Präsident der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates. Zudem helfe diese Massnahme keineswegs, den Ukraine-Krieg zu beruhigen, sagt er: «Im Gegenteil, Russland nimmt heute dreimal mehr Geld ein als vor dem Krieg.»

    Vor allem eine symbolische Sanktion

    GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser (43) sagt zu Blick, sie würde es begrüssen, wenn die Schweiz sich den EU-Sanktionen anschliesse. Aber sie hält nicht hinter dem Berg, dass dies wohl mit einem Anstieg der Preise verbunden wäre: «Die Schweiz muss darum nun prüfen, mit welchen Massnahmen darauf regiert werden kann.»

    Dabei wäre eine Übernahme der neusten Sanktionen vor allem ein symbolischer Akt. Die Schweiz bezieht kein Rohöl direkt aus Russland, bestätigt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

    Fast drei Viertel des hierzulande verkauften Öls importiert die Schweiz aus der EU. Die meisten EU-Länder aber importieren ihr Öl wiederum aus Russland. «Wenn russisches Rohöl und russische Rohölprodukte in Europa fehlen, wird das auch die Schweiz zu spüren bekommen», so Seco-Sprecherin Livia Willi.

    Wie sich das Embargo längerfristig auf die Situation in der Schweiz auswirke, sei schwierig zu beurteilen, heisst es beim Seco. Dies ist von verschiedenen Faktoren abhängig, darunter dem Zeitpunkt des Inkrafttretens eines Embargos, den Transportkapazitäten, der Erhöhung der Rohölförderung durch andere Länder. Käme es aufgrund des EU-Embargos zu einem Öl-Engpass, wäre die Schweiz vorbereitet. Sie verfügt über ein Mineralöl-Pflichtlager. Schreibt Blick.

    Der Luzerner Nationalrat und Putin-Versteher Franz Grüter erinnert einen mit seiner plötzlichen und täglichen Medienpräsenz je länger je mehr an die populäre Uralt-Werbung von Ragusa: «Ein Tag ohne Grüter ist wie ein Tag ohne Grüter». Was bei Camille Bloch pfiffiges Marketing für einen köstlichen Schoggistengel mit Nüssen namens Ragusa war, wirkt bei Grüter eher unappetitlich.

    Aber der Kanton Luzern hat nebst Unappetitlichem auch Gutes zu bieten. Vor allem für Euch Umweltsünder, die Ihr täglich die Atmosphäre mit unendlich viel C02 aus den Auspuffrohren Eurer Protzschlitten füttert: Das Mineralöl-Pflichtlager von Rothenburg (Kanton Luzern) schützt Euch Unseligen bei Schweizer Erdöl-Engpässen davor, mit Velo und Veloanhänger Eure Mobilität ausleben zu müssen.

    Es ist halt wirklich so, wie ein berühmter Philosoph sagte, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen weil Giuseppe di Malaparte ja noch lebt: «Luzern ist der Menschheit immer einen Schritt voraus».

    Was allerdings nicht auf Franz Grüter zutrifft. Der hechelt politisch stets den aktuellen Weisungen und Trends von Herrliberg, Trychler-Garde und ANUS hinterher.

    Putin-Versteher Franz Grüter
  • 31.5.2022 - Tag der wohlfeilen Sprüche und Durchhalteparolen der westlichen Politelite an die Ukraine

    Jan Fleischhauer: «Der Befehl, nichts zu liefern, muss von ganz oben kommen»

    Für Kolumnist Jan Fleischhauer ist von der versprochenen Zeitenwende „nicht viel zu halten“. Er weiß nicht, worauf Kanzler Scholz Rücksicht nimmt. Fleischhauer fragt sich vor allem, worüber Scholz und Macron 80 Minuten am Telefon mit Putin redeten. Video by DIE WELT.

    Ein grosser Redner war der populäre deutsche Journalist und Kolumnist Jan Fleischhauer noch nie und wird auch nie einer werden. Doch was er in seinem Videogestammel rauslässt, ist nicht von der Hand zu weisen.

    Wesentlich interessanter als das, was er in seiner schwammigen Expertise vorträgt, ist das, was Fleischhauer nicht sagt, aber versteckt andeutet.

    Die geschlossene Einigkeit der «hehren westlichen Wertegemeinschaft» ist zusehends am Bröckeln und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Politgemeinschaft die Ukraine zum wirtschaftlichen Wohle ihrer eigenen Staaten fallen lässt.

    Von den wohlfeilen Sprüchen und Zusagen der Business-as-usual-Politelite an die Ukraine wird nichts bleiben ausser den Millionen von ukrainischen Flüchtlingen, die den Westen noch mehr destabilisieren werden.

    Machen wir uns ehrlich: Der hehre Westen hat Putin rein gar nichts entgegenzusetzen. Die schwammigen Sanktionen sind nur ein Beispiel dafür.

    Könnten Sanktionen einen Krieg verhindern oder eine Wende zum Besseren bringen, wäre Nordkorea längst ein Musterknabe der UN-Vollversammlung und die muslimischen Pfaffen vom Iran würden den Friedensnobelpreis holen.

  • 30.5.2022 - Tag der linken Zeitenwenden

    Zeitenwende in Kolumbien?: Das Wahlresultat ist ein Schlag für die regierenden Konservativen

    Der Linkskandidat Gustavo Petro gewinnt die erste Wahlrunde klar mit 40 Prozent der Stimmen. Der ehemalige Guerillakämpfer geht nun in die Stichwahl mit dem parteilosen Unternehmer Rodolfo Hernández. Petro ist überzeugt, dass er in drei Wochen die Stichwahl gewinnt und der erste linke Präsident seit 200 Jahren in Kolumbien wird. Am Abend sprach er in einem Hotel im Zentrum Bogotás zu seinen Anhängerinnen und Anhängern und sagte, das sei ein Tag des Triumphs.

    Kolumbien ist eines der Länder weltweit, in denen der Reichtum am ungerechtesten verteilt ist. Petro will einen sozialen Wandel einleiten. Reiche will er stärker besteuern und ein Ende der Rohstoffausbeutung verspricht er.

    Hernández: Ein Programm ohne Programm

    In der Stichwahl trifft er auf den parteilosen Unternehmer Rodolfo Hernández. Dass es der 77-Jährige so weit geschafft hat, ist die grosse Überraschung dieser Wahl. Rodolfo Hernández wird von den Medien als Aussenseiter bezeichnet, er hat nur eine kurze politische Karriere als Bürgermeister einer Provinzstadt vorzuweisen. Sein Programm besteht aus einem einzigen Inhalt: Er wiederholt immer wieder, dass Kolumbien von korrupten Politikern ausgeblutet werde und er alle ins Gefängnis stecken wolle.

    Zwei Anti-Establishment-Kandidaten erobern die beiden ersten Plätze bei den Präsidentschaftswahlen. Sie versetzten der dominierenden konservativen politischen Klasse Kolumbiens einen deutlichen Schlag. Kolumbien hat sich um jeden Preis für einen Wandel entschieden. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob das Land den linken Wandel von Petro oder den noch Unbekannten von Hernández will. Schreibt SRF.

    Das Problem der «linken» Zeitenwenden liegt darin, dass nicht die Korruption bekämpft wird, sondern dass die Korruption lediglich neue Bankkonten erhält. Zig Beispiele «linker» Zeitenwenden in Süd-Amerika, Asien und vor allem in Europa lassen grüssen.

    Denn in Sachen persönlicher Bereicherung auf Staatskosten stehen die linken Politiker*innen den rechten in Nichts nach. Das ist sogar in der Schweiz sichtbar.

    Lediglich die Wahrnehmung ist eine andere: Während bei den «Liberalen» (oder «Bürgerlichen») die Korruption quasi zum politischen Alltag gehört und mit einem Schulterzucken hingenommen wird, lösen Korruptions-Skandale und Pöstchenjägerei der Linken noch immer eigenartige Schockwellen aus, die aber keine Folgen haben, ausser, dass die Wahlbeteiligung stetig abnimmt und der Frustpegelsteigt.

  • 29.5.2022 - Tag von Roger Köppel und DJ Bobo

    Christoph Blocher: Immunität für die einen, nicht aber für seinen Vasallen Köppel

    Parlare heisst lateinisch reden. Damit Parlamentarier das freie Wort führen können, wurde ihnen zum Schutze des freien Wortes vor rechtlicher Verfolgung die sogenannte parlamentarische Immunität gewährt. Wobei die Immunität selbstverständlich nicht bei Straftaten greift, die nichts mit dem Parlamentsmandat zu tun haben.

    Früher wurde das ernst genommen. Heute missbraucht die Mehrheit im Parlament die Immunitätsaufhebung als Machtmittel. Sie will die Minderheit kriminalisieren und so zum Schweigen bringen.

    Das sieht man deutlich am neuesten Beispiel von Nationalrat Roger Köppel. Dieser mutige und einflussreiche Kämpfer für die schweizerische Neutralität und gegen die EU-Anbindung wird von der Mehrheit, vom Establishment, mit einem Immunitätsverfahren eingedeckt. Der Grund besteht darin, dass Köppel öffentlich gemacht hat, wohin der Neutralitätsbruch durch den Bundesrat führte: zur Konfiszierung von wertvollen Schweizer Uhren durch den russischen Staat. Warum darf das nicht gesagt sein? Es sei eine Indiskretion.

    Gleichzeitig hat dieses Establishment, die classe politique, nicht das Geringste unternommen gegen Hunderte von Indiskretionen von Bundesräten und Bundesverwaltung gegenüber den Medien während der Corona-Zeit. Wer gegen das Amtsgeheimnis verstösst, dem passiert nichts, wenn er zum Establishment gehört.

    Auch die Journalisten betrachten Roger Köppel als eine Art Todfeind. Denn er hat als einziger Schweizer Journalist eine ausländische Tageszeitung als Chefredaktor geführt. Er hatte den Mut, die «Weltwoche» in der Verlustzone zu kaufen, und führt diese seither erfolgreich mit eigenem unternehmerischem Risiko. Jetzt moderiert er zusätzlich im Alleingang zwei Sendungen «Weltwoche daily» mit grossem Erfolg. Das gibt Neider. Doch merke: Wer Neider hat, hat Brot. Wer keine hat, hat Not. E gueti Wuche. Christoph Blocher. Schreibt Christoph Blocher in der «Verlegerkolumne» für seine Gratisblätter.

    Es ehrt ja den Feldherrn vom Herrliberg, dass er sich für seinen treuesten Vasallen einsetzt. Und in der Tat war die groteske Parlaments-Show rund um die Aufhebung von Köppels Immunität eine Lachnummer sondergleichen. Mit Ruhm haben sich die Eliten mit der Spreizwürde der Etablierten vom Hohen Haus von und zu Bern jedenfalls nicht bekleckert.

    Aber ebenso grotesk kommt Blochers Kolumne daher. Eine gewisse Paranoia kann man dem Gesalbten vom Herrliberg nicht absprechen, wenn ausgerechnet er einmal mehr über das politische Establishment, die «classe politique» wettert. Blocher und sein politisches Sprachrohr Köppel, das rhetorische Maschinengewehr des heiligen Christophorus, sind der Inbegriff des politischen Establishments und der sogenannten «classe politique».

    Die Lobhudelei des grossen Zampanos auf seinen Zauberlehrling von der «Weltwoche» entbehrt jeglichen Tatsachen. Köppels zwei Jahre als Chefredaktor der am äussersten rechten Rand agierenden deutschen Tageszeitung «DIE WELT» waren alles andere als erfolgreich, verlor «DIE WELT» doch mehrere Hunderttausend Abonnenten*innen.

    Fairerweise sei erwähnt, dass auch andere grosse Zeitschriften Deutschlands wie die «Bild»-Zeitung oder «DER SPIEGEL» in dieser Zeit vom gleichen Schicksal heimgesucht wurden.

    Jedenfalls war man bei der Welt-Redaktion hinter vorgehaltener Hand nicht unglücklich über Köppels Abgang. Gewisse Welt-Redaktoren*innen behaupten noch heute, Köppel sei gegangen, bevor er «gegangen» wurde.

    Peinlich wird Blochers Schmeichelei seinem getreuen Vasallen gegenüber mit den Behauptungen, Köppel habe die «WELTWOCHE» gekauft ohne aber Köppels Geldgeber zu nennenund wie erfolgreich sein Adlatus das Trychler-Blatt, vom Bund als «Regional- und Lokalpresse» benannt, führe.

    Warum die so erfolgreiche «Weltwoche» als «Regional- und Lokalpresse» zwischen Oktober 2020 und September 2021 indirekte Presseförderung in der Grössenordnung von 360'000 Franken vom Bund, also ausgerechnet von der verachteten «classe politique», bekam, lässt Blocher offen. Ebenso die Corona-Nothilfe seit Juni 2020 in der Höhe von 178'556 Franken und 58 Rappen.

    Erfolgreiche Unternehmen müssen sich nicht vom «verhassten Staat mit seiner classe politique» durchfüttern lassen. Soviel zur unerträglichen Bigotterie vom Herrliberg.

    Erwähnt sei auch die «erfolgreiche» Auflage-Entwicklung der «Weltwoche» seit Köppels Übernahme: Die Auflage der «Weltwoche» stieg zunächst tatsächlich leicht an von 82'849 im Jahr 2006 auf 85'772 im folgenden Jahr, sank dann aber langsam auf 77'800 Exemplar im Jahr 2011. Dieser Leserschwund hat sich in den folgenden Jahren deutlich verstärkt, sodass die Auflage 2014 nur noch 58'410 Exemplare betrug. Bis 2018 sank sie weiter auf 40'924, womit die Weltwoche zwischen 2007 und 2018 über die Hälfte ihrer Auflage verlor. So viel Wahrheit sollte auch auf dem Herrliberg gelten.

    Geradezu lächerlich ist Blochers Feststellung, dass Köppels YouTube-Gekreische «Weltwoche daily» erfolgreich sei. Schwankende Aufrufe im Schnitt von knapp 10'000 bis 30'000 Usern*innen, wovon nicht selten mehr als die Hälfte aus rechtsextremen Kreisen Deutschlands stammt, sind jetzt nicht wirklich das Gelbe vom Ei bei YouTube.

    DJ Bobo erreichte 2021 388,07 Millionen Views. Was wiederum einiges über die Qualität der Echokammer YouTube aussagt.

    Vielleicht sollte Blocher seine Chips doch besser auf DJ Bobo anstatt auf Köppel setzen.

  • 28.5.2022 - Tag der Menstruations-Shops

    Hera Zimmermann lanciert Menstruationshop: Sie verliess SRF und widmet sich Perioden

    Hera Zimmermann (28) eröffnet zum internationalen Tag der Menstruation einen Periodenshop. Wie es dazu gekommen ist, erzählt sie Blick.

    Schluss mit fixem Einkommen und bezahlten Ferien: Hera Zimmermann reicht 2020 bei SRF ihre Kündigung ein und macht sich selbstständig. Dem Risiko sei sie sich bewusst. «Und trotzdem hat sich noch nie etwas so gut angefühlt», schreibt sie auf der Videoplattform TikTok, auf der sie ihren neuen Lebensweg dokumentiert.

    Ihr sei es wichtig, dass sich Frauen auch im beruflichen Aspekt mehr trauen. «Ich verliess den sicheren Hafen bei SRF schweren Herzens.» Es sei sicher nicht der konventionellste Weg für eine Journalistin, aber sie liebe Herausforderungen, fährt sie fort.

    Zum internationalen Tag der Menstruation eröffnet Zimmermann mit einem vierköpfigen Team heute ihren eigenen Periodenshop. Und damit hat sie so einiges vor: «Wir versuchen die Nummer eins fürs Thema Periode zu werden», so Zimmermann.

    Alternativen zu herkömmlichen Tampons

    Als Frau, die schon länger mit Periodenschmerzen kämpfte, testete sie diverse Produkte aus. «Irgendwann kam der Gedanke auf, dieses Wissen einer breiteren Masse zur Verfügung zu stellen.» Zusammen mit ihrem Team suchten sie über Monate die weltweit spannendsten Produkte im Periodenbereich. Nun können sie in ihrem Periodenshop alternative Produkte zu Tampons anbieten.

    Das Ganze sei aber aufgrund des kleinen Markts gar nicht so leicht gewesen, sagt Zimmermann: «Die Menschheit fliegt mittlerweile auf fremde Planeten, aber wenn Leute menstruieren, dann verwendet der Grossteil immer noch herkömmliche Binden und Tampons. Das möchte ich ändern.»

    Nachhaltig, ethisch und fair

    Ein wichtiges Kriterium sei bei der Suche nach Produkten auch das Herstellerland gewesen. Die Produkte kommen zum grossen Teil aus Europa. Die Menstruationstassen werden in Deutschland hergestellt und die Periodenunterwäsche in Portugal genäht.

    Auch was den Preis angeht, möchte Hera Zimmermann und ihr Team fair bleiben: «Die Menstruation, und die Beschwerden, kann man sich nicht aussuchen. Daher ist es uns wichtig, die Produkte für alle zugänglich zu machen.»

    Doch das ist nicht alles. Ein weiteres Anliegen ist den Gründern des Periodenshops, dass auch Menstruierende in Drittweltländern Zugang zu nachhaltigen Produkten haben. «Aus diesem Grund spenden wir beim Kauf einer Menstruationstasse wiederum eine nach Südafrika», erklärt sie.

    Von der Firstbleederin bis zur Meno-Pause

    Wer so viele Ziele hat, braucht Verstärkung. Zusätzlich zu den drei Mitwirkenden werden daher externe Partner dazu geholt. «Am wichtigsten zu erwähnen sind aber unsere Testerinnen, die wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz über Social Media gesucht haben.»

    Es wurde explizit darauf geachtet, dass alle Altersschichten vertreten sind. Also von der sogenannten Firstbleederin bis zu Frauen kurz vor der Meno-Pause. Die Produkte wurden ihnen dann kostenlos zur Verfügung gestellt und über mehrere Zyklen getestet. Nur jene Produkte, die gut bewertet wurden, sind jetzt im Periodenshop verfügbar. Schreibt Blick.

    Wir sollten den kommenden Sommer nicht mit Defätismus beginnen, sondern dem neuen Geschäftsmodell von Hera Zimmermann Beifall klatschen. Machen wir uns ehrlich: Auf diesen Menstruationsshop, von der SVP als «Periodenshop» bezeichnet, haben die Schweizer Frauen schon lange gewartet. Die Tampon-Diskriminierung findet endlich ein Ende.

    Böse Zungen der SVP behaupten allerdings, die ehemalige SRF-Angestellte Frau Zimmermann bringe absolut nichts Neues auf den Markt. Und weiter: Sie, die Frau Zimmermann, hätte ruhig bei SRF bleiben können. SRF sei auch nichts anderes als ein Periodenshop mit angehängtem Nachrichtenportal. Das würden die vielen Klagen der SVP gegen SRF eindeutig an den Tag legen. Man müsse sich nur mal die «Arena» mit den «furchtbaren Weibern» anschauen, die alle unter der Mens leiden würden.

    Da vergisst die SVP allerdings, dass sich ausser der SVP-Kohorte plus Sympathisanten*innen und dem unsäglichen SVP-Anhängsel der «Trychler» kaum mehr vernünftige Schweizer*innen die Quatschsendung antun. Entsprechend ist denn auch die Quote der Sendung in den Keller gerutscht.

    «Dummschwätzer*» und Präsident der Aargauer SVP Andy Glarner hat sich bis jetzt noch nicht zu Wort gemeldet. Ist vermutlich auch besser so. Denn er müsste sich einen Tag später doch nur für sein «Dummschwätzer»-Geschwätz entschuldigen. The same procedure as everytime.

    *https://www.pulverturm-zofingen.ch/news/news-aus-presse/aargauer-svp-nationalrat-andreas-glarner-darf-_dummschwaetzer_-genannt-werden.html

  • 27.5.2022 - Tag der ochestrierten Aktionen

    Keine UNO-Reaktion auf die Provokation aus Nordkorea

    Die Einigkeit im UNO-Sicherheitsrat beim Thema Nordkorea ist auf einmal dahin. China und Russland haben ihr Veto gegen neuerliche Strafmassnahmen nach den jüngsten Raketentests eingelegt.

    Diktator Kim Jong-uns Antwort auf US-Präsident Joe Bidens Asienbesuch diese Woche war eine Salve von Raketen. Darunter möglicherweise auch Nordkoreas grösste Interkontinentalrakete Hwasong-17. Kim bekräftigte damit vor allem, dass er an baldigen Abrüstungsgesprächen nicht interessiert ist.

    Eine ganze Serie von UNO-Resolutionen verbieten Pjöngjang sowohl Atom- als auch Raketentests. Linda Thomas-Greenfield, die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, sieht in den jüngsten Abschüssen eine Bedrohung für die ganze Welt.

    Moskau und Peking geeint dagegen

    Doch neue Sanktionen, die sich vor allem gegen nordkoreanische Hackergruppen, gegen Öl- und gegen Tabaklieferungen (Kim ist Kettenraucher) gerichtet hätten, muss das Regime nicht gewärtigen. Zwar stimmten 13 der 15 Mitglieder im UNO-Sicherheitsrat dafür, doch Peking und Moskau legten ihr Veto ein.

    Das Scheitern der jüngsten Resolution ist von grosser Tragweite. Bisher zogen Russen und Chinesen jeweils mit bei den Sanktionen, die Nordkorea von seinem Atombombenprogramm abbringen sollten. Nicht immer enthusiastisch, aber immerhin. Auch bei der Umsetzung zeigten sie bisweilen wenig Verve. Doch diesmal schiessen sie erstmals seit 2006 ganz offen quer.

    Ihre Begründung ist, die Strafmassnahmen führten in eine Sackgasse. Sie seien ein primitives Mittel. Unter ihnen leide vor allem die Bevölkerung des Landes. Allerdings wurde beim Sanktionsregime stets darauf geachtet, die Auswirkungen auf das nordkoreanische Volk möglichst gering zu halten. Deshalb sind etwa Lebensmittel- oder Medikamentenlieferungen gar nicht betroffen.

    Druckmittel für andere Anliegen

    In Tat und Wahrheit geht es China und Russland wohl um etwas anderes. Mit ihrem plötzlichen Veto verschärfen sie in erster Linie ihren Konfrontationskurs gegenüber dem Westen, besonders zu den USA. Der Ukraine-Krieg und die neuerdings offenere amerikanische Unterstützung für Taiwan spielen da hinein. Das Ergebnis dieses Muskelspiels: Der UNO-Sicherheitsrat ist nun auch noch in der Nordkorea-Frage blockiert.

    Stellvertretend für viele beklagt Frankreichs UNO-Botschafter Nicolas de Rivière diese Spaltung des einflussreichsten UNO-Organs. Dem Regime in Pjöngjang werde mit dem Nichtstun ein Persilschein ausgestellt. Es werde geradezu ermuntert, nun sehr bald wieder mit Atombombentests anzufangen. Tatsache ist: Die Vorbereitungen dafür laufen bereits. Schreibt SRF.

    Die beiden Unrechtsstaaten China und Russland lassen ihre Masken fallen. Und der Westen wundert sich. Als ob der Krieg in der Ukraine keine orchestrierte Aktion zwischen Russland und China wäre.

    Abgesehen von der Tatsache, dass Nordkorea kaum noch mehr sanktioniert werden kann als es schon ist und trotzdem seit vielen Jahren die Entwicklung von Atomwaffen ungeniert weiterführt.

    China kann dies nur recht sein. Verhindern doch die Atomwaffen von «Rocket Man» eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea vermutlich für alle Zeiten.

  • 26.5.2022 - Tag der untoten Mumien am WEF

    Selenskyj attackiert Henry Kissinger – «Hat das Jahr 1938 im Kalender stehen»

    Der ukrainische Präsident hat Ex-US-Außenminister mit süffisantem Unterton als „große weltpolitische Figur“ bezeichnet und scharf kritisiert.

    Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj weist Vorschläge scharf zurück, die Regierung in Kiew solle zur Beendigung des Krieges Russland territoriale Zugeständnisse machen. „Was auch immer der russische Staat tut, es wird sich immer jemand finden, der sagt: Lasst uns seine Interessen berücksichtigen“, sagt Selenskyj in einer Videoansprache am späten Abend.

    Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hatte diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgeschlagen, die Ukraine solle Russland die 2014 annektierte Krim überlassen. „Man hat den Eindruck, dass Herr Kissinger nicht das Jahr 2022 auf seinem Kalender stehen hat, sondern das Jahr 1938, und dass er glaubt, er spreche nicht in Davos, sondern in München zu einem Publikum von damals.“

    1938 schlossen Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland in München einen Pakt, der Adolf Hitler Land in der damaligen Tschechoslowakei zusprach, um ihn zum Verzicht auf weitere Gebietserweiterungen zu bewegen. „Diejenigen, die der Ukraine raten, Russland etwas zu geben, diese ‚großen weltpolitischen Figuren‘, sehen nie die gewöhnlichen Menschen, die gewöhnlichen Ukrainer, die Millionen, die auf dem Gebiet leben, das sie für einen illusorischen Frieden eintauschen wollen.“

    Schreibt DIE WELT.

    Wo der ukrainische Präsident Selenskyj recht hat hat er recht. Untote Mumien wie der eitle Henry Kissinger, an dessen Händen sehr viel Blut klebt, machen das WEF genau zu dem was es ist: Eine Quatschbude und Bühne für verkommene Eliten, die nicht Teil der Lösung für den derzeitigen «Zeitenwandel» sind, sondern Teil des Problems.

  • 25.5.2022 - Tag der Oliogarchen aus Zug

    Bestechung, Marktmanipulation: Glencore einigt sich auf Milliarden-Deal mit Behörden

    Der Rohstoffgigant war Korruption und mehr beschuldigt worden. Nun sind die Vorwürfe vom Tisch – Glencore zahlt dafür 1,06 Milliarden Dollar.

    Neben der Anklage in Grossbritannien wegen Korruption hat Glencore auch die Untersuchungen der Behörden in den USA und Brasilien wegen Bestechung und Marktmanipulation beigelegt. Insgesamt ist der Bergbaukonzern zu einer Strafe von 2,4 Milliarden Dollar verdonnert worden. Effektiv bezahlen muss er davon 1,06 Milliarden Dollar.

    Der Löwenanteil davon wird in den USA fällig: Dort wird Glencore 700,7 Millionen Dollar an das US-Justizministerium DoJ zur Beilegung der Untersuchungen wegen Bestechung bezahlen und 485,6 Millionen Dollar an die Rohstoffmarkt-Aufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) wegen Marktmanipulation von Heizölpreisen in den USA, wie der Zuger Konzern am Dienstagabend mitteilte. Schreibt die Handelszeitung.

    Es sind weder Weltverschwörungstheorien noch böse Gerüchte, wenn derzeit in Medien öfters behauptet wird, dass die extrem hohen Preise für Erdöl, Gas und viele weitere Produkte nicht nur aber auch und vor allem mit den entsprechenden Rohstoff- und anderen Börsen zusammenhängen.

    Da hat sich die scheinbar alles regelnde Marktwirtschaft über Jahrzehnte Instrumente kreiert, die nicht mehr kontrollierbar sind. Und dies nicht erst seit heute.

    Dass die 1,06 Milliarden (1060 Millionen) Dollar der Zuger Rohstoffhandelsfirma Glencore nicht weh tun, beweist der gewaltige Sprung der Glencore Aktie nach oben am 23.5.2022 an der Börse. Kein Schelm, wer Böses denkt.

    Machen wir uns nichts vor: Oliogarchen sind nicht nur in Diktaturen wie Russland zu Hause. Auch die hehre westliche Wertegemeinschaft leistet sich diese perversen Schmarotzer.

    Eine Mammutaufgabe für kommende junge Politiker*innen, wenn sie die westlichen Demokratien und damit die Marktwirtschaft in die Zukunft retten wollen.

    Die Zeitenwende, von vielen Krise genannt, in der wir gerade stecken, wird definitiv nicht von denen gemeistert werden, die sie sehenden Auges verursacht haben.

    Empfohlen sei zu diesem Thema der heutige Blick-Artikel: Star-Ökonom Stiglitz über Corona, Krieg, Inflation: «Jetzt muss für einmal auch die Schweiz zahlen!»

    Und weil ich heute wieder mal so richtig gut drauf bin – ein kostenloser Tipp an alle Jungpolitiker*innen: Wesentliche Veränderungen in der Gesellschaft wurden seit Bestehen der Menschheit nur äusserst selten von den alten, auf den Status Quo fixierten Eliten herbeigeführt. Packt es an, es liegt in Euren Händen. Ihr werdet es schaffen. Es braucht allerdings den Mut, alte Denkschulen über Bord zu werfen.

    Just do it.

  • 24.5.2022 - Tag des Schlafwandels

    Nach Recherche-Bericht – Austausch mit China: Schweizer Unis sollen vorsichtiger sein

    Am Montag hat die «Neue Zürcher Zeitung» eine Recherche zu chinesischen Armeeforschern an der Schweizer Hochschule ETH veröffentlicht. Gegenüber China hatte sich bereits vor der Publikation ein allgemeines Misstrauen breitgemacht. Politikerinnen und Politiker fordern von den Schweizer Universitäten nun ein vorsichtigeres Vorgehen.

    Die Schweizer Hochschulen pflegen einen intensiven Austausch mit China. Doch gewisse Kooperationen lösen nun Bedenken aus. Dabei geht es um 90 Projekte, bei denen chinesische Militärwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an Schweizer Universitäten forschen.

    Weil die Wissenschaft in China nicht unabhängig, sondern staatlich kontrolliert ist, sieht der Schweizer Nachrichtendienst die Gefahr, dass Ergebnisse von Schweizer Forschungsprojekten bei der chinesischen Armee landen könnten.

    Mehr Vorsicht gegenüber China

    Der Nachrichtendienst des Bundes betrachtet diese Zusammenarbeit deshalb besonders kritisch, wie die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet. Und auch Schweizer Sicherheitspolitikerinnen wie die Luzerner Mitte-Nationalrätin Ida Glanzmann sehen darin ein Problem. «Man war sehr offen zu China. In der letzten Zeit merkt man, dass man etwas vorsichtiger damit umgehen muss. Zusammenarbeit: Ja, aber mit der nötigen Vorsicht.»

    Glanzmann appelliert an die Schweizer Hochschulen: Diese müssten genau hinschauen, wen sie ins Land holten.

    Diese Sicht vertritt auch Werner Salzmann, Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission des Ständerats. Nicht die Politik müsse handeln, sondern die Universitäten. «Nicht der Bund steht in der Pflicht, sondern die Forschungsanstalten, die diese Leute engagieren, sollten genau hinschauen. Sie sollten dem Bund einen Vorschlag machen, wie wir solche Vorkommnisse verhindern könnten.»

    Es hat sich also gegenüber China ein allgemeines Misstrauen breit gemacht. Dies zeigt sich nicht nur bei der Wissenschaft, sondern auch bei der Wirtschaft, etwa beim Ausbau der 5G-Mobilfunktechnologie. Die grüne Sicherheitspolitikerin Marionna Schlatter fasst es folgendermassen zusammen: «Es ist nicht nur die Forschungszusammenarbeit, sondern auch die Abhängigkeit von chinesischen Technologien. Das macht mir grosse Sorgen und hier müssen wir in Zukunft besser hinschauen.»

    Chinesische Militärforscher an Schweizer Hochschulen lösen Unbehagen aus. Die Schweizer Politik will das Thema deshalb enger verfolgen. Schreibt SRF.

    Und wieder wandeln wir sehenden Auges in die nächste Abhängigkeitskrise. Nur mit dem Unterschied, dass China eine andere Hausnummer ist als Russland, auch wenn sich die beiden Unrechtsregimes in Sachen Totalitarismus in Nichts unterscheiden. Was dem einen das Uigurencamp ist, ist dem andern Novichok.

  • 23.5.2022 - Tag der sinkenden Schiffe

    Österreichische ex-Aussenministerin Kneissl hat Rosneft-Aufsichtsrat verlassen

    Die frühere österreichische Außenministerin Karin Kneissl hat den Aufsichtsrat des russischen Mineralölkonzerns Rosneft verlassen. Das teilte das Unternehmen am Montag mit. Kneissl, die in Frankreich lebt, schrieb auf Twitter, sie habe dem Konzern bereits im März mitgeteilt, nach dem Auslaufen ihres einjährigen Mandats nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Das EU-Parlament hatte am Donnerstag für Sanktionen gegen Politiker gestimmt, die für russische Konzerne tätig sind.

    Am Freitag war bekannt geworden, dass der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein persönlicher Freund von Russlands Präsident Wladimir Putin, seinen Posten als Aufsichtsratschef von Rosneft verlässt. Ehemalige europäische Politiker, die für russische Unternehmen tätig sind, waren zuletzt unter immer stärkeren Druck geraten, ihre Mandate aufzugeben.

    Twitter-Posting

    Kneissl postete auf Twitter einen Screenshot einer Meldung der französischen Nachrichtenagentur AFP, die vergangenen Freitag mit ihr gesprochen hatte. Sie hatte der Agentur gesagt, dass sie im März 2021 für den Aufsichtsrat von Rosneft nominiert und im Juni desselben Jahres bestätigt worden sei. Im März dieses Jahres habe sie nicht zurücktreten wollen, "denn es ist nicht mein Stil, ein Schiff mitten im Sturm zu verlassen". Sie habe gleichzeitig Rosneft mitgeteilt, nicht mehr für ein weiteres Mandat zur Verfügung zu stehen. "Die Presseartikel, die sagen, dass ich mit Millionen Euro lebe, sind falsch und fügen sich in eine Reihe von systematischen Verunglimpfungen ein", formulierte sie gegenüber der Agentur.

    Kneissl lebt nach eigenem Verständnis laut früheren Angaben als "politischer Flüchtling" in der Provence, da sie als Politik- und Energieexpertin in Österreich wegen ihrer Nähe zu Putin ein "De-facto-Arbeitsverbot" habe.

    Erklärung von Rosneft

    Rosneft selbst berichtete am Montag in einer Aussendung von Kneissls Rücktrittserklärung, die mit dem 20. Mai 2022, also dem vergangenen Freitag, in Kraft getreten sei. Kneissl habe im betreffenden Dokument zudem die Verlängerung ihrer Funktionsperiode als Aufsichtsrätin abgelehnt.

    "Im Zusammenhang mit der Erklärung dankt die Gesellschaft (Rosneft, Anm.) für die gemeinsame Arbeit in diesen letzten zehn Monaten, die sich durch eine schwierige pandemische und internationale Rahmenbedingung ausgezeichnet haben", hieß es in der Aussendung. Rosneft zähle in Zukunft auf eine Zusammenarbeit mit Kneissl als wichtiger Vertreterin der internationalen Experten-Community, verlautbarte der Konzern.

    RT-Kolumnistin

    Kneissl war im Dezember 2017 von der FPÖ als Außenministerin nominiert worden. Ihre persönlichen Beziehungen zum russischen Präsidenten Putin sind durch dessen Auftritt auf ihrer Hochzeit im Jahr 2018 in der Steiermark bekannt. Die Regierung musste sie infolge des Misstrauensantrags gegen die Regierung Kurz nach der Ibiza-Affäre im Mai 2019 verlassen. Mittlerweile ist die ehemalige Außenministerin unter anderem als regelmäßige Kolumnistin für den staatsnahen russischen Sender RT tätig.

    Das Europaparlament hatte am Donnerstag in einer Entschließung Sanktionen gegen ehemalige Politiker gefordert, die weiterhin für russische Konzerne tätig sind. Schröder und Kneissl wurden in dem Text auch namentlich genannt. Zuvor hatten bereits andere ehemalige Politiker, in Österreich etwa die Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und Christian Kern (SPÖ), im Gefolge von Russlands Angriff auf die Ukraine ihre Aufsichtsratsposten bei russischen Unternehmen aufgegeben. Schüssel war beim Ölunternehmen Lukoil, Kern bei der russischen Staatsbahn RZD tätig gewesen. Schreibt DER STANDARD.

    Was haben Ratten und Putinversteher*innen gemeinsam? Beide verlassen das Schiff erst, wenn es am Sinken ist.

  • 22.5.2022 - Tag der neoliberalen Obsessionen

    Christoph Blocher und die Atomwaffen

    Die Vereinigten Staaten sind nicht bloss ein Mitglied der Nato – sie sind eigentlich die Nato. Die USA haben in der Vergangenheit die Kriege für die Nato praktisch alleine geführt. Die übrigen Nato-Staaten sind militärisch vergleichsweise schwach. Zwar besitzen England und Frankreich ebenfalls die Atomwaffe. Aber damit allein können keine Kriege geführt werden. Die US-Truppen mussten die Kriege in Korea, Vietnam oder Afghanistan auch mit Bodentruppen führen. Und sie haben alle diese Kriege nicht gewonnen.

    Eine Atommacht, die heute eine Atombombe mit ihren schrecklichen Zerstörungsmöglichkeiten leichtfertig einsetzen würde, wäre enorm gestraft und verachtet von der ganzen Welt. Die Wirkung ist nicht zu vergleichen mit herkömmlichen Waffen, denn sie könnte ganze Städte und Landstriche auslöschen.

    Konventionelle Bomben und Raketen hingegen werden gezielt eingesetzt und zerstören beispielsweise einzelne Gebäude. Die Atombombe ist ein mächtiges Kriegsmittel, auch wenn sie nicht eingesetzt wird.

    Der Kalte Krieg wurde militärisch nur wegen dem «Gleichgewicht des Schreckens» beendet. Es standen sich in Ost und West Atommächte gegenüber, wobei jeder wusste: Wenn ich den andern angreife, kommt es zum Atomkrieg – mit unabwägbaren Risiken. Das hat beide Seiten zurückgehalten, allerdings mit dem Nachteil, dass in der sozialistischen Sowjetunion Gräueltaten geschahen, die denen des Nationalsozialismus bezüglich Todesopfer in nichts nachstanden.

    Die Sowjetunion hat den Kalten Krieg gegen den Westen wirtschaftlich verloren, indem sie vor dem Bankrott stand. Russland wurde als Schwächerer nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auch gedemütigt und musste seine «Vasallenstaaten» räumen. Darunter auch die 1991 selbständig gewordene Ukraine, die Russland Ende Februar angegriffen hat. Alles wie gehabt!

    E gueti Wuche. Christoph Blocher. Schreibt Christoph Blocher in seiner Verlegerkolumne bei Swiss Regiomedia AG.

    Was uns der Besser- und Alleswisser vom Herrliberg mit seiner Kolumne sagen will, ist eigentlich nichts anderes als in aller Kürze zusammengefaster, unsinniger Reflexmüll. Unstimmig. Unvollständig. Obsessiv.

    So vergisst Blocher einige Kriege der USA (wie z.B. den Irak-Krieg) und verschweigt, dass der Korea-Krieg mit Truppen der Vereinten Nationen unter Führung der USA stattfand.

    Dass die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR, je in der Realität ein «sozialistisches» Staatsgebilde gewesen sein soll, ist schlicht und einfach dumm, um nicht zu sagen bescheuert.

    Die UdSSR war ein totalitäres, kommunistisches Gebilde mit Allmachtsanspruch, wie es auch die Volksrepublik China ist.

    Der Begriff «sozialistisch» war in der UdSSR nichts anderes als eine Floskel frei nach Karl Marx für «eine dauerhaft sozial gerechte und freie Zukunftsgesellschaft», genannt «Kommunismus».

    Die Gesellschaft der UdSSR war zu keinem Zeitpunkt sozial und frei schon gar nicht. Das gilt für das heutige Russland mit einer geradezu lächerlichen Scheindemokratie wie auch für China. Mit Sozialismus und Freiheit haben beide Staaten nichts am Hut, mit Kleptokratie einer Nomenklatura hingegen sehr viel.

    Das Lächerliche an der Obsession aller abartig Neoliberalen und Ultrarechten gegenüber sozialistischen Parteien ist die Tatsache, dass auch bei denen das Wort «Sozialismus» längst zu einer Wahlkampf-Floskel verkommen ist. Vor «sozialen» Parteien wie der SP Schweiz muss sich nun wirklich kein Neoliberaler mehr fürchten.

    Wäre dem nicht so, wäre die SVP nicht mit Abstand die wählerstärkste Partei der Schweiz, sondern immer noch die SP.

  • 21.5.2022 - Tag der statistischen Warenkörbe

    Sonderweg: Warum die Schweiz so eine niedrige Inflation hat

    Gerade einmal 2,5 Prozent Inflation gibt es in der Schweiz. Was machen die Eidgenossen anders? Während Europa unter Teuerungsraten von sieben Prozent oder mehr ächzt, verzeichnet die Schweiz bisher bloß einen mäßigen Anstieg der Inflation: Im April wurde eine Jahresteuerung von 2,5 Prozent registriert. Die Schweiz erweist sich auch hier als Sonderfall mitten in Europa.

    Die Inflation ist auch in der Schweiz zurück. Erstmals seit 2008 steigen die Preise wieder deutlich an. Die Ursachen sind dieselben wie anderswo: die hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise seit dem russischen Überfall auf die Ukraine und die Schwierigkeiten in den globalen Lieferketten, die sich mit der Corona-Pandemie deutlich verschärft haben. Eine Knappheit vieler Industrieprodukte und Konsumgüter war die Folge.

    Dass die Teuerung in der Schweiz deutlich weniger stark steigt als in den umliegenden Ländern, ist nicht neu: So zeigt etwa der Vergleich mit Österreich, dass die Inflationsrate zwischen 2006 und 2021 im Jahresdurchschnitt in Österreich um zwei Prozent gestiegen ist, in der Schweiz aber nur um 0,2 Prozent.

    "Dies ist großteils auf die starke langfristige Aufwertung des Schweizer Frankens zurückzuführen, die Preise für Importgüter deutlich günstiger macht", erklärt der Ökonom Alexander Rathke von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. "Jetzt ist die Inflationsdifferenz besonders ausgeprägt. Dies liegt vor allem an den Komponenten Energie und Nahrungsmittel; hier ist zum einen der Anstieg in der Schweiz weit geringer, und zum anderen ist ihr Gewicht im Warenkorb in der Schweiz kleiner", sagt der ETH-Ökonom.

    Starker Franken

    Während die Notenbanken weltweit die Zinsen anheben und geldpolitisch "die Zügel anziehen", bleibt die Schweizerische Nationalbank (SNB) bei ihrer expansiven Geldpolitik und belässt die Leitzinsen bei –0,75 Prozent. Damit leiste sie einen wichtigen Beitrag, um die Teuerung in der Schweiz niedrig zu halten, meint Ökonom Rathke. "Die SNB hat den Franken deutlich aufwerten lassen und auch kommuniziert, dass sie dies bewusst toleriert wegen des hohen Inflationsdifferenzials. Auf diese Weise hat sie die Geldpolitik schon angepasst an die hohe Inflation."

    Mit andern Worten: Dank des starken Frankens "importiert" die Schweiz weniger Inflation als der Euroraum, wo die Gemeinschaftswährung tendenziell zur Schwäche neigt. Denn viele Waren wie etwa Rohöl werden am Weltmarkt in US-Dollar abgerechnet, wodurch Länder mit einer starken Währung letztlich weniger für solche Waren bezahlen müssen.

    Erhöhung der Krankenkassenprämien

    Und doch bereitet die Teuerung auch vielen Menschen in der Schweiz Sorgen. Bei der nationalen Delegiertenversammlung vor zwei Wochen forderte der Gewerkschaftsbund SGB rasche Maßnahmen, um die Kaufkraft der Bevölkerung zu erhalten: Löhne und Renten müssten steigen, heißt es in einer Resolution des SGB.

    Hinzu kommt noch ein Element, das in der Schweiz die ausgewiesene Teuerung unterschätzt: Die Prämien für die obligatorische Krankenversicherung sind in der Schweiz nicht ans Einkommen gekoppelt, sondern sind für Arm und Reich gleich hoch. Und diese Prämien sind in der Schweiz nicht im Warenkorb für die Bemessung der Inflationsrate enthalten.

    Jetzt steht aber eine massive Erhöhung dieser Krankenkassenprämien ins Haus: Für das kommende Jahr dürften diese im Schnitt um fünf Prozent und in einzelnen Regionen gar um bis zu zehn Prozent ansteigen, wie der Internetvergleichsdienst Comparis schätzt.

    Weniger Konsum

    "Nirgendwo in Europa ist das Gesundheitswesen so unsolidarisch finanziert. Dieser Prämienschock muss abgefedert werden", fordert der Gewerkschaftsbund. Der Staat müsse mehr Geld bereitstellen, um die unteren Einkommensklassen zu entlasten. Ansonsten drohe einem Durchschnittshaushalt ein Kaufkraftverlust von 1600 Franken jährlich. Und wenn die Kaufkraft sinke, dann würde dies auf den Konsum und auf das Wirtschaftswachstum durchschlagen. Allerdings würde dies auch dazu beitragen, die Inflation niedrig zu halten.

    Die Konjunkturforscher der ETH sind weniger pessimistisch. "Viele Haushalte haben noch Polster vom ungewollten Sparen während der Corona-Pandemie, als sie viele Dienstleistungen nicht konsumieren konnten", sagt ETH-Experte Rathke. So rechnet die ETH Zürich nur mit einem weiteren leichten Anstieg der Teuerung im Jahresverlauf und für das kommende Jahr wieder mit einem deutlich geringeren Preisauftrieb. Schreibt Klaus Bonanomi aus Bern für DER STANDARD.

    Dass der «Schweizer Warenkorb» zur Bemessung der statistischen Teuerung ab und zu wie ein Treppenwitz erscheint, wurde schon öfters von Schweizer Politiker*innen thematisiert. Das gilt für einige weitere Erhebungen des BFS (Bundesamt für Statistik). Wie zum Beispiel die monatlich erfasste Arbeitslosigkeit, in der laut dem Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter etliche Positionen (wie z.B. von der ALV Ausgesteuerte) nicht berücksichtigt werden sollen.

    Wenn SVP-Grüter mit seiner Behauptung recht hat, darf man sich allerdings fragen, weshalb er, der doch im Hohen Haus von und zu Bern sitzt, nichts dagegen unternimmt. Mit einem «Postulat» oder einer «Motion» könnte er das Parlament bzw. den Bundesrat zwingen, dazu Stellung zu nehmen. Immer vorausgesetzt, seine Behauptung stimmt. Aber eben: Ist der Wahlkampf vorbei, sind auch die hehren Wahlkampfaussagen nur noch Schnee von Gestern.

    Nicht ganz stimmig ist allerdings die Forderung vom Gewerkschaftsbund, die Prämienerhöhungen der Krankenkassen für untere Einkommensschichten abzufedern. Die geforderte «Abfederung» findet nämlich seit Bestehen der obligatorischen Krankenkassenversicherung mit dem gesetzlich verankerten Instrument der «Prämienverbilligung» bis zur vollständigen Übernahme der Krankenkassenprämien längst statt. Mutter Ruth Dreifuss sei Dank. So viel Wahrheit muss sein!

  • 20.5.2022 - Tag der hehren Vorsätze

    Erholung von Coronakrise: Richemont (und auch Ryanair) mit Umsatzrekord

    Der Schmuck- und Uhrenkonzern Richemont hat die Coronakrise abgeschüttelt und im Geschäftsjahr 2021/22 Umsatz und Gewinn deutlich gesteigert. Am Ende kletterte der Umsatz in dem im März abgeschlossenen Geschäftsjahr um 46 Prozent auf 19.2 Milliarden Euro. Um Währungseffekte bereinigt legten die Verkäufe um 44 Prozent zu. Nach neun Monaten, also von April bis Dezember, hatte noch ein Wachstum von 50 Prozent resultiert.

    Im Schlussquartal haben allerdings die Lockdowns im wichtigen chinesischen Markt, Lieferengpässe und die Folgen des Ukraine-Kriegs die Genfer etwas gebremst.

    Die Luxusgütergruppe, zu der Marken wie Cartier, IWC oder Piaget zählen, übertraf mit dem Umsatz den Wert aus dem Jahr 2019/20 um deutliche 35 Prozent. Damals hatten die Corona-Folgen das Geschäft noch kaum belastet. Zudem liegen die Verkäufe über den Erwartungen der Analysten, die mit einem Umsatz von knapp 19 Milliarden Euro rechneten.

    Die kräftige Erholung im letzten Jahr wirkte sich auch positiv auf die Ergebnisseite aus: Der Betriebsgewinn rückte um 129 Prozent auf 3.39 Milliarden Euro vor, mit einer Marge von 17.7 Prozent (Vorjahr 11.2 Prozent). Und der Reingewinn stieg um 61 Prozent auf 2.08 Milliarden. Mit diesen Werten hat Richemont die Erwartungen der Analysten dennoch klar verfehlt.

    Höhere Dividende

    Die Gewinnsteigerung kommt auch den Aktionärinnen und Aktionären zugute. Der Verwaltungsrat schlägt die Ausschüttung einer Dividende von 2.25 Franken je Titel vor. Im letzten Jahr waren es 2.00 Franken.

    Im Ausblick bleibt der Konzern mit Aussagen wie immer zurückhaltend. Das Umfeld bleibe unsicher, doch sei Richemont für künftiges Wachstum gut positioniert, wird Verwaltungsratspräsident Johan Rupert in der Mitteilung etwa zitiert. Schreibt SRF.

    Geht's uns schlecht? Jedenfalls nicht allen.

    Zu diesem Thema passt auch eine Pressemitteilung der Billig-Airline «Ryanair» vor wenigen Tagen: Der Buchungsstand für die Sommerflüge 2022 liege bereits über dem Rekordergebnis aus dem Sommer 2019 (vor der Corona-Pandemie). So richtig ernst scheinen die Klimaaktivisten bis hin zu «Fridays for Future» den Klimawandel nicht wirklich zu nehmen. Viel Lärm, aber wenn es um den eigenen Badestrand geht, sind die hehren Vorsätze nur noch Makulatur.

    Früher bekannt unter der Floskel «Wasser predigen und selber Wein trinken».

    Man darf jetzt schon gespannt sein, welche exotischen Viren für den kommenden Herbst diesmal eingeschleppt werden, die uns als Folge davon hurtigen Schenkels den Impfzentren zustreben lassen.

    Die Pharmabranche reibt sich vermutlich jetzt schon die Hände.

    Who cares? Happy Sommer!

  • 19.5.2022 - Tag vin Uriella und Mike Shiva

    Wer hat das Zeug zum Kreml-Chef?: Expertin sagt «Palast-Massaker» bei Putin-Nachfolge voraus

    Seit Wochen kursieren Gerüchte, dass Putin schwer krank ist. Was blüht uns tatsächlich, wenn der Kreml-Chef morgen tot umfällt? Wer hat das Potenzial, nachzurücken und was würde das für den Westen bedeuten?

    Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wird der Gesundheitszustand des russischen Präsidenten Wladimir Putin (69) heiss diskutiert. Ob sein aufgedunsenes Gesicht, sein krampfhaftes Festhalten am Tisch oder Behauptungen bezüglich einer schweren Operation Putins nach dem Tag des Sieges – ein Gerücht jagt das nächste.

    Mit den wilden Spekulationen tut sich natürlich auch die eine grosse Frage auf: Was geschieht, wenn Putin gestürzt wird oder gar stirbt? Wer würde als Kreml-Machthaber nachrücken? Wie «Focus» berichtet, könnte die Nachfolge Putins eine Art «Palast-Massaker» auslösen. Laut der deutschen Sicherheitsexpertin Marina Henke hätte jeder Nachfolger einen schweren Stand.

    Wer nachrückt, muss kämpfen

    Sicherheitsexpertin Henke zufolge gäbe es offiziell keinen klaren Nachfolger. «Das ganze System ist einzig und allein auf Putin ausgerichtet.» Und wer auch immer nachrücke, müsse um seine Position kämpfen. «Egal, wer nach Putin an die Macht kommt, höchstwahrscheinlich hat er nicht genug Rückhalt in den verschiedenen Sicherheitsbehörden, beim Militär und unter den Oligarchen», so Marina Henke zur Zeitung.

    Würde jemand aus Putins innerem Kreis als Thronfolge erkoren, würde dies bestimmt Machtkämpfe zur Folge haben. «Dann würde es zu einer Art Palast-Massaker kommen.»

    Formell hätte Putin einen kurzzeitigen Nachfolger. Der russischen Verfassung zufolge würde bei Putins Ableben der Premierminister die Regierungsgeschäfte übernehmen. Innerhalb von drei Monaten müsste dann ein neuer Präsident ernannt werden. Im vorliegenden Fall würde also Michail Mischustin (56) nachrutschen – ein Mann, dessen Name zumindest im Westen keine grosse Bekanntheit geniesst.

    Mischustin ist ein alter Staatsbeamter. Vor seiner Ernennung als Premierminister 2020 leitete er zehn Jahre lang die russische Steuerbehörde. Trotz langjähriger Kreml-Erfahrung gilt er aber als eine von Putins Marionetten, die lediglich zur Sicherung seiner eigenen Macht auserkoren wurden. Doch wer hätte tatsächlich das Zeug dazu, der neue Kreml-Machthaber zu werden? «Focus» stellt fünf mögliche Kandidaten vor.

    Wurde der gescheiterte Blitz-Krieg Schoigu zum Verhängnis?

    Sergej Sobjanin (63), langjähriger Bürgermeister der russischen Hauptstadt Moskau, könnte nachrücken. Der Jurist hält zudem das Amt eines der Vize-Ministerpräsidenten Russlands inne. Gerhard Mangott (55), österreichischer Professor für internationale Beziehungen, bezweifelt aber seinen Aufstieg. Es sei fraglich, ob Sobjanin auch ausserhalb Moskaus viel Unterstützung erfährt. «Das wohlstandsverwöhnte Moskau wird in vielen Landesteilen gehasst.»

    Hoch im Kurs steht auch der russische Verteidigungsminister und Armeegeneral Sergej Schoigu (66). Schoigu gilt als enger Vertrauter Putins – so zeigen Fotos die beiden auch in den gemeinsamen Ferien. Nach der Eroberung der Krim-Insel 2014, waren die Erwartungen an Schoigu hoch. Er sollte Russland einen schnellen Sieg einfahren. Putins erträumter Blitz-Krieg scheiterte aber kläglich – und könnte deshalb auch Schoigus Chancen aufs Präsidentenamt zerschlagen haben.

    Als weiterer heisser Kandidat gilt Ex-Geheimdienstler Alexej Djumin (49). Der Gouverneur soll Putin nicht nur einst vor einem Bären gerettet haben, sondern wurde vom Machthaber höchstpersönlich mit dem Titel «Held Russlands» ausgezeichnet. Diese Ehre gebührte ihm in seiner Rolle als Leiter einer geheimen Spezialtruppe, die unter anderem die Annexion der Krim umsetzte.

    Putin-Einflüsterer hat gute Chancen

    Waleri Gerassimow (66), Chef des Generalstabes der Streitkräfte, hätte ebenfalls Potenzial, Putins Nachfolge anzutreten. Als General der Generäle gilt er nicht nur als Putins Top-Mann in der Armee, sondern auch als Schlüsselfigur in der Krim-Annexion 2014, bei der russischen Militärstrategie in Syrien sowie der Unterstützung der prorussischen Rebellen im Donbass. Gerüchten zufolge soll es sich Gerassimow jedoch wegen der stockenden Vorstösse mit Putin verscherzt haben – dies könnte seine Chancen auf den höchsten Kreml-Posten schmälern.

    Spekulationen zufolge hätte auch der Hardliner Nikolaj Patruschew (70) das Zeug dazu, Putin zu ersetzen. Patruschew ist aktuell Sekretär des Sicherheitsrates – zuvor leitete er jahrelang den russischen Geheimdienst FSB. Eine von vielen Gemeinsamkeiten mit Kreml-Chef Putin. Seinem Ruf als Putin-Anhänger und gar dessen Einflüsterer wird er unter anderem wegen seines Hasses gegenüber dem Westen gerecht. Putins feindselige Haltung gegenüber dem Westen kommt also nicht von ungefähr.

    Wer eines Tages Putins Platz einnimmt, wird sich zeigen. Ob sein Sturz für den Westen allerdings positive Konsequenzen hat, wagt Politikwissenschaftler Mangott zu bezweifeln. Dass Putins Nachfolger eine Öffnung zum Westen anstrebt, hält er für unwahrscheinlich. «Ein Abtritt Putins würde zwar einen aggressiven, autoritären und misstrauischen Präsidenten entfernen, aber wir können uns keineswegs sicher sein, dass ein verträglicher Nachfolger die Macht übernehmen wird.» Schreibt unser aller Bligg.

    Nachdem die letzten zwei Jahre der Pandemie uns gelehrt haben, dass die Welt ausschliesslich und ohne jede Ausnahme nur noch aus Corona-Experten besteht, haben sich die Uriellas und Mike Shivas ein neues Betätigungsfeld gesucht und wurden – Putin sei Dank – auch fündig: Es wimmelt in den Qualitätsmedien inzwischen von Sicherheits-, Waffen-, Kriegs-, Pazifismus-, Russland-, Putin- und Sonnenblumenöl-Expertinnen und Experten.

    Eine Gemeinsamkeit eint diese weltumspannende Glaskugel-Zunft: Im Konjunktiv erzählter Bullshit, den unsere «Qualitätsmedien» ebenso atemlos wie auch bedenkenlos in ihren Live-Ticker-Formaten im Viertelstundentakt präsentieren.

  • 18.5.2022 - Tag der Hardliner der Schweizer Verfassung

    APK des Ständerats: Dunkle Wolken über dem Verhältnis Schweiz – EU

    Das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU steckt in einer Sackgasse. Diesen Schluss lassen Äusserungen von Mitgliedern der Aussenpolitischen Kommission (APK) des Ständerats zu. Radio SRF hatte letzte Woche einen Brief der EU-Kommission an den Bundesrat publik gemacht.

    Die Aussenpolitikerinnen und -politiker des Ständerats beschäftigten sich in ihrer Sitzung diese Woche intensiv mit dem Verhältnis der Schweiz zur EU. Die Schlussfolgerungen sind pessimistisch.

    Mitte-Ständerat Pirmin Bischof ist der Präsident der Aussenpolitischen Kommission und hält fest, dass die Positionen der Schweiz und EU weiter auseinanderlägen als bisher angenommen.

    Dabei diskutierte die Kommission mit Vertretern beider Seiten. Bundespräsident Ignazio Cassis war anwesend und zum ersten Mal auch der EU-Botschafter in Bern.

    Bischof sieht vor allem ein zentrales Problemdossier: «Gegenwärtig ist eine Lösung bei der Personenfreizügigkeit nicht ersichtlich. Das ist der einzige Vertrag, bei dem die Positionen so weit voneinander entfernt sind, dass man die Lösungsmöglichkeiten nicht sehen kann.»

    Die Positionen sind gleich weit voneinander entfernt wie eh und je. Glaubte man vielleicht etwas naiv, dass, wenn der Bundesrat das alte Rahmenabkommen beerdige, werde sich die EU schon bewegen?

    Bischof sagt dazu: «Ich weiss nicht, ob wir naiv waren oder sind. Die Handlungsbreiten auf beiden Seiten sind nicht genügend, damit eine Lösung möglich wäre.»

    Damit stellt sich eine letzte Frage: Muss sich die Schweiz langsam, aber sicher mit einem definitiven Scheitern auseinandersetzen? Läuft das ganze auf ein Fiasko hinaus?

    Pirmin Bischof würde noch nicht von einem Fiasko sprechen. Wenn man taktische Positionen bezieht und äussert, sollten gewisse Kompromissmöglichkeiten ersichtlich sein. «Die Kommission hat den Eindruck, dass die Kompromissmöglichkeiten noch schlechter sind, als sie das vorher waren», sagt Bischof. Schreibt SRF.

    Geht es nach den Hardlinern der SVP, wird die neutrale Schweiz im Sinne des Rütli-Schwurs und einer aus dem Norden Europas importierten Sagengestalt namens Wilhelm Tell irgendwann sowieso nur noch Handel mit Putins Russland und Xi Jinpings China betreiben. Wozu braucht man da noch die EU, die sowieso mehr auf die Schweiz angewiesen ist als umgekehrt.

    In des Himmels lichten Räumen lässt sich froh und selig träumen! Leicht abgewandelt steht das so geschrieben im Schweizer Psalm. Und selbstverständlich auch im neuen Verfassungsorgan der Schweiz, der WELTWOCHE.

  • 17.5.2022 - Tag des Moderna-Impfstoff-Marketings

    Moderna-Chefarzt Paul Burton warnt die Schweiz vor dem Corona-Herbst: «Es braucht schon im Sommer einen Booster»

    Die Schweiz hat gerade Pause von Corona. Doch die Pandemie dürfte im Herbst mit aller Kraft zurückkommen, warnt Moderna-Chefarzt Paul Burton im grossen Blick-Interview. Er spricht über den Omikron-Irrglauben, jährliche Booster-Impfungen und die Gefahren von Long Covid.

    Laufen wir im Herbst in den Corona-Hammer? Diese Frage ist allgegenwärtig, obwohl die Pandemie in der Schweiz gerade weit weg ist. Seit April gibt es hierzulande keine Corona-Massnahmen mehr. Doch nach dem Sommer droht uns die nächste heftige Welle, warnt der Moderna-Chefarzt Paul Burton (53). Er ist gerade in seinem Homeoffice in der US-Stadt Cambridge, als er Blick ein virtuelles Interview gibt.

    Blick: Die Pandemie ist gefühlt vorbei. Wenn wir einmal in den Geschichtsbüchern zurückblicken: War es die Omikron-Variante, die uns alle erlöst hat?

    Paul Burton: Da muss ich Sie leider enttäuschen. Die Pandemie hält an, und ich glaube nicht, dass wir in absehbarer Zeit einen endemischen Zustand erreichen werden. Es wird noch viele weitere Varianten geben, vielleicht sogar noch schwerwiegendere. Und dass Omikron mild ist, ist eine Fehleinschätzung – das Gegenteil ist der Fall!

    Wie bitte? Seit Omikron müssen doch viel weniger Menschen ins Spital eingeliefert werden.

    Die weltweiten Daten sprechen eine andere Sprache. In Sachen Hospitalisierungen ist Omikron so schlimm wie die Delta-Variante. Der Irrglaube ist aber leider weitverbreitet. Wenn Sie heute Menschen auf der Strasse fragen, wie hoch das Risiko bei einer Covid-Erkrankung ist, ins Spital eingewiesen zu werden oder sogar zu sterben, hat kaum jemand eine Ahnung.

    Wie kam es denn zu dieser Fehleinschätzung in der Öffentlichkeit?

    Die Menschen sind mit Daten überhäuft worden. Wenn man sich im Internet bewegt, findet man überall neue Statistiken. Da müssen wir uns als Hersteller, aber auch die Behörden und die Regierungen selber an der Nase nehmen. Unsere Aufgabe ist es auch, der Bevölkerung die wichtigsten Daten übersichtlich aufzubereiten.

    In der Schweiz und auch bei Ihnen in Amerika leben wir in einer anderen Realität. Der Alltag ist eingekehrt, die Pandemie ist zur Endemie geworden.

    Menschen, die geimpft und geboostert sind, können tatsächlich in einer gewissen Normalität leben. Aber wer denkt, dass mit der endemischen Lage das Virus irgendwann verschwindet, liegt falsch. Es ist unwahrscheinlich, dass wir Sars-CoV-2 jemals loswerden. Das Virus mutiert ständig. Wir können aber einen endemischen Zustand erreichen, wenn wir drei Dinge tun.

    Und die wären?

    Hören wir endlich damit auf, das Tragen einer Maske und die Umsetzung von Hygieneregeln als Niederlage anzusehen. Wenn wir einen vollgepackten Event besuchen, sollten wir uns aus Eigenverantwortung und Solidarität schützen. Zweitens: Wir müssen zuverlässige Daten erhalten. Es ist den Leuten und Behörden teilweise nicht klar, ob man Fälle meldet, wie man Fälle meldet und wer die Fälle verfolgt. Wenn wir aber die Daten nicht kontinuierlich mit der Welt teilen, werden wir von der nächsten Welle überrumpelt sein.

    Und drittens?

    Boostern. Das ist die wichtigste Massnahme, um einen endemischen Zustand zu erreichen. Und das müssen wir Jahr für Jahr machen, denn das Virus verschwindet nicht. Wenn die Bevölkerung untergeimpft ist, bietet das Sars-CoV-2 Tür und Tor.

    Also braucht es eine vierte Corona-Impfung im Herbst?

    Eigentlich besteht jetzt schon Bedarf für einen Booster. Schauen Sie sich Südafrika an: Dort sind die Untervarianten von Omikron auf dem Vormarsch. Weltweit verzeichnen wir nach wie vor hohe Fallzahlen. Bis im November wird der Booster für die meisten Menschen elf bis acht Monate zurückliegen. Und ich rechne bis dahin auch mit weiteren Varianten des Virus. Also wenn nicht jetzt, dann gilt es allerspätestens im Herbst, als Vorbereitung für den Winter, die Bevölkerungen zu boostern.

    Empfehlen Sie jedem – also auch den Jungen – einen Booster-Shot?

    Auf jeden Fall. Die Chance, dass sich junge Menschen anstecken, ist hoch. Es starben zu Beginn der Pandemie auch viele Junge an Covid-19, das dürfen wir nicht vergessen. Aber klar: Das Risiko, ins Spital zu kommen, ist geringer, auch haben junge Erwachsene ein besseres Immunsystem. Der Fokus sollte bei den Ü50ern liegen. Die Daten zeigen, dass das Risiko frappant ansteigt, wenn das 50. Lebensjahr überschritten wird. Übrigens auch ohne Vorerkrankungen. Weiter sollten sich beispielsweise Berufstätige im Gesundheitsbereich oder Gefängnisinsassen unbedingt mit einem Booster schützen – sie sind einem noch höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

    Sie haben als Medizin-Chef des börsenkotierten Unternehmens Moderna ein direktes finanzielles Interesse daran, dass sich die Menschen mit Ihrem Impfstoff regelmässig boostern lassen. Warum sollte man auf Sie hören?

    Das verstehe ich. Ich bin voreingenommen, keine Frage. Ich bin aber voreingenommen, weil die Wissenschaft und die Zahlen eine deutliche Sprache sprechen. In Amerika sind mittlerweile eine Million Menschen an Covid-19 verstorben. Erinnern Sie sich, als wir im vergangenen November jeden Omikron-Fall einzeln vermeldet haben? Jeder US-Bundesstaat, jedes Land. Und dann ist das Ding einfach über die Welt hereingebrochen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass wir in einer Welt leben, in der so viele Menschen geimpft und geboostert sind und sich trotzdem irgendwann mit Omikron angesteckt haben. Ich bin verblüfft über die Fähigkeiten des Virus, das ständig mutiert und überall auf der Welt ein so hohes Mass an Krankheiten verursacht. Wir müssen konsequent bleiben und weiterhin alles tun, was wir können, um dieses Virus zu bekämpfen.

    Dass der Impfstoff zu 95 Prozent vor einer Ansteckung schützt, beweisen die Daten. Aber ist es nicht enttäuschend, dass der Schutz kurzfristiger anhält als zu Beginn erhofft – und dass somit regelmässige Booster notwendig werden?

    Nur eine einzige Impfung wäre ideal gewesen. Aber das war auch etwas illusorisch. Die meisten Impfstoffe müssen von Zeit zu Zeit aufgefrischt werden. Und übrigens: Wenn man sich die Daten aus der Schweiz anschaut, dann ist der Schutz vor der Delta-Variante nach wie vor hoch. Leider hat das Virus erwartungsgemäss mutiert und wird weiter mutieren, das macht die Auffrischungsimpfungen, insbesondere gegen neue Varianten, unumgänglich.

    Meine These: Moderna und die Regierungen werden grosse Probleme haben, weitreichende Teile der Bevölkerung zu einem weiteren Booster Anfang Herbst zu bewegen.

    Die Corona-Müdigkeit ist real. Auch ich selbst spüre das. Deshalb hoffen wir alle, dass die Lage im Frühling und Sommer stabil bleibt und die Menschen ihre Batterien aufladen können. So sind wir im Herbst hoffentlich wieder bereit, die Herausforderungen zu meistern. Und dazu gehört auch das Boostern.

    Ein weiteres Thema ist Long Covid. Wie sehr beschäftigt Sie das bereits?

    Long Covid ist real und wirklich schlimm. Einer von drei Menschen leidet nach einer Erstinfektion daran. Die Auswirkungen auf unser Gesundheitssystem werden sehr gross sein. Die Fälle von Diabetes, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen etc. dürften zunehmen – auch bei Kindern. Es ist verständlich, dass sich die Welt zuerst mit der akuten Phase der Pandemie beschäftigt hat. Wir wussten über Long Covid schon länger Bescheid. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Langzeitfolgen der Krankheit hohe Aufmerksamkeit erhalten und auch sehr ernst genommen werden.

    Fakt ist aber auch, dass Long Covid in den allermeisten Fällen mild verläuft und schnell vorüber ist. Wie schlimm ist es wirklich?

    Stimmt schon, aber wenn Millionen Menschen daran erkranken, bleibt eine beträchtliche Summe übrig. Die Menge macht es also aus. Und letztlich wissen wir es einfach auch noch nicht, welche Auswirkungen eine Corona-Erkrankung in zehn Jahren auf unseren Körper hat. Nehmen wir das Epstein-Bar-Virus als Beispiel: Jüngste Daten deuten darauf hin, dass es eine wesentliche Ursache für Multiple Sklerose ist. Wer hätte sich das je vorstellen können?

    Nach zwei Jahren Pandemie haben wir mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine die nächste Krise. Befürchten Sie, dass wir Corona bis im Herbst vergessen haben?

    Der Krieg in der Ukraine steht zu Recht im Vordergrund unserer Gedanken. Gerade jetzt braucht diese Krise die volle Aufmerksamkeit, um zu versuchen, sie so schnell wie möglich zu beenden. Es liegt in unserer Natur, dass man sich nicht mit allen schrecklichen Dingen gleichzeitig auseinandersetzen kann. Wir sind alle auch nur Menschen. Schreibt Blick.

    Wer sich jetzt über die etwas schwer verdaulichen Aussagen von Paul Burton wundert, sollte die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es sich bei Doktor Burton um den Chefarzt des US-Impfstoffherstellers MODERNA handelt. Ein Schelm wer jetzt Böses denkt? Noch ist Marketing in eigener Sache kein relevanter Bestandteil des Strafrechts.

  • 16.5.2022 - Tag der Gierigen

    Pekings politischer Plan: Chinesische Firmen drängen an die Schweizer Börse

    Chinesische Firmen, die im Ausland an die Börse gehen, kannte man bisher aus New York. Nun entdecken sie die Schweiz.

    Die Namen sind hierzulande kaum bekannt. Doch es sind Milliardenkonzerne, die an die Schweizer Börse wollen: Sany, ein Baumaschinenhersteller, wird mit 22 Milliarden Dollar bewertet. Auch die beiden Batteriehersteller Ningbo Shanshan und Gotion und der Medizinprodukte-Hersteller Lepu sind milliardenschwer.

    Sie sollen also neben den Börsen von Schanghai und Shenzhen auch an der Schweizer Börse gehandelt werden. Dieser Schritt folgt nicht einer Marktlogik, sondern dem politischen Willen Chinas. Das sagt Jacob Gunter, der beim Mercator Institut für Chinastudien die chinesisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen erforscht. «Wichtig ist, zu verstehen, dass chinesische Unternehmen nicht einfach den Kräften des freien Marktes folgen. Die Kommunistischen Partei und die Regierung beeinflussen ihre Geschäftsentscheide stark.»

    Die Börsengänge seien Teil eines politischen Plans. «Wenn ich höre, dass mehrere chinesische Firmen an die Schweizer Börse gehen, so tönt das für mich nach einem Pilotprojekt der chinesischen Regierung», so Gunter. Das Ganze passe in einen grösseren Trend. «Nämlich Chinas Suche nach neuen Zugängen zu internationalem Kapital – ausserhalb der USA und der EU.»

    Die Beziehungen China-EU und China-USA sind angespannt. Insbesondere im Finanzbereich. US-Behörden drohen dutzenden chinesischen Firmen, sie von den dortigen Börsen zu verbannen.

    Grosse Börsen buhlen um chinesische Firmen

    Bei der Schweizer Börse SIX sieht man das Interesse der chinesischen Unternehmen vor allem als Erfolg der eigenen Marketing-Bemühungen. Bereits vor Jahren wurde ein erstes entsprechendes Absichtspapier mit den chinesischen Börsen unterschrieben, gefolgt von Werbeveranstaltungen vor Ort, wie Mediensprecher Jürg Schneider sagt.

    «Wir haben sehr intensiv mit den chinesischen Börsen von Shenzhen und Schanghai zusammengearbeitet.» So habe man etwa gemeinsame Workshops durchgeführt, um den chinesischen Teilnehmenden die Vorzüge der Schweizer Börse aufzuzeigen. «Das ist sicher ein Grund, warum sie sich jetzt allenfalls für die Schweiz entscheiden werden.»

    Aber: Nicht nur die Schweizer Börse, auch die Frankfurter und Londoner Börse haben vor Ort um chinesische Unternehmen gebuhlt. Dass die Schweizer Börse nun politisch gewollt den Vorzug erhält, dazu will sich die SIX nicht äussern. «Eine Antwort zu dieser Frage wäre rein spekulativ», sagt Schneider. «Wir können nur für uns sprechen und sagen: Wir haben seit der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding sehr gut mit den chinesischen Behörden zusammengearbeitet und pflegen eine sehr offene und transparente Beziehung.»

    Schweizer Finanzdepartement involviert

    Die chinesischen Behörden sind entscheidend: Sie müssen jeden Börsengang von chinesischen Firmen im Ausland absegnen. Aber nicht nur die chinesische, auch die Schweizer Politik hatte die Finger im Spiel bei den geplanten Börsengängen. Bevor die SIX auf Werbetour in China ging, diente das Schweizer Finanzdepartement als Türöffner.

    Auf einer Reise nach China im April 2019 hatte der damalige Bundespräsident und Finanzminister Ueli Maurer die Schweizer Börse SIX mitgenommen. Bei diesem Besuch wurden im Beisein Maurers die entsprechenden Grundlagenpapiere erneuert, unterzeichnet und damit der Weg für chinesische Firmen an die Schweizer Börse geebnet. Bis im Herbst sollen ihre Aktienkurse auf den hiesigen Börsentickern erscheinen. Schreibt SRF.

    Man darf jetzt schon gespannt sein, wie sich die «neutrale» Schweiz dereinst verhalten wird, wenn vom alten Hegemon ennet dem Atlantik im Gleischschritt mit der «westlichen Wertegemeinschaft» Sanktionen gegen den neuen Hegemon aus Asien verordnet werden.

    Wetten, dass wir dann mit Erstaunen feststellen, wie unendlich viele Xi Jinping-Versteher im Lande Wilhelm Tells «Ni Hao» schreien, die schon immer wussten, dass Taiwan nichts anderes als eine abtrünnige Provinz Chinas ist, die ins Reich des Lächelns zurückzuholen nichts anderes als Chinas gutes Recht ist.

    Und wieder werden wir über unsere gekauften Politikker*innen und eine Wirtschaftselite staunen, die wider besseres Wissen vor lauter Gier sehenden Auges in den Schlamassel gestolpert sind.

  • 15.5.2022 - Tag der G7-Floskeln

    G7: «Werden von Russland erzwungene Grenzen niemals anerkennen»

    Die G7-Staaten wollen den ukrainischen Streitkräften notfalls noch jahrelang Waffen und andere militärische Ausrüstung für den Kampf gegen die Angreifer aus Russland liefern, wie es in der verabschiedeten Erklärung heisst. Die G7 würden zudem «Grenzveränderungen, die Russland mit militärischer Gewalt erzwingen will, niemals anerkennen». Die Staaten forderten Russland zudem auf, die Blockade ukrainischer Getreide-Exporte zu beenden.

    «Wir werden unsere laufende Militär- und Verteidigungshilfe für die Ukraine so lange wie nötig fortsetzen», heisst es in einer von den Aussenministern der Gruppe der führenden demokratischen Industrienationen (G7) verabschiedeten Erklärung. Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock betonte zum Abschluss der Beratungen in Weissenhausen (D) auch die politische Unterstützung durch die G7-Staaten.

    «Grenzveränderungen, die Russland mit militärischer Gewalt erzwingen will, werden wir niemals anerkennen», sagte sie. Den G7-Staaten falle eine zentrale Rolle dabei zu, «zu verhindern, dass die globalen Auswirkungen dieses Krieges die Welt in eine unkontrollierbare Krise stürzen». Der Runde gehören neben der Bundesrepublik die Nato-Staaten USA, Kanada, Frankreich, Grossbritannien und Italien sowie Japan an. Deutschland hat derzeit den Vorsitz der G7-Gruppe inne.

    Keine Kampfjet-Zusage

    Unerfüllt bleibt allerdings weiter der ukrainische Wunsch nach der Lieferung westlicher Kampfflugzeuge. Fragen zu weiteren Lieferungen müssten erst einmal «bis in jedes Detail» gemeinsam geklärt werden, sagte Baerbock und verwies auf eine grosse Verantwortung «in dieser absolut schwierigen Situation».

    Baerbock machte der Ukraine auch keine Hoffnungen auf eine schnelle Weitergabe eingefrorener russischer Staatsgelder. «Ein Zugriff auf eingefrorenes Geld ist juristisch (...) alles andere als einfach», erklärte sie. Es gebe einige gute Gründe, diesen Weg zu beschreiten – Sanktionen und gerade ein solcher Schritt müssten aber auch vor dem deutschen Recht und dem Europäischen Gerichtshof Bestand haben.

    Der ukrainische Aussenminister Dmytro Kuleba hatte Deutschland und die anderen G7-Staaten bei dem Treffen in Schleswig-Holstein gebeten, Gesetze zu verabschieden, um Vermögenswerte des russischen Staates zu beschlagnahmen und der Ukraine für den Wiederaufbau des Landes zur Verfügung zu stellen.

    Alternative Transportwege gesucht

    Mit Blick auf die blockierten ukrainischen Häfen sagte Baerbock, man prüfe derzeit Alternativen zum Schiffstransport von Getreide aus der Ukraine, um die russische Blockade in diesem Bereich zu brechen. Nachdem es beim Schienentransport über Rumänien Probleme gebe, prüfe man etwa die Ausfuhr über die baltischen Häfen. Es müssten jedoch zunächst die Voraussetzungen geklärt werden, wie die dortigen Häfen erreicht werden könnten.

    Normalerweise könnten über den Seeweg fünf bis sechs Millionen Tonnen Getreide pro Monat von der Ukraine ausgeliefert werden, sagte Baerbock. Bei einer Lieferung über die Schiene sei klar, dass man deutlich weniger Getreide bekomme. Bisher werde ein Bruchteil per Bahn vor allem über Rumänien exportiert. Der «Flaschenhals» sei, dass die Ukraine und Rumänien unterschiedliche Spurbreiten bei den Bahnen hätten. Dadurch gehe viel Zeit verloren. In den ukrainischen Häfen lagerten 25 Millionen Tonnen Getreide.

    Getreide-Blockade verschärft Hunger

    Moskau bereite mit der Blockade von Getreidelieferungen aus der Ukraine «den Nährboden für neue Krisen, um den internationalen Zusammenhalt gegen Russlands Krieg bewusst zu schwächen», sagte Aussenministerin Annalena Baerbock. Bis zu 50 Millionen Menschen vor allem in Afrika und im Nahen Osten seien zusätzlich von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen.

    Begleitet werde die russische Strategie von einer «massiven Desinformationskampagne, die mit absurden Behauptungen versucht, Täter und Opfer umzukehren». Baerbock betonte: «Es gibt keine Sanktionen gegen Getreide, es gibt keine Sanktionen gegen Medikamente oder humanitäre Hilfe.» Die westlichen Sanktionen richteten sich «auf das Machtzentrum des russischen Regimes, damit dieser völkerrechtswidrige Krieg unterbunden wird». Schreibt SRF.

    Tönt gut, ist aber auch nicht mehr als eine Floskel, die Putin kaum interessieren wird. Nicht die G7-Staaten bestimmen die Grenzen der Staaten, sondern Putin, der mit seinen Eroberungs-Feldzügen Fakten schafft.

  • 14.5.2022 - Tag der Marktwirtschaft

    Das Primat der Politik über den Markt

    Wie war noch gleich das ständige Argument der Russland-Versteher in Österreichs Energiewirtschaft? "Die Russen haben immer geliefert, auch zu Zeiten des Kalten Krieges." Stimmt – bis sie jetzt eben nicht mehr lieferten, zu Zeiten von Wladimir Putins Krieg. Die Gazprom verweigert schon seit Monaten Aufstockungswünsche der österreichischen Abnehmer, offenbar als Vorbereitung von Putins Erpressungspotenzial für den längst geplanten Überfall auf die Ukraine. Aus diesem Grund ist ein wichtiger Gasspeicher im salzburgischen Haidach jetzt leer.

    Haidach ist der zweitgrößte Gasspeicher Mitteleuropas und vor allem für das "Chemiedreieck" im benachbarten Bayern, aber auch für Westösterreich strategisch wichtig. Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hat denn auch schon den österreichischen Kanzler aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Gazprom den Speicher füllt: "In Deutschland können Enteignungen stattfinden. Österreich hat etwas Vergleichbares nicht."

    Enteignungen? Durch einen Kanzler, dessen Partei immer auf Achtung des Privateigentums gesetzt hat? Abgesehen von rechtsstaatlicher Verträglichkeit – wer soll dann noch bei uns investieren, wenn man so einfach enteignen kann.

    Faktum ist, dass die beiden Krisen – Corona und die Energiekrise im Gefolge von Putins Krieg – einen Paradigmenwechsel einleiten. Das Primat der Politik über den Markt: Der Staat muss regulieren, verordnen, notfalls eben die Verfügungsgewalt über wichtige Betriebe ergreifen. Prinzipiell heißt das "Kriegsrecht" oder "nationaler Notstand" oder "Ausnahmezustand". Sofern die gesetzlichen Voraussetzungen gegeben sind (was sie in Österreich derzeit nicht oder sehr unvollständig sind), kann auch enteignet werden. Der Speicher Haidach gehört aber nicht nur der Gazprom alleine, sondern auch der im Besitz einiger Bundesländer befindlichen RAG (Rohölaufsuchungs AG) und der deutschen Wingas.

    Zwangsverwaltung

    Verstaatlichen muss nicht sein, Kanzler Nehammer drohte bereits mit Zwangsverwaltung von Haidach. Wenn Gazprom nicht liefere, könne man andere Gasfirmen zur Befüllung einladen: "Wenn er nicht gefüllt wird, sollen ihn andere Energieunternehmen nutzen." Ein Vorbild gibt es: Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck hat schon vor Wochen die "Gazprom Germania" unter Treuhandverwaltung gestellt. Allerdings müsste dazu auch in Österreich eine gesetzliche Regelung geschaffen werden.

    Tatsächlich bricht die nationale Not auch bisher marktwirtschaftliches oder auch "neoliberales" Gebot. Nehammer ging sogar noch weiter und dachte Abschöpfung überdurchschnittlicher Gewinne bei den Energiefirmen an, um sie an die Konsumenten weiterzugeben. Er zweifelte sogar an, ob es klug war, Infrastrukturbetriebe wie den Verbund oder die OMV teilzuprivatisieren. Verfechter der reinen marktwirtschaftlichen Lehre erlitten Ohnmachtsanfälle.

    Die Abschöpfung der Gewinne könnte durch eine Sonderdividende erfolgen, die der Aktionär Staat erzwingen (oder, mangels Mehrheit, "empfehlen") könnte. Nur zur Erinnerung: Ein Großteil der sogenannten Verstaatlichten Industrie wurde in den 80er-Jahren teilprivatisiert, weil sie damals pleite war.

    Ob Nehammer nun ein "Herz-Jesu-Bolschewik" ist, weil er aus dem christlichen Arbeitnehmerflügel ÖAAB der Volkspartei kommt, ist eine Diskussion, für die jetzt aber die Zeit fehlt. Es geht um Sicherung der Energiezufuhr, und das verlangt in Krisen und Kriegszeiten auch rigide staatliche Eingriffe. Schreibt der von mir geschätzte Hans Rauscher in DER STANDARD.

    Das Primat der Politik über den Markt gibt es ohne Ausnahme nur in Diktaturen; einer Herrschaftsform, die sich durch eine einzelne regierende Person, den Diktator, oder eine regierende Nomenklatura von Personen wie Partei, Militärjunta oder Familienclan mit weitreichender bis unbeschränkter politischer Macht auszeichnet. China, Russland, Saudi Arabien – um drei der übelsten Autokratien mit totalitären Regimes zu nennen.

    Dass der von den westlichen Demokratien wie eine Monstranz vor sich hergetragene «Markt» eben nicht alles löst, decken Krisensituationen wie die Corona-Pandemie oder der derzeitige Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine mit erschreckender Brutalität auf.

    Die Paradefloskel, dass der «Markt Wohlstand für alle» bringt, erweist sich in Krisenzeiten als Utopie. Was anfänglich nach dem Zweiten Weltkrieg durch «soziale Marktwirtschaften» in Europa – beispielsweise Deutschland – tatsächlich zutraf, hat sich durch abartige Varianten des ungezügelten Neoliberalismus fern jeder Moral oder Ethik zu einer Utopie entwickelt.

    Das Primat der Politik über den Markt ist allerdings auch kein erstrebenswertes Ziel. Die Politik müsste sich nur endlich wieder bewusst werden, dass es systemrelevante, staatliche Kernaufgaben gibt, die keine vernünftige Demokratie dem Markt überlässt. Die Spaltung demokratischer Gesellschaften in Krisenzeiten fällt ja nicht vom Himmel.

    Doch Krisenzeiten bieten auch Chancen. Vielleicht lernen wir wieder, darüber zu diskutieren «wofür» wir stehen und nicht nur endlos darüber zu schwadronieren, gegen «was alles» wir sind. Dann wird sich auch der Neoliberalismus wieder von seinen schlimmsten Verwerfungen erholen.

    Halbleere Gläser lassen sich nämlich füllen. Man muss es nur tun.

  • 13.5.2022 - Tag des Rocket Man aus Nordkorea

    Nordkorea droht Corona-Kollaps: Gestern «erster Infizierter» – heute 350'000

    Nordkorea hat einen «explosiven» Corona-Ausbruch gemeldet. Sechs Menschen sind tot, mehr als 350'000 Menschen sollen sich infiziert haben. Den ersten offiziellen Fall meldete man erst vor 24 Stunden.

    Zwei Jahre lang behauptete Nordkorea nicht von der Corona-Pandemie betroffen sei. Am Mittwoch war erstmals einem Fall die Rede gewesen. Jetzt sollen es mehr als 350'000 sein.

    Der Bericht über die Zahl der nun Infizierten erfolgte einen Tag, nachdem Machthaber Kim Jong Un (38) die Situation als «grossen nationalen Notfall» bezeichnet hatte.

    Sechs Tote, einer auf Corona getestet

    Allein am Donnerstag meldete Nordkorea 18'000 neue «Fälle eines unbekannten Fiebers». Dazu gab die staatliche Nachrichtenagentur KCNA bekannt, dass es sechs Todesfälle gab. Einer sei positiv auf die Untervariante BA.2 des Omicron-Virus getestet worden. Ob die anderen Toten getestet wurden, unklar.

    Es heisst: «Ein Fieber, dessen Ursache nicht ermittelt werden konnte, breitete sich seit Ende April explosionsartig im ganzen Land aus.» In Isolation befänden sich 187'800 Menschen. Insgesamt spricht das Staatsmedium von um 350'000 des «Fiebers».

    Keine Impfstoffe

    Der Corona-Ausbruch könnte sich für Nordkorea als katastrophal erweisen. Es wird davon ausgegangen, dass das Gesundheitssystem marode ist. Zudem hat hat Nordkorea offenbar keinerlei Impfstoffe importiert. Auch gibt es keine Information darüber, dass ein eigener Impfstoff entwickelt wurde. Das Land hatte Impfangebote aus anderen Ländern abgelehnt.

    Aus Nordkorea hiess es in den gesamten zwei Jahren Pandemie, dass es keinen Fall gäbe. Bis am Mittwoch. International glaubt kaum jemand, dass das Land mit seinen rund 25 Millionen Einwohnern von dem Virus verschont geblieben ist. Dennoch gab es auch keine offiziellen Berichte zu Toten. Bis jetzt.

    Der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Un besuchte am Donnerstag das staatliche Hauptquartier für Seuchenprävention und räumte laut KCNA ein, dass der sich ausbreitende Ausbruch eine «Schwachstelle» im Seuchenpräventionssystem des Landes darstelle. Schreibt Blick.

    Eigentlich ist die Nachricht aus Nordkorea keine einzige Zeile wert. Dass es im Lande von «Rocket-Man» (O-Ton Donald Trump) Kim Jung Un in den vergangenen zwei Jahren der weltweiten Pandemie keine Seuchenvögel mit dem Coronavirus gegeben haben soll, hat sowieso kein vernünftiger Mensch je geglaubt.

    Die Kehrtwende von Rocket Man ist vermutlich vom grossen Nachbarn China veranlasst worden. Xi Jinping würde ja ziemlich dumm aussehen, wenn ausgerechnet der Dicke aus Nordkorea «Zero-Covid» schafft, was dem chinesischen Diktator bisher trotz wochenlanger Lockdowns von Millionenstädten nicht gelungen ist. Und, by the way, auch nie gelingen wird.

  • 12.5.2022 - Tag der Opioiden

    Alle fünf Minuten eine tödliche Überdosis in den USA

    Die US-Behörden haben einen traurigen Höchststand vermeldet: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 107.000 Drogentote gezählt. Befeuert wird die Epidemie durch legale Opioide.

    Die Zahl der Drogentoten in den USA ist im vergangenen Jahr auf einen Rekordwert von mehr als 107.000 gestiegen – das entspricht einer tödlichen Überdosis ungefähr alle fünf Minuten. Am Mittwoch veröffentlichte die Gesundheitsbehörde CDC vorläufige Daten, wonach sie 2021 von 107.622 Drogentoten in dem Land mit seinen gut 330 Millionen Einwohnern ausgeht. Diese Zahl nahm im Vergleich zum Vorjahr um fast 15 Prozent zu.

    Die Drogenepidemie in den USA wird seit Jahren durch Opioide befeuert. Der Direktor der Nationalen Drogenkontroll-Politik im Weißen Haus, Rahul Gupta, nannte die Todeszahlen »nicht hinnehmbar«.

    Im vergangenen November hatte die CDC mitgeteilt, dass in den USA erstmals in einem Zwölf-Monats-Zeitraum die Marke von 100.000 Drogentoten überschritten wurde: Von Mai 2020 bis einschließlich April 2021 war die Behörde von 100.306 Überdosis-Toten ausgegangen.

    Viele dieser Todesfälle nahmen ihren Anfang bei einem Arztbesuch: Mehr als 16.000 der Opfer aus dem Jahr 2020 starben laut Food and Drug Administration (FDA) an ärztlich verschriebenen Opioiden, mehr als auf dem Höhepunkt der Verschreibungen im Jahr 2012.

    Dabei ist spätestens seit dem Urteil von 2007 juristisch bewiesen, dass Amerikas große Pharmaunternehmen mit ihren Opioiden aggressiv den Markt fluteten, wahrheitswidrig für ihre Produkte warben und damit Schuld an einer der größten medizinischen Krisen des Landes tragen.

    Oxycontin und Fentanyl befeuern die Epidemie

    Immer wieder kommt es in den USA zu Strafverfahren gegen die Konzerne, die sich diese ob ihrer fabelhaften Gewinne jedoch locker leisten können. Ein Beispiel ist die Familie Sackler. Diese ist unter anderem mit dem Verkauf des Schmerzmittels Oxycontin schwerreich geworden. Allerdings macht das Mittel auch schwerabhängig und gilt als einer der Hauptverursacher der Drogenepidemie. Auch nach einem Milliardenvergleich 2021 bleiben die Sacklers eine der wohlhabendsten Familien der USA.

    Längst haben sich die Grenzen zwischen den Opioiden auf Rezept und illegalen Drogen aufgelöst. Besonders gefährlich ist dabei Fentanyl, ein synthetisch hergestelltes Schmerzmittel, das in hohen Dosen schnell zu Atemstillstand führt. Weil es mittlerweile auch Heroin, Kokain oder Cannabis beigemischt wird, sterben viele an Überdosen. Schreibt DER SPIEGEL.

    Bei jedem anderen Land würden wir vermutlich von einem «failed state» sprechen. Doch bei einer Weltmacht mit einer zu 40 Prozent übergewichtigen Bevölkerung verbieten sich solch despektierliche Äussserungen von selbst.

    Vor knapp 30 Jahren diskutierte ich mit Joseph Simmons, Mitglied der US-amerikanischen Hip-Hop- Band «Run D.M.C.», während einem Interview in Zürich über die Drogenflut in Amerika. Sein bemerkenswertes Statement blieb bis zum heutigen Tag in meinem Gedächtnis haften: «Wenn die USA keine Drogen wollten, hätten sie keine Drogen.»

    «The world could be so simple», meine Joseph Simmons lakonisch. Zumindest was die Opioiden in den USA anbelangt, trifft dies zu. Denn die werden nicht in Guatemala von einem Drogenbaron hergestellt, sondern von hochangesehenen US-Pharmafirmen.

    Bekannterweise hat die Pharmabranche global den stärksten, durchschlagkräftigsten und finanziell mit dem weltweit höchsten Budget gesegneten Lobbyismus. Ob Gesundheitskrise oder Drogen: Big Pharma gewinnt immer! Kollateralschäden gehören zum Business und werden in Kauf genommen.

    «Covid-19 zeigt beispielhaft, wie problematisch das Geschäftsmodell der grossen Pharmakonzerne ist. In ihren Schönwetter-Visionen betonen die Konzerne ihren Einsatz für die Gesellschaft, in Tat und Wahrheit nutzen sie die Covid-19 Krise zu ihrem Vorteil aus. Public Eye präsentiert, wie die 10 Strategien von Big Pharma für grösstmöglichen Gewinn auf Kosten der Gesellschaft funktionieren.»

  • 11.5.2022 - Tag der Kriegsgewinnler

    Investoren im Agrarbereich: Spekulanten können Preise für Agrarrohstoffe in die Höhe treiben

    Weizen, Mais und Pflanzenöle werden teurer, erst recht seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine. Vieles deutet nun darauf hin, dass auch Finanzinvestoren ihre Hände im Spiel haben.

    Agrarökonom Lukas Kornherr hat schon früh Verdacht geschöpft: «Wir beobachten bereits seit Mitte 2021 eine erhöhte Beteiligung von Spekulanten am Handel mit Agrarrohstoffen an Warenterminmärkten.» Seit rund zehn Jahren erforscht der deutsche Wissenschaftler Preisschwankungen an den internationalen Nahrungsmittelmärkten.

    Er weiss, wenn zu viele Spekulanten am Markt mitmischen, dann heizt das die zurzeit ohnehin hohen Preise für wichtige Agrarrohstoffe wie Weizen, Mais oder Soja noch weiter an. Es gibt klare Signale dafür. Marktstudien zeigen, dass allein in der ersten Märzwoche, also kurz nach Beginn des Ukrainekriegs, so viel Geld in Agrarfonds geflossen ist wie sonst in einem ganzen Monat.

    Experten sind besorgt über das Mitmischen von Finanzinvestoren

    «Spekulanten spielen auf jeden Fall eine grosse Rolle», sagt Kornherr. Und auch wenn noch nicht ganz klar sei, wie gross ihr Anteil an den aktuellen Preissteigerungen sei: «Wir sind sehr besorgt, dass die Krise innerhalb kürzester Zeit deutlich verstärkt werden kann.»

    Auch der Berner Ökonom Gunter Stefan geht davon aus, dass nicht nur Krieg und Knappheit die Preise für Agrarrohstoffe im März auf Rekordniveau getrieben haben. «Man nimmt an, dass die Spekulanten bis zu 30 Prozent am Markt beteiligt sind und die Preise entsprechend hochtreiben.»

    Steigende Preise lockten noch mehr Spekulanten auf den Plan, sagt Stefan. Gemeint sind Investoren, die nicht am Weizen oder Mais selbst, sondern nur am Profit aus dem Handel mit Agrarrohstoffen interessiert sind. «Die Geldwirtschaft löst sich ab von der Realwirtschaft. Das ist das grosse Problem. Dann wird es zum Casino.»

    Die Casino-Mentalität werde die Preise weiter nach oben treiben, erwartet der Ökonom. Mit gravierenden Folgen, vor allem für arme Länder. Die Welternährungsorganisation warnt bereits, dass der Welt zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder eine Hungersnot drohen könnte. Schreibt SRF.

    Wer hätte das gedacht? Der vielgelobte abartig neoliberale Markt regelt doch nicht alles! Was übrigens schon während den zwei Corona-Pandemie-Jahren in extremis aufgefallen ist.

    Unappetitliche Kriegsgewinnler gab es schon immer und wird es immer geben. Diese widerlichen Spekulanten sind allerdings kein Naturgesetz, sondern Auswüchse eines falsch gedachten Neoliberalismus mit all seinen Lobbyisten und sonstigen Protagonisten in den Parlamenten.

    Deshalb werden kommende Generationen in einer total vernetzten und globalisierten Welt nicht umhin kommen, sich auf die Kernaufgaben eines jeden Staates zurückzubesinnen.

  • 10.5.2022 - Tag der Schröders in der westlichen Wertegemeinschaft

    Die Zukunft der EU: Krieg und Krisen als Motor – Europa muss um die Zukunft bangen

    Der 9. Mai ist im gemeinsamen Europa wie auch in Russland – bis 1991 in der Sowjetunion – seit jeher ein ganz besonderer Tag. Ein Feiertag. Aber er wurde 2022 in zwei Welten begangen, die unterschiedlicher und einander fremder kaum sein könnten. Mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine spiegelte sich das am Montag auf besonders drastische Weise wider. Europa muss um die Zukunft bangen.

    In Moskau lässt Präsident Wladimir Putin den "Tag des Sieges" über Nazideutschland 1945 mit einer Militärparade abfeiern – Atomraketenschau inklusive. Er hielt eine Kriegsrede, rückwärtsgewandt. Von Frieden spricht er nicht. Sein Volk ist weit weg, kommt nicht zu Wort.

    In den EU-Hauptstädten und in den EU-Institutionen ist der "Europatag" ein Fest von Aussöhnung, Frieden, Freiheit, Demokratie. Am 9. Mai 1950 hatte Frankreichs Außenminister Robert Schuman seine berühmte Erklärung abgegeben, Deutschland zur Kooperation in einer Montanunion eingeladen. Sie wurde zum Herzstück der Europäischen Union.

    Um diesen "europäischen Geist" zu beschwören, lud das Europäische Parlament in Straßburg zur Präsentation der Ergebnisse eines "Zukunftskongresses" ein. Vor allem junge Leute hatten ein Jahr lang Ideen für EU-Reformen erarbeitet, die sie im Plenarsaal präsentierten – vor den Spitzen der EU-Institutionen. Ein engagierter, friedlicher Prozess.

    Aber es ist nun nicht gerade die Zeit für gemächliche Reformvorhaben. "Der Krieg ist zurückgekehrt", sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen dringend handeln, die Gemeinschaft stärken. In Zeiten von Krisen und Kriegen hat sich die Gemeinschaft oft bewährt. "Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen", sagte Schuman. Das gilt 2022 besonders. Schreibt Thomas Mayer in DER STANDARD.

    Es gab noch nie einen Krieg, dem man etwas Gutes abgewinnen konnte. Selbst der Sieg über einen widerwärtigen Kontrahenten wie das Nazi-Regime Adolf Hitlers hat stets einen faden Beigeschmack: Die Zeche bezahlen die Toten. Dem Erdboden gleichgemachte Städte und Regionen kann man wieder aufbauen. Tote hingegen bleiben tot. Dennoch ist jede Krise auch eine Chance.

    Der deutsche Bundeskanzler Olfa Scholz ist zwar vermutlich der falsche Mann, aber seine Deutung des 24. Februars 2022 mit dem Begriff «Zeitenwende» beschreibt den Zustand unserer «westlichen Gesellschaft» seit dem mörderischen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine richtig.

    Der Westen – und mit ihm die EU und die USA – hat nun die Gelegenheit, die tatsächlichen Werte der «Wertegemeinschaft» politisch neu zu definieren. Der Probleme gibt es nebst dem Ukraine-Krieg viele wie beispielsweise Klimawandel und Artensterben, um nur zwei weitere Geisseln der Zukunft zu nennen.

    Doch machen wir uns nichts vor: Die Zukunft einer gründlichen Aufarbeitung der Vergangenheit liegt nicht in den Händen der verkommenen Altpolitiker*innen und ihren ebenso verkommen Parteien. Die jungen Leute allein müssen selbstbewusst bestimmen, wie ihre Generation die Zukunft meistern will. Zukunft bedeutet letztendlich nichts anderes als das Gegenteil von Vergangenheit.

    In diesem Gedanken steckt mehr Hoffnung als in den salbungsvollen Worthülsen der derzeitigen Politelite, die den Schlamassel des 24. Februars 2022 in einem Mix aus Dummheit, fehlender Moral und Ethik sowie finanzieller Gier erst möglich machte. Es gibt der Schröders viele, wohlverstanden!

  • 9.5.2022 - Tag der Inselbegabungen

    Ihren Alltag meistert die Zürcherin (23) trotzdem allein: «Hallo, ich bin Julia Meier und habe Asperger»

    Zu viele Farben oder zu viele Geräusche überfordern sie – dafür haben Menschen mit dem Asperger-Syndrom Inselbegabungen. Wie es sich damit lebt, erzählt Julia Meier (23) aus Bonstetten ZH. Dank der «stillen Stunden» im Spar kann sie auch allein einkaufen gehen.

    Jemandem in die Augen zu sehen, falle ihr schwer, erklärt die Zürcherin (23). «Ich bin Julia Meier und habe eine leichte Form des Asperger-Syndroms.» Diese Unterform des Autismus hatte etwa Albert Einstein, auch Greta Thunberg lebt damit. «Wir haben Inselbegabungen, bei mir sind es Daten und Mathematik», erzählt Meier. Sie brauche keine Agenda, könne sich alles merken – auch alle Details von Gesprächen und Ereignissen speichere sie in ihrem Langzeitgedächtnis.

    Das Leben mit Asperger bringt aber auch einige Tücken mit sich. «Ich kann Sarkasmus und Zynismus nicht erkennen. Auch bin ich manchmal patzig, ohne dass es so gemeint ist.» Zudem falle es ihr manchmal schwer, sich zu konzentrieren. Zu grelle Farben triggern sie im Alltag, und Geräusche lenken sie stark ab. «Bei der Arbeit höre ich deshalb einfach für mich etwas Musik. Müsste ich ständig anderen Gesprächen lauschen, wäre das Horror.»

    «Ich kann meinen Alltag meistern»

    Seit über einem halben Jahr wohnt Julia Meier in einer eigenen Wohnung. Das ist für Autisten bei weitem keine Selbstverständlichkeit. «Aber ich kann meinen Alltag meistern», sagt die Metallbaukonstrukteurin. Spontaneität falle ihr dagegen schwer. «Es muss alles seinen Platz haben und alles nach Plan laufen – sonst bin ich überfordert.» Zum Putzen und Waschen hat sie einen Wochenplan, und sie halte sich strikt daran.

    Einen grossen Teil vom Leben auf eigenen Beinen machen die Organisation des Haushalts und das Einkaufen aus. «Das ist gar nicht so einfach. Mir fällt es schwer, mich nicht von Geräuschen, Farben oder sinnlosen Anordnungen von Dingen im Laden ablenken zu lassen.» Auch eine Auswahl zu treffen zwischen ähnlichen Produkten, wird zur Herkulesaufgabe. Deshalb geht sie nur in Läden, die sie gut kennt, oder sie nimmt eine Begleitung mit.

    Stille Stunden: Weniger Licht und Geräusche

    Seit einiger Zeit haben ausgewählte Spar-Filialen in der Schweiz die stillen Stunden eingeführt – ein Angebot extra für Autisten. Die Filialen, die mitmachen, dimmen an einzelnen Wochentagen für ein paar Stunden das Licht, schalten die Musik ab und verzichten auf Lautsprecherdurchsagen. Weil das Personal in dieser Zeit keine Regale auffüllt, haben sie mehr Zeit für Kunden wie Julia Meier.

    In Bonstetten ZH, wo Meier kürzlich hingezogen ist, gibt es diese stillen Stunden. «Ich bin sehr dankbar für das Angebot», sagt sie. «So kann ich mich darauf konzentrieren, was ich brauche, und habe den Einkauf schnell erledigt. Die Früchte werden nicht so grell angeleuchtet, und mich lenken keine Durchsagen ab. Es ist nicht so eine Reizüberflutung wie sonst in den grossen Läden – ich habe mehr Ruhe.»

    Spontane Homepartys gibts bei Meier nicht

    Spar will die stillen Stunden beibehalten und gar weiter ausbauen. Das Pilotprojekt war Ende 2021 abgeschlossen und hatte für viel positive Resonanz gesorgt. Meier: «Ich hoffe, dass auch andere Läden das einführen. Nicht nur für Autisten, sondern für alle, denen der Einkauf mit all der Reizüberflutung einfach etwas viel ist.»

    Wo sie die Snacks für eine Party in ihrer neuen Wohnung kaufen würde, ist für Julia Meier klar: In «ihrem» kleinen Spar im Dorf. Aber spontan eine solche zu schmeissen, käme ihr nie in den Sinn. «So was müsste schon sehr gut geplant werden!» Schreibt Blick.

    Hallo, ich bin der Webmaster vom Artillerie-Verein Zofingen und habe MG*.

    Auch Udo Jürgens, mit dem ich vor gefühlt 200 Jahren im Zürcher Mascotte ein Interview führte, litt unter fürchterlichem MG. Ob auch Albert Einstein damit gesegnet war, ist nicht bekannt.

    Als herausragende Inselbegabung wird mir «Velo-Weitsprung mit Anhänger» nachgesagt.

    * MG = Mundgeruch

  • 8.5.2022 - Tag der russischen Geschichtskleisterung

    Am 9. Mai – Was in Putins Russland tabu ist

    Am 9. Mai wird Putin die große Parade zum Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" gegen Nazideutschland abnehmen und dabei sicher auch etwas Entscheidendes zu Russlands Plänen für die Ukraine, Europa und die Welt sagen. Was immer es sein wird: Diejenigen, die glauben, wir sollten uns "nicht in den Krieg in der Ukraine ziehen lassen", vergessen, dass wir schon längst von Putin hineingezogen wurden. Er will Europa nach seinen Vorstellungen von einem mächtigen russischen Reich formen.

    Aber noch ein Wort zum Sieg im Weltkrieg. Er ist die Legitimation für alle russischen Herrscher seither. Tatsächlich trug die Sowjetunion die übergroße Last des Krieges, mit 27 Millionen Toten, davon 17 Millionen Ziviltote. Nur muss man ein paar historische Fakten anmerken, die in Russland tabu sind: Stalin hat mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom 24. August 1939 Hitler erst den Rücken für seinen Angriff auf Polen am 1. September 1939 und dann Frankreich freigehalten. Die unfassbare Zahl an Toten ist ganz überwiegend auf die monströsen Verbrechen der Nazis zurückzuführen, aber auch auf die anfangs hilflose, dann gegenüber den Eigenen rücksichtslose Kriegsführung Stalins. Er war zunächst völlig desorientiert, dann operierte er ohne Rücksicht auf Verluste.

    All das wird am 9. Mai in einem aggressiven Triumphalismus untergehen, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu rechtfertigen. Schreibt Hans Rauscher in DER STANDARD.

    Der Hitler-Stalin-Pakt führte denn auch zur Aufteilung Polens zwischen Deutschland und Russland, was in den russischen Schulbüchern ebenfalls nicht erwähnt wird.

    Wie auch die Tatsache der westlichen Waffenlieferungen an die Sowjetunion, wie Russland damals noch hiess: Von den USA wurden über 400.000 Jeeps und LKW, 13.000 Lokomotiven und Güterwagen, 90 Frachtschiffe, 4000 Bomber, 10.000 Jagdflugzeuge und über 7000 Panzer an ihre sowjetischen Alliierten geliefert. Die Briten und Kanadier lieferten weitere 5000 Panzer und 7000 Flugzeuge. Quelle: Wikipedia

    Was übrigens auch unzählig viele Menschen – vor allem die Russland-Versteher – im Westen nicht wissen. Ohne Hilfe Amerikas und den russischen Winter wäre Russland inklusive Europa heute möglicherweise «arisch». Das sollte man beim Amerika-Bashing stets auch berücksichtigen.

    Als Hegemon hat Amerika unendlich vieles falsch gemacht. Aber eben auch vieles richtig.

    Happy Muttertag!

  • 7.5.2022 - Tag des Lästerns über unsere Mütter

    Mitten im Pendlerzug: Hoher Offizier lästert über Amherd

    Mitten im vollen Pendlerzug plaudert ein hoher Offizier über die Einschätzung der Schweizer Armee zum Ukraine-Krieg und lästert über Verteidigungsministerin Viola Amherd. Nun droht sogar eine fristlose Kündigung.

    Diese Zugfahrt könnte einen Offizier des Armeestabs teuer zu stehen kommen. Im vollen Pendlerzug von Bern nach Zürich soll er am Telefon nicht nur lautstark über Einschätzungen des Schweizer Militärs zum Ukraine-Krieg geplaudert haben. Er habe gleichzeitig auch über Verteidigungsministerin Viola Amherd (59) und Bundespräsident Ignazio Cassis (61) gelästert. Sein Pech: Neben ihm sass ein Journalist von CH Media, der sich für 19.50 Fr. einen Klassenwechsel für die 1. Klasse gönnte. Und der machte sich fleissig Notizen.

    So soll der Offizier am Telefon erklärt haben, dass der russische Staatspräsident Wladimir Putin (69) aus Sicht der Schweizer Armee kein irrational handelnder Akteur sei. Mit der gescheiterten Strategie zum schnellen Sturz des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski (44) sei er ein kalkuliertes Risiko eingegangen. Das habe sich zwar nicht ausgezahlt. Doch gemäss «unserer Einschätzung», zitiert CH Media den Offizier, sei Putin durchaus in der Lage, seine Strategie den veränderten Bedingungen anzupassen.

    «Amherd und Cassis sind schwache Figuren»

    Dann zieht der Mann über Verteidigungsministerin Amherd und Aussenminister Cassis vom Leder. Beide habe er gegenüber seinem Gesprächspartner als «schwache Figuren» bezeichnet, die sich in der Krise «in eine Schneekugel verkriechen würden» und nur ein «Küchenkabinett» um sich scharen und einzig auf dessen Mitglieder hören würden.

    In einem zweiten Telefonat soll das Lästermaul ebenfalls offen aus der Schule geplaudert haben. So habe er von seinem Gespräch mit Christian Lanz, dem Schweizer Verteidigungsattaché in Stockholm, berichtet. Mit diesem habe er sich über die laufenden Debatten in Finnland und Schweden über einen Nato-Beitritt unterhalten. Daraus werde er einen Bericht für die oberste Sicherheitsberaterin des Bundes, Pälvi Pulli, erstellen.

    «Intolerable Regelverstösse»

    Bei der Armee kommt das gar nicht gut an. Immerhin gebe es klare Regeln für Mitarbeitende der Bundesverwaltung. «Sollte das geschilderte Verhalten zutreffen, so lägen diverse Regelverstösse vor, die intolerabel sind», wird Armeesprecher Daniel Reist zitiert. «Auch negative Äusserungen über Vorgesetzte in der Öffentlichkeit seitens Mitarbeitenden sind nicht zu akzeptieren.»

    Es sei eine formelle Befragung des entsprechenden Offiziers eingeleitet worden. Darauf folge entweder eine Disziplinaruntersuchung oder es können personalrechtliche Massnahmen drohen – von einer Verwarnung bis hin zur fristlosen Kündigung.

    Noch ist unklar, ob der Mitarbeitende des Armeestabs klassifizierte Informationen verraten habe, wird Armeesprecher Reist weiter zitiert. Die Bundespersonalverordnung verpflichte aber alle Bundesangestellten zur Verschwiegenheit «über berufliche und geschäftliche Angelegenheiten, die nach ihrer Natur oder aufgrund von Rechtsvorschriften oder Weisungen geheim zu halten sind».

    Auch würden gerade Mitarbeitende der Armeeverwaltung regelmässig bezüglich Informations- und Datenschutz sensibilisiert. Dazu gehöre die Weisung, bei mündlicher Weitergabe geheimer Informationen «geeignete Massnahmen gegen das Abhören» zu treffen. Schreibt Blick.

    Jetzt aber mal Hand aufs Herz kurz vor dem Muttertag: Wer hat nicht schon mal über angeblich «unfähige» Politikerinnen und Politiker gelästert? Oder frei nach der Bibel, leicht abgeändert: Wer frei ist von Lästern werfe den ersten Stein.

    Ich habe beispielsweise die Aussage von Bundesrätin Amherd im Zusammenhang mit der Bundesgiesskanne während der Corona-Pandemie für Fussballvereine «Bei uns gibt es kaum Fussballmillionäre» öffentlich als «dümmstes Zitat des Coronajahres 2021» gebrandmarkt. Und dabei bleibe ich. Muttertag hin oder her.

  • 6.5.2022 - Tag von Putins Huren in der Schweiz

    Happige Vorwürfe: Wegen Bankgeheimnis: US-Behörde nennt Schweiz «Gehilfin Putins»

    Darum geht es: Die sogenannte Helsinki Commission hat am Nachmittag ein Hearing abgehalten. Sie wirft der Schweiz vor, diese sei eine «Gehilfin Putins». Und weiter: Putin und die ihm nahe stehenden Oligarchen hätten die Schweizer Justiz korrumpiert. Die bereits im Vorfeld geäusserten Vorwürfe wurden an einer Online-Veranstaltung erläutert. Der Anlass war ein Experten-Briefing, und es nahm bloss ein Kommissionsmitglied teil, wie die US-Korrespondentin von SRF, Isabelle Jacobi, erklärt.

    Wie lauten die Vorwürfe im Detail? Die Tonalität des Briefings war direkt, die Schweiz wurde dargestellt als Paradies für die Geldwäscherei. Besonders scharf äusserte sich einer der Teilnehmer, Financier und Aktivist Bill Browder. «Etwas ist faul in der Schweiz», sagte er und warf der Schweizer Bundesanwaltschaft vor, sich mit russischen Interessen gemein zu machen. Browder sagte, die Schweizer Justiz sei nicht vertrauenswürdig, und die USA sollten das im neuen Rechtshilfe-Abkommen mit der Schweiz berücksichtigen.

    Was sagte der Schweizer Strafrechts- und Korruptionsexperte Mark Pieth? Er nannte die Schweiz einen der grössten Offshore-Hafen der Welt. Und er wies auf die Schlupflöcher im Geldwäschereigesetz hin – unter anderem die fehlende Sorgfaltspflicht für Anwälte. Pieth schlug vor, dass die US-Behörden direkt gegen Schweizer Anwälte vorgehen, falls Beweise vorlägen, dass diese im Auftrag ihrer russischen Klienten mit US-Sanktionen brechen. Pieth sieht also eine Rolle der USA, Druck auf die Schweiz auszuüben.

    Was steckt hinter den Angriffen der Kommission? Die Schweiz wird in Washington derzeit oft positiv erwähnt. Sogar die neutrale Schweiz setze die Sanktionen um, lobte gar Präsident Joe Biden. Aber man darf laut Isabelle Jacobi nicht vergessen, dass Biden in seiner Antrittsrede die Schweiz als Offshore-Hafen für Steuerhinterzieher genannt hat. Bill Browder meinte im Briefing, es gäbe Stimmen in der US-Regierung, die derzeit nicht gegen die Schweiz vorgehen wollten, da sie eben die Sanktionen mittrage und Milliarden russischer Vermögen eingefroren habe. Browder sagte, er versuche der US-Regierung nahezulegen, dass es noch viel mehr zu holen gebe.

    Was droht der Schweiz? Es ist laut der US-Korrespondentin zu früh, um das wirklich zu beurteilen. Mit dem Briefing wird das Thema russische Vermögen in der Schweiz aggressiv lanciert, aber ob dieser Aufruf von der Regierung oder dem US-Kongress gehört wird, ist nicht klar.

    Natürlich würden Erinnerungen an frühere Streitigkeiten wach, an den Steuerhinterziehungsstreit oder die nachrichtenlosen jüdischen Vermögen, so Isabelle Jacobi. Werden die US-Behörden einmal auf Missstände aufmerksam, dann kann es für die Schweiz sehr schnell sehr unangenehm werden. Das heutige Briefing erregt in Washington laut Jacobi sicher keine grosse Aufmerksamkeit, aber es kann natürlich sein, dass nun Parlamentarier und Regierungsvertreter aufmerksam werden. Denn die Jagd auf russische Oligarchen-Vermögen geniesst in Washington hohe Priorität.

    So reagiert die Schweiz: Der Bundesrat zeigte sich überrascht über die Vorwürfe. Bundespräsident Ignazio Cassis habe Aussenminister Anthony Blinken persönlich mitgeteilt, dass er die Formulierungen in der Einladung für die Online-Veranstaltung in aller Entschiedenheit zurückweise, sagte Bundesratssprecher André Simonazzi bereits gestern vor den Medien in Bern.

    U.S. Helsinki Commission – Eine unabhängige Behörde der US-Regierung

    Die Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, auch bekannt als U.S. Helsinki Commission, ist eine unabhängige Kommission der US-Regierung. Seit über 45 Jahren überwacht die Kommission die Einhaltung der Helsinki-Vereinbarungen in der 57 Nationen umfassenden OSZE-Region.

    Sie ist in den USA allerdings kaum bekannt, sagt Isabelle Jacobi. Auch hat sie keine grosse Bedeutung in der Tagespolitik der USA. Aber in der Kommission sitzen prominente Abgeordnete aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus sowie Regierungsvertreter.

    Wer ist Bill Browder?

    Bill Browder ist ein Financier und Aktivist, dessen Anwalt Sergei Magnitski 2009 im russischen Gefängnis umkam. Dies, weil er einen Betrug von russischen Beamten im Umfang von etwa 230 Millionen Dollar aufgedeckt habe, sagt Browder.

    Browder versucht seither, das Geld wiederzufinden und sagt, die Spuren führen unter anderem in die Schweiz. Browder äusserte sich wütend, als die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen letzten Sommer einstellte. Nun taucht er an diesem Briefing der Helsinki Kommission wieder auf.

    «Internationale Standards werden eingehalten»

    In einer schriftlichen Stellungnahme weist Simonazzi heute zudem darauf hin, dass die Schweiz stets einen guten Austausch mit der Helsinki Commission pflegte. «Insbesondere während der Schweizer OSZE-Präsidentschaft 2014 war dieser intensiv und von Vertrauen geprägt. Die Schweiz ist daher äusserst unangenehm überrascht, dass ein solches Briefing stattfindet.»

    Weiter steht in der offiziellen Stellungnahme der Schweiz:

    «Die Schweiz setzt die internationalen Standards zur Bekämpfung von Geldwäscherei und Steuerhinterziehung um. Dies wird von der Financial Action Task Force (FATF/GAFI), dem Global Forum on Transparency and Exchange of Information for Tax Purposes sowie der OECD anerkannt.»

    Schreibt SRF.

    Erich Maria Remarques Buchtitel leicht abgewandelt: «In der Schweiz nichts Neues». Das «neutrale» Land mitten in Europa, aufgebaut auf einer Sagengestalt, war schon immer in den Augen ausländischer Staaten die «Hure von Diktatoren, Kriegsverbrechern und mächtigen Kriminellen».

    Dass ausgerechnet die «neutrale» und «freiheitsliebende» Alpenrepublik so viele Putin-Versteher aufzuweisen hat, sagt viel über den abartigen Kreis von willfährigen Politikern*innen, Wirtschaftsmogulen und mächtigen Durchlauferhitzern aus der Schweizer Presselandschaft aus. Die üblichen Verdächtigen von SVP, FDP, Mitte-Partei, Grün-Liberalen und deren Sprachrohr NZZ lassen grüssen.

    Die Krux bei dieser von den Amerikanern gesteuerten Diskussion ist allerdings, dass die westliche «Wertegemeinschaft» durchs Band weg an diesem «Schweizer Huren-Syndrom» leidet. Allen voran die USA. Von Deutschland und seiner verheerenden Russland-Affinität ganz zu schweigen. Was die im Raum stehenden Vorwürfe gegen die Schweiz auch nicht besser macht.

    Nebenbei sei erwähnt, dass sich die gleiche Diskussion, die jetzt über russische Oligarchengelder Schnappatmungen verursacht, auch über die in der Schweiz und im Westen gehorteten Milliarden von anderen Unrechtsstaaten wie beispielsweise Saudi Arabien führen liesse.

    «The West Is The Best», wie die Doors in ihrem Hit «The End» vor vielen Jahrzehnten als Anklage gegen den Vietnam-Krieg sangen, war schon immer eine selbstgerechte Traumvorstellung.

  • 5.5.2022 - Tag der Pöstchenjäger*innen aus dem Schweizer Gesundheitsbereich

    Comparis warnt vor fünf Prozent Anstieg der Krankenkassen-Prämien: 2023 kommt der Prämienschock

    Die Krankenkassen dürften gemäss Comparis-Prognosen im Jahr 2023 ihre Prämien durchschnittlich um fünf Prozent anheben. Dafür sei der politisch angeordnete Abbau ihrer Reserven verantwortlich.

    Vielen Krankenkassen fehle das Reservepolster, um die aktuellen Kostenschwankungen abzufedern, schreibt der Onlinevergleichsdienst Comparis in einer Mitteilung vom Donnerstag.

    Mit ihren Reserven hätten die Krankenkassen bis 2021 an den Kapitalmärkten hohe Renditen erzielen können. Damit hätten sie sowohl die Defizite des Versicherungsgeschäfts decken als auch ihre Reserven weiter erhöhen können.

    Reserven zu stark abgebaut

    «Mit einer Verordnungsänderung hat der Bundesrat im letzten Jahr den Druck auf die Versicherer erhöht, Reserven abzubauen, obwohl sich eine aussergewöhnliche Kostensteigerung abzeichnete», schreibt Comparis. Viele Krankenkassen hätten diesem Druck nachgegeben; sie hätten ihre Prämien zu tief angesetzt und als Folge davon ihre Reserven zu stark abgebaut.

    Zehn Prozent höhere Rechnungen

    2023 dürften gemäss Comparis nun viele Versicherte in der Grundversicherung Rechnungen erhalten, die mehr als zehn Prozent höher ausfallen als im laufenden Jahr. Im Durchschnitt dürfte die nächste Prämienrunde laut des Onlinevergleichsdiensts mit einem Anstieg der Grundversicherungsprämien von fünf Prozent einhergehen.

    Zwischen 2020 und 2022 schwankten die Kosten im Gesundheitswesen stark. Dies könne nur zum Teil mit der Covid-Pandemie und dem veränderten Angebots- und Nachfrageverhalten erklärt werden, heisst es in der Mitteilung.

    Comparis geht davon aus, dass sich diese Schwankungen wieder beruhigen werden und sich das Kostenwachstum der medizinischen Leistungen zu Lasten der Grundversicherung in den nächsten Jahren im Bereich von zwei, drei Prozent einpendeln wird. Schreibt Blick.

    The neverending Story – Gib uns unsere tägliche Schocknachricht, o Herr! Denn unsere Qualitäts-Journalismus-Medien leben nun mal nur noch von schlechten Live-Ticker-Nachrichten. Urteilen Sie selbst: Wann haben Sie den letzten Artikel über Mutter Theresa gelesen? Genau, Sie sagen es! Das Gute interessiert niemanden.

    Nur Dummköpfe*innen haben die Prämienerhöhung der Krankenkassen nicht erwartet! Unsere Pöstchenjäger*innen vom Hohen Haus von und zu Bern querbeet durch alle Parteien wollen nach der Pandemie auch wieder mal kräftig zugreifen.

    Das Wahlkampfmotto vom Luzerner Ständerat und Pöstchenjäger Damian «ich bin nicht schwul» Müller lautete ja nicht umsonst: «Packt an. Setzt um!»

    Oder wie es die Aargauer Schrumpfhaube und Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel in der Arena noch dämlicher als der Luzerner Schönling aus dem Solarium formulierte: «Man verdient sich keine goldene Nase mit Mandaten im Gesundheitsbereich.» Kommt bei der «Gesundheitsexpertin» aus dem Aargau vermutlich auf den jeweiligen Goldpreis an...

    Damian Müller - feinsinniger Pöstchen-Jäger
  • 4.5.2022 - Tag der ukrainischen Muslime

    Ukrainische Muslime blicken mit Bitterkeit nach Russland

    Anstatt als Fest der Freude begehen die ukrainischen Muslime und Musliminnen das Ende des Fastenmonats Ramadan dieses Jahr in Trauer und Ungewissheit. Mit der großen nichtmuslimischen Mehrheit der Bevölkerung teilen sie nicht nur das Leben in einem grausamen Krieg, sondern auch ein prinzipielles Problem der Religionsgemeinschaften, allen voran der christlichen Orthodoxie: Mit Entsetzen schauen sie auf ihre Glaubensgenossen in Russland, die zumindest nach außen der Propaganda von Wladimir Putin und seinen Ideologen völlig verfallen sind.

    Das bekannteste Gesicht der islamischen Gemeinschaft ist Scheich Said Ismagilow. Er ist Mufti der "Religionsverwaltung der Muslime der Ukraine" und hat sich zumindest formal gleich zu Kriegsbeginn den "Territorialen Verteidigungskräften" in Kiew angeschlossen und sich für seinen Facebook-Auftritt eine Uniform angelegt.

    Der Tatar, der 1978 – also noch zu Sowjetzeiten – in Donezk geboren wurde, geht mit den islamischen Behörden in Russland hart ins Gericht: Sie sollten besser ihren Turban in den Mist werfen, denn sie hätten kein Recht, sich als religiöse Führer zu bezeichnen, wurde er von Middle East Eye zitiert. Damit meint er vor allem den Großmufti von Russland, Talgat Tajuddin, der wie andere muslimische Führer die russischen Muslime aufgefordert hat, sich dem Kampf gegen die Ukraine anzuschließen. Manche sprechen sogar von einem "Jihad".

    "Kriminelle Macht"

    Ismagilow wirft ihnen vor, "auf der Seite einer kriminellen Macht" zu stehen. In einem Statement scheint er auch Muslime von außerhalb der Ukraine ansprechen zu wollen: Es gebe eine "koranische Rechtfertigung" dafür, wenn Muslime in die Ukraine kämen, um dort die "russischen Invasoren" zu bekämpfen.

    Das könnte vor allem bei Syrern auf Resonanz stoßen, die Russland das Überleben des syrischen Regimes von Bashar al-Assad ankreiden. Dass ein Teil von ihnen islamisch radikalisiert ist, ist ein anderes Problem. Das gilt teilweise auch für jene Tschetschenen, die als Gegner Russlands in andere Staaten geflohen sind. Aber auch in der Ukraine gibt es antirussische Tschetschenen und Dagestaner, die im Krieg kämpfen.

    Im internationalen öffentlichen Bewusstsein werden als "muslimische Kämpfer" jedoch vor allem die "Kadyrowzy" wahrgenommen, das vom tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow geführte Regiment der russischen Nationalgarde.

    Ihre Propagandavideos aus dem Ukraine-Krieg, die ihnen den Spitznamen "Tiktok-Bataillone" eingebracht haben, richten nach Meinung Ismagilows nicht nur unter den Muslimen in Russland, sondern in der gesamten islamischen Welt großen Schaden an. Muslimische Soldaten als pro-Putinistische Helden, die mit dem Handy den Krieg filmen, in denen ihnen selbst nichts passiert. Vor allem in den arabischen Staaten gibt es allein schon wegen der antiamerikanischen Ressentiments viele Putin-Fans. Muslime, die auf der russischen Seite kämpfen, drohen den russischen Krieg gegen die Ukraine bei Uninformierten zu legitimieren.

    Zwei Millionen Muslime

    Er wird ja generell als eine Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland wahrgenommen, beklagt Ismagilow laut dem "Religiösen Informationsdienst der Ukraine". Das treibt manchmal seltsame Blüten. Manche Araber im Nahen Osten meinen sogar, Putin werde, wenn er mit der Ukraine – und indirekt mit den USA – fertig sei, Gerechtigkeit für die Palästinenser schaffen: Sie ignorieren, dass sich Israel bis zu den jüngsten antisemitischen Ausfällen von Russlands Außenminister Sergei Lawrow weitgehend neutral verhalten hat.

    Laut Ismagilow gibt es in der Ukraine etwa eine Million Muslime und Musliminnen. Die meisten Schätzungen setzen die Zahl niedriger an, auf etwa ein Prozent der ukrainischen Bevölkerung von gut 44 Millionen. Die größte Gruppe sind die Krimtataren, die 1944 Opfer der Deportationspolitik Stalins wurden. Viele von ihnen sind 2014 von der Halbinsel Krim in andere Teile der Ukraine geflohen, wo es alte tatarische Gemeinden gibt. Daneben gibt es zahlreiche andere kaukasische muslimische Volksgruppen.

    Alteingesessene Religion

    Der Islam ist in der Ukraine eine alteingesessene Religion. Die ersten schriftlichen Zeugnisse, die eine dauerhafte Präsenz belegen, stammen aus dem 11. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert etablierte sich der Islam auf der Krim als Staatsreligion. Die Ukraine brachte im 19. Jahrhundert auch einen Vordenker für einen aufgeklärten modernen Islam hervor, Ismail Hasprinskyj. Und im ehemals habsburgischen Lemberg ist ein islamisches Zentrum nach Muhammad Asad benannt, dem dort 1900 als österreichischen Juden geborenen Leopold Weiss. Schreibt DER STANDARD.

    «Die Muslime» – ein Verallgemeinerungsbegriff, den es so gar nicht geben dürfte. Die Glaubensgemeinschaft der Muslime splittet sich in derart viele Gruppen und Untergruppen auf, dass einem fast schwindlig wird.

    Da wären einmal die Sunniten (Saudi Arabien) auf der einen Seite und die Schiiten (Iran) auf der andern als die zwei grössten Strömungen. Doch auch diese beiden muslimischen Glaubensrichtungen splitten sich in unendlich viele verschiedene Richtungen auf.

    Doch eine Begabung scheint sowohl auf die Sunniten wie auch auf die Schiiten zuzutreffen: Sie schaffen es immer wieder, sich an der Seite von Diktatoren und faschistoiden Mächten zu positionieren. Hängt möglicherweise mit der faschistoiden Grundhaltung des «einzig wahren Gottes» aller monotheistischen Religionen zusammen.

    Auch für Hitler kämpften Hunderttausende Muslime im zweiten Weltkrieg. Freiwillig, wohlverstanden. Hier einte vor allem der gemeinsame Hass gegen die Juden das faschistoide Bündnis. Der Grossmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, war jedenfalls ein beliebter Gast auf dem Berghof.

    Die ukrainischen Muslime scheinen bezüglich ihrer Positionierung für einmal eine Ausnahme zu sein. Wer will denn schon ausser den unsäglichen Putin-Verstehern mit einem durchgeknallten Diktator an einem sechs Meter langen Tisch sitzen? Nicht mal die ukrainischen Muslime. Das sollte Roger Köppel & Co. zu denken geben, die ja mit ihrem Minarett- und Burka-Verständnis nicht unbedingt zu den Islam-Verstehern zu zählen sind.

  • 3.5.2022 - Tag der bundesrätlichen Überraschungen

    Bundesrat Guy Parmelin: «Wenn kein Gas mehr kommt, haben wir eine kritische Situation»

    Seit letzter Woche liefert Russland kein Gas mehr an Polen und Bulgarien. Im Gespräch mit SRF sagt Guy Parmelin, der verantwortliche Bundesrat für die wirtschaftliche Landesversorgung, welche Notfallpläne die Schweiz im Falle einer weiteren Eskalation im Gasstreit bereithält. Ein Stopp der russischen Gaslieferungen im Zuge der Ukrainekrise würde auch die Schweiz treffen. Im Interview gib Bundesrat Guy Parmelin Auskunft, was das bedeuten würde. Das Gespräch führte Reto Lipp.

    SRF: Was würde es für die Schweiz bedeuten, wenn Russland den Gashahn für ganz Europa zudrehen würde?

    Guy Parmelin: Ein Totalabbruch wäre sehr schwierig – nicht nur für die Schweiz, sondern für ganz Europa. Das ist klar. Wir in der Schweiz haben keinen Gasspeicher.

    Müssten wir einen haben?

    Es gab eine Studie dazu im Oberwallis. In der Schweiz gibt es noch kein Gasversorgungsgesetz. Heute sind es private Organisationen, die Gas auf dem Markt kaufen und an Unternehmen und Kunden in der Schweiz verteilen.

    Kann der Staat diese Aufgabe privaten Firmen überlassen? Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck sagt: Energiepolitik ist heute eine Frage der nationalen Sicherheit. Müsste der Bund nicht beispielsweise eine Anschubfinanzierung ins Auge fassen?

    Die Situation ist klar: Die Schweiz ist wie andere Länder total abhängig von Öl- und Gas-Importen. Das ist ein Fakt. Natürlich wollen wir diese Abhängigkeit schon lange minimieren. Etwa mit alternativen Energiequellen, also Solarenergie und so weiter. Aber das braucht Zeit.

    Wir könnten die Bevölkerung darum bitten, im Winter ein oder zwei Grad weniger zu heizen. Bereits ein Grad weniger würde den Gasverbrauch um fünf bis sieben Prozent senken. Am Ende bleibt die Möglichkeit einer Kontingentierung. Aber das muss man mit der Wirtschaft organisieren.

    Das heisst, Sie antizipieren das?

    Wir sind aktuell in engem Kontakt mit der Wirtschaft. Wir kooperieren sehr eng mit dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) von Kollegin Simonetta Sommaruga. Wir haben eine Arbeitsgruppe gegründet, um zu sehen, wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Aber natürlich: Wenn kein Gas mehr kommt, haben wir eine kritische Situation, wie in Deutschland.

    300’000 Haushalte heizen in der Schweiz mit Gas. Was sagen Sie diesen?

    Wir arbeiten sehr intensiv, um die Situation zu organisieren. Wir sind nicht allein, das ist ein europäisches Problem. Der Handel mit den Nachbarländern ist nicht einseitig. Man muss das koordinieren.

    Der deutsche Wirtschaftsminister fliegt in der Weltgeschichte herum und versucht, Öl und Gas zu sichern. Müssen Sie hoffen, dass Herr Habeck erfolgreich ist, damit wir das Gas über Deutschland beziehen können?

    Wir müssen uns selber damit beschäftigen. Bundesratskollege Ueli Maurer war dazu auch in Katar. Ausserdem muss man klären, wie sich die Abhängigkeit so rasch wie möglich vermindern lässt.

    Man spricht jetzt auch über Gas-Terminals. Braucht Basel zum Beispiel ein solches Terminal?

    Auch das muss koordiniert sein, das ist ein europäisches Problem. Aber wir dürfen nicht vergessen: Am Ende versuchen wir auch wegen des Klimawandels, die Abhängigkeit von fossiler Energie zu minimieren. Parallel dazu arbeiten der Bundesrat und das Parlament an neuen Unterstützungsmassnahmen, um zum Beispiel Wärmepumpen statt Öl-Heizungen zu fördern. Aber das braucht Zeit. Schreibt SRF.

    Man braucht ja nicht unbedingt hellseherische Fähigkeiten, um selber auf Parmelins Worst-Case-Szenario zu kommen. Allerdings muss die Frage schon erlaubt sein, weshalb unsere Politikerinnen und Politiker bei ihrem (wahltechnisch bedingten) Aktionismus bezüglich Abschaltung der Atom-Kraftwerke und der Hinwendung zu erneuerbaren Energien alle Eventualitäten und die daraus resultierender Folgen nicht schon im Vorfeld für die Zukunft durchgespielt haben?

    Das erstaunt uns Laien umso mehr, da unsere politische Elite ansonst in Talkshows und sonstigen «Hundsverlocheten» auf jede Frage stets wie aus der Pistole geschossen eine Antwort in petto hat. Und sei sie noch so dumm.

    Die Tatsache, dass die Schweiz keine Gas-Speicher betreibt, scheint all diesen klugen Menschen aus Politik und Wirtschaft entgangen zu sein. Nicht existent. Steht vermutlich auch nicht im Handbuch proaktiver Krisenbewältigung.

    So wird wohl im kommenden Winter nichts anderes übrig bleiben, als die Wohnungen mit ein paar Grad Wärme weniger zu «begasen». Was sowieso schon lange sinnvoll gewesen wäre. Niemand braucht 23 Grad Wohntemperatur. 19 Grad würden auch genügen.

    Damit liessen sich vermutlich ein paar Milliarden kWh/m³ Gas einsparen. Und weiss der Putin wie viele Tonnen Erdöl! Was nützt den Mieterinnen und Mietern eine überheizte Wohnung, wenn sie danach an den Nebenkosten ersticken?

    Also nichts wie los und ein entsprechendes Gesetz im Hohen Haus von und zu Bern schnüren, statt die Jammertante aus dem Welschland zu spielen. Just do it.

  • 2.5.2022 - Tag der Unbelehrbaren

    Konflikt mit pro-russischen Separatisten befeuert: Putin zündelt jetzt auch in Bosnien und Herzegowina

    In Bosnien und Herzegowina befeuert Wladimir Putin den Konflikt mit pro-russischen Separatisten. Der Westen ist alarmiert.

    Moskau befindet sich nach wie vor im Krieg mit der Ukraine. Doch gleichzeitig befeuert der Kreml-Chef Wladimir Putin (69) auch in Bosnien und Herzegowina den Konflikt mit pro-russischen Separatisten.

    Spitzenpolitiker Milorad Dodik (63) macht aus seiner Nähe zum russischen Präsidenten Putin kein Geheimnis. Es gilt als sicher, dass Moskau ihm bei seinen separatistischen Plänen hilft. Nun warnen westliche Beobachter: Der mühsam errungene Frieden sei in Gefahr.

    Stoltenberg sieht Bosnien als mögliches Ziel weiterer russischer Interventionen

    Einer, der Alarm schlug, war der demokratische US-Senator Christ Murphy (48). «Wenn Putin in die Enge getrieben wird, wird er sich nach anderen Orten umsehen, an denen er Siege erringen kann», sagte er den US-Fernsehsender CNN. Und: «Einer davon könnte Bosnien sein.» Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (63) warnte bereits im März davor, dass Bosnien ein mögliches Ziel weiterer russischer Interventionen werden könnte.

    Bei dem Krieg zwischen den Volksgruppen in Bosnien kamen von 1992 bis 1995 etwa 100’000 Menschen ums Leben. Seither ist das Land in eine kroatisch-muslimische Föderation und eine serbische Entität, die Republika Srpska (RS), geteilt, deren Mehrheit sich dem «grossen Bruder» Russland äusserst nahe fühlt. Das ist auch ein Grund, weshalb sich Bosnien nicht den westlichen Sanktionen gegen Russland anschloss.

    Nato-Interventionen als Provokation für Kreml

    Über Jahrhunderte pflegte Russland tiefe brüderliche Beziehungen zu den Serben auf dem Balkan – wegen des gemeinsamen slawischen und orthodoxen Erbes sowie ihrer Bündnisse während der Weltkriege.

    Die Intervention der Nato auf dem Balkan in den 1990er Jahren – zunächst in Bosnien, später dann gegen Serbien während des Kosovo-Krieges – empfand der Kreml als demütigende Provokation. Seitdem versucht Moskau, seinen Einfluss auf die bosnischen Serben zu vergrössern. Schreibt Blick.

    «Der Balkan ist mir nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert.» Sagte schon Otto Fürst von Bismarck über das «ewige» Pulverfass Europas. Die EU sieht das etwas anders und setzt in ihrem Machtstreben alles daran, die Staaten aus dem Balkan in die EU aufnehmen.

    Na denn! Ein Prosit auf das trojanische Pferd und viel Glück mit einer unbelehrbaren Bevölkerung inmitten der «europäischen Wertegemeinschaft». Ungarn lässt grüssen!

    Dass sich die Integration von Kultur und Mentalität aus dem Balkan über Generationen hinwegzieht, ist beispielsweise in der Schweiz trefflich zu beobachten. Eine Jahrzehnte lang andauernde «Mission Impossible». Davon legen die Kriminal-Statistiken der Schweizer Polizeikorps bezüglich zweiter Generation der hiesigen Zuzügler*innen aus dem Balkan ein erschreckendes Zeugnis ab.

  • 1.5.2022 - Tag der Wunderwaffen

    US-Satelliten im Visier: Nachrichtendienst warnt vor Putins Wunderwaffe

    Die russische Armee könnte mit einem Laser amerikanische Satelliten attackieren. Das geht aus einer vertraulichen Analyse des NDB hervor.

    Der Krieg läuft nicht so, wie es sich Wladimir Putin (69) ausgemalt hat. Längst ist der Überfall auf die Ukraine ins Stocken geraten. Vor Kiew wurde die russische Armee besiegt, westliche Beobachter gehen von hohen Verlusten aus. 15'000 russische Soldaten seien seit Beginn der Invasion gefallen, sagte britische Verteidigungsminister Ben Wallace (51) Anfang Woche im Unterhaus. Weiter hätten die ukrainischen Streitkräfte 2000 gepanzerte Fahrzeuge zerstört oder erbeutet und 60 russische Flugzeuge und Helikopter abgeschossen.

    Auch im Donbass, im Osten der Ukraine, versuchen sich die russischen Truppen bislang ohne durchschlagenden Erfolg an einer Offensive. Der Militärexperte Phillips O’Brien (58), der an der schottischen Universität St. Andrews lehrt und früh auf Schwierigkeiten von Putins Armee hinwies, schrieb gestern auf Twitter, es habe den Anschein, dass sich die Schlacht um den Donbass zum Abnutzungskrieg entwickle. Dabei hätten die Russen wenig Aussicht auf einen grösseren Erfolg, so O’Brien.

    Derweil bekräftigen die Amerikaner ihren Willen, die Ukrainer weiter mit Waffen zu versorgen. Sogar der deutsche Bundestag rang sich am Donnerstag mit grosser Mehrheit dazu durch, schweres Gerät nach Osten zu schicken.

    Putin unbeirrt

    Der Angreifer gibt sich unbeeindruckt und droht: «Wenn jemand noch erwägt, sich von aussen einzumischen, und wenn dies für Russland zu strategisch betrachtet inakzeptablen Bedrohungen führt, dann werden wir blitzartig Vergeltungsschläge durchführen. Wir haben alle dafür notwendigen Instrumente», sagte Putin am Mittwoch in der Duma. Nun spekulieren Beobachter, welche «Instrumente» er meint.

    Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) schreibt in einer vertraulichen Analyse, die Aussagen würden als erneute Drohung mit Nuklearwaffen verstanden. Möglich sei aber auch der Einsatz einer hoch modernen Waffe: «Eine weitere plausible Erklärung könnte allerdings sein, dass Putin damit den Einsatz des Lasers Peresvet gemeint hat», so der NDB in seinem Papier. Der Laser gehöre «zu den sechs sogenannten Wunderwaffen Putins», heisst es weiter. Ein Prestigeprojekt der Russen also, auf das sich der Autokrat im Kreml einiges einbildet.

    Viel ist nicht über den Peresvet bekannt, der nach einem russischen Kampfmönch aus dem 14. Jahrhundert benannt ist. Seit Putin vor vier Jahren die Indienststellung moderner Laserwaffen verkündete, rätseln Experten über ihre Verwendung. Vermutet wird, sie könnten Drohnen und Satelliten beschädigen oder gar zerstören. Dass es einen derartigen Einsatz bereits gegeben hätte, ist allerdings nicht bekannt.

    US-Satelliten gefährdet

    In erster Linie dürfte Peresvet dazu verwendet werden, die Position von Einheiten zu verschleiern. Man gehe davon aus, schreibt der NDB, dass der Laser primär dazu dient, «die Entdeckung mobiler Einheiten der strategischen Raketentruppen im Feld mittels Satelliten des Gegners zu unterbinden».

    Das ist nicht zuletzt deshalb gefährlich, weil damit plötzlich US-Satelliten ins Fadenkreuz der Russen geraten, deren Aufnahmen die USA dem ukrainischen Militär zur Verfügung stellen.

    «Ob Peresvet Sensoren von Satelliten nur temporär blenden oder gar beschädigen kann, ist unklar», heisst es im Bericht. «Im letzteren Fall könnten damit die weltraumgestützten Einsatzmittel der USA, die zur Unterstützung der Ukraine im Kampf gegen Russland eingesetzt werden, ‹blitzschnell› beeinträchtigt bzw. beschädigt werden.»

    Sollten die Russen mit Peresvet tatsächlich Satelliten attackieren, nähmen die Spannungen zwischen den beiden Staaten nochmals zu. Schreibt So-Blick.

    Nun denn: Einmal mehr werden im Konjunktiv von scheinbaren Experten Vermutungen angestellt, für die es keine verifizierbare Beweise gibt. Die Durchschlagskraft der russischen Armee wurde vor Beginn des Ukraine-Kriegs von den gleichen «Experten» ebenfalls falsch eingeschätzt. Man gab der ukrainischen Armee gerade mal eine Durchhaltefrist von zwei bis drei Tagen.

    Wie sehr diese selbsternannten «Experten» die russische Armee und deren Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg überschätzten, muss heute, mehr als zwei Monate nach Beginn der russischen Invasion, wohl kaum mehr belegt werden.

    Und mal so nebenbei: Es gab in der europäischen Kriegsgeschichte schon einmal einen Diktator, der von einer «Wunderwaffe» faselte und prahlerisch den «Endsieg» in Aussicht stellte. Der Diktator hiess Adolf Hitler und aus dem «Endsieg» wurde ein Selbstmord 30 Meter unter der Erde in einem Bunker in Berlin.

    Unter dem Kreml in Moskau soll es mehr als nur einen Bunker geben. Just do it, Vladimir. Damit ersparst Du Dir Den Haag!

  • 30.4.2022 - Tag der ungeklärten Fragen rund um das menschliche Leben

    Gibt es Leben auf dem Mars?

    Im Gastblog geht der Physiker Manuel Scherf einer der größten Fragen der Menschheit nach.

    Wer kennt sie nicht, die berühmten „canali“ des italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli. Seine Zeichnungen möglicher Mars-Kanäle inspirierten Percival Lovell, ebenfalls Astronom und Gründervater des nach ihm benannten Observatoriums. An der Wende zum 20. Jahrhundert popularisierte Lovell die These, es könne sich bei den vermeintlichen Kanälen um ein Bewässerungssystem handeln; ein verzweifelter Versuch etwa, einen trocknenden und sterbenden Planeten am Leben zu erhalten. Der Autor H.G. Wells nahm daran Anleihen und schuf 1898 mit „Krieg der Welten“ einen der größten Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Nur drei Jahre später verlautbarte Nikola Tesla in einem Interview, er hätte Radiosignale empfangen, womöglich ein Kommunikationsversuch vom Mars.

    Bei den „canali“ handelte es sich schließlich um optische Illusionen und die Signale Teslas waren wohl ebenso keiner Kommunikation geschuldet. Doch Leben auf dem Mars wurde dadurch vorerst nicht zu Grabe getragen. Aufgrund der Evidenz sei es sogar vernünftig, lebende Organismen anzunehmen, schlussfolgerte die amerikanische National Academy of Sciences noch 1965 in einem Report, nur drei Monate bevor Mariner 4 als erste Raumsonde am roten Planeten vorbeifliegen sollte. Die Enttäuschung war schließlich groß, als man auf den Nahaufnahmen eine von Kratern übersäte Landschaft erkennen musste, die frappant an die Oberfläche des Mondes erinnerte. Auch fand man weder ein globales Magnetfeld vor, noch eine dichte Atmosphäre. Es schien naheliegend, dass Mars weder geologisch aktiv sein, noch eine nennenswerte Biosphäre besitzen konnte. Und so brachte die "New York Times" das neue Paradigma wenig später unter der Headline „The Dead Planet“ auf den Punkt: „Mars, it now appears, is a desolate world.“

    Doch ist und war unser Nachbar tatsächlich solch eine „trostlose“ Welt? Kalt, trocken und ohne jegliche Spur von Leben? Oder war das Résumé der "New York Times" vor beinah 50 Jahren dann doch zu voreilig? Seit dem Erhalt jener ersten verschwommenen Bilder hat sich unser Wissen um ein Vielfaches vergrößert. Ein einfaches "Ja" oder "Nein" wird diesen Fragen aber nicht gerecht. Es lohnt sich also, wenn wir uns damit etwas genauer beschäftigen. Beginnen wir mit der Gegenwart.

    Extreme Bedingungen in der Gegenwart

    Der Mars besitzt heute weder ein globales Magnetfeld noch flüssiges Wasser an seiner Oberfläche. Dort ist es aufgrund der größeren Entfernung zur Sonne nämlich nicht nur wesentlich kälter als hier im warmen Österreich, der Luftdruck ist zusätzlich mit rund fünf bis sechs Millibar auch so gering, dass wir uns nahe am Tripelpunkt des Wassers befinden – jener Temperatur und Druckbereich, bei dem alle drei Phasen des Wassers im Gleichgewicht stehen. Im flüssigen Zustand kann es an der Oberfläche also zumeist nicht existieren, es sublimiert stattdessen direkt von den gefrorenen in den gasförmigen Aggregatzustand. Leben hätte es also aus unterschiedlichen Gründen schwierig: Aufgrund der Trockenheit und Kälte fehlt es an einem Lösungsmittel, aufgrund des fehlenden Magnetfeldes und des geringen Drucks können hochenergetische Teilchen beinah ohne Hindernis den Boden bombardieren.

    Kann man Leben also ausschließen? Nicht wirklich. Beobachtungen und Experimente auf und über der Erde haben nämlich gezeigt, dass Extremophile – Lebewesen, die per Wortlaut das Extreme lieben – unter ähnlichen oder gar schwierigeren Bedingungen überdauern können. Bärtierchen zum Beispiel überleben ohne Wasser, bei hoher Strahlung, im Vakuum und überstanden 2007 sogar zwölf Tage im Weltraum auf der Außenhaut einer Rakete. In einer Studie aus dem Jahr 2011 konnten auch marsähnliche Bedingungen den kleinen Tierchen über einen Zeitraum von 40 Tagen erstaunlich wenig anhaben. Sie könnten auf der Oberfläche des Mars also zumindest kurzfristig überleben, bräuchten aber Wasser, um sich fortpflanzen zu können. Es handelt sich dabei also tatsächlich eher um „Überleben“ als um „Leben“.

    Wasser und Leben auf dem Mars heute

    Damit Leben auf dem Mars gedeihen kann, benötigen wir also flüssiges Wasser. Und tatsächlich berichteten Studien aus den Jahren 2018 und 2020 von der Entdeckung unterirdischer Seen am Südpol. Sollten diese existieren – und daran gibt es Zweifel, wie ein aktueller Forschungsbericht ausführlich belegen kann – dürften sie jedoch sehr hohe Salzkonzentrationen aufweisen. Somit wäre extremophiles Leben dort zwar nicht gänzlich unmöglich. Dass sich in solchen Seen ein belebtes Habitat über einen längeren Zeitraum ausbreiten und halten könnte, scheint aber unwahrscheinlich. Gefunden hat man derweilen jedenfalls weder Hinweise auf vergangenes noch auf gegenwärtiges Leben.

    Doch dazu ein interessantes Detail am Rande: Seit den Viking-Missionen 1976 suchte keine einzige Mission dort explizit nach Leben. Beide Lander hatten jeweils vier Experimente an Board, um mikrobielle Spuren zu entdecken und eines davon testete sogar positiv auf mögliche Stoffwechselreaktionen. Da jedoch keiner der anderen Tests organisches Material nachweisen konnte, galten die Viking-Ergebnisse bestenfalls als nicht schlüssig. Jedoch kamen seit damals Erklärungen auf, um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen. Das von der Phoenix-Mission im Boden entdeckte Perchlorat zum Beispiel könnte beim Erhitzen organisches Material zerstören und somit zu einem falsch-negativen Resultat führen.

    Besagte Experimente bleiben also weiterhin spannend und die Frage nach Leben auf unserem Nachbarplaneten bleibt vorerst offen.

    Vergangene Spuren von Wasser?

    Doch widmen wir uns nun der Vergangenheit. Denn es gibt verschiedenste Hinweise, dass es am Mars tatsächlich Wasser auf der Oberfläche gegeben haben könnte. So fanden Forscher Ablagerungen in verschiedenen Kratern, die auf einstiges Oberflächen- und planetenweites Grundwasservorkommen hindeuten. Einige Rover entdeckten mögliche Spuren von Sedimentierung und Aufnahmen unterschiedlicher Orbiter erbrachten Zeugnisse längst ausgetrockneter Flussläufe. Schließlich deuten Strukturen im Jezero-Krater auf eine einstige Küstenlinie hin, ein Grund warum Nasas Perseverence-Rover gerade dort zur erfolgreichen Landung ansetzte - und das wohl nicht zu Unrecht. So fand man dort tatsächlich Hinweise einer früheren Seenlandschaft.

    Viele dieser Anzeichen eines vormals wasserreichen und habitablen Mars werden jedoch heftig diskutiert und stammen aus einer fernen Vergangenheit. Sie reichen rund 3,5 bis 4 Milliarden Jahre zurück in die Zeitperiode des sogenannten Noachian. Das darauffolgende Hesperian zeugt von einer Übergangsphase, in der Spuren von Wasser und Vulkanismus seltener werden. Schließlich weist das bis heute andauernde Amazonian kaum noch Spuren fluvialer oder geologischer Aktivität mehr auf. Was sich vor dem Noachian so alles abspielte, bleibt wiederum fast zur Gänze im Verborgenen. So sind aus den ersten 500 Millionen Jahren praktisch keinerlei Oberflächenstrukturen vorhanden. Man ist hier zumeist auf theoretische Überlegungen angewiesen.

    Kraterzählen und Atmosphärendruck

    Um nun aber tatsächlich Wasser an der Oberfläche des Mars zu erlauben, müssen drei Punkte gegeben sein: Es benötigt einen höheren Atmosphärendruck, Temperaturen über dem Gefrierpunkt und natürlich das Wasser selbst. Widmen wir uns zuerst der Atmosphäre.

    Zwei verschiedene wissenschaftliche Ansätze kamen bei der Erhebung des Luftdrucks im Noachian zu vergleichbaren Ergebnissen. Eine Forschungsgruppe zählte und vermaß die Verteilung der Einschlagskrater an der Oberfläche des Mars. Denn die Distri